Süd-Kreta: Auf abgelegenen Pfaden zwischen Bergen und Meer

Süd-Kreta: Auf abgelegenen Pfaden zwischen Bergen und MeerIm Wechsel vom Norden der Insel in den Süden änderte sich das Klima, änderten sich die Farben, änderte sich das Urlaubsgefühl. Während es im Norden, zumindest anfangs, recht stürmisch war, manchmal schon herbstlich-frisch, flirrte in Pitsidia bei Màtala, wo ich meine zweite Unterkunft gebucht hatte, zur Mittagszeit noch die Hitze. Den Blick aufs ganz tiefe Blau der Ägäis im Norden, maritime Atmosphäre pur, tauschte ich gegen gelbliche Töne der Massara-Ebene und ein irgendwie weniger intensiv leuchtendes Lybisches Meer im Süden. Dafür wärmeres Wasser, mehr Urlaubsgäste. Statt meiner geliebten Kemenate im leeren Appartementhaus (Freiheit pur!) ein schmuckes Pensionszimmer. Statt Blick aufs Meer vom Balkon leider einen zur Straße. Statt gemächlichem kretischem Nachsaisons-Alltag noch blühendes touristisches Engagement.

Und, ja - ich deutete es schon an - die Umstellung fiel mir nicht sofort leicht. Die Pension Aretoussa in Pitsidia ist ein wirklich gastlicher Ort und die kretisch-deutsche Betreiberfamilie um viele Kleinigkeiten bemüht, die einen Aufenthalt angenehm machen. Besonders Wirtin Kerstin beindruckt mit einer Mischung aus präziser Aufmerksamkeit und gelassener Heiterkeit. Es gibt Sonnenschirme kostenlos, zum Mitnehmen an den Strand, und eine umfangreiche Bibliothek. Köstliches, phantasievolles Frühstück und eine Zimmereinrichtung mit vielen liebevollen Details. Pitsidia ist ein verwinkeltes, heimeliges Vorzeigedörfchen wie es im Buche steht. Am Platz werden Abends Musikinstrumente in fähige Hände genommen, Urlaubsstimmung pur.

Wie kann die Alleinreisende da verstimmt sein? Gut, ein bisschen Milatos-Liebeskummer, den hatte ich schon bei der Abreise dort. Gegen meine große Freizügigkeit dort kam mir das Leben in einer Pension, so wunderbar sie ist, ein wenig vor wie betreutes Wohnen. Umgeben von Paaren und Gruppen aus deutschen Landen kam ich mir seltsam vor, seltsamer als dort, wo einfach kaum andere Touristen waren und wenn, dann vielleicht auch nur Sonderlinge. Hier im Süden Toskana-Feeling, man kommt individualreisend, aber nicht allein, es gibt viel Kunsthandwerk und Biodynamisches, Yoga und Esoterik. Gehobene Crossover-Küche. Und man spricht deutsch!

Weniger die Eitelkeit, so ganz anders zu sein, sondern der Wunsch, weg zu sein von dort, wo einem zuvieles bekannt vorkommt, ließ mich Orte im Abseits aufsuchen, die nicht oder nur ganz knapp erwähnt im Reiseführer stehen.

Ein bisschen Wegelagerei hinter vielen Serpentinen: Kaloi Limenes

Die Entfernung hinunter ans Meer sieht in der Luftlinie kurz aus, aber der Blick auf die Karte zeigt schmale Schleifen als Straße. Es dauert, sich in endlosen Kurven hinunter nach Kaloi Limenes zu winden. Der Blick geht erst zum Schluss auf einen fast leeren Strand, einige provisorisch wirkende Buden, ein paar Camping-Wagen. Wer Hippies sucht, findet sie wohl eher hier, aber ich glaube es sind keine der Mátala-Art, es sind Griechen, die hier ihre Provisorien eingerichtet haben. Hungrig setzte ich mich an einen Tisch, ich bin auf jeden Fall die einzige Fremde, es ist schwer sich zu verständigen, es wird hier kaum englisch gesprochen. Es gibt Souvlaki, das ist verlässlich. Ich hingegen scheine ein wenig zu irritieren, nur der kleine Junge der Familie strahlt über die willkommene Abwechslung und will helfen, der Fremden ein Getränk zu bringen. Und die Fremde fremdelt ein wenig, und sie mag das, warum auch immer.Süd-Kreta: Auf abgelegenen Pfaden zwischen Bergen und Meer

Am Strand ist es, wie ich es erst Recht mag: Verlassenes Mobiliar, das nicht fragt, wer es nutzen mag. Hier ausruhen, das Wasser testen und noch mehr zur Ruhe kommen. Nicht verschwiegen werden darf, dass dem Strand eine kleine Insel vorgelagert ist, auf der Öltanks thronen, eine plötzliche Industriekulisse im Bildausschnitt. Ich halte Blick und Kamera einfach in andere Richtungen.
Süd-Kreta: Auf abgelegenen Pfaden zwischen Bergen und Meer

