TERPLAN UND DIE KUNST DER RÜCKKEHR I.Teil


DieterSchlesak  
   TERPLAN       Und die Kunst der Rückkehr
  

Erstaunlich ist, daß heute einiges bisher nur Gedachteoder in der Litera­tur, vor allem in der Science-fiction, Vorweggenommene aufsUn­heimli­che und Paradoxeste real zu werden scheint; daß auch die jahrtau­sendealteTradition wieder einströmt,  wie im Traumstößt bei dieser Öff­nung dem Subjekt das Gewesene zu, es wird wie frische Er­lebnisseauf­genommen, und so Verdrängung schmerzlich aufgehoben, es entsteht nämlich"das umgekehrte Verhältnis zwischen realem Erlebnis und Erin­nerung"(Freud)
Zu den  Anfängen  zurückzukehren,  bedeutet Heiterkeit. Heiterkeit bedeutet zureigenen Bestimmung zurückzukehren.  TaoTe King
Hätte Ihr Buch nicht auch Die Macht der Gefühle heißenkönnen?Nein. Denn sie schwanken ja ständig zwischen Macht undOhnmacht.Nichts, was wir bisher produziert haben, ist gegenAuschwitz einehinreichende Waffe. Also müssen wir auf die Unruhe vertrauen. Suchen, immer wieder suchen.   Alexander Kluge

Auchheute sehe ich Jann nackt vor mir: Sie steigt in die Wanne, ins Weiche, insSchaumbad. Und dann tauche auch ich für Minuten ein.Esklopft, und ich schrecke hoch. Es ist nicht ganz unerwartet meine Mutter. Siesteht vor der Tür. Ich höre sie: Ist das Bad frei? Siefagt es so wie früher, als ich mich noch darüber ärgern konnte. Ruft es mit demgewohnten scharfen Ton und dem siebenbürgischen Singsang in der Stimme: Michael,bist du es? Ich bin daaa. Istdoch komisch, genau wie im Traum, der holt uns also jetzt alle ein. Und immerweiter gehen die Worte vor der Tür: Hosttea gad geschloofen? Gaden Morjen, gaden Morjen. Wie wunderwunderschön dieseMorgenfrische.Siewirkt so unbekümmert. Sie lebt weiter, und es ist wie immer. Auch bei Jannfällt mir diese Unbekümmertheit auf, und die ist sehr tröstlich, tröstlich istdieses Selbstverständliche, Gottseidank bin ich nicht nur mir selbstausgeliefert; als könnte man gemeinsam einen Tag neu erschaffen. So geht’s dannweiter, auch wenn ich manchmal glaube, es kann nun wirklich nicht mehrweitergehn! Wäre ich allein, würde alles immer mehr hinein wachsen in dieErinnerungen, die mich ausfüllen, so daß die Außenwelt immer kleiner wird, ganzvon mir abfällt, könnte dann gar nicht mehr unterscheiden, was nur geträumt undwas Wachsein ist, und dann würden sie mich wohl einmal einliefern: WeißeKittel, ein Wagen, alles sehr sauber und alles verschwindet in einer weißenLandschaft in eisigem Seelenschnee.Jetztsteht sie nicht mehr vor der Tür, horcht sie? Unsinn. Mit sechzig fürchtet mandie Mutter nicht mehr, Abnabelung längst gelungen, nun wir sie das Kind, unddoch auch wieder nicht, wenn sie mit besorgtem Blick sagt: Du sollst dich nichtmehr mit "diesen Sachen" beschäftigen, es schadet dir! Als wäre fürdie nur der Augenblick wirklich, nein, auch der ist eine aufblitzende Sekundewie immer aus der Vorkriegszeit, als wäre gar nichts geschehen. Als ginge allesewig so weiter, jaja, "Ewiges" und "Hehres", das irgendwoam Himmel hing wie eine stahlblanke Wolke, unten aber der Dreck des"rauhen Alltags". Warum kommt sie mir, genau wie auch Janns Elternoder wie mein alter Freund Adam, warum kommen sie mir so naiv und zugleichbeneidenswert lebenstüchtig vor? Ungebrochen; als wäre es nicht untergegangen,dieses Leben?Diesist die Frage, so steht wenigstens nichts mehr fest und bewegt sich auch nichtmehr, und es ist ein fahler Schein, fad und oft sehr abgestanden, daß manschreien könnte vor ohnmächtigem Warten, es zuckt in den Händen, Lähmung undnervöses Dasitzen, gefesselt an ich weiß nicht was und ich weiß nicht wie.Sicher kein idealer Zustand, so haben sie natürlich immer noch recht, kein Beispielfällt mir ein, was es dagegen zu setzen gäbe, weil es keines mehr geben kann!Wie wunderwunderschön, ja. Und dabei redet die Mutter pausenlos weiter, sitztim Garten, liest, und auf seinen erstaunten Blick, den sie nicht zu deutenweiß, antwortet  sie entgegenkommend:Weißt du, ich bin doch aus einer andern zeit! Bin aus einer andern Zeit, sagtsie eifrig mit dem gewohnten Aufwand an Ton und Geste.
        4Somuß sich einer anhand dieser unvorstellbar anderen Zeit Terplans Irritationenvorstellen. Ihm schien es nämlich, daß seit seine Mutter hier war, erst eineWoche, es nun im Garten, in der Küche dieses Hauses, sogar im Schlafzimmer,eine ganz merkwürdige Vermischung von Zuständen gäbe, fast so, als gingen nun unsichtbareGeister hier um.Eröffnete die Badezimmertür, steckte vorsichtig den bärtigen Kopf heraus, wie eres in Anwesenheit von Gästen meist tat, und verschwand dann fast geräuschlos inseinem Arbeitszimmer: Schnell, um sich dort nochmals der Gegenwart zuversichern. Die grüne Milde der Umgebung sah durchs Fenster herein; still wars,auch auf dem umgepflügten Feld des Nachbarn; in der Ferne das Meer – blinkend.Er hörte ein Summen, als hätte er Fieber, aber nur die Zeit stand still. einleiser ziehender Schmerz wurde spürbar, der ihn mit kleinen Schlägen weckte undzu schreiben zwang, denn was er sah, stimmte mit den Gefühlen nicht mehrüberein; und manchmal sehnte er sich nach dem Getöse einer Großstadt, New Yorketwa, München oder Berlin, wo seine Freunde lebten, Adam und Chris. Immerwieder hatte er versucht, in Berlin zu leben, aber immer wieder war erweggezogen und hatte sich dann im toskanischen Bergnest Aliano in die rasendeRuhe, in dieses Zentrum, wo trotz allem noch etwas voranzukommen schien,vergraben, war hinein getaucht, hatte sich damit vermischt, sein Leben völligin diesen tödlichen Wirbel einsaugen lassen, der ihn langsam verschlang undaufbrauchte, als müßte er sich zu Tode schreiben, um endlich auch bei jenen zusein, die er seine Personen nannte, um so stellvertretend die Schuldabzutragen, die an einem anderen Ort nicht abzutragen war, dort, wo die Tatnicht geschehen war, diese aber ermöglicht hatte – in den schreienden, in dengebrüllten Befehlen. Dort, wo sie jetzt alle waren: Millionen Opfer und Millionenvon Tätern - in einer unvorstellbaren Ferne des Todes. So schlug er also mitdiesen Hämmerchen seine Zeichen auf das noch unbeschriebene Weiß eines Blattes,das er hoffte, einmal wenden zu können.Erschlug fast verzweifelt die Hämmerchen auf ein noch unbetretenes, weißesunwegsames Gebiet, Zeichen und zahlen, als säße er vor einem klingendenInstrument mit 24 geheimen Zeichen,  alswäre es jener verborgene Rest, den der Herrgott nach seinem Verschwinden nochzurückgelassen hatte, und als müsse man eine besondere Tonfolge wie einenverlorengegangenen Schlüssel, dazu eine geheime Lautkombination wiederfinden.Michaelschrieb zuerst den Traum dieser Nacht auf. Und brachte dann den gestrigen Tagin diese vorgestellte innere Ordnung: sah diesen plötzlich so hell bewußt undganz neu vor sich auftauchen:
      5"Esgibt nichts Gutes, außer man tut es! – Mutter hatte wie jeden Morgen seit acht Tagenvor der Tür gestanden, geklopft, sie wollte uns, Jann und mich, davonüberzeugen, daß wir uns 'lüften'  müßten;Jann hatte sie schneller überzeugen können. Jann stand in ihrerSchreibzimmertür; beide öffneten wir unsere Türen also an diesem Morgen, ichmerkte wie ich unter der energischen Obhut dieser trostreichen Einfachheitmeiner Mutter aufatmete, als könnte nun alles wieder neu beginnen. –Wie wärsmit einer Bergwanderung, sagte sie.-Carrara, Michel Angelo... Jann sah mich fragend an, hochaufgerichtet,erwartungsvoll stand sie da, und neben ihr klein und gebückt, aber unruhig undagil meine Mutter. Komisch, daß die beiden da zusammenstehn. – Nein, umGotteswillen, nein, wehrte ich ab. – Warum nicht?-Da wirst du nur depressiv! Kein Grün, nichts, nur weißer Stein.  Schöner wär es doch, nach Torcigliano zugehen – durch den Wald, wundervoll der Geruch der süßlichen Lianenblüten,lockte ich! Und auch die Blumen, da gibts wildwachsende Myrten, herrlicheSträuße könnten wir pflücken. – Und nah am Blick entlang, blau wie der Äther,eine Glockenblume, kommentierte Jann ironisch.Mutterprompt: Vielleicht ist dies der große Gott, vor dem ich mich verneige. Joi, wiewunderbar, und stürmte gleich trotz ihrer achtzig mit Floh, dem kleinen Hund,los, als wären wir die Alten. Sie lebt allein. Vater ist nun schon seitfünfzehn Jahren tot. Sie hat es gut verkraftet. Fast ist es so, als wäre siejetzt freier, ungehemmter; er hatte sie ein wenig unter Kuratel gehabt. Siespielte immer das junge Mädchen, war es (unangetastet von den Ereignissen) vielleichtauch geblieben. Aber wer von ihnen wurde schon wirklich 'angetastet'?Mutterfühlt den Schmerz des Vergehens, aber sie glaubt nicht an die Abwesenheit. –Sieh, Blüten, kein Blatt gleicht dem andern, und sie sind so winzig. Undwitzige Kronenköpfchen. Zählt die Gänseblümchen ab wie früher als Backfisch...er liebt mich, er liebt mich nicht, liebt mich, nicht... liebt mich. Lacht,wird dann verlegen, als erwache sie. Na sowas. Und dann stehn wir an der altenKapelle. – schau, die alte Kapelle! Innen rosa und golden, abgeblätterteFarben, Wind und regen als Zeitbleichen, was war. Mutter steckt den Kopfneugierig hinein ins Kühle. Empfinden an Haut und Haar, als zähle sieVerbotenes ab. Besonders gläubig war sie nie, im Gegenteil. Sie streicht sanftüber das grob-bäuerlich geschnittene Madonnenbild. Und wars nicht so (dusprichst mir aus der Seele): Da wandern sie durch Pinienduft/ natürlicheMarienlieder/ Maria vorstellbar/ und grün/ in einem spitzen Grashalm/ Aufwärts/Wachsend.Vielleicht/ist er ja gar nicht/ Tot. Dort oben lebt Er/ Unberührt...Ihretänzelnden Schritte, ihre kurzen weißen Hosen, der Oberkörper gebückt, derKopf, das Gesicht durchfurcht, lang die fast muskulösen Beine, blaugeädert undgezeichnet, die Füße in groben Schuhen bewegen sich wie selbsttätig fort aufdem Wiesenweg; Und wie würde sie böse werden, wenn ich von Zwerg Nase spräche,es mir hier einfiele, als läse sie es mir am Krankenbett wie früher vor. Frühersiebenbürgische Hausmannskost, Eintopf. Kleinbürgergerüche auch imBücherschrank. Du bleibst! Ekel schon damals vor dem Alltag und dem Geklirr desBestecks, der Teller. Abwaschen. wie alles wirklich verkommen ist, das spürstdu im Alter; wenn wir die Todesgefühle wie eine allgemeine Krankheit auch aufden Augenblick übertragen... Daß wir immer noch da sind!? So bewegt sie sichauf dem Wiesenweg, Füße in groben Schuhen, tänzelnd, wippend, einen rosa Sternim  Mund, in der Hand, Grashalm durch denMund gezogen: Joi, wie zu Haus die Steinnelken. Und die andere Hand hält denKlee. Wo liegt hier das Glück begraben? Nimmt die zu große, zu dunkleSonnenbrille ab (die braucht sie wegen der Lichtempfindlichkeit – die Augenschmerzen und tränen).-Ein Fernglas müßte man haben, schade, daß wir kein Fernglas haben, sagt Jann.UndMutter mit ihrer Stimme – wie ein spätes Echo: Joi, kannst du dich erinnern, zuHause bogst du dir heimlich Großmutters Opernglas bei.-Und hielt es verkehrt, um zu sehn, wie winzig ihr wart.BlaueVitrine, Kredenz wie ein Gebirge aus Glas, vorsichtig hinaufsteigen, dasFutteral innen rot ausgeschlagen: ein Kern mit dem Gerätchen, roch nach Parfüm,letzte Aufführung im Stadthaussaal, was wars: Freischütz oder Götterdämmerung?Großvater auf der Veranda, zeitungslesend, vor seinen Nachrichten versunken, somerkte er nichts, und ich sah mit dem Opernglas hinauf in das blaurote Licht,oben, wo die Morgensonne blendete: Im Glas dort die Laterna magica, die eineGeschichte abzog von Dr. Faust und seinem Pferdefuß, Blut floß aufs Papier, einPakt; und wenn ich die Lider zusammen presste, schwammen in den Tränenwasserhelle Geißeltierchen und Amöben. Mit dem Gucker ins Blaurote sehn!Meinte, so besser sehn zu können, was Oma, Mama und Tante Friederike am Frühstückstisch erzählten. Wenn ich das Glas umkehre,die Vergrößerungsseite auf sie richte: So erzählte ein großer roter Herzmundaus dem Gräfinnengesicht Tante Friederikes im siebenbürgisch-sächsischenDialekt: Und der Fährer kam mät Goebbels uch dem däcken Göring äm ofnen Wogenze as. Und der Führer kam mit Goebbels und dem dicken Göring im offnen Wagen zuuns. Und ich machte ihm einen Frühstückskaffee mit Semmeln. Und Mama tanztebegeistert auf dem Parkett dazu Czardas, lachte in den höchsten Tönen. Aberweißt du, was die dicke Frau Sturm geträumt hat, na, das war was, die hat demGöttlichen von oben mit dem süßn Bärtchen evangelischen Hendl und Kraut offeriert.Doch der Adjutant war beleidigt, es müsse schon was Edleres sein, ein Hase,Wildbret, Rehbraten zumindest. Auch die Knödel schlug er aus. – am schönstenaber hatte die Oma geträumt: Nämlich, daß er sie auf der Stelle küsste,wegholte und heiratete. Im Schilderhäuschen salutierten alle Wachen mit weißenHandschuhen. Die Mannsleut sangen.Obenaber, in der Mansarde, gab es die eingebauten Schränke. Und dort suchst du nachdem Geflüster. Und aus dem Zimmerchen hör ich die Oma, die Mitzmother, zumeinem Vater sagen, sie schluchzt dazu, und die Tränen fließen ihr über dieWangen: Kuurt, sie wördn das Künd noch umbrüngen, das Küüünd, schreit sie.Vielleichtstimmts, und ich bin noch gar nicht da? Erwache wieder, wer erwacht? Sehe. Wersieht? Wer bin ich? Ich sah Mutter vor mir, sie stapfte da in ihren weißenHosen, Jann neben ihr. Worüber reden sie? Ich ging ihnen schnell nach, Mutterwandte sich um: Ah, da bist du ja wieder.Undich sagte ganz unvermittelt: Redet ihr immer noch über das vergesseneNachtglas? Aber was solls, was willst du denn heute damit, es vergrößert dochnur unsere Phantasmen; Gegenwart, wann war das? Na schau, sagte Muttererstaunt. Es wird jetzt alles unsichtbar, erklärte ich: Alles bildet sichzurück, wird kleiner und kleiner, auch wir, bis wir wieder ein winzigerTraumpunkt geworden sind! Ist die Welt nicht aus einem mikroskopischen, sehrdichten und unausgedehnten Kern gewachsen und explodiert, wie aus einerunendlich konzentrierten Träne?! – heißts, der Urknall also. – Einer hat dasalso getan? - Keiner, sagte Jann ganz ruhig: Das ists ja. Aber geh, ist nichtwahr, stellt Mutter verwirrt fest – und schaut uns beide an, als erlaubten wiruns mit ihr einen Scherz. Freilich, Jann glaubt sie aufs Wort, was ihreVerwirrung nur noch steigern muß: - Schau, das Meer, die große Träne – schade,kein Fernglas! Danngingen wir bis zum leeren Platz, der sich vor uns auftat, ein Ort, wo niemandmehr wohnt; nur noch die Kirche steht verlassen da. Viele Blumen auf demVorplatz, und der Frühlingssturm heulte von den Höhen, ich meinte das Geknatterder Gewehre zu hören und das Schreien der Frauen, das Weinen der Kinder. Jannerzählte, was hier im Krieg geschehen war. Und Mutter ging nachdenklich undschweigend über diesen leeren Platz; ich dachte, es gibt in Europa kein Land,wo sie nicht anzutreffen sind diese Schnadmale deutschen Wahnsinns. Mutter abersagte vorwurfsvlle: Weshalb hab ihr mich an diesen Ort gebracht... gräßlich...!Das können deutschen Menschen nicht getan haben!    Es war ein schöner Tag, das Meer blinkte wieein Farbklavier in der Ferne, der Horizont war nicht schwebend , sondern scharfbegrenzt, man sah die Insel des toskanischen Archipelags, immer grüne Pflanzenrochen besonders stark nach dem Gewitter der letzten Nacht.Inzwischenwaren wir in der kleinen Bar von Santa Anna angekommen; wir saßen auf einerTerrasse, Weinlaub, grün, über und neben uns der Sonntag. Mama leckte genüßlichrundum ein eigelbes Vanilleeis, als ginge sie all dieses nichts an; ganzversunken und fast gierig: Als gelte es, sich noch zu beeilen oder etwasschnell zu vergessen.. Jann und ich aßen etwas Brot und tranken Rotwein. Ichsagte: - Roter Kaffee, nicht kalter. und Mama probierte den 'Kaffee', nippteund lachte verschmitzt: Ist ja Wein! Scherze – um zu vergessen? Dazu gehört einLachen, als lebe man dabei schneller. Und Wortverbindungen fielen ihr ein: Weinund Brot gegen den Tod.JedenTag war sie da, diese Angst, auch Mutter könnte sterben, auch sie einfach nichtmehr da sein, der letzte Mensch und Zeuge der Vergangenheit: Dieser Ort, wieweit hat er sich doch schon entfernt, wird einmal ausgelöscht sein undverblasst schon mit ihr, tönt, schluchzt und schlägt zu, da ich jetzt nur nochaus dem Vergleich lebe, einiges beim Namen nennen kann: Was wir so in derGegenwart sehn, erscheint oft unter jenem innern Namen. Mutter sagt zumBeispiel: Joi, sieh den Schatten, den Wald, grüner Wald wie zu Hause, eineWand, grüne Wand, lauschig, Taumel meine ich, als hätte ich Schwammerlgegessen, als hätt ich einen Schwips oder wer weiß was, Der Mai ist gekommen,die Bäume schlagen aus. Oder Pilze, Parasole, die wir hier unter den Kastanienam Brunnen sahen: Sieh ein Parasol, Pilz, weißt du noch, Tante Cäcilie hattefast damenschirmgroße Parasole unter den Tannen, Staubwolken riech ich, ihrrotes Mauthäuschen gleich an der Straße, und über die Felder liefen wir an denFluß, an die Kokel baden, Krümmung, Wasser, einer ertrank, das passierte, inden Letten wurde er wieder gefunden. Andreas, du weißt, Andreas mein Cousin,wir liebten uns sehr, die ganze Kindheit, die war gemeinsam, der fand denErtrunkenen, Andreas, sonst ein Familienathlet, schöner Bub, schöner Mann, warwie ein Siegfried, blond, wasserblauäugig, aß fünfzig Zwetschgenknödel, riefmenj Boch jubiliert, und mit ihm holten wir riesige Parasole, unter den Tannenstanden die Geheimnisse wie Wichtelmännchen mit riesigen Hüten, wie Chinesenoder so. Schööön.Duweißt, wo Andreas während des Krieges gewesen war, sagte ich.Bitte,mach ihn nicht schlecht, sagte sie und redete unbekümmert weiter: Parasolehatte Andreas in den Fäusten: Unter den Tannen... und Pfifferlinge kamen in dieTokana und Täublinge mit Speck gebraten, wir aßen, Vater aß keine, fürchtetePilzvergiftungen, ganze Familien starben bei uns an der Verwechslung: Sie aßenarglos Knollenblätterpilze.Ja,was ist der Tod  - eine Verwechslung?Währendsie eifrig gestikulierend erzählte - sie kann das – leckte sie begierig anihrem Eis, das süß-klebrig auf ihre tadellose weiße Hose tropfte. Joi, da habeich mich bekleckert; und wischte und wischte, zu Hause muß ich mir die Händewaschen, unbedingt. Du kannst es auch hier in der Wirtschaft, sagte ich: Dortdie Tür zur Toilette. Komisch, Mutter konnte diese Tür nicht öffnen, war fastschüchtern in der fremden Umgebung auf der italienischen Sonntags-Terrasse mitden Karten spielenden und trinkenden Männern, sie brachte die Tür nicht auf,sie sei verschlossen. Gehen wir, es ist zu laut hier, lieber in die Natur, indie Stille! Sonst ist sie doch laut, und hier nun hilflos wie ein Kind, dieseEisentür, grün gestrichen, der Beton dieser Terrasse rissig, darauf stand sienun... Wie aber, wenn ich diesen Beton sehe, es gibt Worte, Beton – da denkeich an ein kleines Beton-Regenwasserbassin im siebenbürgischen Garten, unterdem Klofenster, Worte, die Mutter, sie sagt es, nicht mag – Beton-Kammer, imBeton mauerte die Mafia ihre Opfer ein... Beton. Grüngestrichene Tür ausEisen... Zellen, Baderäume, Andreas weiß es besser... Wenn ich in seinen Kopfhinein sehen könnte, fragen: Andreas, woran denkst du bei rissigem Beton oderEisentüren, oder wenn aus dem grünen Kachelofen etwas Gas ausströmt. Als beiuns in Schäßburg einmal Wehrmachts-Pferdebaracken brannten, roch es nachverbranntem Fleisch, nach verbrannter Haut und angesengtem Haar, neben derLederfabrik wars, lichterloh brannte es, ja, da lagen Schwaden süßlichen Gestanksüber der Stadt; sonst rochs nach Lohe am Kokelufer, zuweilen nach Kadaver,abgezogenen Fellen, Haut, ja auch Haarberge gabs, Gerbsäure in Bottichen.einmal fiel ein Kind in den Bottich mit weißlich schäumender Gerbsäure, sagteMutter, wie schrecklich; man brachte das Kind ins Spital, die Säure hatte denganzen Körper zerfressen, Haut und Fleisch fielen Stück für Stück ab, beilebendigem Leib fielen sie ab; das Kind starb nach wenigen Tagen. Der guteHans-Onkel, der Bruder meiner Mutter und Tante Cäcilies Bruder, sagte sie, derHans-Onkel, der mit den guten Händen, er war Arzt, du weißt, ging täglich insSpital, aber er konnte auch nicht mehr helfen, - er ist natürlich tot, der alteArzt. - Er war nicht alt. - Aber er ist tot. Und Andreas auch. – Natürlich. –Woran, wenn er dies jetzt hören würde, dein Cousin, der Blonde, der Offizierbei den Wachmannschaften war, du weißt? Woran würde er denken? – Nervös soll ergewesen sein, konnte auch das Wort Beton nicht mehr hören und sehen, hatte einePhobie gegen jede Art von Rauch.
