Tagesvater missbraucht Kinder: Sechseinhalb Jahre Gefängnis

Tagesvater missbraucht Kinder: Sechseinhalb Jahre Gefängnis
71-Jähriger gesteht vor Landgericht Lüneburg mehr als 100 Taten seit 1992 - Auch die Adoptivtochter ist unter den Opfern -
Nur wegen seines hohen Alters muss der Angeklagte nicht in Sicherungsverwahrung.
Gutachter bescheinigt dem Angeklagten eine narzisstische Persönlichkeit.
Sein jüngstes Opfer war erst sieben Jahre alt.
Weitere Opfer melden sich nach Beginn der Ermittlungen.
Einige Taten sind jedoch inzwischen verjährt und werden nicht mehr bestraft
Wegen hundertfachen Missbrauchs ist ein Rentner aus dem Landkreis Lüneburg zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Die 1. Große Jugendkammer des Landgerichts Lüneburg sprach ihn am Montag des schweren sexuellen Missbrauchs in acht Fällen schuldig.
Bei 132 weiteren Taten ging es um sexuellen Missbrauch, darunter allein in 128 Fällen um Schutzbefohlene. Der 71-Jährige aus der Ortschaft Neetze soll zwischen 1992 und Anfang 2010 mindestens acht Mädchen missbraucht haben, darunter auch seine Adoptivtochter.
Er hatte sich den meisten der späteren Opfer als Tagesvater und Nachhilfelehrer genähert.
Der Mann legte ein Geständnis ab, nachdem die Kammer im Gegenzug eine Haftstrafe von bis zu sechseinhalb Jahren angeboten hatte. Auch die Staatsanwaltschaft hatte sich damit einverstanden erklärt, um den Opfern eine Aussage vor Gericht ersparen zu können. Der 71-Jährige räumte schließlich 140 von 150 Anklagepunkten ein.
"Wir sind nicht blind. Es geht nicht um einen älteren Herrn, der da irgendwo hineingeraten ist", erklärte der Vorsitzende Richter Axel Knaack. "Sie haben das entsprechend organisiert. Bei ihrem Hinweis auf die ,fröhlichen Kinder' ist mir ein Schauder über den Rücken gelaufen."
"Die Situationen haben sich einfach so ergeben", hatte der 71-Jährige gegenüber einem Gutachter ausgesagt. "Ich habe sie alle gemocht", sagte er über die Mädchen, die ihm zum Opfer gefallen sind. "Es ist so, dass es mir im Nachhinein wahnsinnig leid tut, was passiert ist. Ich bin da reingeraten", hatte der Angeklagte schließlich in seinem Schlusswort vor Gericht erklärt. Über seine Taten hatte der Mann eine Art Tagebuch in verschlüsselter Form geführt. Erst nach einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Celle durften die Aufzeichnungen vor Gericht als Beweismittel verwendet werden.
Der Gutachter hatte ihm eine narzisstische Persönlichkeit bescheinigt und von einer Nebenströmungs-Pädophilie gesprochen. Einen Hang zu derartigen Taten sah der Psychiater aber beim Angeklagten nicht. Auch wegen des hohen Alters des 71-Jährigen sowie einer Diabetes-Erkrankung verhängte die Kammer deshalb keine Sicherungsverwahrung. Ein Rückfall sei ausgesprochen unwahrscheinlich.
Mit dem Urteil folgte die Kammer der Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung, die alle auf sechseinhalb Jahre plädiert hatten. Nach einem Tatzeitraum von fast zwanzig Jahren ohne Reue bezweifelten der Staatsanwalt und die Nebenkläger die Aussichten einer anstehenden Sozialtherapie.
Seine Adoptivtochter hatte ausgesagt, er habe ihr gedroht, sie wieder ins Heim zu schicken oder gar umzubringen. Das bestritt der Angeklagte, räumte aber ein, sie seit ihrem 16. Lebensjahr immer wieder sexuell missbraucht zu haben. Nach ihrer Aussage hatte das Martyrium schon mit 13 begonnen. Dieses Verfahren wurde abgetrennt und könnte demnächst eingestellt werden.
Die Ermittlungen waren durch die Aussage eines Kindes ins Rollen gekommen, das der Mann aus Neetze jahrelang als Tagesvater betreut hatte. Mehrfach übernachtete das Kind sogar bei ihm. Das Jüngste seiner Opfer soll erst sieben Jahre alt gewesen sein.
Als die Ermittler ausreichend Beweise gegen den Verdächtigen zusammengetragen hatten, war er im September vergangenen Jahres in Untersuchungshaft gekommen. Nach Beginn der Ermittlungen hatten sich sechs weitere Mädchen als Opfer bei der ermittelnden Staatsanwaltschaft gemeldet und von Missbrauchstaten berichtet.
Zum Teil sind die Taten jedoch verjährt, sodass sie nicht mehr Gegenstand der Verhandlung waren.

Tagesvater missbraucht Kinder: Sechseinhalb Jahre Gefängnis

Das Foto wurde von Karin Heringshausen zur Verfügung gestellt


Quelle: WELT-Online 23.03.2011