Tarte au Sucre & Sommer am Meer

Von Dieerdbeere

Tarte au Sucre & Sommer am Meer

Posted by Anina on Jul 20, 2014 in Geschichten und Reisen, Kuchen

Meist zieht es mich im Sommer in südliche Gefilde. Diesmal aber hat es sich so ergeben, dass wir in das nördlichste Arrondissement Frankreichs, Pas-de-Calais, reisten.

Ganz genau, nach Stella Plage, die kleine Schwester von Le Touquet, zwei Stunden von Paris entfernt, einer der Lieblings-Badeorte der Pariser Upper Class um die Jahrhundertwende und auch heute noch!

Da, wo es nicht weit zur Fähre von Calais nach Dover ist, wo die Häuser schon den englischen jenseits des Ärmelkanals stark ähneln, wo man durch unglaublich schöne und Gott sei Dank noch fast in ihrer Gesamtheit erhaltene Sanddünen-Landschaften wandert, sich in einer Sandmulde ein gemütliches Plätzchen sucht, um sich vor dem Wind zu schützen und die Stille zu geniessen.

Da, wo Milch, Wein und Honig fliessen, oder besser, Crême Fraîche, jede Menge Butter mit Sel de Guérande und man am Nachmittag eine Tarte au Sucre (die Einheimischen sagen ‘Tarte au Shuc’, wer den Film ‘Willkommen bei den Chti’s‘ gesehen hat, kennt den Akzent) oder einen Gâteau Picard (ein rundes, ca. 20 cm hohes Brioche, das luftig, wie ein Hauch, nach Butter und Grossmutters Ofen schmeckt) zur Jause schmaust.

Und sich am Abend  eine tüchtige Portion Moules-Frites (Muscheln mit hausgemachten, dicken Pommes frites, ein traditionelles Festessen) genehmigt.

Denn die jodhaltige Luft und die Meeresbrise lassen den Körper seine Energien schnell verbrennen (Das hab ich mir nicht zweimal sagen lassen!)

Ich habe dort die vielleicht beste Scholle meines Lebens gegessen, ein stattliches Fischchen,  dazu sogenannte Oreilles de Cochon (Schweinsohren), wobei es sich um eine Pflanze handelt, die auf sandigen, von Meerwasser feucht gehaltenen, ufernahen Böden wächst. Man gart sie kurz  mit Olivenöl in der Pfanne, gibt nur Pfeffer dazu, ja kein Salz .

Man schmeckt das Meer bei jedem Bissen, aber als delikate, feine Nuance. Dieser ‘Meeres-Spinat’ zergeht auf der Zunge und hat alle Spurenelemente  in reichlichster Dosierung.

Am Samstag zog ich meine Kreise am Markt in Le Touquet, der allein schon wegen seiner Architektur, die denkmalgeschützt ist, sehenswert ist! Was dort alles an Köstlichkeiten verkauft wird! Frankreich, wie wir es uns vorstellen, wie es leibt und lebt!

Schade, dass man all die gegrillten Hühner, Tartes, die schon schmelzenden Käse, die Blumen, Früchte, aber vor allem das Meeresgetier, nicht nach Wien mitnehmen kann… (Ausnahme machte ein runder Butterziegel, Butter direkt vom Bauern und mit Meersalzkristallen. Sie hat die Reise bis nach Wien unbeschadet überstanden)

Die Nachspeise kaufte ich bei Arts Gourmands, einem Pâtissier, der berühmt für seine Eclairs ist: es gibt sie in allen erdenklichen Geschmacksrichtungen, Whisky, Veilchen, Tiramisu, Mars, Zitrone, Tarte Tatin, Madagascar-Vanille. Der unübertroffene Shootingstar ist und bleibt aber der Eclair au Caramel Beurre Salé, die Version mit Karamell.

Als ich so gegen 11 Uhr vormittags dort aufkreuzte, waren sie schon aus…

Auch kann man natürlich den Caramel Beurre Salé zum Mitnehmen kaufen, viele verschiedene Marmeladen (tja, aber meine Marmeladen sind noch viiiiel besser….), die allertollsten Macarons in den erstaunlichsten Geschmacksrichtungen und vieles anderes. Wer einmal in Le Touquet sein sollte, das ist eine gute Adresse!

Aber auch ein bisschen Geschichte:

Le Touquet bekam in den 20er und 30er Jahren den Beinamen Paris-Plage (Strand von Paris).

