Supermuttimodus: an/aus

Von Nadine M Helmer

Ich stehe mit Mann, Kind, Gepäck und Übergepäck in sengender Hitze auf einer italienischen Flughafen-Bushaltestelle, also, da soll einer kommen, der uns zur Mietwagenstation bringt. Es ist voll, ich schwitze aus allen Poren, der Koffer rollt gemächlich von allein Richtung Bordsteinkante, das Kind hört nicht auf zu quaken und der Mann fragt vierzig Fragen in der Minute, die ich auch nicht beantworten kann. Meine überquellende Handtasche rutscht mir ständig über den Rucksack von der Schulter vor die Brust. Es gibt 45 Quadratzentimeter Schatten, da stehen aber schon neun andere, vor sich hin ölende Menschen mit Gedöns um sich rum.

 

Was macht Mutti, ergo icke? Lässt alles fallen, sucht in der Tasche, oder in der anderen Tasche GANZ UNTEN diese Miniflasche Sonnencreme, damit das Kind ja nix an fieser Sonnenstrahlung abkriegt. Schmiere hektisch am Kind rum, das Zeug klebt, alle Klamottenränder sind instant-ömmeliggelb, meine Hände kleben und ich weiß, ich kann auf gar keinen Fall demnächst das iPad rausholen, um im Auto den Weg zum Ferienhaus zu navigieren. Ich schmiere und rotze die Creme aus der glitschigen Flasche und die Leute um mich rum sehen mich mitleidig-amüsiert-teilnahmslos an:

 

Achtung, der deutsche Mutterhelikopter ist gelandet. 

 

 Im Flugzeug hatte das Kind  vor dem Start Nasenspray intus und die Kinderohrstöpsel für den Druckausgleich. Und Kaugummi. Hinter uns gluckst unbefangen ein Baby, ich denke mal, ohrstöpselfrei.

 

Das Kind hat auch insgesamt zweimal so viel Klamotten dabei wie ich, und von der Reiseapotheke fang ich jetzt gar nicht an.

 

Es schließt Freundschaft mit einer hiesigen Katze, ein kleiner junger Streuner. Im Kopf schnell die kompletten Impfpass durchgegangen. Gut, Tetanus....aber was ist mit Tollwut? Wie schnell muss man da eine Impfung...? Wo ist denn hier eigentlich ein Krankenhaus? Und was ist mit Flöhen? Springen die über? Beißen die? 

 

Ich dränge den ganzen Tag dem Kind den Sonnenhut, den Platz im Schatten, die Wasserflasche auf. Zieh bitte das Kleid an. Nee, lieber das andere, das ist zu weit ausgeschnitten, da sind die Schultern so blank. Jetzt lieber eine Hose. Und das andere Shirt, ist doch viel zu warm. Ich habe Stunden nach guter Sonnenmilch gegoogelt und mich ungefähr so lang mit UV-Schwimmsachen beschäftigt wie früher mit Uniklausuren. Seitdem weiß ich, dass es gar nicht mal um die verbrennende/braun machende Strahlung geht, sondern die Strahlung, die durch die normalen Klamotten und die Sonnenmilch durchdringen und die Haut kaputtmachen. Der Wahnsinn!! Sofort nach australischem Standard geprüftes Rollkragenschwimmshirt mit Dreiviertelhose gekauft.

Dann sitze ich erst noch in Berlin da im Schwimmbad und mir tut mein Kind leid mit diesem bestimmt fieswarmen Shirt, das dann später kühlfeucht am Körperchen klebt (ich natürlich frank und frei  im handelsüblichen Badeanzug völlig ohne UV-Schnickschnack). Am Abend sind sie und ich gleichermaßen käseweiß, wegen der 50+-Lotion. 

 

Hier kuck ich mir die ganzen italienischen Kinder an, alle fröhlich, keins hat einen Hut auf. Keins!! Am Strand, so wie ich früher, eine kleine bunte Badehose an, fertig.  Sind die überhaupt eingecremt? Mit 50+? Und so ein Spaghettiträgershirt geht doch gar nicht, hallo, die Schultern sind eine Sonnenterrasse!! Hallo!! Wo ist der Verband der italienischen Hautärzte?? Die Plakate? Die Panik, die Warnungen? Unser Kind wird als dicker pinker Fleck (Shirt, Hose) von überall auffindbar sein.

 

 Wann haben wir eigentlich verlernt, die Welt mit ihren Nebenwirkungen wie Sonne, Temperatur, Klima, Staub, Keime einfach mal so hinzunehmen ohne die große Maschinerie des "Geschisses" (wie meine Mutter zu sagen pflegt) anzuwerfen? Warum habe ich permanent Angst vor allen möglichen und vielmehr unmöglichen Gefahren? Ist das (noch) normaler Mutterreflex oder ist das eher die Folge einer Über-Google-Foren-andere Webseiten-Dosis?

 

Nach dem Strandtag setzt bei mir plötzlich das Bedürfnis nach kompletter Entspannung ein. Vielleicht bricht sich jetzt mein südländisches Ich bahn... jedenfalls habe ich das dringende Bedürfnis, vom Muttiplaneten zurück auf die Erde mit gesundem Menschenverstand zu fliegen. Ohne Heli, sondern mit Chuzpe per Anhalter getarnt als Susi Sorglos. Zugegebenermaßen erkenne ich bislang die Grenze zwischen normalem Menschenverstand und Übergeschisses noch nicht sehr klar. Aber ich bemühe mich. Und schiele derweil einfach auf die grundentspannten italienischen Mamas da neben mir am Strand.

PS: Falls bei Google Earth ein pinker Fleck in der Adria zu erkennen ist: das ist die australisch-geprüfte Super-UV-lass-nix-durch-auch-keine-Luft-Hose. War dem Kind zu warm. Wurde im Wasser ausgezogen und schwimmt nun auf nimmerwiedersehen seelenruhig auf Muttis Alarmplaneten davon.