Tagebuchnotizen zum Buch DAS ESELSKIND - Wo ist Gott, wenn ein Kind sexuell missbraucht wird?

Von Wernerbremen


Ihr Lieben,
die Frage, die ich heute Abend hier in den Tagebuchnotizen zu dem Buch DAS ESELSKIND stelle, geht mir gefühlsmäßig sehr nahe. Denn die Frage: "Wo ist Gott, wenn ein Kind sexuell missbraucht wird?" berührt mich zutiefst.
Ich weiß noch wie heute, als ich über einen Zeitraum von einem Jahr von einem Diakon immer wieder sexuell missbraucht wurde, dass ich immer auf Neue hoffte, es müsse sich doch eine Erdspalte auftun und den Unhold verschlingen.
Und ich erinnere mich, als sei es gestern gewesen, an einen Nachmittag im Sommer in den 1960er Jahren, als mich Klassenkameraden aus meiner Schule an eine einsame Stelle eines kleinen Badesees verschleppten, mich dort nackt auszogen und mich stundenlang vor vielen Kindern und Jugendlichen, die sie dazu extra zusammen-getrommelt hatten, demütigten. Ich hoffte inständig, ein Engel mit einem flammenden Schwert würde auftauchen und für mich Partei ergreifen, aber das geschah nicht.
Seitdem hat mich die Frage nicht mehr losgelassen:
"Warum hilft Gott nicht, warum greift er nicht ein?"
Als junger Mensch rebellierte ich gegen Gott und beschimpfte ihn. Denn ich sagte mir Folgendes:
"Wenn ich in einem Hochhaus wohnen würde, in dem ein Mann krebskrank wäre, eine Frau vergewaltigt würde, eine weitere Frau geschlagen würde und ein Kind sexuell missbraucht würde, und ich die Macht hätte, zu helfen, so würde ich den Mann heilen, die beiden Frauen aus ihrer Not herausholen und das Kind vor weiterem Missbrauch bewahren."
Warum aber hilft Gott nicht?
Die erste Antwort bekam ich in meinem Studium von der Theologin Dorothee Sölle, die der Meinung war, ein Gott, der nicht hilft, muss gestorben sein, der muss tot sein. Diese Antwort hat mich nicht überzeugt, denn dann wären wir in der Weite des Weltalls alleine, das aber glaube ich nicht.
Die überzeugendste Antwort habe ich von Dietrich Bonhoeffer bekommen. Seine Antwort hat mich deshalb so überzeugt, weil er das, was er gesagt hat, durch seinen Tog bestätigt hat.
Bonhoeffer vertrat die Ansicht, dass Gott sich heraushält aus dieser unserer Welt, aber nicht aus Desinteresse, sondern weil er in königlicher Weise uns Menschen die Verantwortung für diese Welt übertragen hat. Würde Gott nun ständig eingreifen, würde er uns zu Marionetten degradieren und unser freier Wille wäre nichts wert.
Das Zweite aber gehört untrennbar dazu:
In diesem Leben dürfen wir wissen, so Bonhoeffer: Wir sind in Gottes Hand!
Ich kann missbraucht werden als Kind, ich kann gedemütigt werden, ich kann wie Bonhoeffer sogar sterben in Gottes Hans, aber ich kann niemals aus Gottes Hand herausfallen.
Als ich das begriff, begann ich innerlich zu gesunden von den Verletzungen meiner Kindheit und Jugend und mein Herz wurde ruhig und fröhlich!
Das Dritte aber bringt es zum Abschluss:
Der Irrsinn dieser Welt, die ganzen Ungerechtigkeiten, all das Böse in dieser Welt ist nur dann zu verstehen, wenn es einen, wie die Bibel das nennt, Jüngsten Tag gibt.
So sind das Böse und die Ungerechtigkeit in der Welt für mich fast ein Gottesbeweis, denn ich glaube fest und hoffe sehr darauf, dass eines fernen Tages die Menschen sich verantworten müssen für das, was sie getan haben.
Gott hat nicht eingegeriffen, als ich in höchster Not war, aber ich weiß ganz tief in meinem Herzen: "Ich bin in seiner Hand, aus der ich nicht herausfallen kann und eines Tages wird er zu mir sagen: "Komm zu mir!" und dann werde ich keine Fragen mehr haben.
Ihr Lieben,
ich wünsche Euch einen ruihigen fröhlichen Abend und grüße Euch herzlich aus Bremen mit einem wunderschönen Gospelsong
Euer zuversichtlicher Werner