Tag 3: Der Nescafé-Sampler

Gleich vorweg, und damit keine Missverständnisse aufkommen: ich habe keine Ahnung von Musik. Ich kann nur in besonderen Ausnahmefällen den Leadsänger einer Gruppe benennen (etwa bei Bon Jovi) und mir fehlt das Gehör, um ein Hohes C von einem A zu unterscheiden. Macht nichts – so wie jeder mehr oder weniger klug über Bilder reden oder seine Autobiographie als Book on Demand im Internet an Freunde und Verwandte verhökern kann, kann auch jeder öffentlich und ohne schlüssige Begründung von Tocotronic, Anne-Sophie Mutter oder Lady Gaga schwärmen – oder eine völlig abseitige, überraschend kleine Silberscheibe von Nescafé – ja, Nescafé – zu seiner Lieblingsplatte erklären.

Irgendwann hat der allseits unbeliebte und doch kommerziell sehr erfolgreiche Nahrungsmittelgigant Nestlé einen Werbefilm in Kino- und Fernsehspots verwendet, in dem unterschiedliche Menschen aus aller Welt bei unterschiedlichen kommunikativen Tätigkeiten zu sehen sind. Unterlegt war der Spot mit einem New-Ethno-Lied (Panflöten!), aus dessen Text die eine oder andere Phrase direkt ins Gehirn von jungen, leicht lenkbaren Zuhörern (wie mir seinerzeit) fährt.

Nestlé hat seine Anwälte und versäumt nicht darauf hinzuweisen, dass alle Rechte an Musik und Text von Ilja Gort/Gort Muziek, sowie W. Leon Aguilar/EMI und Garry Bell/Jeff Wayne Music, sogar die Rechte der puren Benutzung oder des unentgeltlichen Verborgens, ausschließlich für den Schweizer Konzern reserviert sind. Also das Folgende bitte nicht zu kopieren, laut vorzulesen oder gar – gasp! – zu singen. Vorgetragen von einer sanft beruhigenden, mainstreamig glatten Frauenstimme in hoher, östrogengeschwängerter Tonlage, heißt es im Text:

Bestimmt mit schriftlicher Genehmigung aus Vevey in der schönen Schweiz hochgeladen, ist der Clip auf Youtube zu finden.

Dass diese Platte, konkret eine CD mit nur einer Daumenlänge Durchmesser, meine Lieblingsplatte ist, hat zwei Gründe. Der erste ist die Schwierigkeit des Erwerbs: Damals nicht so leicht online zu finden wie heute, konnte man sie auch nirgendwo kaufen oder bestellen. Man musste das Video entweder aufzeichnen, wenn man die Werbung erwischte, oder zum richtigen Zeitpunkt ein Packerl Nescafé kaufen und die CD gratis dazubekommen. Ich bin aber kein Kaffeetrinker – ich habe im Leben vielleicht drei oder vier Tassen Kaffee versucht. Entsprechend selten kaufe ich Nescafé.

Zu meinem Glück gelangte wenige Jahre später eine Mitbewohnerin meiner damaligen Freundin und späteren Frau in den Besitz einer der Gratis-CDs und wusste nicht recht etwas damit anzufangen. (Sie singt übrigens – beruflich!) Als sie mein reges Interesse für das herumliegende Teil bemerkte, schenkte sie es mir kurzerhand. (Selbstverständlich ebenfalls mit schriftlicher Genehmigung aus der Schweiz. Wahrscheinlich.) Der zweite Grund: Musikgeschmack kommt und geht. Mal hört man Janet Jackson, mal HIM, und ein paar Jahre später findet man beide zum Kotzen. Aber glatte, entspannende Musik, zu deren Text man irgendwie wohlgefällig nicken kann, bleibt glatte, entspannende Musik und entspannt glatt auch heute noch.

Über den Autor: Andreas Habicher twittert als @ahabicher und übersiedelt sein Blog langsam, ganz langsam, Artikel für Artikel, hinüber auf http://misoskop.wordpress.com.

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle.