Tag der Bisexualität

23. September 2012: Viel mehr Aktionstag als kurioser Feiertag ist der heutige Tag der Bisexualität (Celebrate Bisexuality Day). Viele Menschen können sich immer noch nichts Genaues unter der sexuellen Orientierung vorstellen, die beiden Geschlechtern gleichermaßen gewidmet sein soll. Im Zuge dessen geistern zahlreiche Klischees herum. Der heutige Aktionstag soll Aufklärungsarbeit leisten und Bisexualität als eigenständige Orientierung bzw. Lebensweise herausstellen.

Kuriose Feiertage - 23. September- Tag der Bisexualität (c) 2012 Sven Giese -

Die kurze Geschichte eines Aktionstages

Begründet wurde der Celebrate Bisexuality Day im Jahre 1999 von den drei US-amerikanischen Bürgerrechtlern Wendy Curry (Maine), Michael Page (Florida) und Gigi Raven Wilbur (Texas). Im Gegensatz zu vielen ähnlichen Aktionstagen der LGBT-Bewegung (engl. Lesbian, Gay, Bisexual und Trans, dt. Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transsexuelle) soll der Tag der Bisexualität als Reaktion auf die Vorurteile und Marginalisierung bisexueller Personen sowohl in der heterosexuellen Gesellschaft als auch in der LGBT-Community hinweisen. Dabei geht die Wahl des Datums auf die erste Veranstaltung unter diesem Namen im Jahr 1999 zurück, die auf der International Lesbian and Gay Association abgehalten wurde und eben in die Woche rund um den 23. September fiel. Während dieser Aktionstag anfangs noch lediglich regional begangen wurde, erfährt das Datum inzwischen weltweite Aufmerksamkeit u.a. in Deutschland, Japan, Neuseeland, Schweden und Großbritannien. Einige Beispiele:

  • Diskussionsforen, Dinnerpartys und Tanzveranstaltungen im kanadischen Toronto.
  • Ein großer Maskenball im australischen Queensland.
  • Die texanische A&M Universität veranstaltet jährlich ein großes Plenum zum Thema Bisexualität.
  • Als erste Stadt weltweit erklärte das kalifornische Berkeley 2012 den 18. September zum offiziellen Tag der Anerkennung von Bisexualität.

Versuch einer begrifflichen Annäherung

Aber was ist Bisexualität eigentlich genau? Als Bisexualität wird die sexuelle Orientierung oder Neigung bezeichnet, sich zu Menschen beiderlei Geschlechts sexuell hingezogen zu fühlen. Es werden in der Regel nur solche Menschen als bisexuell bezeichnet, die mit Personen beiderlei Geschlechts sexuelle Beziehungen oder Partnerschaften einzugehen bereit sind. Obwohl dies natürlich keinerlei Aussage über das Vorhandensein dieser Orientierung macht. Man geht davon aus, dass ungefähr jeder zweite Mensch eben genau eine solche Neigung hat, diese allerdings aufgrund der monosexuellen Norm in unserer Gesellschaft nicht auslebt. Dieser Ansicht war auch der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud. Absolut zuverlässige bzw. allgemein gültige Studien bzw. Statistiken, auf die man sich stützen kann, gibt es aber leider nicht. Aussagen gehen sehr weit auseinander. Eine Statistik, die im Zusammenhang mit Bisexualität oft genannt wird, ist der Kinsey Report.

Dieser stufte im Jahre 1948 ca. 90 – 95 % aller Menschen bis zu einem gewissen Grad als bisexuell ein. Wissenschaftlich gesehen macht es keinen Sinn, Menschen in homo-, hetero- oder eben bisexuell einzuteilen. Denn dieser „Stempel“ allein macht noch keine Aussage über die tatsächliche erotische Hingezogenheit eines Menschen. Wer gestern schwul war, kann morgen seine Traumfrau treffen. Die glücklich verheiratete Ehefrau kann als Rentnerin entdecken, wie verführerisch Frauen sein können – ohne dass sie Männer dann kalt lassen müssen. Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass in den meisten Menschen eine bisexuelle Veranlagung schlummert. In einer Hetero-Beziehung zu leben und einmal die Woche einen homosexuellen Partner aufzusuchen, ist eine relativ weit verbreitete Variante.