Amnächsten Morgen sagte Mutter, sie sei in einem Traum an jenem leeren Platz mitder Kirche gewesen, sie habe die Menschenmenge auf der Dorfstraße gesehen, dochdie Freude sei mit einer großen Angst vermischt gewesen. Dann aber habe sich gezeigt,daß diese Angst gar nicht so unberechtigt gewesen sei, denn die Leute hättenalle gehetzte Gesichter gehabt, sie wurden nämlich von Russen mit Hieben zusammengetrieben.AberMama, es waren doch SS-Leute in Santa Anna! Sagte ich.Sieaber völlig unbeirrt: Nein, russische Gewehrkolben  schlugen zu, und Fäuste von oben... vor allemGreise, Frauen und Kinder wurden so mmißhandelt von den Russen. Es war ein Gewühl– und das Portal der Kirche stand weit offen, und mit Kolbenhieben wurden dieSachsen da reingetrieben, in der Kirche zusammengepfercht, denn es waren javiele, sehr vieel! Immer mehr und mehr Sachsen strömten mit entsetztenGesichtern ins Innere der Kirche, der Platz vor der Kirche aber war übersät mitStöhnenden, Verwundeten, am Boden Liegenden, Schreienden und Toten, nur manchmalnoch einzelne Schüsse, wenn ein  Russeden einen oder anderen Verwundeten erschoß. Im linken Kirchenschiff, wo einPlatz auf einer Empore oder Tribüne, die schnell in einen Altar verwandeltworden war, bauten einige Russen hastig ein Rednerpult auf, und über denBeichtstühlen wurden Galgen errichtet, darunter aber standen nun die Gefangenenund sahen zu. Einige von ihnen kannte ich gut, sagte sie, und man hatte mirgesagt, die Hinrichtung solle gegen Abend stattfinden, es war aber erst zehnUhr vormittags. Es hieß, nur wenige Auserwählte sollten gehängt werden, amAbend würde man die Kirche mit den vielen Mensch4en in den Kirchenschiffenanzünden. Gräßlich!
      6Kindheit,am Fuß des Himmels, blau, ein Leben lang: das Guckloch hinüber und nah. Berühren.Barfußliefen wir über die nackte feuchte Erde, fühlten Zementboden im Keller,Sonnenstrahlen fielen durchs Laub, zeichneten Muster auf alles Wegen; alles wiefrisch gewaschen. Wir liefen durch Pfützen, Lehm, Gras zwischen den Zehen...Differenz, termini, Wörter, erst jetzt wie ein Kloß im Hals, etwas geduckt diePhantasie, die Türen geschlossen; oft zementboden.Damalsdie Holzwege noch voller duftender Blätter, die Sonnenkringel, Kreise an derwarmen Hausmauer: Muster auf dem Sandboden, unsere nackten Füße tasteten sieab; und jetzt kehren sie wieder im Traum: ein Widerschein von Licht, hallend,dichtes Leben, eine Wiederkehr, ein Kreis...AmGrabenrand hinter der Sommerküche, auf der Zisterne, unter den Rusterbäumen dieSonnenkringel, Schattenflecken, Muster werfend: Da wars schön kühl. BeiFamilienfesten eine Durchreiche aus der Küche fürs herrliche Weinsteinkraut;der Graben: Holz- und Hohlweg rätselhaft, Mäuse in der Sommerküche, Angst derFrauen, sie könnten in die Scheide... in Kaminen über der Sommerküche der Uhu,zog die Lider den ganzen Tag verschleiernd übers Auge, und wenn der seinen Flugnachts zur Mäusejagd begann, als wollte er jene Angst auslöschen, träumten wirbereits. Zehnuhrkinderflüge – kein Problem, alle konnten wir fliegen,Schwerkraft aufheben, in uns noch keine bleierne Melancholie und Müdigkeit,Schwere, die zu Boden schlägt. Auf der Holzbrücke über den Graben nochtrappelnd Roß und Reiter spielen, Blinde Kuh, Verstecken mit Onkel Andreas undOnkel A. und dann wieder auftauchen, kein Problem.
Ein Hahn hatteschon ganz früh morgens um fünf gekräht, und etwas später kam die Sonne, es kamder erste Sonnenstreif, und der fiel in Terplans Zimmer auf eine weiße Seite-es schien Terplan, als bringe der Sonnenstrahl eine Ahnung aus einer ungeheurenFerne, wie die Vögel, aus denen es heraussang, wie die Kreaturen, auch dieBlumen, die noch ganz unbewußt in der Welt ihren Schlaf und ihre ruhigen Träumeträumen, und daher glücklich sein mussen" ein Wunder also und doch ganzwirklich, dachte Terplan, während er die Treppe in den Garten hinabstieg, umsie zu begrüßen, als sähe er sie heute zum erstenmal.  In diesem Alter der Welt, müssen wir ganzlangsam und zärtlich mit Menschen und Dingen umgehen, dachte er, es istvielleicht der einzig mögliche Widerstand heute in der Zeit-, und duckte sichnicht wie sonst, zog die Schultern nicht wie sonst ein, wie früher der Halbwüchsige, als ihm seine Mutter sagte,Michael, steh gerade, du hast wieder deine schlechte Haltung-, und ihm danneinen Stock zwischen die angewinkelten Arme steckte , die wie rückgebildeteFlügelstumpfe ausssahen.  Haltung, ja,das sollte wichtiger sein als Fliegen, von dem er immer geträumt hatte, und alsKind ging er abends gerne schlafen, weil er dann meinte, fliegen zu können.Der Morgen ist so taufrisch und jung,und Terplan hatte plötzlich wie als Kind Lust zum Barfußgehen im Morgengras-,es ist alles wie eine glückliche Fügung, dachte er, kein Wunder  es schwingtalles in Duft und Klang, es riecht nach Pinien und nach frischer Frühlingsluft,nach Berg und nach KarrünrauchUnd ein Vogel, wohl eine Schwalbe, schien eine nchliche Stimme zu haben.  Man mußte alles aufnehmen, dachte er, auchdie Traum( d lan"sam, alles ganz langsam tun, mit vielen Pausen undruhigen Atemzügen.  Was sollen da nochWorte.  Und er erinnerte sich, wie er sieals Kind gar nicht gebraucht hatte, er war schwer mit ihnen zurecht gekommen,und hatte in der ersten Klasse den Lehrer immer nur angestarrt, verdämmernd,war fast eingeschlafen, saß da mit einem Ring um den Kopf, und wenn eraufgerufen wurde, hatte er nur gestottert, er hörte aber, horchte, was dieanderen sagten, und es schien ihm dann, als zerrissen sie zwischen den Zähnendie armen Dinge, Tiere und Menschen, und er beobachtete [email protected] sie sahen das Huhnnicht an, wenn sie "Huhn" sagten, stachen mit einem langen Messer inden Hals des Huhns, durchschnitten ihn, und das Huhn gackerte wild, das Blutspritzte, das Huhn lief ohne Kopf im Hof her-um, bis es ohne Kopf eingefangenwurde, Blut rann in eine Schüssel, und er war erstaunt, wie dumm die Worte seinkonnten, "Huhn", "Blut" "Laufen","Holz", das er erst vor kurzem "sagen" konnte, wie einKotzbrei hatte damals das Gebilde vor ihm gelegen, und er hatte oben auf einemwackligen Gang gesessen, von unten stank das Klo herauf, das Eisen des Gangeswar von der Sonne warm gewesen, das Holz auch, und roch so gut wie das eingelasseneHolz der Brücke über den Bach, oder die Holzscheite, und die Balken auf demDachboden, wo die Wäsche ausgespannt wurde, Taubendreck weißgrau auf demdimpigen Balken, da konnte man kaum atmen, eine Biene summte, zwei drei Bienenüber seinem Kopf summten, sie wollten zu den Blumen, zu Thymian, Lavendel,Majoran, zu den Weiden und Lindenblüten an der Straße, und sie dufteten, Duftkam die Nase hoch ins Hirn wie eine Droge, und war wirklicher, war viel näherals Worte-, und er sah plötzlich das Gesicht seiner Kinderfrau vor sich, wie essich wollüstig verzog, wenn sie an der frischen Erde roch, und er war freilichviel zu klein gewesen , um zu verstehen, was die Leute damals in Siebenbürgenbehaupteten, daß es eine zweideutige Ehe gäbe zwischen dem Blütenstaub und derFrau, Duft, Pollen und Geruch, große Nasen offene Löcher, lüsterner Mund, undein Lippenblütler unter dem siebenfältigen Rock- Geruch und Rausch der Feldblumenund dem Orgi.gmils im Heuschober oder in der Scheune, den die Magd damals vorden Augen des Kindes vollzog, das neugierig zusah, die Magd mit Ernö fickte,dem grobknochigen Knecht, ihrem Lieben Gott, der aber nun als Tier nüt vierFüßen schwer atmend auf der Frau lag, schnaubend und hechelnd im Rhythmus derihr gemäßen Natur und den hochschießenden wunderbaren Säften- Alles roch nachErde, Heu, Zwiebeln, Kaminrauch, und sauer nach Schweiß, nach festem Boden, undnach einem andauernd sicheren Glück- Das Kind hatte kaum sprechen gelernt, kaumlaufen, wie sollte es da etwas vom schnellen Zeitempfinden wissen können, hieund da ein stinkender Uraltford auf staubiger Landstraße, der wie ein Ungetümkrachend und hupend dahinkroch und 20 Kilometer in der Stunde zurücklegte, dawar noch im Geruchssinn, und am stärksten nackt in der Sonne und imFrühjahrsgras einer Blumenwiese, eine so starke Wahrnehmung des flüchtigenDaseins auch im Parfüm seiner Mutter, nur außen schlugen manchmal Uhren mitlangen Pendeln, sogar Kuckucksuhren mit einem bunten Holzvogel, der vor Schmerzzu schreien schien, daß schon wieder eine Stunde vergangen war, wenn er dort imTürchen erschien-, ein Tag war eine Ewigkeit, lang, lang, wie heute einJahr.  Und ein starkes, fast schreiendesGefühl für sich selbst dort im Geburtsloch erinnerte Terplan sogar heute noch,er erinnerte sich, und blitzartig kamen die Empfindungen, taten fast weh, under wußte, daß er durch ein haariges, stark riechendes Tier, durch einenSchlauch im Dunkeln rausgestoßen worden war mit klebrigem Blut hinaus insKalte.  Und daß er vorher in einer ganzanderen, einer großen Stadt gelebt hatte, wo man fliegen konnte, un je erGedankesofort zu einem Ding oder zu einem Menschen wurde, und daß man sich hier aufder Erde lebenslang wie nach einem verlorenen Zuhause sehnte, und nur nachtsmanchmal im Traum dort 'in jener Stadt sein durfte.  Früher, da tat er nie etwas anderes, nur das,was er sah, jetzt aber waren seine Augen müde, Einsamkeit der [email protected] jemandgesagt, und er hatte nun auch hier in diesem [email protected] Bergdorf, wohin erseiner Kindheit nachgezogen war, etwas Neues geübt, zaghaft und langsam an dieDinge heranzugehen, als wurden sie sich wieder 'ins Inkognito zurückziehenkönnen, die Bekanntheit, die ihn fluchen ließ, aufgeben, und sie.so, wie alsKind aus der Sprache fallen lassen, scheues Auftreten angesichts des unfaßbarenAbgrundes bei jedem Schritt, Respekt, anstatt des heute üblichen Zynismus.  Erleuchtung der Langsamkeit, dachte Terplan:Nie, nie schnell werden.  Anstatt nurErinnern, lieber wirkliche Pausen; Zartheit, Zärtlichkeit, schon mit den einfachstenDingen und durch sie, wenn wir es merken, scheint etwas Undenkbareshindurch.  Und er legte die Hand auf denangewärinten Stein der Treppe, auf dem er jetzt saß, und tastete dieVertiefimgen und Rillen dieser Landkarte einer steingewordenen Erinnerung vonMilliarden Jahren nach, ließ dann auch den Stein seine Finger abtasten, denwarmen Körper, die Waden.  Und die Katzeschmiegte sich mit zwei ihrer Jungen, reizenden flaumig geschmeidigen Geschöpfen,die keine Schwerkraft zu kennen schienen, an ihnan,und sprangen in kurzen hohen Sätzen dem Spiel der Sonne   und 4Schattennach.Doch er war sich seiner selbst und seiner Stimmungen undZustände nie sicher, Templ'm war sich nie sicher, als wurde ihn täglich jemandzwingen zu vergessen, wer er wirklich war; und vielleicht waY'   sehr viele, unzähligePersonen schien er zu sein, und viele kannte er gar nicht.
   7Indieser Nacht träumt ich etwas sehr wichtiges. Als ich aber erwachte, hatte ichnatürlich diesen wichtigen Traum wieder vergessen, die Zustandsgrenze warunmöglich zu überwinden; in der eignen Wärme geborgen, noch lange liegend, Jannneben mir, ruhig atmend, versuchte ich, ihn wieder in mein Bewußtsein zu holen,was nur ganz allgemein gelang: Das Leben auf unserem Planeten hatte sichradikal und entsprechend unseren Herzenswünschen und unserem Wissen von derRichtigkeit, die hier zusammentrafen, verändert. An Details freilich konnte ichmich überhaupt nicht mehr erinnern, doch es war mir klar, daß diese fabelhafteRevolution nur im Jenseits, zu dem wir schon längst gehören stattgefunden habenkonnte.Alsmir dann für einen Augenblick die Gedanken ausgingen, spürte ich unter derDecke meinen großen Proletarier, und ich mußte lachen, deshalb also war ich sooptimistisch gestimmt gewesen; hatte also vielleicht von einer Frau geträumt.Und freute mich auf sie. Da wird, wenn auch in viel kleinerem Rahmen, ganzsicher etwas Entscheidendes geschehen. Ist doch keine Schande. Denk an Beatriceoder Grete. Unsterbliche Geliebte. Wo kämen wir hin, so ganz ohne, mit derlebenserhaltenden Poesie! Und dieses abgelegene Haus ist für heimlicheBegegnungen und allerlei Beziehungen recht gut geeignet.Auchdie Sonne kommt bis zur Stunde und eben nun wieder zuverlässig jeden Tag, istdoch ein Wunder, und wir sehen es kaum, meinen, es stehe uns zu und seiselbstverständliche Folge, wie wenn ich den Lichtschalter andrehe, und dieLampe brennt, kleiner Alltagszauberer kurzschlüssigster Erfahrung. N' Morgen,Herr Cogito. Sonne war gestern da, also kommt sie auch heute wieder und morgensowieso. Damit steht und fällt "alles".Nachdem Frühstück mit Jann und Mutter, wir konnten schon draußen sitzen, und überden Bergkamm des Spranga blendete dann auch die Sonne auf unsern Tisch vor demHaus, konnte ich es dann doch nicht lassen, in meinem Arbeitszimmer nach demfehlenden Wort zu suchen, immer noch in der Hoffnung, jenes fabelhafte Erlebnisdieser Nacht doch noch in den hellen Tag zu holen. Doch fand ich dieses Wort,obwohl ich manchmal meinte, es liege mir eben gerade auf der Zunge, natürlichweder in meinem Gedächtnis noch in einem Wörterbuch, ich nahm sogar baskische,toskanische und siebenbürgisch-sächsische Nachschlagewerke dazu. Und auch einesder unterdrückten erogenen Zonen, das eben erschienen ist.Trotzallem schien dieser Kampf gegen das Vergessen sehr nützlich gewesen zu sein;abgesehen davon, daß ich mich entschloß, von nun an ein Traumtagebuch zuführen, wurde ich hier von einem ganz langsamen Diktat auf die Zeile gezwungen,das das dort Erlebte zwar nicht unmittelbar in unseren Raum holte, doch schönmeinen zustand wiedergab. Herrn Cogito nämlich rauchte der Kopf. Doch als er imDurchbruch endlich Licht sah, zählte er die Sterne seiner neuen Blitze. und alsalles darin verbrannte, war er ganz durchsichtig. Und er durchschaute sich. dieheute so weitreichende Empirie verbrannte er im Hirn wie in einer Müllverbrennungsanlage.und so rauchte tatsächlich sein Kopf mit Erfolg: Da diese Logik sich selbstaufdenkt und nicht vergißt und den Kopf zerbricht, kann die Liebe nunaussteigen zu allem was nur so anscheinend draußen liegt. So schrieb ich.Alsich zufällig auf den Abreißkalender sah, wurde es mir komisch zumute. Jemandhat darauf geschrieben, am Dienstag wird alles besser. Pfingsten bedeutete nochimmer, steht aber andauernd aus, sagt man bei uns in Transsylvanien.Geschehenist bisher genug, ja, viel zu viel. So ist der Stand der Apokalypse ziemlichordinär geworden. Als Anlaß dient der Streit um eine berühmte Frau, der wiralle unser Dasein verdanken, eine Kuh übrigens, sie heißt Europa, griech.semit, von der Sonne Entfernen, Untergehn. Da ich aus dem Osten komme, denkeich, dort sei ich der Sonne näher gewesen. Das ist gar nicht so lange her; seiteiner Woche nun endgültig, da ich fast schon entschlossen bin, die Hauptfigurnach Hause zu schicken! Ganz schlimme Krankheit nämlich, dahin nie mehrzurückkehren zu dürfen, wo man täglich, ja stündlich mit den Gedanken sichtastend aufhält. Ich halte es fast nur noch schreibend aus, da kann mir niemandin meinen Phantasiegebieten den Aufenthalt verbieten, sie sind vorwiegend transsylvanischerArt, dienen ihrer Erhaltung, Kindeskinder und Waisenkinder, die buchstäblich imLeeren hängen, eine Art Abgrund für diese Grenzgespenster. Seit sie mich vor 25Jahren weggejagt hatten, meine ich nun zwischen die Beine dieser höchst grausamenFrau gekommen zu sein und nun auf einem ost-westlichen Diwan zu liegen, wo mirunter örtlicher Betäubung sämtliche zähne gezogen werden.Meineeinzige Freude ist die Lust auf dem Blatt hier, das ich noch wenden kann. Auchdie Lachlust jetzt.Dochdie einschlägige Literatur, der ich mich so (leider bedenkenlos und naiv anfangs)übergab, ist erschöpft.ZuHause galt sie noch etwas, Worte waren gefährlich. Narrenfreiheit würzt nunmeine Tage, macht die Ohnmacht erträglicher. Und das Bewußtsein, ausgewiesenworden zu sein, wie der erste Mensch. Und den Tod fürchte ich wie dieser. MeineBemühungen, ein heiliger zu werden, mußten also scheitern. Und die Versuchungenstehen nun Schlange ; anstatt alte Engel – junge Frauen.