Am Rande des Ida-Gebirges zwischen Klima und Zaros

Süd-Kreta: Auf abgelegenen Pfaden zwischen Bergen und MeerIch glaube nicht, dass ich mich schon mal irgendwo so an Bergdörfern erfreut habe wie auf Kreta. Was für eine Luft und Stille. Dennoch milde Temperaturen. Großartige Ausblicke. Nachdem es mir im Norden auf der Lassithi-Hochebene so gut gefallen hat, mache ich mich hier im Süden auf, etwas orientierunglos ins Hinterland der Ebene, langsam ansteigend zum Ida-Gebirge hin. Und ich werde nicht enttäuscht.

Süd-Kreta: Auf abgelegenen Pfaden zwischen Bergen und MeerAls erstes erreiche ein Örtchen, das lustigerweise Klima heißt, und erst bei späterer Recherche erfahre ich, dass Klima der ursprünglichen Wortbedeutung nach mit „Neigung" übersetzt werden kann. Tatsächlich neigt sich hier alles am Hang entlang nach unten, strecken sich die Gebäude zugleich nach oben, winklige Straßen, wenn ein altersschwacher Transporter entgegenkommt, wird´s schon mal spannend. Ich fahre hier oben weiter von Dörfchen zu Dörfchen, steige aus, schlendere, fotografiere. Süd-Kreta: Auf abgelegenen Pfaden zwischen Bergen und MeerKeine echte Wanderung, aber ich genieße meine Schritte im schönen Höhen-, ja: Höhen klima halt.
Endlich lande ich in Zaros mit seinem Süßwassersee, einer absoluten Seltenheit in hiesigen Gefilden. Ausgerechnet hier hat meine Kamera keinen Saft mehr (Sowas darf eigentlich nicht passieren...), aber Bilder und Infos gibt´s ja zum Glück auch anderswo. Zaros ist ein hübscher Ort, in dem ein wenig Leben herrscht, es gibt Tavernen und kleine Lädchen. Auch Griechen schätzen Zaros als Ausflugsort, wegen dieser Seltenheit mit dem Süßwasser, das zur Forellenzucht genutzt wird. Ich lasse es mir nicht nehmen, in der Taverne Oasis im Ort Platz zu nehmen und eine Forelle zu ordern. Sie ist putzig klein und, wie hierzulande häufiger mal, wenn etwas vom Rost kommt, teilweise kross schwarz. Ach, ich genieße das alles ... auch die ausgelassenen griechischen Gäste am Nebentisch, aber Forelle Müllerin ist vielleicht doch keine typische griechische Spezialität...

Kokkinos Pyrgos: Alle schon weg, ich komme

Nordwestlich von Mátala aus die Küste entlang geht es nach Agia Galini, ein Ort dessen Besuch allenthalben empfohlen wird. Ich komme dort nie an, weil ich auf dem Weg dorthin das Hafenstädtchen Kokkinos Pyrgos finde - und endgültig einen Traumstrand fast ganz für mich. Es scheint hier etwas windiger zu sein als in der Bucht von Mátala, aber vielleicht ist es auch die Tagesform des Wetters. Jedenfalls wirkt hier alles schon ein wenig geisterhaft, die herrliche Kulisse und natürlich Sonnenschirme und -liegen, verwaist, gehören mir ganz alleine. Ich erkläre diese Sonnenschirme zu meinen bisherigen Lieblings-Sonnenschirmen ever. Ich komme sogar noch ein zweites Mal wieder, finde am Ortsausgang einen Garten und ein kühles Mythos. Hier wird viel gestritten unter den Wirtsleuten, auf griechisch. Ich verstehe zum Glück kein Wort. Mich zieht es wieder an den Strand. Ja, ich empfinde wahrhafte Geborgenheit, wenn mich eine herrliche Landschaft und ein lauer Wind einhüllen in meiner einsamen Auszeit. Morgens und abends treffe ich ohnehin Menschen...

