Tanz von Heute mit einem Blick auf das Gestern

Tanz von Heute mit einem Blick auf das Gestern

Russel Maliphant "After Light" (c) Hugo Glendinning

Eines der highlights des „festival nouvelles“, das vom Pôle-Sud in Straßburg veranstaltet wurde, waren die beiden Stücke Choice und Afterlight des englischen Choreografen Russel Maliphant. Auf der großen Bühne des Le-Maillon, konnten sie ihren ganzen Zauber entfalten, der sich nicht nur aus einer beeindruckenden Choreografie ergibt, sondern auch aus der kunstvollen Lichtführung, mit der verschiedene effektvolle „Bühnenbilder“ gestaltet werden. So gegensätzlich die beiden Werke von Maliphant auch erscheinen mögen, so sind doch in beiden Gemeinsamkeiten zu erkennen. Verschiedene Figurenabfolgen, die sich wie in einer Fuge immer wieder zeigen, verzahnen oder sogar wie ein Rahmengeschehen verwendet werden, zeugen von der klaren Struktur, die Maliphant seiner Arbeit zugrunde legt. Nichts bleibt dem Zufall überlassen, jeder Schritt, jede Geste sitzt am richtigen Platz. In „Choice“, einer Arbeit, die der Chorograf für die Cobosmika Compagny entwickelte, lässt er ein tänzerisches Universum von 2 Männern und drei Frauen erstehen, deren Körpersprache sich ganz den asiatischen Klängen unterwirft. Bewegungsmuster aus dem Tai-Chi sind genauso erkennbar wie aus dem Kampfsport Jiu-Jitsu, bei dem es darum geht, den Attacken des Angreifers nicht durch Kraft, sondern durch ausweichende Gesten entgegenzutreten. „Siegen durch Nachgeben“ steht als Idee dahinter – und genauso sind viele Paarfiguren, die von den beiden männlichen Tänzern getanzt werden, interpretierbar. Meditation und Aktion wechseln immer wieder ab, allzu Menschliches wird von allzu Tierischem abgelöst, wenn sich die drei Frauen ganz in tierischen Fortbewegungsmustern plötzlich weit von ihren ansonst so anmutigen Ausdrucksweisen entfernen. “Choice” fesselt durch die perfekte Harmonie zwischen Musik und Tanz, zwischen einer Spannung, die bis zum Schluss aufrecht erhalten wird und einer ganz im asiatischen Geist reduzierten Ästhetik der weißen Kostüme.

Mit „After Light“, der neuesten Arbeit Maliphants hingegen, taucht er auf der musikalischen Grundlage der „Gnossiennes“ von Eric Satie tief in die Geschichte des Tanzes ein, um Nijinski seine Reverenz zu erweisen. Der spannende erste Teil, in welchem er den Solotänzer mit roter Sportjacke und weißer Haube auftreten lässt, erhält seine Kraft durch eine extrem schöne, wenngleich auch unglaublich komplizierte Choreografie, die sich nicht mit einer Raumeroberung, sondern nur mit einer Körperbewegung auseinandersetzt, die auf kleinstem Raum getanzt wird. Nur um seine eigene Achse dreht sich der Tänzer, eingebettet in ein Lichtkonzept, das seine Drehbewegungen optisch verstärkt, sodass man meint, er würde sich beschleunigen, obwohl sich nur der Lichtkreis unter ihm rasch bewegt. Die fließenden Bewegungen, die fast ohne Schritte auskommen – bzw. den Anschein erwecken – schmiegen sich dermaßen schön an Saties Musik, dass man diese in Zukunft nach diesem Abend wohl immer mit Maliphants Choreografie verbinden wird. Eine absolute Meisterleistung, die an jene anknüpft, die Nijinski mit seinem Faun schuf, den er zu Debussys Klangmärchen zum Leben erweckte und dessen exotisch-tierische Bewegungen sich in die Köpfe der Ballettbegeisterten bis auf unsere Tage eingeprägt haben. Eklektizistisch könnte man einige der weiteren Szenen nennen, sowohl von der optischen Inszenierung, bei der er auf dem transparenten Bühnenvorhang ziehende Wolken oder dichte Nebelschwaden aufsteigen und vorüberziehen lässt. Aber nicht nur diese Effekte – wenngleich heute auch mit elektronischen Hilfsmitteln erzeugt – lassen Reminiszenzen an das große klassische Ballett zu. Das Stück der beiden Nymphen, die sich mit einem Faun im Wald vergnügen, entbehrt jeder zeitgeistigen Interpretation – aber nicht zeitgeistiger Chorografie. Was an Sprüngen fehlt, die im klassischen Ballett so gerne sonder Zahl eingesetzt wurden, wird an Bodenkontakt wettgemacht. Die beiden Nymphen folgen zu Beginn ihres Auftritts einer Choreografie, die sie anscheinend überhaupt nicht auf die Füße stellen möchte. Der erdhaft verbundene Eindruck, der dadurch erweckt wird, wird erst durch das Auftauchen des Fauns selbst gelockert. Durch ihn erheben sie sich und umtanzen ihn in beinahe schon streng symmetrischen Anordnungen. Ein Stilmittel, das Maliphant schon in „Choice“ immer wieder gerne anwandte. Die elegische Stimmung von „Afterlight“, die wunderbare, kreative Beleuchtung, welche die Tänzerinnen und Tänzer manches Mal gar nur mehr schemenhaft erkennen ließ, die starke Verschränkung zu Debussys Musik, die von einer hohen Einfühlungsgabe spricht, all das sind Komponenten, die dem Werk seinen ganz besonderen Reiz geben.

Auf den Schauspielbühnen kennt man den Ausdruck Regietheater, der besagt, dass der Regisseur die Interpretation eines Stückes ganz seinen Einfällen unterwirft. Russel Maliphant gelingt mit „Afterlight“ ein ähnlicher Ansatz. Bei ihm ist es aber keine Brachialgewalt, mit der Vergangenes in ein neues Korsett gezwängt wird, sondern eine sanfte, zeitgeistige Erzählung, die den Hauch von Gestern kokett in sich trägt.


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