        8Nachmittagam Meer. Ich ging ins flaschengrüne Wasser, windkühl der Sand, Südwind, zweiKinder spielten neben dem Treibholz am Ufer, aufgewühlt das Meer, plötzlichschrie das kleine Mädchen, der Vater rannte hinzu, um das in einer schäumenden WelleVerschwindende wieder herauszuziehen. Strafend sah eine unter ihrem rotenDamensonnenschirm strickende Oma herüber zu den Fahrlässigen, Wassertriefendkam ich an den Strand, nahms blaue Handtuch, meine Mutter saß im windkühlenSand und las in einem Buch, hochgezogen die Augenbrauen, ich winkte, meineMutter also da an der Sandburg mit Kinderfahnen und Kinderburgen undKindertürmen und Kinderkirchen aus Sand, auch sie also ein Gast hier, andauernddie Gäste auf unserer 'Insel', doch kommen sie nicht aus dem Unerwarteten,Offnen, von dort, wo sie Himmel und Erde berühren, sie kommen aus dem, was war,das Überraschende muß dann hier entstehen. Ich sehe ihr zu, vorher war sie imWasser gewesen, klein, man sah nur ihren Kopf, die Schultern, die muskulösen Beineunsichtbar, jetzt gehen meine Blicke über ihren Kopf, das schüttere Haar, alswollte ich versuchen, in ihren Traum einzudringen, als könnte er sich mitmeinem vermischen, sich ein gemeinsamer Raum bilden, jetzt – die Geschichte vomHerrn G., , der heute das Leben regiert nur noch wie in einem Buch, jetzt,nachdem der alte Herrgott sich nirgends mehr zeigt. Seither, seit über vierzigJahren, aber gibt es kein wirkliches Leben mehr, nur noch dieses: das vergangenist.
        9Inder Nacht hatte Mutter wieder schlimme Träume gehabt; meist gehen die Träumeheim, todesgetrost heben sie ab, fallend; auch diesmal wars das heimatlicheLabyrinth, fadenlos irrte Mutter ab. Jedesmal Hinterhöfe und Gärten, aber immerwieder Zäune und Gatter, vor denen sie abgesperrt stand und besuchte ihreEltern, wollte an der Kokel ankommen, im Elternhaus ankommen (man weiß, essteht nicht mehr) – und kam dann an den Marktplatz. Hoftor, Eingang, wer weißin welche weingeistduftende fassartige Höhle... Hier erfuhr sie, ihre Muttersei doch da; Stricken und Schwatzen, an der Fassade wehten Hakenkreuzfahnen undStaatsfahnen, und eine Blasmusik von fern spielte Muß i denn, muß i denn. Unddu mein Schatz bleibst hier.Eswar mir klar, erzählte sie: daß es diese Stadt nicht mehr gibt. Und eine Katzekratzte mich ganz tief am Arm, es blutete heftig, Fleisch war zu sehn, eineWunde. Der Arm schien wie amputiert abzufallen, ich schrie und erwachte.Aberauch Mutter hatte wieder schlimme Träume gehabt. Und Jann sagte, ihr träumtzuviel. Warum? Schlimmwar aber auch der wirkliche Augenblick im Bad. Ich hatte in der Wanne meineFüße ganz weißlich wie Totenfüße vor mir gesehen, sie kamen mir plötzlic sofremd vor, allem die langen Beine, die sich im Körper hochschraubten, ich sas,sie kamen näher, nah, und wenn ich die Knie anzo, konnte ich sei fast mit demMund berühren. Ich tats nicht.BeimFrühstück erzählte dann Mutter von ihren Träzumen. Ich sha meine erzählende undgestikulierende Mutter im schwarzen Kleid wie in Licht getaucht vor mir; ihrMund zappelte wie ein kleiner blaßroter Fish. Nachts, wißt ihr, sagte sie, dairrte ich im Traum, denn da war ich ja eine Zigeunerin, in Schäßburg wie eineFremde herum, ich hatte ein langes Pendelkleid an, hatte aufgelöste lange Haareund war ganz durchnäßt, als wäre ich aus dem Fluß gekommen, so lief ich durchdie Stadt und kam nie an.Unddann erzählte sie, wie ja auch ihr letzter Besuch zu Hause schrecklichgescheitert sei: im Leeren zu Hause. Mutter war im vergangenen Jahr dortgewesen. Es gibt unsere Stadt nicht mehr, sagte sie beim Frühstück fast tonlos:Niemand kannte und grüßte mich, und ich konnte niemanden mehr erkennen undgrüßen, obwohl die Straßen, die Häuser unverändert, wenn auch etwas verfallenda stehen. Freilich: noch da und doch wie längst vergangen da stehen! Sie seidann mit der ehemaligen Stadt im Kopf durch die Gassen, etwa auf der Marktzeilespazierengegangen, habe dann auf einer Bank sanft und wie verloren geträumt unddann jene Orte besucht, die noch ein wenig wirklich zu sein schienen, die wiekleine Inseln herausragenden wirklichen Stellen berührt; doch alles sei sogeisterhaft gewesen. Nackt seien manchmal die Gefühle herausgeschossen, so etwaim Zimmer, wo sie sich als Kind daheim gefühlt hatte, da konnte sie nichtanders, da mußte sie über den alten schwarzen Kachelofen streichen, behutsam,als könnte er sich in Nichts auflösen, kalt der Ofen, wenn auch immer nochschwarz. Ein anderer Augenblick der Wahrheit sein eine Kirchenbank gewesen: DieKlosterkirche neben dem Haus mit den übertriebenen gotischen Spitzbögen, diewie Häkeleien aussehen.-Du weißt.-Ich weiß.-Du verzehrst dich danach, all diese Erinnerungen. Weißt du, sagte sie, da saßich in der ersten Bank vor dem Dreiflügelalter, du weißt.-Ich weiß.-Und da kamen alle diese Bilder, ich sah mich als junge Frau, als wäre ich eineandere. Ich im Dirndl, Vater im weißen Hemd mit Krawatte, immer trug erKrawatte, auch auf dem Gebirgsausflug, wo wir uns kennenlernten; er also, einenStaubweg mit Freunden entlang gehend, gestiefelt, ich im Dirndl. Mit Freundeneinen Staubweg entlang gehend, an Wiesen vorbei, oder auf einer Staubstraßestehend, einige auf dem Lastwagen, andere wieder rauchend und redend auf derLandstraße, oder er und ich auf der Brechtischen Wiese, ich im Dirndl, er imweißen Hemd mit Krawatte; zwischen großen Margeriten stehn wir, Geruch vonWaldluft kommt mit dem Wind von der Breite, es zieht aus der Schlucht.Undein Jahr später dann die Hochzeit; auf dem mattglänzenden Bösendorfer Flügelhäufen sich in unserem Speisezimmer die Geschenke, sie häufen sich auch auf demTisch und auf der dunkel furnierten Speisezimmerkredenz. Es war halb vier Uhrnachmittags. Das Auto, damals eine große Seltenheit in dieser kleinen Stadt,stand im Hof, war mit Rosen und Immergrün bekränzt... Braut in weißemSeidenkleid mit Schleppe, zarter Schleier mit Myrtenkranz über demMadonnenscheitel, weiße Rosen mit zartem Grün im Arm, Goldkettchen mit blauenSaphirsteinen und Perlen am Hals; der Bräutigam natürlich Frack, weißegestärkte Hemdbrust mit kleinen Diamantknöpfen, Hochzylinder in der Hand. Einlanger Hochzeitszug, vorneweg das Auto, dann viele Fiaker, vorbei an der NeuenBrücke, Eiskeller, damals noch an uralten Häusern vorbei, Hofeinfahrten,düstere Dämmerung, die das Augenlicht flackern läßt, Atembeschwerden wie ineinem langen Faß, dem der Boden ausgeschlagen wurde, altersschwache Türen davormit verrosteten Hängeschlössern, dimpiger Geruch, muffiger, weinsäurehaltigerModer. Vor dem Altfrauenheim und Paulinenloch standen die Zuschauer, einigeGäste, vor der Klosterkirche dann der Kirchendiener Löw, genannt Schnich, derStundturm schlug, der Trommler oben, 3. September32, ach die Venus da oben inder Nische, schön nicht, Brautjungfern in pastellfarbenen Tüllkleidern mitBlumen in den Händen, von der Empore die Orgelmusik des braven Daniel, dieAltstimme dann der Blaszek: Wo du hingehst, da gehe auch ich, dein Gott istmein Gott. Nach dem Jawort und allen Zeremonien des Pfarrers Wagner, Hochzeitsschmausbeim 'Sander', Festtafel mit Alpenveilchen; in einer Ecke die Zigeunerkapelle.Ich tanze mit dir in den Himmel hinein, in den siebenten Himmel der Liebe. Rededes Stadtpfarrers und anderer Stadtgrößen. Gläserklingen, Zigarettenrauch.Festschmaus. Tanz. Hochstimmung.Soalso Mutters Erinnerungsfahrt ins Leere, in die Stadt der Geister. Auch dasalte Stadthaus, den Hof, wo das blumenbekränzte Auto stand, gibt es nicht mehr!Nachts aber habe ich wieder geschrien, weil mein toter Vater neben mir lag. Undhörte noch die alte Frau Weiß, die Weißnäherin, die auf dem Zuschneidetisch,auf dem überall 'Spännadeln' lagen und Stoffreste, Schnittmuster für dieEwigkeit radelte, auch das Brautkleid, wie sie sagt: Es ist eine scheeneHochzeit gewesen. Und sie wackelte dabei wie gewohnt mit dem greisen Kopf,hatte nur zwei Zähne im Mund. Die Singernähmaschine surrte dazu ziemlich laut.Schlüsselblumen und Klee aber seien immer noch da, und das Herz sei ihr dabeiaufgegangen, hatte Mutter gesagt.Undwenn diese Bilder kommen, wärmen sie mich. Immer noch... Wieso kommen siejetzt, als wollten sie mir etwas sagen. Sie sagen doch nur: Das war unser Ende.Ein eigener Weltuntergang steht noch bevor.KeineTaufen und Hochzeiten zu Hause und Kirchgänger in Tracht oder Frauen in langenweißen Kleidern mehr... oder Großmütter mit Runzeln im Gesicht, einige mitKopftüchern, Leberflecken und dünnem Greisinnenhaar. Dazu steife Hüte.Gemessene Schritte. Feierlichkeiten. Und überall die Orgel. nachher die Märsche.Dubegegnest niemandem mehr, den du kennst. Wenn du Glück hast, siehst du zwei,drei vertraute Gesichter. Aber ich ging dann die Wege, die ich gern mag, auchüber die Burg. sie ist unverändert; durch die Tore hindurch zu den Türmen. DieKatzenköpfe, schon damals waren sie abgeschliffen. Überstanden, abgestanden,vergessen. Zum Stundturm. Zeit... ein Schlag.Kleinbahn,die dem Markt zuschnaufte; nachgelaufen war ich ihr bis hinauf zur gelben Postund zur Konditorei Martini. Jemand schien da abzufahren und winkte und winkte,und nur noch die Hand war aus dem Fenster zu sehn. Ein schneidender Schmerzdurchfuhr mich: Zu spät, zu spät! – So sah ich meine Mutter vor mir und hörteplötzlich Vögel singen; Notenköpfe ziehen über den Himmel. Die Erde ist kühl,an den Fußsohlen Lehm; ich laufe zum Sandplatz, ich fasse mit dem dünnenKinderarm hinein in den Baum, ein Astloch da, fasse hindurch bis zum heutigenTag, und ziehe den Arm erschrocken wieder zurück, dies Loch könnte zuwachsen,klemmen, ich wäre für immer gefangen.Esist diese Schwere in Mutters Herz, ihre Abschiedsunfähigkeit.Sieversuchen, ihre Wohnungen in Deutschland den alten siebenbürgischen Wohnungennachzustellen. Im fremden Raum stehn die verstreuten Reste der alten Dinge; sieergeben keine Stimmung mehr, sie stehn verloren da, als wären sie mitgebrachtaus einer andern Welt. Sitzmöbel in der gemütlichen Ecke, auf denen Pölster ausdem alten Rauchereck liegen, verschwommene Heimatbilder, Gefühle, Gewohnheiten:Kissen mit rotblauem türkischem Muster von Oma bestickt, ein Rauchservice, dasfrüher auf dem runden Tisch im Herrenzimmer stand, mehrere Morres-Aquarelle,vertraute Landschaften, die alte Burg von Schäßburg so an die Wand geworfen wievom einer Laterna magica aus der Kindheit, mystische, dunkle Augenblicke, dieaber dem Licht nicht standhalten können, die innere Kraft allein könnte dieseDinge strahlen lassen.HerrlicherDuft. Über den Buner Bergen noch sehr blaß Venus und Mondsichel.Bratenfettvom Vorabend längst verduftet, auch Rauch der Petroleumlampen. Die weiten Röckeder Großmütter lagen auf dem Stuhl neben dem Bett. Staubgeruch auf derLandstraße, noch kühles Staubmehl, Pferdeäpfel.Mutter erzählt den eckigen, überschnellen Bewegungen vollerUngeduld, als wäre sie noch ein junges Mädchen. Auch die hohe, manchmal etwas rauhe Stimme im vertrauten Dialekt, waretwas matter: diese Stimme$ die alles veränderte, etwas anrührte, was michmeine innere Zerrissenheit heftig spüren ließ.Dochdann begann sie gleich von Bekannten zu erzählen von einemfünfundsiebzigjährigen Siebenbürger, der im September nach Hause gefahrent,"ar, obwohl er bei seinem Alter oft starke Schwindelanfälle gehabthatte.  Er ist bis nach Schäßburg gekommen,sagte sie: du weißt ich wollte mitfahren..  Erfuhr dann weiter Richtung Kronstadt, doch kurz vor seinem Heimatdorf imBurzenland verlor er das Bewußtsein, das Auto prallte gegen einenKilometerstoint gegen einen Brückenpfeiler, schlug dann gegen einenChausseebaum' cUe Frau war sofort tot; er nur schwer verletzt.
Ich rf2chj& einenfauligen, faden Geruch nach Flupwasser. unu verwesung.  Irgendwo [email protected] es hier einen Schlachthof oderein Schlachtfeld geben, dachte ich.  EineGlocke bimmelt4vom gegenÜberliegenden Ufer, dort steht eine orthodoxeKathedrale in einem Park,[email protected] Mutter s'tellt mich vor, ich kenne sie alle,sie kennen mich nicht, sie reden alle durcheinander, ihr Dialekt ist mir vertraut,einige sprechen   andere Rumänischmiteinander; hinter dem Gartenzaun seh ich Kreuze, ein eisernes Gittertor führtzu den Kreuzen, ein Nupbaum steht links von dem alten Tor, darunter ist derTisch gedeckt, Vögel singen auf dem Baum, ich stehe mit dem Rücken zum Haus,vor mir der Flup, die Kirche, links das eiserne Tor, rechts ein verwilderterNachbarsgarten, an der Ecke aber, noch auf der Wiese ein klobiger Doppelturm,der eine rund, der andere rechteckig, ein vergittertes Fenster, .Pechnasen undSchiepscharten glotzen mich an, vergessene, nicht' mehr zu mir gehörende Wehrtürme,ihr Museum; und es ist Jetzt,' alle sind um den weipcfdeckten Tisch unter demNupbaum versammelt, und es setzt ein bedruckendes Schweigen ein; als sei eineTodesnachricht angekommen: der Hausherr sagt in die peinliche Stille: Aberbevor wir zu essen anfangen, mupt du auf dein Zimmer, dir ist das Turmzimmerzugewiesen worden, die Betten sind wie früher frisch bezogen; ich hatteplötzlich Angst.  Ich hatte esgeahnt.  Und nun wupte ich es.  Was ich aber geahnt und was ich gewupt hatte,ist mir entfallen. Einer der Söhne stand auf und führte mich in den Turm,' esschien mir, als müßte ich jetzt die Welt verlassen, der Turm war grausc hwarzinnen, und nur eine primitive Holztreppe, eine Art Hühnerleiter führtenach   oben.
Michwunderte dieses merkwürdige Pühänomen der nebeneinamder herlaufendenErinnerungen, die sich dann manchmal treffen, gemeinsam kleine Knoten bilden,wie eben jetzt; gemeinsam kurz in der Außenwelt erscheinen, sich wiederzurückziehen.
Fehlt:Warum lachst du?
Undjetzt bist du müde geworden, Terplan, sterbensmüde. Wie ausgelaugt,ausgebrannt, und der Versuch, gegen dich anzugehn im täglichen Umgang mit dirselbst scheitert. Keine deiner Hoffnungen hat sich erfüllt. Die Jahre schlagenzu. Lebensekel, Erkenntnisekel würgt dich. Und die gute Jann hast du mit reingezogen,sie ist das Opfer deines Versuches zu verschwinden.Underinnerst du dich an den ersten Sommer eures Einzugs hier in Aliano – an diesenschlimmen Haus-Krach. Das Haus voll mit Gästen; ein Bienenhaus, ohne Honig. Dawaren auch die Eltern da, das war der furchtbarste Sommer deines Lebens. Damalsprallten deine und Janns Familie hier aufeinander , Jann und du: Streit bisaufs Messer. Deine Mutter trug den ganzen Tag eine dunkle Brille, damit manihre verweinten Augen nicht sah.Siehatte im Eßzimmer am Tisch zu Gisela gesagt: Ich war immer völkischeingestellt, und ich bin traurig, daß im heutigen Deutschland jedesNationalgefühl verschwunden ist, als wir ankamen, haben wir dies schmerzlicherkannt. Und Gisela hatte darauf mit einer leichten Herablassung geantwortet,wie überhaupt diese Ostmenschen, so schiens jedenfalls, mit dieser freundlichenDuldung und Herablassung behandelt wurden: Daß man das bei uns in derBundesrepublik eigentlich gar nicht mehr so fühlt, "national", dasist überholt.Wir,die aus dem Wald, dachtest du voller ohnmächtiger Wut, arme Hergelaufene, injeder Hinsicht ohne Vermögen. Wir Habenichtse haben natürlich im neuen Hausauch gar nichts zu sagen und zu bestimmen. Gisela belehrte die andere mit ihremInformationsvorsprung.Duhattest deine Mutter unbeherrscht angebrüllt. Sie hatte tagelang im Bettgelegen. Vater hatte neben ihr gesessen und hilflos gemurmelt: Ich laß dasnicht zu, daß man meine Frau so behandelt.Siehatte geweint, sie saß vor dir, die Hände vors Gesicht geschlagen, wie einSchrei ihre Tonlosigkeit da, nur unterdrücktes Schluchzen, selten, ganz selteneine starke Welle von Weh. Und wie du da an der Tür standest, hilflos redetest,redetest, ununterbrochen, dich von dem Raum nicht lösen konntest, wo sie saß,wo die vergangenen Jahre anzukommen schienen, so voll besetzt das Zimmer vonihnen, daß gar kein Platz mehr da war, daß du selbst dich kaum bewegenkonntest, wie angewurzelt da standest oder dich vorsichtig bis zum Fensterbewegtest, hinaus sahst, als könntest du so wieder entfliehn, Atem schöpfen,ruhiger werden.
