Syfy kündigt 28 neue Projekte an: Eine kritische Bestandsaufnahme

Erstellt am 25. April 2012 von Watchman @scifiwatchman

Syfy blickt in den USA auf ein erfolgreiches erstes Quartal zurück: Noch nie in seiner Geschichte erreichte der Sender so viele Menschen wie zwischen Januar und März 2012. Dies gilt auch für die wichtige Zielgruppe der 18- bis 34-Jährigen. Außerdem kam man bei den jungen weiblichen Zuschauern gut an. Mit diesen positiven Zahlen im Rücken ging man recht selbstbewusst in die Upfronts und präsentierte den in New York anwesenden Werbekunden nicht weniger als 28 neue Projekte, die sich derzeit in unterschiedlichen Stadien der Entwicklung befinden. Eine stolze Zahl, die noch nicht einmal die neue Serie Defiance und jene 6 Reality-Shows beinhaltet, die es auf jeden Fall ins Programm von Syfy schaffen werden. Auf den ersten Blick eine eindrucksvolle Programmoffensive, die eine genauere Betrachtung verdient.


Die 28 Projekte verteilen sich mit recht unterschiedlicher Gewichtung auf die Bereiche der klassischen TV-Serie (Scripted Dramas), der Reality-Formate (Scripted Reality) und der Fernsehfilme (Longform Scripted). Den Löwenanteil machen die Reality-Shows aus, auf die allein 17 der 28 Projekte entfallen. Die Serien sind mit 8 und die Movies mit 3 zu entwickelnden Projekten mit dabei. Nicht nur angesichts der sehr unterschiedlichen Kostenstrukturen eine durchaus nachvollziehbare Gewichtung. Immerhin stammen mit Face Off und Ghost Hunters zwei der vier erfolgreichsten Sendungen von Syfy aus dem Bereich Scripted Realtiy. Auf die Flut von kommenden oder geplanten Reality-Shows kann und soll im Folgenden schon allein aus Platzgründen aber nicht weiter eingegangen werden.


Was die Scripted Drams angeht, so bildet Defiance eindeutig die Speerspitze. 2013 soll diese neue Serie kommen, die auf einer Erde der nahen Zukunft spielt, welche ihr Antlitz infolge eines Krieges zwischen Menschen und Aliens dramatisch verändert hat. Auf den Trümmern der alten Welt will eine bunt gemischte Gruppe nun eine neue Zivilisation gründen. Das Projekt stellt eine Kooperation zwischen Syfy und dem Spieleentwickler Trion Worlds dar, der zeitgleich zur Premiere von Defiance ein MMO an den Start bringen wird. Game und TV-Serie sollen sich ergänzen und gemeinsam die Geschichte dieser Zukunftsvision erzählen. Formal ein interessantes und ambitioniertes Konzept. Für die Hauptrollen der Serie wurden Grant Bowler, Julie Benz, Stephanie Leonidas, Tony Curran, Jaime Murray, Fionnula Flanagan, Mia Kirshner und Graham Greene gecastet. Die Regie des Pilotfilms übertrug man Scott Stewart . Autoren bzw. Produzenten sind Rockne O'Bannon (Farscape), Kevin Murphy (Caprica) und Michael Taylor (Battlestar Galactica). Kevin Murphy ist der Showrunner.


Nicht nur über Defiance wurde bereits vor den Upfronts mehrfach berichtet, auch ein Großteil der anderen Projekte ist für alle, die in der letzten Zeit sich über aktuelle Entwicklungen auf dem Laufenden gehalten haben, keine allzu große Überraschung. So bewarb man Rewind, jenes Zeitreise-Drama, dessen Pilotfilm derzeit in Toronto gedreht wird. Die Story dreht sich um eine Gruppe aus Wissenschaftlern und Militärs, die mit einer experimentellen Technologie in die Vergangenheit reisen, die Verändern und so einen Terroranschlag verhindern wollen. Auf der Besetzungsliste stehen Jennifer Ferrin, Keisha Castle-Hughes, Robbie Jones und Keon Mohajeri . Inszeniert wird der Pilot von Jack Bender.


