Teststrick im Mai: Operation "Living Stones"

Ich weiß, ich weiß.....wir haben schon Juni, aber nur knapp. Aber es ist trotzdem der Teststrick von Mai, man möge mir die Verspätung verzeihen, but I´m a hard working woman:-))) Jetzt aber hurtig, ich weiß, dass viele schon gespannt warten, was es denn Neues von der Wollweltschen Schönheitsfarm zu berichten gibt.
Und heute geht es um dieses Garn
BUTTERFLY
100% Seide50 Gramm/150 Meter
Preis: 5,39 Euro
Um es einmal vorweg zu nehmen: alles, was ihr denkt über Seidengarn zu wissen, könnt ihr heute mal getrost vergessen, denn dieses hier ist anders....ganz anders. Und ehrlich gesagt hat der Maitest das interne Motto: " Und 1. kommt es anders als man 2. denkt" oder " Auch Stinker brauchen eine Chance"!
Für mich war Seide bisher immer glatt, ganz glatt. Und sie war kühl, ganz kühl. Und selbstverständlich hoch glänzend. Die Seide der Firma Rosario4 ist nichts davon.
Da kommt also wieder die altbekannte Kartonage und ich staune nicht schlecht beim Öffnen. Ich wußte ja, dass Seide kommt, aber dieses Garn war jetzt eine echte Überraschung. 10 Knäuel reine Seide in einem "lichtgrau" Nr. 75, und nur die Infos auf der Banderole ließen mich glauben, dass dort auch Seide vor meiner Nase liegt.

Eine Seide, die nicht glatt ist, nicht glänzend und auch  nicht kühl..... anders eben, ganz anders. 
Also gut, dann recherchieren wir doch erstmal was zum Thema. Butterfly - Schmetterling.
Eigentlich wissen wir es ja alle, der Seidenspinner, ein eher unscheinbarer Typ Flattermannfrau, ist für dieses Testgarn zuständig. Eine Seidenspinnermädchen und ein Seidenspinnerbursche amüsieren sich 6-8 Stunden königlich miteinander. Danach legt unser Seidenspinnermädel ca. 400 Eier und macht sich auf in den Seidenspinnerhimmel. Die aus den Eiern schlüpfenden Seidenspinnerkinderchen wachsen schnell, brauchen ständig neue Klamotten und nach 1 Monat sind sie das Hin und Her satt und spinnen sich ein....mit einem ca. 1000 Meter langen Endlosfaden, sie schaffen das sogar bis 4000 Meter....in der olympiaverdächtigen Zeit von 15 Metern pro Minute. Das heißt, der Kokon ist in etwas über 1 Stunde fix und fertig. Jetzt haben sie endlich ein wunderbares Eigenheim, aber nö, nach 8 Tagen will Kleinraupe lieber ein Püppchen sein und nach weiteren 8 Tagen dann doch lieber ein Schmetterling....pubertär eben. Und dann geht das ganze Gedöns wieder von vorne los........im besten Fall!!! Und alles funktioniert nur in der Symbiose mit Maulbeerbäumen, denn deren Blätter sind das Einzige, das Frau Seidenspinners Kinderschar zwischen die kleinen Reißzähne kommt. 500 Gramm Seidenspinnerraupen verputzen doch sage und schreibe 12.000 Kilo Maulbeerblätter...da ist nix mit Juniortüte von Mc Donalds....die haben richtig Kohldampf!

Foto geliehen bei www.chemie-schule.de

Im für die Raupen eher schlechtesten Fall kommt der Mensch und will diesen "EinKilometerfaden"auch haben. Am 10. Tag wird die Puppe durch heißen Dampf oder heißes Wasser getötet und der Kokon vorsichtig abgewickelt. Das hört sich ziemlich brutal an, wird aber schon seit Tausenden von Jahren so gehändelt. Die Tussahseide aber macht da einen Unterschied, denn zu ihrer Herstellung nimmt man die Kokons bereits geschlüpfter Larven. Da sie darum ein Loch haben und der Faden zerrissen ist, bekommt sie beim der Verarbeitung diese typischen Wildseidenknübbelchen, denn dort sind immer zwei Fadenenden miteinander verbunden. Die Chinesen waren vor über 5000 Jahren die ersten, die sich diesen Eigenheimtrockenbau der Seidenspinnerraupe zunutze machten und seither finden sich Kleidung aus Seide in fast jedem Kleiderschrank und fast jeder Dessousschublade. Allerdings beträgt der Anteil an Seide in der gesamten Faserproduktion weltweit noch immer unter  1 %, sie ist also auch noch im 21. Jahrhundert etwas Besonderes. 


Ich habe einen tollen Film zu diesem Thema von GALILEO gefunden, wer mag...hier ist er.
Und jetzt kommen wir zum ausführlichen Test, auf gehts!

Fangen wir wie immer mit dem Geruch an. Seit ich Pascuali-Garne teste, konnte ich noch nie etwas  Negatives berichten. Da haben wir aber in diesem Test eine kleine Premiere. Als ich nämlich meine 10 Knäuel aus der Plastikverpackung befreit habe, bin ich fast nach hinten umgeschlagen und hatte einen Kindheitsflash: Meine Mutter steht mit einem Eßlöffel voll Paste in der einen Hand und einer weißen Tube in der anderen  vor mir, dem kleinen dünnen nicht essen mögenden blonden zarten Kind und will, dass ich das stinkende Zeug runterschlucke: Lebertran, bääääääääh!!! Ok, ok....das mit dem NIchtessen und zart hat sich ausgewachsen..hust...aber diesen Geruch erkenn ich doch sofort. 10 geschlagene Tage und Nächte mussten die Knäuel bei zugegeben lauen Nächten und sonnigen Tagen draussen verbringen, bis ich das 1. zur Maschenprobe angestrickt habe. Katerchen hat gestreikt, steht wohl auch nicht auf Walfett. Jetzt ist es viel besser und ich hoffe sehr für mein Garn, dass sich der Rest nach dem Bad auch erledigt hat. Seide hat ja meistens einen Geruch, den man mag oder auch nicht, aber Lebertran musste doch jetzt wirklich nicht sein. Dafür passt die Maschenprobe der Banderole perfekt: 22 M ergeben 10 cm mit NS 4. Auf dem Anfixkärtchen ist wieder ein Zahlendreher, auf der Banderole steht es richtig.

Wenn ich mir ein Knäuel anschaue, denke ich sofort an Frottée, wenn ich es anfasse an Leinen. Der Garnfaden besteht aus 4 Einzelfäden , die eher stumpf und matt als seidig sind. Ich habe dafür keinerlei Erklärung. Auf jedem der 4 Fäden sind kleine Flusen, die aber wenig fusseln. 

Es lässt sich wunderbar verstricken, hat ein robustes Strickbild und fühlt sich auch gut an, aber eben nicht seidig. Es könnte gut als Leinen-Baumwollmischung durchgehen, ist ein schönes Sommergarn, ich mach mal einen Pulli draus und dann schaun wir weiter.

Entschieden hab ich mich wieder für einen Raglan von oben mit ein wenig Lace, und bei der enormen Lauflänge von 150 Metern pro Knäueln hab ich bei Größe XL mit  zweien schon die Arme auf Extraseilen und bin beim Korpus. 

Das Enspannungsbad hat der Seide gut getan, in die Waschmaschine darf sie nicht. Beim Wringen  hab ich mich schon mächtig angestrengt, aber das Gestrick saugt Wasser wie ein Blauwal und so hab ich nach 12 Stunden Flachtrocknung auf Handtuch mit keinerlei Resultat dann einfach das gute Stück im Pflegeleichtprogramm des Trockners gut angetrocknet und den Rest durfte die heutige Sommersonne für mich erledigen. Hat alles gut geklappt, nix ist passiert und nun hab ich einen neuen wunderschönen 350 Gramm leichten und schmuseweichen Seidensommerpulli, der nicht glänzt, nicht glatt ist und nicht kühl ist ....aber trotzdem sehr angenehm und gut gelungen.

Ja, ihr seht richtig, er hat eine kleine Lacebordüre am Ausschnitt und am unteren Abschluß ebenfalls. Ganz dezent, sieht zauberhaft aus.

Diese Anleitung ist klasse,  die A-Form perfekt für mich und meinen Allerwertesten, die Farbe schön sommerlich.....ich bin sehr zufrieden.

Der Ausschnitt ist " lecker"...., hat sich aber nach dem Trocknen etwas vergrößert und ich habe ihn im wahrsten Sinne des Wortes entschärft, in dem ich ein dünnes Gummi eingezogen habe. Massenkarambolagen müssen ja nicht unbedingt sein. Ups, ich seh gerade, etwas angekokelt, das alte Mädchen. Wir waren heut auf Rheintour.

Und auch von hinten gibbet nix zu meckern und dieser leicht eingekräuselte hintere Halsabschluß ist der Hit. Arm - und Gesamtlänge hab ich verlängert, aber sonst hab ich genau nach Anleitung gestrickt.

Und hier sind wir nun, Frau Wollwelt und ihr "Living Stones"

Infos zu Anleitung und Garn findet ihr hier.
Resüme des 4. Teststricks:
Die Butterfly ist ein optimales Sommergarn, das seine wahre Schönheit erst nach dem Waschen voll entfaltet.Empfindliche Nasen müssen etwas Geduld mit ihm haben......aber es lohnt sich.
Ein schönes sonniges Restwochenende wünscht euch 

Eure Andrea



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