Inder Nacht hattet ihr beide kaum geschlafen; ein starkes Gewitter wie dieStimmung, Sturzbäche von Frühlingsregen waren auf das Dach gefallen, dazwischenfahle Blitze durch den geöffneten Spalt des Fensters. Erinnerung an denWutanfall: Als wäre nun die seelische Arbeit von Jahren zerstört, als wäre dienun völlig vergeblich gewesen. Auch später immer wieder Kräche auch mit Jann,als wären sie zurückgeworfen worden in die düstere Zeit des Anfangs, als sie nochjünger waren und dieses elementare Aufeinanderlosgehn noch ertragen konnten.Schlichen mit sandigem Gefühl und höllisch gestörtem Gleichgewicht die nächstenTage durchs Haus, wortlos aneinander vorbei, mit verweinten Augen.
Jannbrachte ihn zur manchmal Weißglut, indem sie ihm seine zu langsamen Reflexe,seine Abwesenheiten und seine Anpassungsmängel an den westlichen Lebensstilankreidete, dauernd an seinem Verhalten, an jeder Handbewegung, an seinemgeduckten Gang, seinem Autofahren, seiner Sprechweise, seiner Art einzukaufen,zu essen, sich zu waschen etwas auszusetzen fand. Schon im er­sten Jahr dieHölle.  Sie saßen dann da mitversteinertem Gesicht und künstli­cher, verkrampfter Kälte um sich, verbissenund sich selbst strafend in ihrem Elend, in diesem Jammer, den sie nicht anrühren,den sie nicht öffnen konnten mit dem Denken, mit dem besser lösenden undausweitendem Verstand, der abprallte wie von einer dunkeln Wand: aufgetürmtes Ner­venrot; und sie litten an dieserharten Konfrontation, die aus Gründen, aus Ei­genschaften entstand, der sienicht Herr (oder Frau) sein konnten - Wände, die sie nicht selbstaufbauten,  sondern etwas kochendAnonymes in ihrer Seele, das stärker war als sie. Die Jahre hatten es dann nochgrößer werden las­sen, sie hatten sich gegenseitig verletzt, und jedesmal warendie Spuren in ih­nen tiefer geworden, die Gedächtnisspuren gespannter undgeladen mit alten halbvernarbten Wunden, die dann alle zugleich aufbrachen,wenn sie nur leicht berührt wurden und zu einer schrecklichen Explosion führenkonnten. Es war mehr als ein Mensch ertragen konnte, und es ist wie ein Wunder,daß sie nicht auseinandergegangen waren! Denn oben auf dem Berg in jenerEinsamkeit verstärkte sich alles noch ins Ungemessene, wurde hinausgeschleudertin ein Außerhalbderwelt. Wofür muß ich denn büßen, wofür? stöhnte Terplan dann.Oder begann  in seinen quälendeinsetzenden Schuldgefühlen und gräßlichen Regungen zu wühlen, die diegegenwärtige Menschennatur beschert, da sie so weit entfernt ist vom Evangelium,sich aber in unseren Breiten evangelisch oder katholisch oder orthodox nennt.    Seine Exfrau Maria war orthodox getauft,und wie zum Hohn: Diese Regungen der Selbstbestrafung bei  den Evangelischen vor allem, dachte dannTerplan, dieses sofort einsetzende Bedürfnis, sich selbst zu be­schimpfen undniederzutreten, noch schlimmer, als er es sonst mit Hannah getan hatte,  aufwühlend und nervenrot hochkommt. Und dieinnere, die bessere, die größere Stimme, die in jahrelanger Seelenarbeit auchin Terplan immer besser zu hören gewesen war, kam meist zu spät, oder sie drangnicht durch, stieß dumpf an jene Wand, die auch vom Verstand nicht zudurchdringen war, und an der sie sich nur verletzten, die beiden sonst so gutVerbündeten. Sich viel­leicht gar davor fürchteten, vor solchen Ausbrüchenböser Geister, als wären sie dann besessen - und sich zurückzogen! Aber nein,die Stimme be­hauptet, sie habe keine Angst vor "Ihnen".  Und Terplan spottet , wenn er wie­der imKlaren ist: Na, dann man los, mein Lieber meine Liebe! Warum  verläßt du uns gerade dann, wenn wir dich ammeisten brauchen, und läßt uns dann im Stich!?
Inder Nacht aber sah er sich im Frühlings­garten von S., noch sehr jung, Duftnach Kirschblüte - oder Jasmin, ferne Musik, und ging mit ei­ner Frau einen Liebesplatz suchen. ...die Szene mit Johanna,die fiel ihm jetzt ein, in Aglian am Ende des Maultierpfades ein Jasminstrauchwie zu Hause in S. Duft von Jasmin, betäubend, doch er empfand manchmal auchhier auf dem Berg nichts mehr, roch nichts, war leer, wie hinter Glas die Welt,kein Rauch aus Kaminen! So auch nichts Weiches, wie bei der Rückkehr vonDeutschland hierher nach Aglian. Hannahs Kuß, weiche Lippen unter Jasmin,feucht und doch verschlossen, samtig, darin ein Versinken wie in einer rosigenBlüte. Diese große Freude, wieder hier zu sein. Zorn kommt leicht, wenn dieSinne taub sind. Vielleicht in Deutschland geschehen, an einem der letztenTage. Und dann streiten wir, dachte er: es ist schmerzhaft, ein  Lebensriß. Er saß im Zug nach München, sah zum Fenster hinaus, alles bliebandauernd zurück, diese Täuschung ist wahr. Er saß still, nur seine Schreibhandund der Zug bewegten sich:  Mit Hannahbis zum Hochsieden im Wort "Trennung" gestritten. Du hast bewußtweggehört. Stimmt sogar, dachte er: das dauernde Alltags­gewäsch bei Tischzehrte an meinen Nerven,  hier aber ginges um den Tod. Der Streit war mehr ein Streit aus Scham gewesen. Und doch eintieferes Indiz des Zustandes, daß die Ortsbeschreibungen und die Tat­sachenhier wichtiger sind, als der Fall selbst: Seine Abneigung ge­gen diese besonderetechnischen Pingligkeiten der Westdeutschen, er hatte ande­re Reflexe, die auchnach Jahren hier nicht  nachge­kommenwaren mit dem to­pographischen Topfitsein, diese Absenzen, in denen er anderswoist, und er weiß, daß ihn nur in diesem Zustand Gedanken und Phantasienberühren, jetzt nicht der Ort, sondern der Tod: Leiden und sich nicht leiden können. - Schlaf­lose Nacht. Schwere Gedanken.Und Hannah hatte dann gesagt, er erinnere sie an den alten Timon, der ge­genalle Dinge, Wesen und Menschen wüte, der Zornige, der sich absperre, nichtshören und nichts fühlen wolle. Seine Aus­brüche, wie in Zwangslage, da er nichtwußte, was mit ihm geschah. Auch der nächste Tag - lustlos und müde, und wieeine Flucht all diese Geschichten. Schön. Und er war er­schrocken, als Hannahsagte: "Heute will ich aber eine echte Geschichte von dir hören.""Echte Geschichten? Die gibt es doch hier bei euch nicht mehr, vielleichtfrüher mal unheimliche," brummte er. daerwachte ich aus diesen Bil­dern, die gleichzeitig da sind, immer gleich­zeitigmit dem, was außen ge­schieht, über die Stirnbahn zie­hen. Auch Cris hatte esimmer wieder gesagt, und wiederholt es zwischen den Zeilen, ich spüre deutlichden Einfluß, und er reißt nie ab: Du mußt dich dem was geschieht überlassen.Ich: übergeben als wärs ei­ne Kapitulation? Ja genau so, sich übergeben, auchwenn es dir übel wird, wenn alles hochkommt, Fet­zen für Fetzen, Alp für Alp,es ist auch Schönes da, Kindheit und Mutter, die Blumen am Wegrand...Schlüsselblumen gelb am Hang. Ein Kuckuck. Doch welch mieses Ich, das gewachsen ist in der Kälte, kapituliert daund vor wem?  Dort sein bei  den Toten, wo du in Gedanken andauernd schonbist? Nur noch in diesen Gedanken schreibend leben und leben im Tage Buch? Rei­sendden Moment beschreiben: Röntgenaufnahmen. Nur wie pack ichs, nicht nur einGerippe das Blatt hier ein einzelnes Blatt da herabgeweht ein wenig eingerolltverwelkt das kommt nie wieder fällt mir aber jetzt auf. Und schon wie wir ander Serra milchiges Wasser an den wuchtigen Marmorblöcken vorbei kamen an derzer­störten Kirche: verfallen dieses Gefühl für die Hänge den Wald dieses Frei­heitsgefühl,dachte ich, wie faß ichs hier ist es nicht...    Unddeine Mutter hats auch empfunden Hannah; furcht­bar, dein Vater hat keine Freude mehr.    Ja, sagt Hannah: wir waren mit ihnen auchhier oben, und er konnte kaum gehen, und vor einigen Jahren da waren wir im Re­staurantvor Pruno, man sah den Forato von der Glasveranda aus, da kam er nach demEssen, als wir nach Pruno fuh­ren, da kam er nicht aus dem Auto: Wir gingenallein zu den alten Na­tursteinhäusern und zum Kastaniental.    Schon vom Tode gezeichnet die Eltern. UndHannah seufz­te, sie kennt die­sen grausamen Abschied noch nicht. Weißt du, daserinnert mich an den letzten Besuch meines Vaters hier, es war auch einSeptember, und da wollte er nicht mehr aus dem Auto steigen, und mild aufseine  Art sagte er:  geht nur, geht, seht euch alles an, ich bleibe hier im Auto, ru­he mich aus. Und ich erinnere mich wie er irgendwo inder Pisaner Gegend wir, waren in die Pisaner Berge gefahren, bei einer altenKirche es, war vom Auto nur ein kleiner Aufstieg bis zu jener Kirche, sich ander Wand festhielt,  fast umge­fallenwäre;  und als ich ihn fragte, Tata, washast du? Ist dir nicht gut? Da versuchte er, es zu verber­gen, um nieman­den zu stören, niemandem den Tag zu verderben.Er lebte nur noch kurze Zeit.  Stalingradhatte er überstanden, und er­zählte davon, im Januar, wie er "damals" damals im Januar, aber"damals" war er erst 38 Jahre alt gewesen,  das Auto im Schnee angezündet hatte, um sichund zwei Verwundete zu wär­men; so waren sie mit dem Leben davongekommen mittenim rus­sischen Winter bei 30 Grad Minus. Er war Fahrer einer Autoko­lonne ge­wesen.,und hatte noch etwas Benzin. "Damals".  Und jetzt: kurz nach seinem vierundsiebzigstenGeburtstag starb er, der Krieg die Kriegsfolge in ihm, Pneumotorax, die Lunge,ja, die Lunge war es:  hatte ihn umgebracht.Am Schluß fror er entsetz­lich, der Körper machte nicht mehr mit, denk ich esmir aus, nein, jetzt ist er auch hier bei uns wie der An­dere ... doch erantwortet selten,  meldet sich nie.
 Viel­leicht werde ich die Totengespräche  mit meinem Vater deshalb hier aufnehmenmüssen. Viel­leicht habe ich seither in jener Regi­on einen sehr nahen Jenseits­verwandten,weil ich mit dem Ge­fühl mitgegangen bin; mein Gefühl, meine Liebe wurden aufei­ne andere Ebene gehoben, sie haben so seither eine Verbindung in jeneSphäre, die früher einmal der  Himmelhieß.  Ich werde dazu den Besuch vonLucas, von Michum, der kleinen Tat­jana und vielleicht von Dr. S.  beschrei­ben müssen ...   Aber die kennt doch noch niemand?   Sie werden sich durch ihren Besuchvorstellen! Und auch wenn nicht alles genau so  stattgefunden hat, wie ich es be­schreibe, du wirst es mer­ken undwieder kritisieren, wenn es hier ankommt, wird es so wirklich werden, wie nochNIE.
„AnMutter sieht man es, wie die Umgebung, wie der Zustand sie verändert. Ihrgroßes, jetzt im Alter fast bäuerlich geschnittenes Gesicht ist viel feiner,erinnert an ihr Jugendgesicht, etwas von dessen Schönheit schimmert durch,während der Gesichtsausdruck auf all den Fotos von Aliano, wo sie einfach großeAngst vor dem Krach, vor jenem alten Krach hatte, jenen Kränkungen, die Jann,die aber auch ich ihr zufügten, verfallen, zwurnend, dumpf aussah, so daß sieganz alt und geduckt, unbeherrscht und fahrig wirkte, so sehr spiegelte sichStimmung und innerer Zustand in ihrem Gesicht. Und nun hat sie auch das Leidseit Vaters Tod verändert, sie sieht distinguierter aus, die Selbständigkeit,zu der sie gezwungen wird, läßt sie außerdem fester sein, auch in der Rede, undimmer ist ein wissender, ein wenig gemildeter Unterton da: Ihre sonstige Lautheitist gedämpft, ihr Lachen und ihre Bewegungen feiner.
Nunwar sie abgefahren in ihr neues Zuhause in A., Baden-Württemberg. JederAbschied war schmerzlich, es konnte der letzte gewesen sein. Und jedesmalschien mir Aliano fremder als vorher, der Boden weniger fest, jener Boden, denich mir mit Mühe geschaffen hatte.Unddoch war es auch eine Erleichterung, trotz allen Wehs, denn sie verkörpertemeinen innern Zwiespalt; in Janns Anwesenheit wurde nie über Siebenbürgen gesprochen. Mein Abgrund – die Kluftzwischen Mutter und Jann. Die Ältere durchschaute die Machtverhältnisse, auchhier ihnen hörig, und tat so, als wäre ich Luft, das tat weh. Ist sie inder  Fremde nun eine Beziehungskünstleringeworden?
NachVaters Tod war es einsam in der Wohnung, und es schien mir als könne siedieses Zuhause nicht mehr allein 1 zusammenhalten'.Siemerkte es und sagte: Ich kann euch nun, nach Vaters Tod, kein so warmes Zuhause mehr bieten.Siewar traurig und unsicher.  Aber ihrHeimweh, sagte sie, das habe ,40tIch ja nun gegeben, das sei nun überdeckt, da sei sie fast geheilt: E-c liege ja nunhier, alles liege hier.  AlleE,%innerungen wie unter der Erde»Ichsehe zum Fenster hinausg Waldrand der Alb,'eine Wiese, habe den Blick über eineneue Kirche, ökumenisch genutzt; daneben fahren Kin.der Schlitten.Undich sehe dann von draußen nach drinnen, Interieur de s Zimmers** immer wiederdie alten F;otos.  Und die vielen Aquarelle,Vaters Sonntag


MuttersGesicht hat viele Falten, die sich nach dem Tod ihres Mannes vertieft haben.Sieist von der westdeutschen Umgebung angeschlagen und weiß nicht, wie ihr geschieht.Nochbei ihrer Aussiedlung aus Schäßburg und kurz danach in A. hatte sie ihrfröhliches ausgelassenes und kindliches Temperament, die Stimme etwas zu laut.Aber überströmend und so schön naiv. Wie sie mich am Telefon begrüßte,stürmisch, das tat mir gut, hatte dieses Kindlich-Gefühlvolle anfangs in jenemLand des gemessenen, kühl-höflichen Betragens und der Distanz immer sehrvermißt, war doch anfangs auch so gewesen, überlaut, überschäumend, ein wenigverwildert, stark, selbstbewußt und ungehemmt, wohl für diese geschniegeltenüberzivilisierten Seelen unerträglich oder auch faszinierend, je nach Typ, fürjene, die in ihrer seelischen Kargheit keinen lauten Ton vertragen konnten,sicher eine Zumutung: Wie für die verletzliche Iren, die diese unbeherrschtenAussiedler anherrschte, mit Schweigen und mit Frostigkeit irritierte.Daserste Jahr der Eltern in der Bundesrepublik, es scheint ungehuer fern zuliegen, diese Zeit, als sie ins angestaunte Paradies West kamen. Da hatten sieeine kleine bezugsfertige Wohnung in einem neuen Block gemietet und richtetennun ein: Wiederherstellung des verlorenen Elternhauses per Versandkatalog,dachte ich damals böse. Vater maß wie früher alles. Beide bewegten sich agil,als wäre ein Neuanfang (siehe, ich mache alles neu!) und strahlten. Ein jungesEhepaar – so wirkten sie. Und waren doch beide um die siebzig. Mutterbegleitete ihre Anweisungen für die Handwerker mit einem sichverselbständigenden Finger, mit dem sie auf die Dinge zeigte.ImBlock vis-à-vis war die Häuserfront angekohlt. Leute sagten, die Mieterin, einefünfzigjährige Frau, sei dort verbrannt. Sie hatte kurz vorher noch mit ihrembehinderten Sohn Kaffee getrunken, und als er dann fortging, hat sie die Türversperrt, sich ins Ehebett gelegt, sich mit Benzin übergossen und sichangezündet. Die Flammen schlugen haushoch aus den Fenstern, sagten dieNachbarn. Die Frau war nicht mehr zu retten; die Polizei fand nur noch ihrenhalbverkohlten Körper.Ichhatte am Vortag zufällig ein Foto von einem bundesdeutschen Feinkostgeschäftgesehen, das neben dem Foto eines alten Spezereiladens in Schäßburg lag. Ichwar betroffen. Auch ein Haus mit Torbogen und abbröckelnder Mauer aus Schäßburgund eines aus der Nobelgegend Refrath bei Köln sah ich plötzlich vor mir:Reihenhäuser wie aus Pappmaché, konnte sie vergleichen; schnurgerade alleLinien, alles so neu, daß das Auge daran abglitt, als sei da Nichts. Nichts zumAusruhn für den Blick, nichts Vertrautes, alles viel zu neu. Die Häuserfrontenund Formen sind leer und von einer schmerzhaften Schattenlosigkeit und Verlassenheit.Essei die Kälte, sagte ich: Eine Krankheit.UndMutter wunderte sich: Woran können nur diese gesunden wohlhabenden Menschenleiden? Sie haben ja alles. das aber war am Anfang ihrer Übersiedlung nachDeutschland. Jetzt fragt sie nicht mehr. Jetzt schweigt sie.Vaterhatte nichts als eine Aktentasche von zu Hause mitgebracht, darin:Zahnputzzeug, Schlafanzug und eine Flasche Zuika. Sein Gesicht war durchzogenvon unzähligen Falten. Nur Mutters Ausdruck blieb froh und offen. Als hätte manes nun geschafft! Das Ärmliche und Laute der Durchgangslager-Phase lag hinterihnen, aber auch das Freundlich-Naive, das Liebe und Enthusiastisch-Ungehemmte,wenn Mutter mit lautem Joi! auf mich zustürzte oder laut rufend ins Telefonschluchzte.ImGrunde bin ich eigentlich noch gar nicht hier angekommen, sagte Onkel Hermann,Mutters Bruder, der Arzt einmal: im Grunde meines Wesens noch nicht hier angekommen.Erträume immer noch von zu Hause – nach vierzig Jahren.Unddieser Druck auf der Brust. Was ist das nur? Früher kam dieser Druck abends,regelmäßig mit der TAGESSCHAU. Jetzt morgens beim Aufwachen. Dann nimmt der Tagseinen Lauf, man wird mitgenommen, vergißt. Ist ja dann erleichtert. Abendsaber wieder dieser Druck. (Rotwein hilft, aber nicht immer.)