Ins Weltall könnte es mit High Moon und Defender gehen. High Moon schmort bereits länger in der Development Hell, denn schon im August 2010 sickerte durch, dass Syfy Bryan Fuller damit beauftragt hatte, ein Skript für eine mögliche neue Serie zu entwickeln, die auf dem Roman The Lotus Caves von John Christopher (Die dreibeinigen Herrscher) fußen soll. Die Story erzählt von einer Zukunft, in der die Menschheit Kolonien auf dem Mond errichtet hat und dort nach Bodenschätzen gräbt. Als man dabei auf eine außerirdische Lebensform stößt, beginnt ein Wettlauf um dessen technologische Geheimnisse. Neben Fuller ist auch Jim Danger Gray an dem Projekt beteiligt. Die beiden arbeiteten auch schon bei Pushing Daisies zusammen. Einen Titel hat nun auch die Space Opera erhalten, die Robert Hewitt Wolfe seit einigen Monaten entwickelt. In Defender schickt nach Jahrzehnten des Krieges die neugegründete Unity Democracy eine gemischte Truppe aus Menschen und Transhumans mit dem Raumschiff Defender auf eine Expedition zu Planten, zu denen der Kontakt abgerissen ist. Dort soll man für Recht und Ordnung sorgen, doch schnell steht das eigene Überleben und die Zukunft des Universums auf dem Spiel.
Um technologisch fortschrittliche Aliens geht es bei The Family, doch leben diese seit Jahren unentdeckt unter uns. Als der Patriarch der außerirdischen Familie stirbt, bilden sich zwei Lager, von denen eines weiterhin so leben will wie bisher, während die andere Fraktion der Meinung ist, man solle endlich die Herrschaft über die rückständige Menschheit übernehmen. Dan Harris (Superman Returns, X2) arbeitet an dem Drehbuch für einen möglichen Piloten. Executive Producers sind Neal Moritz (Total Recall) und Mark Verheiden (Falling Skies, Battlestar Galactica).


Von der Idee, aus dem Spielfilm The Adjustment Bureau mit Matt Damon und Emily Blunt aus dem Jahre 2011 (bei uns lief er unter dem Titel Der Plan) eine Serie gleichen Titels zu machen, hatte man vor Wochen bereits gehört. Der Plot handelt von einer im Hintergrund operierenden Gruppe, die das Leben der Menschen plant und lenkt, damit diese ihre Bestimmung finden können. Menschen, die ihren freien Willen durchsetzen wollen, passen ihren dabei so gar nicht in den Kram. Der Film war recht erfolgreich und als Teil von NBCUniversal hat man Zugriff auf den Stoff, denn Universal Pictures hält daran die Rechte. Hinter den Kulissen arbeiten Todd Slavkin & Darren Swimmer (Smallville) und George Nolfi (The Adjustment Bureau, The Bourne Ultimatum), an der Ausarbeitung dieses Projekts.


Aus der Rubrik Mystery stammen Seeing Things und Grave Sight. Über Seeing Things hatte ich ebenfalls im vergangenen November schon berichtet. Im Zentrum der Handlung steht ein Cop, der nach seiner Ermordung zum Geist wird. Einzig ein sozial isolierter Sonderling kann ihn sehen und ihm dabei helfen, seinen letzten Fall doch noch aufzuklären. Die Begegnung mit dem geisterhaften Gesetzeshüter macht dem Einzelgänger klar, dass das, was er über Jahre für Halluzinationen gehalten hat, möglicherweise etwas ganz anderes sein könnte. Das Projekt stammt aus der Feder von David Slack und Gabrielle Stanton. Ausführende Produzenten sind neben Slack auch noch Scott Rosenberg und Robert Cort. Für Grave Sight geift man auf eine Romanreihe von Charlaine Harris zurück, aus deren Feder auch die Bücher zu True Blood stammen. Es geht um eine junge Frau, die in der Lage ist, den Aufenthaltsort und die letzten Gedanken Verstorbener zu fühlen, nachdem sie als Kind vom Blitz getroffen wurde. Als sie in einer Kleinstadt hilft, ein verschwundenes Mädchen zu finden, stolpert sie über ein Geflecht aus Lügen und Morden.
Booster Gold stellt den Versuch von Warner Bros. und DC Comics dar, einen ihrer Superhelden bei Syfy unterzubringen. Auch davon wusste man schon, wenngleich erste Infos dazu erst im November 2011 spruchreif wurden. Das Projekt, bei dem es um einen Athleten aus der Zukunft geht, der in unsere Gegenwart zurückreist, um der größte Held der Welt zu werden, sich dann lieber als Medien- und Werbestar instrumentalisieren lässt, hat mit Andrew Kreisberg (Arrow, Warehouse 13) und Greg Berlanti (Green Lantern, Arrow) hinter den Kulissen hochrangige Entwickler.