Diese Jahre waren die Glanzzeiten, überall entstanden prächtige Häuser,  jeder wollte ein Teil dieses maritimen Karussells der Eitelkeiten ein: Architektur-Liebhaber aus ganz Europa, in weisse Leinenanzüge gehüllte Bonvivants, englische Aristokraten, elegante Glückspieler mit Panama-Hüten und wunderschöne, fremdfinanzierte Lebedamen, alle gaben sie sich ein Stelldichein.

Ian Fleming holte sich dort die Inspiration zu seinem James Bond-Casino Royale-les-Eaux.

Die Herzogin von Westminster verbrachte die Zeit während des 1. Weltkriegs fast gänzlich exterritorial in Le Touquet und errichtete dort ein Spital für verwundete Kriegsveteranen.

Auch heute ist der Glanz dieser Tage noch omnipräsent, und manchmal glaubt man fast, die Zeit wäre stillgestanden.

Das prunkvolle Hotel Westminster, die bunten Fachwerkhäuser, der von einem mächtigen Gewölbe mit Holzgebälk überdachten Markt, ja schliesslich das Rathaus, im Stil des beginnenden 20. Jahrhunderts von selbstbewussten Stadtherren in die Höhe gezogen, überdimensional, prunkvoll, schwermütig und absolut sehenswert.

Die Strandpromenade, wo es nach Zuckerwatte und Waffeln duftet und die Kinder, so wie vor hundert Jahren, fasziniert Karussell fahren.

Oder auf kleinen Wägen in Form von wunderschönen Holzpferdchen, wie ich sie noch nie gesehen habe!

Apropos Strand: Im Februar findet alljährlich das berühmte Enduro-Rennen entlang dem Strand statt. Da der Sand  vom  Wasser, das sich bei Ebbe um ungefâhr einen halben Kilometer zurückzieht, hart und fest ist, kann man mit einem Motorrad darüber brausen. Ich bin kein Motorsport-Spezialist, aber  man sagt, das das Enduro Le Touquet-Stella eines der spektakulärsten Rennen sei und die Bilder, die man im Internet findet, sprechen dafür.

Früher, hat man mir erzählt, fuhren die Biker auch durch die Dünen, auf und ab, und hin und her, so wie es die Kinder noch heute mit Bobs machen, die ich nur vom Winterurlaub aus meiner Kindheit kenne. Umweltschützer haben es aber vor einigen Jahren geschafft, das für immer zu unterbinden.

Zu Recht, denn diese Sanddünen sind einzigartig und haben mich von allem am meisten beeindruckt!

Und ich wäre nicht ich, wenn ich nicht ein Rezept mitgenommen hätte, nämlich die Tarte au Sucre.

Dieses traditionelle Germ (Hefe)teig-Rezept ist der Inbegriff des Nordens, steht und fällt durch die Zutaten, die typischer und simpler gar nicht sein könnten: Butter, der sandige Vergeoise-Zucker (man kann ihn durch feinen Rohrzucker oder hellen Muscobado-Zucker ersetzen), Creme Fraîche.

Zutaten:

  • 150 gr Mehl
  • 1/2 Tl Trockengerm (Hefe)
  • 30 gr Butter
  • 1 Ei
  • 60 ml Milch
  • 50 gr Zucker
  • Belag:  100 gr Vergeoise, 50 gr Butter, 1 Eigelb, 100 gr Crème Fraîche

Zubereitung:

Mehl mit Trockengerm und Zucker vermischen. Butter in die lauwarme Milch (kurz anwärmen)geben.

Butter-Milch-Mischung und das Ei mit dem Knethaken in das Mehl mischen und 3-4 Minuten ‘glattkneten’.

1-2 Stunden mit Folie bedeckt aufgehen lassen.

Eine Form (rund oder rechteckig) mit der Butter (50 gr) grosszügigst ausstreichen, mit 30 gr der Vergeoise ausstreuen und mit einem Hauch Mehl bestäuben.

Den Teig mit nassen Händen in der Form ausbreiten. Nochmal ca. 30 Minuten gehen lassen.

Den Ofen auf 170 °C vorheizen.

Die restliche Vergeoise auf dem Teig verteilen.

Die Crème Fraîche mit dem Eigelb verquirlen. Über den Teig geben.

Ab in den Ofen, 20-30 Minuten, die Oberfläche soll leicht bräunen, aber man backe den Kuchen lieber etwas kürzer, als zu lang!

Lauwarm oder kalt genossen, die Vergeoise hat kleine karamellartige Einschlüsse im Teig gebildet und es schmeckt einfach herrlich!

LINKS:

Meersalz aus Guerande: www.seldeguerande.fr

Arts Gourmands:

80, rue de Metz

62520 Le Touquet-Paris Plage