Ichbin hier in Schwaben eine Fremde geblieben, hatte Iren, Hermanns Frau, gesagt:fremd nach vierzig Jahren. Ob das an der Sprache liegt oder an der Art derLeute? Sie hat eine heisere, ein wenig rauhe Stimme. Hermann rollt sanft denSatz. Hebt die Stimme. Wir werden hier nie mehr heimisch werden, sagt er. Wirmüssen unsere Substanz aufgeben; andererseits aber wieder haben wir diesem Landviel zu verdanken.Siesaßen vor dem kleinen Serviertisch auf der Couch und tranken Weißwein. Mutternickte zu Hermanns Erklärungen, war aber sonst seltsam still. Sie verehrteihren Bruder, nahm alles an, was er und Iren sagten. Er war schließlichanerkannter Arzt und außerdem schon vierzig Jahre "oben". Überhauptfiel bei den meisten, die von "unten" kamen, eine merkwürdigeSchwerfälligkeit, eine laute und hektische Hilflosigkeit auf; die meistenwurden dann im Laufe der Jahre immer stiller und gedrückter, erkannten, daß siesogar über sich selbst zu wenig Bescheid wußten und an etwas litten, was man inder hier gängigen Fremdwörtersprache "Erfahrungs- undInformationsdefizit" nannte. Es war aber viel mehr: Dies äußerte sich ineinem Stillvorsichhinleiden, in einer gewissen Dumpfheit, wie nach einerschweren Krankheit, nachdem das Fieber gesunken, der Rausch verflogen ist, einRausch, der anfangs einen jahrzehntelangen Druck von ihnen genommen hatte. DerWahrnehmungsverlust, über den Mutter zunächst klagte: Daß nichts mehr richtigschmeckt und riecht, alles "aseptisch" sei, war der entscheidendeEinbruch einer ihr bisher ganz fremden Welt, eben jener rasenden"Gegenwart", von der man zu Hause abgeschirmt gewesen war. Dies"Kalte" schien nur das wichtigste Symptom einer neuen Krankheit zusein, von der nur die kleinen Kinder verschont blieben. Am Schlimmsten, vorallem für die Älteren, war, daß sich nun zeigte, wie falsch, wie ganz und garnur eingebildet die Voraussetzungen gewesen waren, nach denen sie ihr Lebenaufgebaut hatten, und auch jetzt noch versuchten sie, daran festzuhalten, wieVater, als er noch lebte.Dabeiwar die Ankunft, die Übersiedlung doch so hoffnungsvoll gewesen! VomNürnberger Bahnhof mit zwei Autos über menschenleere fränkische Land nach A.Kühe und Schafe auf den Höhen zwischen Dinkelsbühl und Ellwangen/Jagst. Alswäre nicht schon alles für uns vergangen, konnte man da plötzlich ein weichesvertrautes Abendlicht über den Häusern sehen. und auch in den Zimmern beiHermann, wo das FEST stattfand, war es als Widerschein da. Dieser Tag also nochnicht abgestanden, vom dreißigjährigen Warten sauer geworden. Vater sagte beimFestessen, sein Leben sei seit fünfzig Jahren schon ein andauerndes Warten aufFrieden gewesen. Und so gehe es vorbei.Aberim schwäbischen A. war er glücklich. (Ich will und kann vergessen! Hier gehöreich zum Staatsvolk; die Angst ist weg.) Ich sehe den blonden Jungen meinesBruders Hannes auf dem Bahnsteig; er läuft auf mich zu; meine SchwägerinChristine starrt aus ihrenvor Müdigkeit schwarz geränderten Augen geradeaus.Der Junge wirft mir eine einzelne weiße Nelke zu, ich denke: Welch ein Hohn.Rita, die Tochter, steht da, stumm, erregt, ein Staunen schüttelt sie beidieser Ankunft.Christinehatte den "schwarzen Mann" gesehn, im Ausreisefieber, in der Angst,"sie" lassen sie nicht ziehn; Hannes war schon gefeuert worden, dietäglichen "Sekkaturen" nahmen zu, und seine Frau drehte durch.Christine fiel eines Tages hin, schlug um sich, wurde starr, mußte für mehrereWochen in die Klapsmühle.Aberseither, sagt sie, habe ich diesen Punkt außerhalb. Ich habe keine Angst mehrvor dem Tod: Ich schwebte über mir, sah mich, nein, den Körper, am Bodenliegen, lachte darüber, amüsierte mich; nun hatte ich kein Interesse mehr anihm. Es kann mir ja nichts geschehn. – Ein Duft, der näher ist als jeder Sinn.Auf der Schwelle, wenn ein bißchen Licht aufscheint, uns wissen läßt, was keineSprache weiß: Die Einsamkeit ist groß, aber alles klingt, als gäbs einen grenzenlosenFrieden...Vaterzeigte seinen Ahnenpaß – stolz, denn er hatte ihn aus der alten Heimatrausgeschmuggelt. Und so war er ja auch im Rechtsnachfolgestaat des DrittenReiches sofort als Deutscher anerkannt worden.MitStempel und Siegel, sagte er: Da gabs kein Problem. Der Ahnenpaß wurde anerkannt.Ichlas ziemlich entsetzt auf der zweiten Seite des Dokumentes:"Diegesamte Bildungs- und Erziehungsarbeit des völkischen Staates muß Krönung darinfinden, daß sie den Rassesinn und das Rassegefühl instinkt- und verstandesmäßigin Herz und Gehirn der anvertrauten Jugend hineinbrennt. Adolf Hitler."Kackbraungebundenes Objekt, mit Adler und Hakenkreuz: Alle meine Vorfahren kamen mir wiegebrandmarkt, alle Toten gebrandmarkt vor:"Staatsbürgerkann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschenBlutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann deutscherVolksgenosse sein! (Programm der NSDAP, Punkt 4).DerAhnenpaß stellt eine Urkunde im Sinne des Gesetzes dar."
Vaterlas ungeniert aus dem Ahnenpaß vor; schließlich sagte er: Ich bin nun endlichfrei, hier zu Hause, dem Staatsvolk zugehörig, das war ich nie. Stolz las ergedankenlos oder gedankenverloren:"Inhaberist arisch und rein deutschblütig."Ja,das war damals schon wichtig, meinte er. Aber hier in Deutschland ist es auchwichtig. Wie ich hierher gekommen bin, hab ich den Behörden diesen Ahnenpaßeingeschickt, und sie haben mich sofort als Deutschen anerkannt, anderebrauchen ja Monate oder gar Jahre dafür.Überkurz oder lang wird der Ahnenpaß ein Pflichtausweis für jeden deutschenVolksgenossen werden, und es ist dann zweifellos vorteilhaft, bereits Inhaberdieser Urkunde zu sein...Vaterhat ihn sich angeschafft, jahrelang versteckt (bei Haussuchungen Angstgefühlewegen des Hakenkreuzes auf dem braunen Umschlag) und bei der Aussiedlung ihndann ins Mutterland mitgebracht. Auch Janns Vater Gregor besitzt einen, mitriesiger Ahnentafel (weit über 1800 hinaus; Stichjahr der Ariernachweispflichtbei der Parteiaufnahme.)VatersDaten, groß auf der ersten Seite:KurtKarl Erwin, geb. 1905 in Kronstadt/ SiebenbürgenKarlJosef, geboren 1879 in Bistritz/ Wagner Maria Luise, geb. 1881 in Kronstadt,seine Eltern, der S.-Großvater und die S.-Großmutter.DerUrgroßvater hatte sich germanisieren lassen: Franz Leopold, geb. 1833 in Bistritz.S.Josef, geb.   in Tyrnau/Böhmen, gest.1842, Schneidermeister, katholisch, kam aus Böhmen, heiratete eineBistritzerin, am 9.2.1825: die Katharina Karolina Apollonia Mast, geb. 1808.Vatersprach sehr gern darüber:Diesind möglicherweise aus Schlesien nach Böhmen gekommen, dort konnte man ihrenNamen nicht aussprechen, und so wurde er der Schlesier genannt, nehme ich an.Und zur Zeit der Doppelmonarchie 1867 wars wohl in Siebenbürgen günstiger, einendeutschen Namen zu haben, und so hat mein Urgroßvater, der Bistritzer, seinenNamen eben lautlich verdeutscht.Mutterlandhieß Deutschland mal früher bei uns zu Hause. Mutter-Land - und jetzt der Versdazu, als wär er ein armer Maikäfer. Und der Vater. Und der Krieg. Und derewige Frieden. Auf dem Waldfriedhof in A. Und draußen vor allem Schnee. Unterdem Schnee die Blumen. Fußstapfen, wohin die führen. Vogelspuren ins Kalte. Unddoch kein richtiger Winter mehr. Wie einst in Stalingrad. Wie einst. Und weißesLeichentuch. Licht durch die Bäume im Mutterland. Gießkannen aus Plastik,Eiszapfen daran. O wie ist es kalt geworden. Friederike sangs früher. Und jetztreden wir über die Toten, über ihre letzten Tage in A. Wie friedlich sind siebeide gestorben. Friederike an Krebs. Wie viele Wünsche blieben unerfüllt. Esblieb ein riesiges Loch. Jetztgehe ich über einen Friedhof, er liegt in Deutschland, er ist klein. Tausendevon Namen, Daten. Und da werde ich liegen, mit "allen" vereinigt. DieFlucht war vergeblich, ihnen zu entkommen. Sie kommen immer näher, sie sindschon da. Ein ganz neues Land, jede Tei­lung aufgehoben, jede Spaltung vorbei.Vorbei. Undrede mich jetzt wie einen Fremden in der dritten Person an, als wäre ich einAnderer, und bin ich nicht ein Anderer? Also: Eigentlich wollte er ja nur das Grab seines Vatersbesuchen. Zwar naßkalter Novem­ber, es war der November vorigen Jahres gewesen...wer zählt sie noch, die Jahre, die Jahre... alles vergangen, -  er aber, dieser DS, ist trotzdem noch da: Indiesem besonderen Jahr, bevor sein Winter kam, sein letzter. Regen. Nebel imGesicht, im Herzen. Le­ben, wer es umkehrt. Die Beine gehen ohne ihn, tretenauf vergilbte Blätter. Bald wirds Schnee geben. Alle Jahre wieder? Wie lange noch. Aber wer spricht da, seine Stimme inmir, als hätte er mich jetzt hypnotisiert, Schnee, dann er­frieren die Blumen, spürt das vereisterote Blatt, sagte er: Mimosen liebte sein Vater. War selber eine. Kleiner Kopf,Brille, abgeschabte Brauen. Und D., der Sohn, sah immer noch das Loch vor sich,da hinab, dumpfes Geräusch, Erdschollen, dun­kel, hinab, ein Loch. Da siehst duhinab, da bleibt dein Blick drin gefan­gen, kannst ihn nicht mehr zurückziehen,feuchte Erde, Lehm, Insekten, Erdgeschmack fad, Wurzeln, alte Blätter, schonvermodert, fallen darauf, du kannst den Blick  aus dieser Klammer, eingezwängt im Loch, nicht befreien, da wirdsdunkel, verwirrt. Wer aber sieht den frisch aufgeworfenen Grabhügel, werschluchzt da, - der eingegrabene Blick? Wo hast du nur deine Augen? Lang her.Dort der Steinmetz Roth, der Grabkünstler von zu Hause, der langsam und mitschwungvollen Bewegungen wie der Zeichenlehrer Donath seinen Namen schraffiert:Goldbuchstaben auf Marmor, als schnitten die ins Fleisch, der Stein ganz heißund weich. Schreiben ja,  das das Sterbenersetzt, es aufhebt, so­lange du liest. Das Leben aber fehlt, und den Namenschreibt ein ande­rer. Er hat also doch eine ganz andere Vorstellung vomSchreiben, als ich, als wir, entzog sich also genau ins Alte, das er sovermißte, zurück, zurück der Spindel Spur, die­ser Unsinn vom"Referenziellen", ihr Okzi­dentalen, sagte er, Wasserkopf. Und habmich selbst infiziert, sagte er: Was denn "schraffieren", sogar derStein ist tot, sagte er. Aber es gibt eine Verwand­lung und kein Ende, sagteer: wir kehren in den Zustand zurück in dem wir Millionen Jahre waren, bevorwir in den Körper kamen. Dieser Unsinn - zwei Hände Erde, dump­fes Geräusch aufHolz, Erdschollen. Gibst den Geist nicht auf beim Able­gen des Leibes, D. Sagnicht Seele, D., sag Nichts; es löstsich etwas vom Körper, inneres Leben verselb­ständigt sich im Alter von Jahr zuJahr mehr, Wahrnehmungen nehmen ab, Außenwelt nimmt ab, die Täuschung Weltschwindet langsam, da willst du fort, um am Leben zu bleiben?   Ich bin kein Überlebender, ich bin einÜberlebter. Alle sind wir Überlebte, nur merken es wenige. Zukunft gibt'skeine, es sei denn, sie setzt sofort und schlagartig ein. Das Vergessen ist zugroß. Und das Vergessen des Vergessens.    Aber diese Briefe, ich sollte dochwenigstens diesen Briefwechsel mit meinen Heimweh-Freunden aufgeben. Heimatengibt's doch nirgends mehr, Dieter, sagte mein Vater:  sah mich scharf an mit seinen schwarzenTaschenlampenaugen: und dein Heimweh... oder Heimat, alles antiquiert, jetzt woEuropa in aller Munde... Hirngespinst, ein Hirndracula, Dieter, einnichtexistenter Ort, der dich vernichtet, der macht dich doch fertig. Aufgebenoder in die Stadt ziehen, die Einsamkeit aufgeben, mein Nirgendwo...? Ha, lachich ihm dann ins Gesicht: Wenn das so einfach wäre; schon von der Lage herunmöglich. Lache noch stärker, Ahn: Nur wer sich aufgibt, wird ein Brief...Aber ich bereite mich doch vor, sag ich dann, endgültig heimzukehren, dieFreunde dort warten, ich muß ein Zeichen geben. Und, denk nur daran, derAus-Landsdeutsche war noch nie auf Patmos.  Keiner wollte Pfingsten bei mir bleiben,Freiheit, Freizeit dient zum Autofahren.
AbendsBilder im Fernsehen. Mutters Wohnung. Man sieht auf dem Bildschirm DIE SCHLACHTBEI LEUTHEN. Preußen. Gleich zu Beginn Fußamputationen in einer Kirche. VonPreußen ist die Rede, sag ich. Gloria, sagt sie. Schreie in der Kirche, sageich. Der Alte Fritz, sagt sie. Menschenkörper. Es ist eben gerade Geschichte,eine harmlose Reprise, sage ich. Handlung, wie sie im Buch steht. Die Kirchesieht aus wie eine Metzgerei. Fleischhauerei, sagt Mutter. Und jetzt predigtein Pastor. Wie schön er spricht, vom Vaterland spricht er. Ein großesschwarzes Loch, sag ich. Denk an unsere vielen Toten.Derletzte Punkt, so nah. Zu Hause schon schlug der Kuckuck, mehrere gleichzeitig.Zähl die Jahre. Jetzt sind sie da. Die Kuckucksuhr mit dem Holzkuckuck, derschlug Viertelstundenweise den Tod an. Verneigte sich davor, bunt. Und imSommerhaus der Echte aus dem Wald. Eichen. Man zählte. Und verstummte. Dulieber Himmel, alle noch so jung. Wie lange noch. Und im Baumgarten dasParadies, keiner wußte. Man fürchtete die Fledermäuse. Sie schwirrten imRauchfang. Ums Dach unter den alten Rusperbäumen. Sie könnten sich im Haarverfangen. Und die Mäuse, oh, man hatte selbst ein schwarzes Loch, feucht, dakonnten sie rein. Entsetzlich. Wer sich gehen ließ, war ihm verfallen. Das Liederliche.Das Grauen. Wehe wenn die Abwehr versagt. Soldaten sind Soldaten, in worten undin Taten. Sie kennen keine Lumperei...
Weißtdu, Mama, was deine Abwehr angestellt hat?Bitte,hör auf damit. Du bist immer so negativ!Ja,ja... die so leuchten "positiven" Gestalten kennen freilich keine"Lumperei".Ichhatte auch noch diesen Wahnsinn begangen, zwei alte Freunde von Mutter, den Vikund den Andreas zu besuchen!

Wirwaren also beim Vic, dem Apotheker Capesius in Göppingen gewesen. Eine schöneGegend. In der Ferne der Dreikaiserberg. In Göppingen lebte er nun, wie vieleLandsleute aus der SS ist er nach dem Krieg nicht mehr nach Siebenbürgen in diealte Heimat zurückgekehrt. Hat ein Trauma. Ich weiß, die Wunde.EinKlausenburger Gericht hat ihn zum Tode verurteilt. Doch er hat Heimweh. Undkann nur noch unter Lebensgefahr nach Hause zurückkehren. VVielleichtGesichtsoperation? Falscher Paß?
Zum Beipiel diesen Psalm im alten Deutschv noch [email protected]"Dasiehattu abermal allen heiligen Yns hertz wie'Tnn den Jod,yawie in die hölle.  Wie finster undtunchel ists da von alleriley betrübten anblick des zornigen gottes.Inder Gegend kann es keine Psalmen geben. Und ich höre das G teil jetzt ab, vom Sand, mitgebracht aus derMarktapotheke von GÖffingen, wo ich Dr. C. und seine Frau traf, die mich herzlichgrüßten un , d zum Kaffee in ihre kleine, etwas fin-tere i13hnung e luden.  Dort sägten sie:(Übernehmenaus So nah!!)O-TONKassetteII-1 Dr.b.: Von Auschwitz sind insgemsamt 231.coo Personen...F.C.:   noch lebendweggekommen... noch lebend weggekommenFC:   Und wieviele sind ermordet worden?
Dr*C.:   Gleich an der Rampe?...
F.F.:   In den ersten Jahren sind ja viele...Dr*C,:oo, Männer und Frauen.,.,F.C,:   Gespritzt worden ( senkt dieStimme).  Nur hat man ja ni-hl mehr dasTempo mit dem Spritzen einhalten können... was n gebraucht hat. (Kaumhörbar.  Seufzt.)Dr.C,   i Männer und Frauen wurden aus denUngarntransporten 113.c tätowiert.. Sammeltransporte ...