Süd-Kreta: Auf abgelegenen Pfaden zwischen Bergen und MeerSüd-Kreta: Auf abgelegenen Pfaden zwischen Bergen und MeerNoch ein paar Tipps

Süd-Kreta: Auf abgelegenen Pfaden zwischen Bergen und MeerDie Menschen, die ich am Morgen und Abend in der Pension treffe, sind nett. Besonders die beiden aus Bochum (oder Bielefeld? oder Leverkusen?), besonders sie, also der weibliche Teil des Pärchens. Ich treffe sie am Abend bei Anna&Alex Gyrosrestaurant (Tipp, siehe unten!). Wir sprechen über Mitbringsel. „Warst Du schon im Bioladen in Kouses?" Ach ja, diesen biodynamischen Wochenmarktschnickschnack wollte ich ja umgehen, ich koche hier eh nicht selbst. Wäre ich doch mit Freund*innen in einem Bergdorf und wir würden abends an langen Tischen speisen, so wie es die Menschen am Ende französischer Komödien tun, oder vielleicht manche hier ... dann vielleicht. Aber ich hatte ja nach Olivenöl gefragt, das gibt es dort, das echte, verbürgte, feine. Ich fahre hin. Botano heißt der Laden, er ist ein Geheimtipp, auch wenn ich beinahe nichts davon erfahren hätte. Der Ort Kouses gefällt mir außerordentlich, das Lädchen auch sehr. Es gibt unzählige Kräutermischungen und Tees und ich trage meine kleine Olivenölkanister raus. Neben Kouses das Dörfchen Sivas, auch ein ländlicher Traum - und als ich den Süden Kretas wieder verlasse, denke ich, ich hätte durchaus auch länger bleiben können.

Essen gehen in Pitsidia: Ich lernte zwei Lokale kennen und die waren ganz verschieden.

Einmal das Raftis, in dem man in einem wunderschönen Garten sitzt und isst. Wie in der Toskana (ich kann´s nicht lassen). Griechisch die Zutaten, crossover fein und schick die Zubereitung. Sehr nettes Personal. Irgendwie nichts für mich als Alleinreisende. Ich fühlte mich unzugehörig zwischen Deutschen im gehobenen Alternativlook, kunsthandwerkliche Riesenketten über Leinendress für die Dame, outdoor-Zwirn für den gehobenen Geldbeutel für den Herrn. Ich lästere, sorry, dabei ist der Garten wirklich sehr, sehr schön und das Essen, wenn man Abstand von souvlaki braucht, ganz fein. Ein bisschen wie in Frankfurt halt:-)

Und dann Anna und Alex, eine Taverne, die leicht zurückgesetzt an der Hauptstraße nach Mátala liegt. Spezialisiert auf Gyros und Gyros und noch mal Gyros (obwohl ich den in der NoNameBar in Milatos saftiger fand...) Außerdem tolle Tagesgerichte wie Krabben-Saganaki, traumzartes Stifado oder Fisch in Zitronensauce. Man sollte nehmen, was Anna in akzentfreiem Deutsch (sie hat in Lübeck gelebt) als Tagesgericht, von Alex gekocht, empfiehlt. Und sie manövriert hier bodenständig-köstliches heiter zwischen Urlauber*innen und Einheimischen auf die Tische. Auf dieser Terrasse mischt es sich in aller Unkompliziertheit und bei günstigem, leckerem Rotwein.

Weiterlesen: Ich empfehle den Artikel Aktives, erholsames Kreta von Paula Parkvogel. Sie hat u.a. auch eine Tour in die Schluchten Süd-Kretas unternommen. Das habe ich nicht getan, das bleibt auf dem Zettel.

Ach ja, zum Thema Hinkommen: Nicht schwer. Wer runter in die Messara-Ebene fährt, kommt wohl nahezu immer über die gut ausgebaute Straße von Heraklion. Es nicht weit und nicht wild und mir gefiel die Strecke. Einzige Rätselaufgabe: In Heraklion ist der Weg nach Süden verdammt schlecht ausgeschildert. Ich kam ja vom Nordosten und rund um Heraklion hatte ich ordentlich rum zu kurven, wegen nix kapier. Ausgerechnet in der Hauptstadt verstärkt sich der Rätselsport dadurch, dass die meisten Schilder strikt in griechischen Buchstaben gehalten sind. Wer dann versucht. Mátala zu entziffern, hat Pech gehabt und dreht Extrarunden wie ich. Mires (Μοίρες) ist als Kreisstadt im Süden ausgeschildert. Und dort lernt man dann auch endgültig Autofahren auf kretisch: Die Straßen sind zugeparkt und voller geschäftiger Menschen, eigentlich unmöglich hier locker zweispurig durchzukommen. Die Devise lautet dennoch: Langsam fahren darfst Du immer, anhalten nimmer. Irgendwie drückt sich alles im Millimeterabstand mit zahlreichen Gesten aneinander vorbei. Wer schlapp macht und stoppt hingegen, erntet sein Hupkonzert. Zwischen Heraklion und Mires und nach Mires weiter ist alles ganz easy, Fenster auf, Musik an, laut mitsingen und glücklich sein. Ein roadtrip auf Kreta (und zwar ein viel ausführlicher als dieses Mal) ist sehr gut machbar.


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