Heute: Bi als das neue Schwarz? Ein persönliches Statement

Die Medien greifen das Thema Bisexualität häufig auf, indem sie über Promis der A-Z Riege und deren Neigung zu beiden Geschlechtern diskutieren. Gerade so, als wäre „bisexuell“ eine Auszeichnung, auf dessen Titel die Träger stolz sein könnten. Klar, viele Promis verhalten sich auch entsprechend und versuchen mit gleichgeschlechtlicher Rummacherrei vor den Augen der Öffentlichkeit zu provozieren, schockieren, was auch immer. Beispiel hierfür ist der Kuss von Britney Spears und Madonna bei den MTV Music Awards. Wobei ich mich an dieser Stelle kurz korrigieren muss: Bisexuelle Frauen werden in den Medien als „heiße Bad Girls“ dargestellt. Mag wohl an den sexuellen Phantasien der männlichen Geschlechtsgenossen liegen. Bisexuelle Männer hingegen werden nur am Rande erwähnt und kritisch beäugt.

Da dies hier ein privates Blog ist, können nicht nur Sachverhalte objektiv dargestellt, sondern Meinungen auch mal klar vertreten werden. Dies möchte ich an dieser Stelle tun: Ehrlich gesagt nerven mich die ständigen Diskussionen darum, wer was ist. Schon beim Einschalten der Nachrichten hört man von der 78 Amerikanern, 5 Deutschen und 37 Italienern, die bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sein sollen. Als ob die Nationalitäten an dieser Stelle nicht völlig egal wären. (Hinter jedem Menschen stecken ein Einzelschicksal und Familien, die trauern.) Aktuelle Beispiele: Immer wieder wird betont, dass das Anti-Islam-Video von einem Amerikaner stamme. Und jetzt? Was fängt man mit dieser Information an? Als hätte dieses Video nicht genauso jeder Deutsche, Afrikaner oder Japaner drehen können. Zappt man weiter, wird über „oben ohne“-Fotos von Kate Middleton diskutiert. Sie ist die Frau von Prinz William. Betonung liegt hier auf „Frau“. Wenn wundert es, dass sie als solche auch Brüste hat? Eine Sendung weiter plaudert Bettina Wulff Interna aus dem Eheleben mit Christian Wulff, dem ehemaligen Bundespräsidenten, aus. Uninteressant, wenn man mich fragt. Aufgrund des zeiteinnehmenden Jobs kam sie hin und wieder zu kurz, das Paar hat sich in einer Krisenzeit professionelle Hilfe geholt. Könnte in jedem anderen Haushalt genauso passiert sein. Wer zumindest ein wenig Ahnung von dem Thema hat weiß, dass die Autorin von Jenseits des Protokolls professionelle PR-Beraterin ist. Ihr Plan ging auf: Platz 1 der Bestseller-Liste.

Diese Kritik lässt sich ohne weiteres auf die Diskussionen um Homo- und Bisexualität projizieren. Wen interessiert, wer da wen knutscht?  Homo- und bisexuelle Paare tun nichts anderes, als heterosexuelle Paare auch. Sie lieben sich, sie streiten sich, sie erledigen die Samstagseinkäufe gemeinsam und machen danach den Haushalt. Mittwochs ist gemeinsamer Kinotag, einer begleitet den anderen bei Schmerzen zum Arzt, wenn einer mal nicht schlafen kann, kocht ihm der andere Tee und liest eine Geschichte vor. Kurz gesagt: sie leben.

Am liebsten wäre mir, diese dauernden Thematisierungen um anderleuts Sein oder Nicht-Sein würden aufhören. Und dass wir den Tag der Bisexualität irgendwann einmal aus unserem Archiv streichen können. Weil die sexuelle Orientierung normal, oder noch besser: egal, geworden ist. Weil jeder bei sich selbst bleibt. Ja, das wäre doch mal was.

Weitere Informationen zum Thema unter:


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