F.C.:   Und wie Hffimmler in Auschwitz warenwarst du da schon dort'iDr*C*:*,*nein..*F.C.: Warst also noch nicht dott!  Aber derSohn vom Draaser hat er geheißen?(Ja)p der hat nach Hause geschrieben quaei:Heute wa unser oberster Führer da, eben der Himmler, und hat Auschwibtz inspiziert, U"d er ist auch nur ein Mann wie jeder anders ... er haihm nicht imponiert ...TeeHaben Sie Himmler gesehen?Dr*C.:   Er ist sehr in meiner Nähe gewesen amSchluß...Dasalso ist der Vik, wie meine Mutter.sagt" sie kannte ihn g hat als Mädchenmit ihm getanzte Und mir hat er Pfefferminzplätz in der Apotheke ZURKRONE/re-schenkt.  Er ist ja f ein , annwie jed andere.-27o-VonAuschwitz sind insgesamt 231.ooo Personen......nochlebend Weggekommenlebendweggekommen.Undwie viele sind ermordet worden?Gleichan der Rampe? ...Inden ersten Jahren sind ja viele...Männerund Frauen...gespritztworden ( senkt die Stimme): Nur hat man ja nicht mehr das Tempo mit demSpritzen einhalten können... das man gebraucht hat.( Kaum hörbar.  Seufzt.)Männerund Frauen wurden aus den Ungarntransporten 113.ooo tätowiert ... Sammeltransporte..arUndwie der Himmler in Auschwit    warst du schon dort?Nein...Warstalso noch nicht dort!  Aber der Sohn [email protected] hat er geheißen?Ja.Derhat nach Hause geschrieben, quasi: Heute war unser oberster FÜhrer da, obenHimmler, und hat Auschwitz inspiziert. Und er ist auch nur ein Mann WIE JEDER ANDERE... er hat ihm nichtimponiert..._-HabenSie Himmler gesehen?Erist sehr in meiner Nähe gewesen am Schluß ...SchöneGegend.  In der Ferne derDreikaiserberg.  Doch nach Hau-   se,in seine, in meine Vaterstadt, dierf   derApotheker nio:@-   mehrzurückkehren,   EinKlausenbur-   gorGericht hat ihn   zumTode
verurteilt.  In Abwesenheit, in aller Abrfesenheit.  '«--

Nein#er# Dr,« Cou sei an auf keinen Fall soweseng er habe nie aeli-,Jz. tiert# ersei eben verwechselt worden mit dienen Dr, Klein# ebenfalls Siebenbütget# »gnkonnte niemand mehr fragen# denn er warInBergen-Belson von den Briten  worden, Als mitver,-antwortlichfür das entsetzliche Grauen In Betf#en-Beleen. Der pothaker na [email protected] bau#  "@ht zu Tode gebracht   woisindn     den.  Man konnte nichtwahrauviel Nehtune "geben für sie* Und es kam alle* aus dem guten und kam bisbergon-Balten * Bergen-Belnen wir für 12ooo Leute eingerichtet und 12o coowaren nun da.  Ja# wie sollten die gesundlebt»* Die* die über mich geschrieben hat# hat auch über BergenBeleengeschrieben* Sie wer auch dort*** Und da'vagt 349# wie schön war es doch undwie ordentlich in Auschwitz# da sind die Leute gleich verbrannt worden# dieToten# hier hat man nie einfach# weil es zu kalt war und kein euerunfjanatortalwar# In Hof [email protected] etapolt und die Ratten haben *ich vermehrt an denenw Und dennsind die Ratten In die garakon gekommen und haben auch da enge*, Ta Furohtb*r4FCtin# es ist furchtbar*Cs3ai und das schreibt *Ja In ihrem Buche Ts Aber wie heißt die Frau?CtZu Haue* hab töhe in den Akten***Fctzsollenwir nicht nach Haus* gehen# Kaffeatrinken!Und auf den Weg 4o dtf Wohnung# die Frau ging neben ihm#korrigierte Ihn sanft# wann er einen Gedäbhtniaaunfall hatte» anfing zustottern der Grauhaarige# der Alte Maanige Mannt der neun Jahre hinter Gitterngesessen harter kaum fähig* zu begreifen was mit il geschehen war# schuldunfähig- värtotdigteur sich immer noch.W mit schwerer Zunge.,.# der Landsmann"der [email protected] nur [email protected]@[email protected] war totg ihm konnte «n 98 nicht mehr in die Schunheschieben$ die Leute aus Israel aber wollten auch einmal gerne nach Deutschlandke»en und zieh mit ihren Freunden treffen» und mal hier etwas einkaufen könnenusw* Und so Ist der Doktor gekomen und hat allen# was auf den Klein $tanzte awfwich eiftteatellt, weil ich auch ungarisch spreche*..   unddahn hatte   Eigentlich2wei Zeuge   "U   daß[email protected] den Tagg   wo
er #tkouiiaen ist# ernten Pfingattag oder zweitenPfingetta'#, Ich habt genau zu Haus* daß ich nicht dort war.  Und Ich war d«als in Berlin während derPfingettaeuo beim Bäcker Pepi# das ist ei n Schwab# der wer dort alsSturobennführer In der Zentrat-SS-Apothakoo In Berlin# Und Ich war In Berlin zuBesonh * Und da waren zwei Schwestern* Und diese Uhwestern waren# [email protected] dieeine beim Abendessen beim Bäcker# da hat* allen #""en' was es Inaanat gib+*,/# das war auch dar**Da**also ist der Vik# wie Meine Mutter [email protected]',
   ins,#hat als )Wdohen alt ihm nie      form   tanzt*   ir hat er Pfef   Jnz-
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   meinersiebenbüll   «   to Und [email protected],@   en wir alle hier$      9 ]«vier - eng
   Auchin Auschwitz# sagt er# war   ja   ein   ganz gewöhnlicher Betriel   Vielehatten ihre Familien dabei,   to   gab   eine deutsche Schule»
Die Familien hatten Gärtchen und Häwooheno Man ging jagenund ti-A0Weihnachtenvor allem.
   1   das mit Ihrer Karriere;Sie kamen ja, WL4rdev2eingezogen-
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len hac h München und Üachau ... fragte [email protected] Apotheker"'Nein,ich war von Wien zuerst nach Berlin geschickt, im Ersteklassewagen und alles;vorher, bis Wien waren wir von Siebenbürgan im Viehwaogon gekommen,bis Wien aufStroh...VomVOMI Assentierte.'Z'Sicher,wir sind in'H'ermannstadt assentiert worden, vom Dr. Weindel, ich war ja vorherrumänischer Hauptmann bis 43,dagabsdieses Abkommen, daß alle [email protected] zur SS müssen...-,1Und dann kamen Sie von Berlin zum erstenmal in ein Konzentrationslager?  Sie haben ja vorher überhaupt keine Ahnungdavon gehabt?!Doch.  Nicht vom Konzentrationslager direkt, sondernvom Zentralen Sanitäfoslager in Warschau See Siekamen also von Warschau nach Pachau.».wirkamen nach Berlin, dort sind wir 8Wochen  herumgelaufen, haben ihnenbezahlt, damit sie unsere Uniformen nur langsam schneidern, das hat der BäckerPepi e in Schweb organisiert, dem hats kolossal gefallen in Berling wir habendort Zigaretten und alles gehabt, hat eine Schachtel Zigaretten hingelegt undhat verlangt drei Karten in der ersten Reihe"in der zweiten*Reihd - in derFrie-derichstraße g4&bs ein Kabarett, a\la Poele Betg-"eie wie in Paris..* das war Herbst 43.  Und dann sind wir alle zusammen geschicktworden zu einem österreichischen Apotheker, der in Warschau das ZentraleSanitätslager hatte, und wir sollten uns dort allmählich an die Sache eiWÖHNEN . Und der hat auch soln wenigSchulung gehalten vom 43SOLUtiN BEFEHLund da 0 man eben alles tun mußwas befohlen wird*.  Es gibt KF-INC-WI D D E R R E D E#Das kannte man ja schon von zuhause! [email protected], das kannte man sogut '[email protected]ß die @achsen z gditgehorchten dort ... Wenn so ein SS-M.ann einen Auftrag bekam, führte er ihn auch [email protected] egal was... Jaja.. Und mir hat der Wirths gesagt: "Ich hab im LagerSondervollmachten, ich kann @.zz erschießenlassen...mich erschießen lassnn,:. --3a,weil du dich gewehrt hast zu selektieren,- sagt seine Frau. @a, und ich habmich dann sofort ans Telephon gehängt und hab mit dem Popi gesprochen...'lfe%-Aus Harmannstadt stammt  aus ner?' Nein"   demBanat.  Und dert- hat sofort mit demGruppenführer gesprochem, mit einem von den Gruppenführern in Berlin, die beimFührer waren, der höchste-: von derArzeneiabteilung, ist ein großer Mann gewesen , körperlich groß. Und der hat den Standartenführer Lolling, daswar der höchste Arzt über die KZs, den hat er zur Sau gemacht.  Was da passiert sei.  Es komme da ein Apotheker mit Erfahrung undwill euch halfeng arbeiten, und dann stellt ihr ihn in einen Betrieb, der garnichts mit der Apothekerei zu tun hat. Sie worden sofort hinfahren und Ordnung i3chaffeh!  Und dann ist er nach Aus chwitz [email protected] - oder wer?.;. @Ja.  Und siehaben mich dann eingeladen zum Wirths.  UNd so bin ich befreit worden.  In Warschau also haben wir das mit demabsoluten Befehl gelernt.  Ichhabs mir aber nicht gefallen lassen",t,
Istsnicht übertrieben, Michael, wenn du so allergisch auf längst Vergangenesreagierst, fragte Mutter. Und ich: Ists nicht so, daß auch sonst, bei vielgeringeren Mordtaten, der Fluch einer bösen Tat jahrzehntelang,jahrhundertelang auf einem Ort lastet, so daß die Leute ihn meiden und sogarTote ihre Ruhe nicht finden können, bis die Schuld getilgt ist. Wie sollte dasdann nicht millionenfach verstärkt sein bei diesen unvorstellbaren Dingen, diequälend am Abgrund unseres Gedächtnisses liegen?Carmenzum Beispiel, deine Schwester, Carmen rührt nicht daran. Carmen sagt: Ich binso, wie ich war, rühr nicht daran. Und du, Michael, laß die Finger davon, duschadest uns!Sieverzieht ihr Gesicht. Haßt sie mich? Nein, sie mag mich. Aber alles ruht. Istalles nur ein Warten? Kocht da etwas auch in ihr, in ihnen allen? Nur – sie wissenes nicht?Alsich in A. anfing, von meinem Besuch bei Dr. Capesius zu erzählen, gar dasTonband holen wollte (es holte), die ersten Apothekersätze breit undunkultiviert da rausklangen, gabs eine peinliche Stille.Waswillst du damit?Darübernachdenken.Widerwilligblätterte Carmen in den Büchern, die mir der Auschwitzapotheker mitgegebenhatte.Sieh,auch Onkel Andreas ist hier angeführt, sagte Mutter erstaunt.Duwillst doch nicht etwa darüber schreiben?! fragte Robert in scharfemunangenehmem Befehlston. Das würde uns doch alle nur belasten und uns allen schaden.Unddann verschwanden die beiden. Carmen und Robert waren plötzlich "furchtbarmüde".Vatersagte nur abwehren: Ich war immer nur Privatmann.UndMutter: Denk doch an unsere schönen Feste zu Hause.Aberder Apotheker habe doch sicher einen Knacks davongetragen, sagte Mutter eifrigund ein wenig aufgesetzt bedauernd. Als wär er ein Analphabet, so spricht er,und ist doch ein studierter Mensch. Auch habe er ja immer etwas Brutalesgehabt, fügte sie leise, fast schuldbewußt hinzu.Hermann,der mit Iren zum Abendessen gekommen war, meinte auch, bei Andreas wisse man janicht, ja, zugetraut habe er ihm so manches. zumindest sei der immer einNeurotiker gewesen.Alleatmeten ein wenig auf. Hier hatte der Arzt gesprochen. Das war die Erklärung.Jetzt hatten wir es. Dr. C. war ja schließlich neun Jahre im Gefängnis gewesen.Da war doch alles in Ordnung.Ichaber ließ nicht locker:Willstdu seine Taten etwa kriminalisieren, als wäre er ganz einfach ein Verbrecher,den so ein Richter für alle andern "bestrafen" kann, als wären alleandern frei von Schuld: Es war doch ein ganz allgemeiner Zustand damals.Ja,aber was war das für ein Zustand?Hermannmeinte, keine Vergangenheit ließe sich fassen.UndMutter sagte: Wir waren andere Menschen damals.Irenmeinte, es sei kaum jemandem möglich gewesen, den Alltag, in dem man gefangenwar, zu überschreiten. Wie viele Leben müßte man haben, um nur auch einenBruchteil dessen zu erfahren, was wirklich geschehen ist. Es sei ein Gefühl,eine Stimmung.Erhabe Eindruck gehabt, sagte Hermann, daß in der offiziellen Geschichte überjene Zeit und auch in vielen Erklärungen, weshalb es nun so war und wir sogewesen sein sollen, unser Leben gar nicht vorkommt. Meines jedenfalls nicht.Esläßt sich gar nicht genau in Worte fassen heute, sagte ich.Aberwas meinst du eigentlich? fragte Mutter bekümmert. Ist alles schlecht, was wirdamals gelebt haben, war unser Leben verfehlt?Nein,das meine ich nicht, nur, daß die gleichen Gefühle und Gedanken von damalsheute nicht mehr möglich sein sollten, aus gutem Grund, aus schrecklicher Erfahrung.Und daß wir das alle nicht begreifen, weil unsere heftige Sehnsucht nach jenerUmgebung zu Hause Unwissen mit einschließt, als wären diese Gefühle nichtdurchtränkt von Falschem. Man müßte endlich einmal einen radikalen Schnitt machenkönnen!
Andreas;von ihm geht auch heute noch eine Sanftheit und Rastlosigkeit aus, sein Gesichthat etwas Irritierendes, das auf die Anwesenden übergreift, die nicht wissen,was sie so unruhig macht. Als ich ihn mit Jann in Innsbruck besuchte, da warseiner Freundin Helga, einer blonden Frankfurterin, der Streß des dauernd mitihm Zusammenseinmüssens anzumerken. Sie war sehr nervös und ging unruhig von einemZimmer ins andere.Andreashat eine weiche, pastorale Stimme. Und singt dann am Klavier ein Schubertlied.Plötzlich ist er absent. Starrt auf einen entfernten Punkt außerhalb desRaumes.Helgamerkt, daß Andreas vom Wein nicht eingeschenkt hat, nur mir und sich selbst,tippt ihn vorsichtig an, ähnlich wie man Irre berührt, sagt: Das war aber nichthöflich! Sieht ihn mit einer milden Wut an, als sähe sie ein Brett vor seinemKopf, an dem nicht zu rütteln ist, und gießt selbst das Glas voll.Andreashatte nur 'ja, ja'  gemurmelt, kaum etwaswahrgenommen.Duwillst also ein Buch schreiben, erkundigte er sich neugierig: Was beschäftigtdich?DieUrsachen unseres Verschwindens.Aha,aha, du bis also kritiksüchtig! Nietzsche hat da ein schönes Wort: MenschlicheTugenden: Güte, Hilfsbereitschaft, Edelmut usw. sind nichts als eine ArtLuxusgüter, die wir uns nicht immer leisten können. Das habe ich irgendwo beiNietzsche gefunden, und das möchte ich unterschreiben.Essind nicht die obersten und höchsten Werte?Ichmöchte sagen, es gibt keine obersten Werte. Weltanschauung ist immerbiologisch: Ich will leben und überleben.Andreas'Gesicht war wie verweht, ein großes verschwommenes Ei.Aberauch ich meine, fuhr er plötzlich ungewohnt leise fort: Gewissensfreiheit istdas Höchste.Warumbist du dann nicht aus Auschwitz geflohen wie andere auch? Stand dieTodesstrafe darauf?Andreassah mich mit den bläßlichen Fischaugen amüsiert an: Freilich stand dieTodesstrafe darauf. Desertion. Aber nein, das wars nicht, an Mut hats mir nichtgefehlt. Aber ich war für Ordnung, für bedingungslose Disziplin. Wohin hätteich auch fliehen sollen, es waren ja meine Leute, die dort das Sagen hatten,die mich brauchten."Dort"aber, an jenem Ort, geschah auch "Gräßliches", vor allem ganz amSchluß, 1945. Die Krematorien rauchten, sagte er, die Verbrennungsgruben warengefüllt mit brutzelndem Fett der Vergasten, die keinen Platz mehr in den Öfenfanden, aber alle waren froh, wenn Hochbetrieb war, denn das Lager hatte dann genugzu fressen. Jeder Transport der Vergasten vergrößerte die Lebenschancen. Die SSwar betrunken, suchte nach Gold und Diamanten, stopfte sich die Taschen voll,die Häftlingen im "Kanadabereich" ebenfalls, mit Geschmeide undSchmuck, Gold und Edelsteinen konnte man Kartoffeln kaufen, ein Aspirin. Sogarin der Asche der Toten wurde nach nicht geschmolzenen Brillanten gesucht. ImGroßen aber, ja, da wurde das Gold der Zähne in Stäbe verschmolzen ins Inneregeschickt des Reiche, um die Staatskasse zu füllen, die von wegenEndsiegsanstrengungen leer geworden war. Vor allem gabs mehr zu essen, weil dieins Gas Getriebenen in ihren armseligen Bündeln Lebensmittel mitgebrachthatten. Dieins Gas getriebene Herde von Menschen, die in den Betonkammern schreienderstickten, man kennt die Schilderungen. Auch Dr. Capesius hat da durchsGuckloch ärztliche Blicke geworfen, um den Exitus, der oft erst nach zwanzigMinuten eintrat, festzustellen.DieseErleichterung, weil die Suppe aus der Lagerküche durch die Abfälle vonLebensmitteln, von Todgeweihten hierher mitgeschleppt, etwas dicker wurde.Solche Suppen haben wenigstens kurze Zeit Hunger gestillt; Tod der andern:Hoffnung auf Verlängerung des eignen Lebens.
Dr.Capesius kam kurze Zeit, nachdem das Lager wegen Ansturm der bolschewistischenHorden geräumt werden mußte, genau wie sein Kollege nach Bergen Belsen. Andreasaber wurde Kommandant des Lagers Flossenbürg.Alemeine Sendung über Dr. Capesius' Tätigkeit im Süddeutschen Rundfunkausgestrahlt wurde und darin Mutters Feststellung: "daß mein JugendfreundDr. Capesius wohl einen Knacks zurückbehalten hat" zu hören war, schliefsie, weil sie ihn "beleidigt" habe, die ganze Nacht nicht. Ob erjetzt wohl gekränkt sei, fragte sie. Die andern Dinge hatte sie einfach nichtwahrgenommen, die waren alle nicht an sie herangekommen.Undals ich ihr die Stelle in meinem Manuskript zu lesen gab, wo Hermann einenAusspruch Andreas' über Tante Cäcilie zitierte: Seine Mutter sei keine gütigeFrau gewesen, strich sie das Wort "gütig" aus und schrieb "nichtimmer selbstlos" darüber. Andreas' Tätigkeit aber, die an den"brennenden Gruben" , löste nichts in ihr aus. Ging es sie nichtsan!?
Gesichtererstarrt. Befangen. Nicht Mitleid, nein, unklare Hemmung. Mund zu. augen auf.Gefesselt von der Grube.MeinFreund Adam, der Häftling gewesen war, sagte, die gleiche Scham überfiel uns,überall, nach Selektionen, nach dem öffentlichen Prügelstrafen auf dem Bock,nackte Frauenhintern hochgestellt wie etwas, das nicht sein darf. Aufgedeckt,Handlungen wie Schnitte ins tiefste Gefühl. Eine Scham gegenüber dieser Schuld,die andere auf sich geladen haben. Oder die nackte Wahrheit, Qual, weil diesalles faßbar, wirklich, erlebt ist. Ein Schlag, die Uhr steht. Irgend etwas istfür immer vorbei. Nie wird mans abwaschen, vergessen können. Und ich warverwundert, daß die Deutschen diese Scham nicht zu kennen schienen. Hatten etwas,was wir nicht kannten. Wenige von uns rannten auf die Reiter zu, als das Lagerbefreit wurde. Gedämpft die Freude. Jetzt erst sollte das Elend beginnen; keineAusnahme mehr. Man mußte nun damit leben, für immer. Darauf gibts  keine Befreiung.
Stimmt,sie kennen es nicht; es gibt eine innere Wand. Blei. Tatsachen und Befehle. Inder gläsernen Seele metallischer Sprache gebrandmarkt. Und mich hat man beimProzeß oft gefragt, sagte der Apotheker: Na, Sie hätten sich doch einfach andie Front melden können! Ich konnte mich nicht an die Front melden, ich war zualt. den an der Front waren junge Ärzte, die Leutnants waren, dieObersturmführer waren, die wollten nicht einen Apotheker, der Sturmführer oderHauptsturmführer war und dadurch nach SS-Manier das Kommando hatte.HabenSie es mal versucht?Nein,da hat man gesagt: daß man nicht kann, daß man uns nicht braucht an der Front,man kann uns nur im Hinterland beschäftigen.
Andreasund Dr. Capesius gehören zu mir, wie ich zu ihnen gehöre.Ichträumte unruhig in jener nacht bei meiner Mutter in A., daß wir uns wiedersahennach tausend Jahren in einer Baracke, ich mit Frau und Kind und trug einenzerknitterten Judenmantel, grau, zusammengepfercht in einem lastwagen, einkleines Gitterfenster, man sah von fern die Auen der Kokel. Und erfuhr spätervon einem Alten, daß er ertrunken sei auf dem letzten Transport, blau der Tank,der ihn überfuhr.Alsmüßte ich nicht nur an den Opfern, sondern auch an den Henkern etwas wieder gutmachen, zwei Hälften, zu denen ich gehöre.Ichhöre Dr. Capesius stammeln, sein großer Kopf wackelt, Augen starr hinterdunkler Brille. Und doch, ich weiß, er ist vor kurzem gestorben. Sein Tod? Ister nun besser im Bilde?Undseine Stimme in meinem Ohr ist immer noch da, breit und schleppend, als müssesie schwere Gewichte mit tragen, müde. Das Anonyme aus ihm, das tödlicheKlischee, wie früher, Gott abzuschaffen, die innere Stimme, die sich wehrenkönnte wider die Vergiftung, und den Befehl?Ineiner Stunde werdet ihr euch wiedersehn... in einer Stunde... keine Angst...,soll er gesagt haben, unser Apotheker. Auch die Unbekannte kann dort an; kamenan ihr Mann und ihre Kinder. Ob er an jenem Tag, Pfingsten solls gewesen sein,an der Rampe gestanden hatte, weiß niemand. Er sagte vor Gericht aus, an jenemTage sei er nicht dort gewesen... Pfingstbesuch in Berlin... ein netterLandsmann. Ich höre vom Tonband seine Stimme:...daist Sodom und Gomorrha, sagt er: Es gibt noch etwas mit der Unterwelt, irgendso ein Zitat, das auch vorkommt, wenn es dir mies geht, wenn es amallermiesesten ist. Der Himmel sei immer rot gewesen, sagt er, Luft vollerRauch, süßlich, du riechst es, jeder weiß... versengt nach Haut... Ja, man hates gewußt...Dernaive Terplan aber verfiel nun ins Brüten. "Mir wurde es ja langsamklar", schrieb er, gleich nachdem die Gäset gegangen waren, ins Tagebuch,"was für ein furchtbares Erbe ich in mir trage: und ich kann es  nicht überwinden, aus meiner Seelerausschaufeln: ORDNUNG, dieses Geheimnis nach dem wir suchen.  Wie Ornung entsteht - das größte Geheimnis.Aus dem weißen Rauschen, dem Möglichen, der Überraschung. Doch wehe, wenn seiein Fertzigteil, das Gewesene ist, ein Tick. Und  kürzen so das Leben um eine Ewigkeit. Wie ESdies schon im Sprachdurchlauf schafft, in furchtbaren Wortalchemien, die ja dieMacht sind: KL, HSSZPF, RF, SS. Anerkannt sogar vom Papst. Zur Be­seitigung desWELT­ORDNUNGSWIDRIGEN ZUSTANDES, Chaos, die bolsche­wistisch-jüdischeAushöhlung und Infektion der Seelen (und Geschäfte), Kampf für den ordnungsmäßenLAUF DER WELT. Onkel Andreas hatte früher einmal Terplan eine ORGANISATIONS­SKIZZE  des ordentlichen Dienstweges in AngelegenheitenKL, geschenkt, die Skizze enthält auch die in der Praxis nachweisbarenBefehlswege (gestrichelt) mit handschriftlichen Eintragungen unseresApothekers, der dankens­werterweise alle in der Skizze fehlendenVernichtungslager als ordentlicher Sachse nachgetragen hat. Ich hatte sieAnbdrea gezeigt, der sah sie interessiert an, schob sie dann beiseite und erzählteweiter, wie sie, um dem zu entgehen,mit dem Kommandanten Höss gefeiert hatten, auch Weihnachten. Stille Nacht gespielt.Heilige Nacht, alles schläft einsam wacht. O du Fröhliche, O du Selige,gnadenbringende Weihnachtszeit. Mit dem Komman­danten Höß. Klavier gespielt, umzu vergessen. Lichterbaum, Wunderkerzen, um zu vergessen. Tannenduft. Allesschläft, eiin...saam wacht. Und tröstete sich damit, daß er noch denken konnte:Und das FEST als Versuch dagegen. Wie die Musik. Was ist das Ewige: Gegen das Verkommene, Verlotterte,Schmutzige, Unsaubere, und zu vernichten, was verfällt, wir: wollen das Lichte,Blonde, wider die feuchte Stelle. Am besten und besser als das Niegesagte oderdie niegesagte Waise im Fest zu halten, darin wäre der Glanz des Nichts, dereinzig  entspricht: Jahrtausende wie eineSekunde, und wir, du jetzt noch, ich nicht mehr, eigentlich immer nur abwesend.Alles in die Flucht geschlagen, so zu sehen, ein langer Korridor, den du, ichweiß, oft träumst, halb geöffnete Türen, Türspalten darin Menschen wie Schemen,und durch die großen Fenster blickst du kurz, alles im Vorbeilaufen,Ereignisse, du läufst da durch, bist nirgends da, kannst nicht   ausruhn, die Einbildung, zu Haus zu sein,gar dahin zu kommen, wie du, entschuldige, Idiot, es versucht hast, ist genauso ein Schemen, kurzes Aufblitzen von Augenblicken, Bildpunkten.    - Ja, seit das geschehen ist, hat derRächer uns nicht mehr losgelassen, sagte ch zu ihm. Er hat auch Siebenbürgenvernichtet.    Manchmal glaube ich, es ist dieOrdnungswut, die uns zugrundegerichtet hat, Ordnung und Sauberkeit, Disziplin,  Pflich­kantigkeit...Es war auch HitlersWahnsinn,  durchaus in klinischem Sinn.   Und ich spüre den analen Ordnungssinn auchin mir, Ordnung auf dem Schreibtisch, alles in Reih und Glied, Bleistifte, Federn,Papier, Bücher. Und fühle mich dann im Aufgeräumten wohl. Primitiver Kampfwider die Entropie? Schmallippigkeit als junger Lehrer, da mußten die Schülerin Reih und Glied stehen. Parieren. Und die nicht gehorchten, bekamen Prügel,Strafe muß sein. Ich war in Amt und Würden. Bei den Vätern war es nochschlimmer mit der Ordnungsbesessenheit und den zusammengekniffenen Lippen. IhreTaten wären anders nicht möglich gewesen.O Donna Clara, ich hab dich tanzengesehn... Und ist es nicht so, daß dieses Lied, Kitsch freilich, doch am bestendas Unwahrscheinliche ausdrückt, das freilich zeitweilig befestigt wird mit einerschönen Naturerscheinung, solange wir da sind, versteht sich, gesungen alsowährend der Kriegszeit von den Frauen, die Angst um ihre Männer hatten, zu oftnämlich, kam dieser schwarze Feldpostbrief. Das Lied aber, ist das Gegenteil,auch Mutter sang: Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, und sofort dannweiter: Nach jedem Dezember kommt wieder ein Mai.   Der RÄCHER ist aktiv. Die Furie desVerschwindens. Es hat alles nichts genützt, sie hat gesiegt, auch im Kleinensiegt sie täglich, siegt dieses Unerkannte, das alte Nie, siegt jede Sekundeüber uns:  die Rache  Entropie."
   Nein, da fand er doch diese Ähnlichkeit desheute aufgetauchten Cris mit den Opfern, den Dottore heiter vermittelnd undRuts Geist ganz anders, ganz und gar das Gegenteil vom Tod, eher ein sichaufbauendes Leben, das den Schrecken hinter sich hatte.
   Ach ja, ach, ja, wie schön wars, als derTod noch im Lied  gewesen war! Gar inSchuberts "Lindenbaum": Terplan hörte es in sich singen, und er sah sich auf der Sandallee beimSommerhaus in Siebenbürgen. als Kind auf einem Lindenbaum sitzen, einLeinensäckchen um den Hals und süße Lindenblüten für den Tee pflücken, beiFieber zu trinken. Und Mutters Stimme hört er: Sorg auf dich, daß du dich nichtvom Baum zu Tode fällst. Ich würde das Künd nicht da  hinaufsteigen lossen: sagt das heisereStimmchen der schwerhörigen Großmutter, der Mitzmother, die mit ihrem zittrigenStimmchen: "Am Brunnen vor dem Tore" singt. Und da steht einLindenbaum. Und träumt in seinem Schatten so manchen süßen Traum. Und rührtauch heute noch Terplan, rührt ihn mehr an, als jeder Tenor mit seiner feinenGesangskunst;  die Mitzmother sang es vereinfacht,laienhaft zitternd, ja, tremolierend, mit dem Klang einer schrecklichunerfüllten schweren Sehnsucht und einem quälenden Heimweh nach ihrer Jugend:"Noch einmal achtzehn Jahre möcht ich sein!" in ihrer Stadt, die nurhundert Kilometer von S. entfernt war, doch die sie nie mehr sehen durfte. (Wohin genau aber wollte sie "zurück", in eine ortlose Gegend: Nocheinmal achtzehn Jahre möcht ich sein!) Aber auch sie variierte den"Lindenbaum" bei der zweiten Strophe bis zu den "kaltenWinden" in Moll, und besonders anrührend bis zum Weinen bei der letztenHalbstrophe, ihrer Reprise "Nun bin ich manche Stunde", und dem"So manches liebe Wort", wie nun: ganz im Fremden und Verlorenen undKalten, sich heftig zurücksehnend "Als riefen sie mir zu" und"Entfernt von jenem Ort", und griff auch ohne helles, warmes undatemkluges so maßvolles Schluchzen eines Tenors - mit ihrem ganz wirklichenSchluchzen dem Kind Michael ans Herz, daß er es bis heute nicht vergessen kann,ja, mit seinem eigenen Heimweh verbindet, das er fast schon vergessen hat, eineWunde, die vernarbt ist, aber immer wieder aufreißt. Vor allem beim Hörbarendes  nur im Erinnern Hörbaren diesesStimmchens: "Zu iihm mich iiiimmer fort", oder gar: "Hier findtsdu deine Ruh". Und sang es ganz bewußt als letzte Sehnsucht, wo sie imTode sein wollte, fand aber die letzte Ruh dann doch nur in S. auf demBergfriedhof und nicht zu Hause  - bisheute. Ja. Das Gotterbarm. Und jener Sandweg, Sommerhaus, Leinen­säckchen, derLindenbaum  mit dem Weinen im Singen derarmen Mitzmother und das Herzzerreißende daran, das ihn packte ganz unmittelbarund stark, war das Unheimliche, das dahinter stand, das war nicht nur dasAbschiedsweh, sondern verborgen das letzte Abschieds­weh wars, dasdahinterstand, und eine ferne Heimat, die niemand denken wollte, sie sichverbot, da sie so unwahrscheinlich, weil so ganz anders und unerklärlich, wennauch ganz deutlich in unserem  Gefühlsteht, in ihrem Gefühl  erzittert.  sondern kleine Leute, etwa anderthalb Metergroß, die hatten Arme und Beine, doch ihr Körper verschwamm in einemLichtkreis, einem Lichtkegel, der sich durch die Türe auf mich zu bewegte, ausdem Bad kam dieser Strahl, ich meinte zu ersticken und schrie. Jetzt war esähnlich, ein vibratorischer Übelkeitszustand, und Gedächtnisfetzen kamen hoch.Ich war befremdet... Und hoffte noch rechtzeitig aufzuwa­chen... Blaue Tanne,rote Glaskugeln. Elfi, die Tote, erzählt. Mit ihr stehe ich vor einerBahnschranke, dahinter Hügel, niedrige Häuser, ein Kreuz, Schanz­graben, Katzenköpfe,Wiesen gelb von Primeln, diese Adjektive, Frühjahr, wie ein verkapptes Verb,Rauhreif, auch an den Telegrafenmasten, auf den Drähten, alles tropft insJenseits, und in den Türen auf der Gasse große Liebespaare. Dann dieseSchranke, die sich hebt, donnernd fährt ein Güterzug mit Panzern vorbei. -  Und wenn diese geschmeckten Bilder sichzusammentun, ists ein dichtes Netz von Gerüchen, und dann sind wir im Paradies,jaja, in der Kinder Zeit; aus der Badewanne steigt Dampf hoch, wie ganz amAnfang die Wolken sind des Herrgotts Bart, aber der glühende Badeofen ausKupfer zischt, und hier werden Brüderchen und Schwesterchen von der Stiefmuttererstickt. Durch die Jalousienritzen kriecht in Scheiben das Lampenlicht von der Gasse herein, und im feinenStrahl steht ein kleiner Silberengel und tanzt, tanzt, bis er ganz zuStaubflimmern wird. Und diese winzigen Engel berühren mich sanft undhoffnungsvoll Der Hohlweg im Baum Garten mit raschelnden, dürren Blättern,randvoll gefüllt, darin Waten, Geruch mürbe Erde Blatt zerbröselt, und einHolzweg fällt ein, Laufen der Kinder, holprige Wege, unter dem Nußbaum einSandhaufen, und ein Astloch, da vergruben wir Sand  bis das Loch zuwuchs... und eben fährt Bubiauf grünem Rad surrend den Weg hinab.  Unten am Steinplatz aber der Fiaker, Brr. Hoh. Pferde, wie nah. Und ausdem Fiaker stiegen die Mitzmo­ther und der Großvater, klein mit Stock, Brilleund Hut, die dicke Warze unter dem milden hellblauen Auge, die Mitzmother mitSonnenschirmchen, ächzend, fettleibig den Weg hinauf, die Steigung am Lindenbaum,vorbei, ich hör ihr zittriges, zerbrochenes Stimmchen, wehmütig: Ich schnitt inseine Rii­inde, so manches süße Wort. Und hinter ihnen Erschi, die Magd aus dem Szeklerland, mit einemriesigen Henkelkorb, da gabs Eß­bares, frische Kipferl vor allem, Semmeln,Yoghurt, Mineralwasser, Borsek oder Wasser aus Homrod.  Dahlien blühten, dieser unbestimmte Geruch inder Luft, Geruch von Holzfeuer, gebratenen Pilzen, ein blauer flimmernderHimmel, eine Feder­wolke, und darüber, dort, sieh, Mama, der große Engel miteinem Kopftuch, der fliegt.  Die blaueLuft wie eine feste Glasglocke. Dann verwischte sich langsam das Bild und wurdewieder zur Wolke.
AmMorgen war Terplan wie gerädert, und er versuchte seinen Zustand  durch Schreiben zu verändern: diesen Zustand,der in ihm aus dem vergangenen Leben nachhallte, und den er"draculös" nannte: "Auch ich bin andauernd zwischen Ost undWest, also zwischen Sein und Nichtsein herumgereist, mein Herz unentschieden; dochdiese Unentschiedenheit gehört zu meinem Wesen; die Formen, die beruhigen, einegewisse Lebenssolidität, die so tut, als wäre sie alles, es ist das erregendeAbenteuer, da zu sein, und die Tragik dabei zu vergessen, nahm ich vom Westen,auch von jenem in mir, den mir die strenge Erzie­hung und Disziplin bescherthatte, Disziplin gegen dies ewige Aufgestörtsein, diese Unruhe, dies andauerndnicht fertig sein zu können und zu wollen, das Improvisieren, die Vorläu­figkeit;die Sehnsucht bekam ich vom Osten mit, aus der Bo­denlosigkeit und dem andauerndenMangel, die Sehnsucht in die Ferne, anderswohin zu kommen.     Terplans Traurigkeit war chronisch, er warsehr oft traurig, doch wei­nen konnte er nicht, staunte und be­unru­higte sichfortwährend, und die meer­grün gesprenkelten Au­gen, die ganz klein seinkönnen, als wollte er die Welt ver­schwinden lassen,  sind in letzter Zeit öfter angstvoll ge­weitet;es machte auf ihn einen  deprimierendenEindruck, daß alles fremd war, die Fremde hier bedrückte ihn. Und Hannah hatte recht,ihn manchmal  "Idiot" zu nennen-  oder "du Kindskopf", wenn erseine Schreian­fälle  und wilden Aus­brü­chehatte. Er war zwar kein Kind, aber es fiel ihm schwer, mit Erwachsenenumzugehen, er mochte sie nicht, er liebte keinen, er fühlte sich aus irgendeinemGrund mit ihnen nicht wohl, er spürte, daß sie nie echt sind, sich andauerndnur verstellen, und er mied ihre Gesellschaft, ist heilfroh, sie loszusein, inden Großstädten steigert sich alles zur Qual, und er ist lieber hier allein;auch Hannah ist lieber mit ihren Blumen und Sinnen hier allein, und allein mitihm, so passen sie gut zusammen. Und vielleicht ist die­ses der tiefere Grund,weshalb sie hier im fremden Land und auf einem einsa­men Berg leben.


   III


Doppelt-in RN: streichen!   KeineEinsamkeit schmerzt mehr   alsdie Erinnerung an Wunder.   JossifBrodsky
    DiePassanten stießen uns an, boxten, weil ich nicht mitschwamm im  Menschenstrom. Dabei hatte ich doch keinenGipsarm. Für körperlich Behinderte wird hier viel getan. Die meisten meinen,ich sei  durchaus da und"kerngesund." Keiner sieht mir etwas an. Doch es ist seit einigerZeit alles  anders. Zeit gilt nurzufällig noch, wenn ich auf die Armbanduhr sehe; bevor ich losfuhr, das Autohatte ich im Parkhaus am Bahnhof gelassen, die Stadthölle und der Ring michaufnahmen,  dachte ich: jede Handbewegungmuß nun anders werden, und sie wird es; jeder Gedanke tut weh. Fast tröstlichwar es; da  drohte mir ein Autofahrer,weil ich mich nicht eingeordnet hatte. Dieser idiotische Verkehr, dachte ich.Aber die Vergangenheit holt uns ein, nicht nur die eigene. An einer Ampelüberquerte eine Alte, den Fußgängerüberweg, sie trug ein Kopftuch, wie man eshier nun immer öfter sieht, alte Bäurinnen scheinen wieder auferstanden zu seinan Fußgängerüberwegen, sekundenweise eine Schutzzone für Menschen; es war ander Ampel bei Grün, vielleicht eine Sizilianerin oder Griechin, mit einemkleinen Mädchen an der Hand, vergewisserte sich, daß der Wagen in dem ich  saß, nicht anfährt, überquerte schneller denFußgängerüberweg, Ich beobachtete sie bei Rot, das Gesicht dieser Alten... inmir brach etwas auf, als wär sie wieder da meine Kindheit, und ich meinte eineBlume, eine gelbe Himmelsschlüsselblume vor mir zu sehen, die ich ganz deutlichsah  an einem Steilhang, Weiden,Fliercher schnedden, sagt ein kleiner Junge, ein Duft auch nach frischgemähtemGras,  und Erde, dazwischen in mir dieBlume, die ich vergessen hatte abzugeben beim Erwachen, und die mich am Lebenerhält, eine Erinnerte. Unzeit hier. Und ich mußte zurück, viel weiter zurückals in die Kindheit, das war mir klar. Etwas wie Herzweh. Oder Herzzerreißender Dinge, und meinte einen Kirchenbaß zu hören in einem kleinen orthoxenKirchlein, und Onkelchen, der Pope singt: Der Tod  mit dem Tode besiegt.       Undals ich dann wieder im hellen Licht der Straße stand, schien es mir, als wäreich aus der Klinik  entlassenworden.     Die andern aber haben mich ganz schönangetrieben: lichtschnell in der eignen Assoziation haben die ihre Agentur,Stimmen, drängen zum Aufschreiben, wie auch jetzt wieder, und ich nahm  als erstes im Auto mein Notizbuch, bevor ichlosfuhr, die Stadthölle mich aufnahm. Nur zwischenzeilig komme das Wahre an.    Ich fuhr Richtung Theresienwiese.Heimweh indieser hupenden, stinkenden Straße:als wär sie wieder da, diese Blume, einegelbe Himmelsschlüsselblume, ein Duft nach Gras und Erde. Und hier nun die alte Narbe. Der Sohn. Maria.