Von den drei TV-Movies, die Syfy entwickeln lassen will, fallen Eyes of the Dragon und Darkfall eher in den Bereich der Fantasy, allein One Mile Straight Down dürfte für SF-Fans interessant sein. Erzählt wird eine Geschichte, die nach einem gewaltigen Erdbeben in Kalifornien spielt, durch das sich eine Schlucht größer als der Grand Canyon gebildet hat. Man entdeckt, dass sich unter der Erdkruste ein bislang unbekanntes Meer befindet. Ein Milliardär und Abenteurer taucht mit einem U-Boot in die Tiefen dieses Meeres hinab und findet dort mehr als er jemals erwartet hätte. Skip Woods (X-Men Origins: Wolverine), Naren Shankar und Deran Sarafian schreiben zusammen das Skript und sind auch ausführende Produzenten, wenn es zu einem Film kommen sollte.
Von den Themenkreisen her bewegt sich Syfy mit seinen angekündigten Projekten auf bekanntem Terrain. Dazu nimmt man durchaus Anleihen bei bekannten und erfolgreichen Filmen. Die Prämisse von Rewind scheint von Source Code inspiriert, The Adjustment Bureau ist gar eine Fortsetzung eines bekannten Stoffes und Booster Gold der Versuch, an der derzeitigen Popularität von Comicverfilmungen im Kino zu partizipieren. Im Falle von Grave Sight scheint das Kalkül zu sein, die weiblichen Fans der HBO-Serie True Blood anzusprechen, denn immerhin stammt die Vorlage von der gleichen Autorin. The Family kombiniert das Thema Aliens leben unter uns mit einem Familiendrama, was auf ein Alien-Dallas hinauszulaufen scheint. High Moon und Defender, die beide im Weltraum spielen, scheinen von der Beschreibung her das Rad nicht gerade neu zu erfinden, aber angesichts der Tatsache, dass auf diesem Feld in der Vergangenheit so viel produziert wurde, kommt es sehr auf die Details (und nicht zuletzt die Kosten) an, ob Syfy sich von diesen Projekten überzeugen lässt. Potential ist beiden Plots vom Prinzip her nicht abzusprechen. Dies gilt auch für Defiance, den bislang einzigen definitiven Neuzugang im Line-Up des Senders in Sachen Scripted Drama. Im Zeitalter des Mutlimedia war ein Crossover aus TV-Serie und Online-Game ja nur eine Frage der Zeit. Entscheidend für den Erfolg der Serie wird sein, ob sie auch für jene interessant und nachvollziehbar ist, die das MMO nicht spielen.


Mit Ausnahme von Defiance und Rewind ist es im Moment natürlich kaum absehbar, welche Projekte es bis zum Pilotfilm oder gar zur Bestellung einer ersten Staffel schaffen werden. Booster Gold könnte gute Chancen haben, denn Superhelden sind derzeit erfolgreich wie nie und die ähnlich gelagerte Syfy-Serie Alphas bringt dem Sender gute Quoten. Hinzu kommt, dass Warner Bros. Ein großes Interesse daran haben könnte, endlich eine Serie auf Basis seiner Figuren bei einem Sender zu platzieren, an dem man im Unterschied zu CW nicht beteiligt ist.


Für die Space Operas sprechen vor allem die Kreativen hinter den Kulissen. Robert Hewitt Wolfe hat als Produzent von Alphas derzeit bei Syfy einen guten Stand und Bryan Fuller ist ein Name, der für Aufmerksamkeit sorgt. Hinzu kommt, dass man auf diesem Feld momentan keine Konkurrenz hat und sich auf diese Weise profilieren könnte. Auf der Negativseite stehen natürlich die hohen Produktionskosten, wenngleich man dies als Fan der Space Opera nicht so gerne hört. Dies könnte unterm Strich den Ausschlag geben. Immerhin wäre es nicht das erste Mal.


Ungeachtet der vielen Fallstricke lässt sich grundsätzlich sagen, dass die Aussichten für neue Serien gar nicht mal so schlecht sind, da Syfy angekündigt hat, mehr Raum für eigene Produktionen im Sendeplan schaffen zu wollen.
Link: Presseerklärungvon Syfy zu den Upfronts