DERSOHN   In der Sankt Paulstraße angekommen,erzählte ich es auch meinem Sohn. Sagte, es sei wie ein Déja-vu-Erlebnisgewesen, die Bewegungen, der Ausdruck der Alten sei mir sehr vertraut. Ich bingern mit dem Jungen zusammen, er ist jetzt zwanzig geworden, bin gern mit ihmzusammen, er ist einer der wenigen, der mir glaubt.    Immer wieder an diesen Ort zurückzukehren,das war Michaels Leben, sah erstaunt auf seinen Sohn. Jetzt habe ich einenEisbeutel auf dem Fleisch, es brennt wie Feuer, meine Brüste sindgeschwollen,   Milchfurie. So hatte ihmMaria vor Jahren nach Deutschland geschrieben. Ein Junge, der dir ähnlichsieht, nur dir. Unglückseliger. Da kannst du deine Finger und Zehen sehen. Essind deine. Die Haare genau wie  beideiner Geburt: ein wüster schwarzer Haarschopf. So, als hätte nicht ich ihngeboren, sondern eine andere Frau. Daß es ihn gibt, ein Zufall, ein Wunder.Nichts.O Mann, wie Leben und Tod zusammengenommen, wäre ich dir keine große,sondern eine kleine und erträgliche Last gewesen. Jetzt fallen mir vorErschöpfung die Augen zu. Was gedenkst du jetzt mit deinem Sohn zu tun?     Tempi passti.   So einfach ist es nicht. Er ist  20 und ich kann jetztmitihm über alles sprechen. Ohne Boden nach der Herkunft fragen? Er frägt nicht.Er sagt nur: wenn ich könnte, würde ich den Schalter abdrehen, alles auf Nullstellen.   Ich stelle mir sein Ich vor. Könnte ernicht so reden: Ich bin im Zimmer meiner Mutter, wohne da, daß ich hierher gekommenbin, ist klar, doch wer weiß, wie. Im Krankenwagen, ja. Von dem, wasübrigbleibt, ist zu sprechen, und endlich Abschied nehmen. Doch habe ich keineWillenskraft. Als hätte ich den Platz meiner Mutter eingenommen, schlafe inihrem Bett.   Es sind 20 Jahre vergangen seit meinerFlucht. 20. Lang zum Leben, zu kurz zum Sterben. Was bleibt. Sie hat ihr Lebenfür ihn geopfert, ihre Investition. Jetzt stehn sie zwischen Tür und Angel, imStreit. Sie schreit ihn an, steht da in ihrer selbstgeschneiderten Jacke, mitTand behängt, wie ein schöner Clown, das Gesicht ist wie Bronze geworden, ichdenke, eine edle Indiofrau. Er aber, sein schmales Gesicht mit derbeherschenden Nase, gerötet, schreit zurück in den Spalt, wo sie steht imSchutz der zu kleinen Öffnung, draußen, und als dränge er sie noch weiter ausdem Raum, geht er drohend auf sie zu, schneidend seine Stimme.    Sie ist gegangen. Wir sind allein. Immermuß sie Recht behalten! sagt er. Und die andern Unrecht, auch wenn es umgekehrtwahr ist. Ja, sage ich, deshalb habe ich mich ja von ihr scheiden lassen. DieseFrauen, sagt er, sie wollen einen immer nur einsperren, für sich behalten.   Im italienischen Lokal auf derLandwehrstraße hatte der Streit begonnen. Warum habt ihr mich überhauptgezeugt, sagt er mitten in eine Stille hinein. Ich leb nur euretwegen weiter,auch euch zu Liebe.   Eine unheimliche Energie kommt da zumVorschein seit er verliebt ist. Sein reines junges Gesicht mit den blaugrünen Augenstrahlt vor Wut, als nun Maria anfängt auf ihn verbal einzuschlagen in ihrerennervierenden Art mit ewigen Refrains.   Es geht um das Verlassen des Elternhauses.Der Sohn hat eine Freundin, er will ausziehen, er will sein Leben beginnen. Dukannst ja gehn, sagt sie mit vor Eifersucht zitternden und angstvoller Stimme.Hat sie mich deshalb, hat sie in dieser Panik nach mir gerufen. Sie will, ichsoll ihr helfen, oder sie möchte wenigstens einen Zeugen haben. Er war meinErsatz. Er nabelt sich endlich von ihr ab. Aber für sie ist es eineKatastrophe. Sie redet vom Altenheim. Vom Grab. Wohin soll ich gehn? Sie lehntsich zurück, nippt vom Wein, ist wie erstarrt. Ihr Gesicht bekommt einenhektischen Anflug von verhaltener Nervosität, die jederzeit ausbrechen kann. Erist stärker als sie. Er hört jetzt weg. Ist abwesend. Sie hat Angst vor dieserzweiten Scheidung. "Ihr flüstert hinter der Tür. Ihr werft mich aus demZimmer. Ihr treibt alles hinter meinem Rücken.Ich sehe euren haßerfülltenBlick." -  Mir macht er keineVorwürfe; er sagt nur: Bin ich denn schuld an ihrer Scheidung, an ihrem Umzugvon Ost nach West. Daß sie hier  fremdist, und die Sprache nicht beherrscht? Daß ich zu den Behörden gehen muß, michso verstecken kann. Daß ich ihr die Akten übersetzen muß und ihre Gedichte? Binich an ihrem mühseligen und nervenaufreibenden Beruf schuld? Und diese Scheißwohnung,so wie in ihr, so ist auch außen keine Ordnung. So wie in ihr diese Angst,einen freien Platz zu lassen, horror vacui, wie bei Patienten, sagt er. Woherweiß er das alles? Plötzlich ist er auch an der Drogentherapie interessiert undfragt mich aus. Der kleinste Platz, sagt er: in der Wohnung ist vollgestelltmit Schund. Mit Dingen, Nippes, Tassen, Andenken, Zeichnungen. Ich kann indiesem Durcheinander, wo das Atmen schwer fällt, nicht mehr leben. Stühle ausdem  Längstvergangenen stehn herum,Tassen, alte Kleider, Kinderbücher. Sie kann nichts wegwerfen, sie kann nichtvergessen. Jetzt will sie zurück, eine Villa in den Karpaten kaufen, hat aberkeine müde Mark übrig. Sie läßt sich immer nur betrügen, sie ist wie ein Kind.    Ich bedauere sie, sage ich. Hast du keinMitleid. Nein. Wir gehn jetzt dem Ausgang zu, an der Garderobe ein Spiegel. Ersieht hinein. Übrigens, sagt er, wenn ich in einen Spiegel sehe, erschreckeich, weil ich noch nicht realisiert habe, 20 Jahre alt zu sein, ich meine immernoch den kleinen Jungen von damals zu sehen! - Was soll ich da sagen!    Ja, sagt er. Doch je mehr ich mich an dasneue Bild gewöhne, umso klarer wird mir die Trennung. Ich muß weg, um nichtkrank zu werden. Sie macht mich wahnsinnig.   Und dann jene Szene zwischen Tür und Angel.   Ihr Wutausbruch. Doch keiner fürchtet ihnmehr. Ich bedauere ihre schreckliche Ohnmacht. Früher terroriserte sie damitalle. Jetzt bietet er ihr Paroli. Er ist stärker als ich, und ich sehe ihnverwundert an. Wie hat er das nur geschafft, trotz seiner Krankheit. Mein Lebenhabe ich für dich geopfert, schreit Maria, keine Gefühle von dir. Du bist kaltwie ein Fisch...    Hör auf mit dem Quatsch, brüllt er zurück,zitternd vor Erregnung, das feine Gesicht blaß vor Wut.   Und als sie draußen ist, schreit er: ichhaue ihr noch eine runter, ich schlag auf sie ein, wie sie es getan hat, jahrelang!   Es ist doch deine Mutter, vergiß das nicht.Ich würde es bei meiner Mutter nie wagen, so zu reden, sage ich erschrocken.
Terplanmit seinem Sohn in der Sankt Paulstraße am Fen­ster, ein wenig abwesend, wiemeist, und meint plötzlich zu wissen, daß alles, was ihm im Leben hier zustößt,mit seiner Absenz, mit dem Vakuum zu tun hat, mit einer schmerzenden Leere, dieihn ausfüllt, mit seiner Unmöglichkeit zu lieben, der Bruch mit Ornella zeugtdavon. Der alte Streit mit Maria, weil jedes Fest zer­brochen ist, die Kindheitimmer noch in ihm fault.    DieWelt ist alt. Und sie ist eigentlich schon verstorben, und lebt trotz­demweiter, ein lebender Leichnam.        Überall im Zimmer lagen Spielkarten herum,Zauberutensilien  von Michael oder Leachim,wie er sich nennt, und seinen Namen nur "verkehrt" akzeptiert! Ertritt vor Publikum auf, und der schlaksige Zwanzigjährige mit der kräftigenNase und dem dunkelblond gewellten Haar, das er sich, den Vater nachahmend,gern lang wachsen läßt, ist stolz drauf. Ob es nun gut geht mit dieser Drogedes Auftretens und des äußeren Erfolges? Maria meint: Ja. Terplan zweifelt. Erist abwesend und der Junge muß sich schützen. Seine Schuld, kein Vater gewesenzu sein, und doch einen Sohn zu haben!   Leachim ist verletzlich, er hat vieleÄngste Er hat anfangs hier sehr gelit­ten, als Kind noch Kung-Fu, diesenKampfsport, chinesische Selbstverteidi­gung geübt, ja, genau dies: Selbstverteidigung.Der Schock des Weltwechsels saß anfangs tief. Jetzt kennt er nur noch dieFolgen, mit denen er leben muß, von den Ursachen weiß er wenig. In der Schulehatte er es schwer, er, das "Ausländer-Kind", das er nicht war: Mariahatte einen deutschen Paß. Und sein Vater hatte ebenfalls einen deutschen Paß.Nun gut, der Zauberer mit dem Zy­linder und dem Flitterkleid, schmächtig undblaß, dunkelumrandete Augen.   Leachim liegt oft. Ist oft müde. Schonjetzt. Er versucht sich mit Hilfe der Phantasie aus der Härte des Alltages herauszuspielen, ihn so umzuge­stalten, daßer erträglich wird, er und die Umgebung, auch Maria oder Terplan in einFabellabyrinth reinzuholen, und da nach Wunsch das Geschehen zu beeinflussen.   Blitzartig wurde Terplan in der Unordnungdieses Zimmers bewußt, daß dies sein Leben war, das er nur träumte.  Vater und Sohn kramten in den alten  Mär­chenbüchern und Spielsachen des Jungen,amüsierten sich über "Frau Holle" und "Schneewittchen", undLe­achim nahm dann seine neuen "Besseren Ge­schichten", vor allemCastaneda und Zauberbü­cher. Er meinte, die alten Bü­cher könnte er nun an eine kleine Nichte verschenken und"weitergeben". Doch einige Märchenplatten  wollte er behalten. Sie seien eine Erinnerungdaran, daß er vielleicht doch auch hie und da einmal eine Kindheit gehabt habe!Und Maria kamen die Tränen in die Augen.    Terplan träumt noch immer von zu Hause.Auch Maria träumt vom Schwarzen Meer, von der Donau. Es ist etwas abgeschnittenin ihnen, losgerissen, es kann wohl nie mehr heilen. Nicht einmal der Zauber,die Musik können heilen. Und wenn  derJunge noch flüchten kann, ihnen ist das unmöglich, die Erinnerungräume, diewehtun, bleiben für sie weiter eine Drohung und Gefahr, es ist ein großer,drückender Ernst, der zu Hause noch weich war und ver­schwommen, hier aber hartist wie Stahl. Und alles ist unaus­weichlich, Flucht unmöglich.   Terplan sah, wie jung, ja, schön Mariatrotz ihrer fünfzig Jahre noch war. Wie schafft sei das nur, dachte er, trotzder seelischen Strapazen dieser  fünfzehnJahre, kein einziges graues Haar zu haben, keine Falten im Gesicht; nur um denschmalen Mund ist ein harter Zug. Und dann erschrak er,  wie sie sagte, sie sagte es so nebenbei:"Die Zeit der Liebe liegt in der Ver­gangenheit, und sie war doch soschön, nicht wahr, ich zehre davon, es gibt für mich keine anderemehr."  Und er verstand, weshalb sieimmer noch keinen neuen Partner gefunden hatte, obwohl sie immer wieder davonsprach, sich nicht scheute, Zeitungsannoncen, Heirats­anzeigen aufzugeben."Aber der Junge, der Junge", sagte sie: "Es wäre doch einVerrat. Wie du verraten hast! Mit sechzig vielleicht, mit sechzig, wenn derJunge aus dem Haus ist!"      Der Junge begleitet den Alten spontan zumBahn­hof, zum Nachtzug nach Italien. In der U4 an der Theresien­wiese sagte er,"du hast es auch nicht leicht mit deinen bei­den Frauen, Maria ruft dich,wenn Not am Mann ist, ruft dich  in ihrerPanik hierher nach München, und jetzt mußt du zu Hannah fah­ren, weil inItalien diese sintflutartigen Regengüsse alles über­schwemmen, sie Angst hat.Oder einsam ist." Würde er seiner Freundin sagen: Mein Vater, der ist OK?Einer, der ihn verlassen hat? dachte Terplan.       Ober sich an die gemeinsame Reise nach Berlin erinnere? fragte er den Jungen.    "Freilich erinnere ich mich",sagte Michael mit seiner immer noch leicht mutie­renden Stimme. "Da warich acht."   "Und wir standen an der Mauer, ichwollte dir das zeigen, kurz nach eurer Ausreise aus Bukarest. Und da gab eseinen ähnlichen Vorgang des Umwegs, der sich in einer Sekunde voll­zog."    "Daran erinnere ich mich nicht."   "Aber du erinnerst dich doch  an die Quadriga."   "Daran schon, auch an die Posten. Undan den Hasen, der über die Gren­ze hoppelte, da schoß keiner, weil der und auchdie Vögel frei seien, so sagtest du."   "Frei, mein Junge, ist nur unserSatz, der seltsa­me Vogel. Und der müßte viel mehr  noch und bis in die kleinsten Details alleseinbringen, um das Erlebte und Gesehene zu verstär­ken, ja, aufzulö­sen.Verstehst du?"   "Mir schon klar!" Dabei saher  Terplan mit den grünen, etwas ver­schleiertenAugen an, als müsse er um Entschuldigung bitten, es nicht ganz begriffen zuhaben.   "Aufzulösen! eingeweicht, eingetauchtin unser ganz nor­males taghelles Bewußtsein, das abnimmt, an den Rändern schonaufbricht.  Weißt du, was ich meine? - Sowie du früher die Märchen als wirklich erlebt hast. Nichtwahr?"   "Ja, ich verstehe. Wie das Gefühl beimKlavierspiel."   "Weißt du, was ein Traum ist?"   "Nein, aber ich träume."   "Die Grenze verschwindet", sagteTerplan behutsam. "Seit ich jenes Er­lebnis hatte, ich hab dir doch davonschon er­zählt,  ein Gedächtnis war inmir aufgebrochen. Dies Fallout des Paranormalen, nicht wahr. Und die>Wirklich­keit< wird immer fahler und gespenstischer, und den Restbesorgen die Strah­lungen. Und oben auf unserem Berg, wo ich mein Haus ha­be,da wird auch das Grün davon erreicht, das Gras, die Trau­ben nehmen die innernZerfallszei­ten mit auf. Verstehst du?"    "Ja, es steht ja auch in denZeitungen."    "Als hätte die Welt ihre Grundlageverändert. Oder die ewige Grundlage beiläufig die Welt, sagte Terplan. Und siesind sogar in unseren Schläfrigkei­ten die Sekundenpausen, sind ein Tor. Unddie Toten können sich jeden Au­genblick bei uns melden, sie sind ja nicht tot,das ist nur eine Legende unserer Ver­nunft. Solch ein wichtiger Moment war fürmich auch  jener Augenblick damals in Berlin..."   "Ja, ja, aber davon weiß ich nichtsmehr... "     "Habt ihr heute Geschichtsunterrichtgehabt?"   "Ja."   Der Junge mit den meergrünen Augenblätterte gelangweilt im Buch:   "Dasmit dem Fallout würde mich viel mehr interessieren!"     Terplan sah erstaunt auf seinen Sohn, dererwachsen gewor­den war, mit dem er sich unterhielt, als wäre es für ihnnun  ein Spiegel.      Eswar kurz vor der Abreise. Und er fragte:    "Wieder gen Süden?"    "Nein und Ja. JANEIN. Ich muß, die Arbeitruft."    "Lucca?"    "Ja, Lucca und Siebenbürgen.Ich mußendlich Klarheit haben."    "Seit 15 Jahren suchst du danach!"    "Seit 4o. Aber nun bin ich der Lösungnah."     "Hat das mit deinem Traum zu tun? Weißt du etwas Neues?"    "Ich habe den verdammten Turm gefunden.Und in ihm den Traum."    "Welchen Turm?"    "Früher war es der Sprachturm ... in demman eingesperrt  war.."    "Und heute?"       "Es ist der ganze Körper, nicht nur derKopf! Nein, alle Körper, die wir je ge­habt haben..."      "Eine erregende Entdeckung. Aber keinKunststück, bei dem Zeitauf­wand!   Alsodoch die alte Geschichte?"      "Eine tödliche Heimkehr! Doch es isteine andere Grenze; und sie bleibt unsichtbar. Und das Fahrzeug ist der Tod,ein Augenblick Erhellung ohne Leib" ... "   Vom Vater auf den Sohn, vom Sohn auf denVater. Die Umkehr: Le­achim  ist Di­plomzauberer."Es ist mein Beruf", sagt er; er ist davon besessen, und dies rettet ihn. Nun war er  eingeladen worden, auf Schloß Solitude unddann im Palais Waldheim in Böhmen bei Kon­gressen über Barock und Manie­rismuszu zaubern. "Ja, die Schlösser", sagt er, "das gefällt mir.Hoffentlich spukt es da auch ordentlich. Brauchst keine Angst zu haben",sagt Terplan: "Es ist alles su­perreinlich und zu Tode renoviert!"   Er zeigt Terplan seinen Zauber-Plan und dasArrangement des schwarzen Wunderka­binetts, Terplan ist erstaunt, daß er sichim Manierismus so gut aus­kennt. "Wenn mich etwas wirklich interessiert",fliegt es mir zu, sagt der Junge: "Ich muß leider stumm zaubern, so istalles ein Problem der Gestik. Wortlose Zauberei. Dies läßt sich gut durchführenmit den Sym­bolen des Ba­rock und des Manierismus, es ist ja das Thema!Zauberstücke  sind da wichtig. Illusion.Etwas vortäuschen, die ehrliche Verstellung. Das führt di­rekt in mein Thema.Das Meraviglia-Stück (Wunder-Stück) oder Wunder­kabi­nett."    "Ah", sagt Terplan,"wunderbar, du kennst dich aus. Manie­rismus. Weißt du, daß ich einenHelden in meinem Buch hab, der in jener Zeit gelebt hat." "Da kannich einiges von dir erfah­ren." "Granucci hat sogar in solch einemPalazzo gewohnt: im  Palazzo  Spada in Rom. Da gibt es eine Säulengalerie,die nur 8 Me­ter lang ist, doch durch Illusion und Perspektive wirkt sie so,als wäre sie unend­lich lang. Der Eingang nämlich ist sehr hoch und breit, 5Meter breit, der Aus­gang aber, den man dann in der Perspektive sieht, ist  nur 2 Meter breit. Und dahinter ist eineStatue zu erkennen, die aber nur puppengroß ist, doch jeder glaubt, sie sei normal groß."    "Ja, phantastisch, Inganno, Täuschung,ehrliche Täu­schung! Durch einen Effekt. Auch Du arbeitest damit?"   "Ich werde eher geführt, ich weißnicht, wer mir all diese Geschichten eingibt und so auch erzählt!"    "Schon diese Einfälle sind Wunder.Glaubst du an Engel?"   "Natürlich,Engel sind ganz gewiß da. Die brauchst du ja auch.“
Vater war gestorben wie' das Land; ein Tod, der immer  schnmerzt, bis er selbst alles auslöschenwird;  sein Gecshmack und Geruch ist inmir und wartet. Weiß, wie das erste Leintuch. Wie der kalte Schnee, den ich als Kind in den Mund nahm.   Marias  Mutter  war  da. Die Nächte standenstill.  Die Angst kam langsamer an alsbisher.  Das Würgen nahm ab.Dannwaren die vier Wochen um; Die Behörden: Das Passamt; Der Beamte.DasWarten vor der Tür.  Lange Bänke.  Sein Blick, prüfend, kalt, abweisend.  "Wir möchten die Aufenthaltsgenehmigungverlängern.""Oderhatesie die Absicht für immer in der Bundesrepublik Deutschland zubleiben?!!""Vielleicht",antwortet Magdalena naiv."Washeißt hier 'vielleicht', bittschön: entweder-oder.  Das müssen Sie wissen!""Bitte,nicht so schnell; das ist nicht so leicht. Nicht so schnell, bitte...""Siehaben Zeit bis Ende September, dann aber, bittschönl.' eine bestimmte undgenaue Antwort.“DieMutter braucht eine Vollmacht. Vielleicht steht ihr eine Rente zu. In sich aber trägt sie das Leben derVerirrten.  Und die Toten geistern inihr, und ihre Seelen, sagt sie, besuchen sie jede Nacht.IhreKleider hat sie mitgebracht; einen alten rumänischen Trach-tenrock;gestickte Tischtüther4 Vasen und Ikonen. Und eine eint, ver-ziehtschmerzlich das Gesicht;/-einer der Heiligen Drei Könige unter cfemvcrlöschendeii Stern.  Es könnte Melchiorsein.  Hörst du es singen. -Schneeknirscht unter den Schuhen.  Steaua susrgsard.  Kopfunter und vergraben -invielen unsichtbaren Blättern.  Nein,nein, es ist nichts, es tut lücht mehr weh, gottseidank, es ist wie bei einerschweren Krank-heit, wenn der Kranke zu schwach- ist, um Schmerz zuspüren.  Wir sind nur sehr allein.  Verlassen; und der Boden steht oben, er stehtam Himmel, und du mußt, es ist lange bekannt: auf dem Kopf gehn, um ihn zu erkennen.DasLand aber, das Land, das sehe ich jetzt von außen, wenn ich diese Dinge, die,MU ter mitgebracht hat, in die Hand nehme, und diesoriechen, sich so anfühlen, wie ich es gewohnt war, so vertraut.


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