Stuttgart 21 - Ein Projekt unter Beschuss

Von Geozentrale

Von Simon Argus

Aktuelle Stunde für alle Geographen und Stadtplaner: Die Republik schaut auf euch. Denn: In Stuttgart begehrt das Volk auf, gegen die Pläne von "Stuttgart 21" - einem Riesen-Infrastrukturprojekt, das einerseits die Schiene in das Zeitalter des Schnellverkehrs und andererseits die Stadt in den Rang einer konkurrenzfähigen Metropole katapultieren soll. Doch was läuft falsch? Wieso der Volkszorn?

Das Projekt in Kürze: Der Stuttgarter Hauptbahnhof, veralteter aber gut funktionierender Kopfbahnhof, soll unter die Erde verschwinden. Dabei wird er zum Durchgangsbahnhof, was für Fernreisende eine gewisse Zeitersparnis bringt - gerade zusammen mit der ebenfalls geplanten Schnellzugstrecke nach Ulm. Gleichzeitig werden über Tage große Flächen für eine Erweiterung der beengten Innenstadt frei (siehe gelbumrandete Flächen in nebenstehender Abbildung).
Gegner und Befürworter von Stuttgart 21 scheinen dieser Tage aneinander vorbeizureden. Die einen sprechen von einer abenteuerlichen Kostenkalkulation und vielen Ungereimtheiten in der Planung, davon dass es ihnen wenig Nutzen bringen wird, wenn im Gegenzug zu Stuttgart 21 andere Investitionen in der Stadt ausbleiben - und sie haben damit recht.
Die anderen sprechen von einer großen Chance für die Entwicklung der Stuttgarter Innenstadt, der Heilung einer Wunde, die die Eisenbahn vor 100 Jahren in die Stadt geschlagen hat und der Zukunft einer wichtigen europäischen Eisenbahn-Magistrale - und auch sie haben recht. Das Problem sind die Unterschiede in der Perspektive.
Zunächst sollte man daher vielleicht einmal die verschiedenen Stakeholder - also Interessensgruppen nennen. Da wären:
Die heutige Bevölkerung der Stadt Stuttgart: Sie wünschen sich einen reibungslosen Nahverkehr (den sie schon so ziemlich haben), keinen unnötigen Baulärm, keinen unverantwortlichen finanziellen Spagat der Stadt. Sie sehen wenig Nutzen im gerade begonnenen Projekt, da für sie die wenigsten Vorteile zum Tragen kommen werden: Die stadtentwicklerischen Möglichkeiten sind zu weit entfernt, abgesehen von den Anwohnern direkt an den Bahnanlagen, werden die meisten Stuttgarter einer Erweiterung von Innenstadt und Stadtpark eher gleichgültig gegenüberstehen. Zukünftige Generationen mögen anders darüber denken.

Die Stadt Stuttgart selbst: Für sie geht es um den anspruchsvoller werdenden Wettbewerb als Wirtschafts- und Lebensstandort. Dafür sind Prestige-Projekte und eine innovative Stadtentwicklung von großer Bedeutung. Dass die Bahn das Projekt als Teil einer internationalen Schienenmagistrale vermarktet, bringt ihr den Vorteil, dass sich auch der Bund an den gigantischen Kosten beteiligt - somit entsteht die einmalige Chance, richtig viel Geld in die Hand zu nehmen - um damit hoffentlich Gutes zu tun.
Die Stadtplaner: Sie sehen die Chance eine geteilte Stuttgarter Innenstadt, die noch dazu in Kessellage kaum Expansionsraum hat zu vereinen und vergrößern. Der Zugverkehr verschwindet aus dem Stadtbild, dafür können zentrale Bauflächen entwickelt werden. Für sie hat das Projekt den größten Nutzen. Die Lebensqualität wird in mehreren Stadtteilen steigen, durch die aufwendige Gestaltung der Anlagen schafft man Attraktionen, die auch Dienstleister und Einzelhandel für die neuen Standorte begeistern wird. Die Attraktivität Stuttgarts im Vergleich zu anderen Städten wird steigen.
Die Bahn: Das Konzept eines Kopfbahnhofes ist für Dampflokomotiven gedacht: Wenn ihr Kohle- und Wasservorat zuende geht, spannt man im Kopfbahnhof am anderen Ende eine frisch befüllte Lok an und spart viel Zeit. Heute bremsen diese Bahnhöfe den Verkehr. Gleise mit nur einer Ausfahrt werden von den Zügen viel länger blockiert, im Vorfeld des Bahnhofs kreuzen sich viele Züge und führen so zu Kapazitätsbeschränkungen. Außerdem verbrauchen Kopfbahnhöfe viel teures Bauland, das man im Zuge dieses Projekts gewinnbringend verkaufen konnte. Der neue Bahnhof soll der Bahn den Konkurrenzkampf um den Passagier erleichtern - dagegen werden weder der neue Bahnhof, noch die neue Schnellbahn zu einer nennenswerten Kapazitätserweiterung für den Güterverkehr beitragen. Ihre Vision hat die Bahn zum Beispiel in diesem Werbevideo dargestellt:

Insgesamt hat das Projekt also durchaus eine Reihe positiver Langfrist-Effekte, wie eine Verbesserung der Lebensqualität und Attraktivität Stuttgarts und Effizienzsteigerungen im Eisenbahn-Personenverkehr. Das Problem ist, dass nicht jeder von diesen Vorteilen profitieren wird. Dem gegenüber stehen früher merkbare und von der Allgemeinheit getragene Nachteile: Die finanziellen Risiken, die Einschränkungen durch den Bau etc. Hinzu kommen Punkte, die aufgrund einer schlechten Kommunikation der Verantwortlichen den Ärger weiter anheizen: Falsche Versprechungen, was zum Beispiel den Nutzen für den Güterverkehr oder den finanziellen Rahmen angehen. Und besonders das Versprechen, dass das Projekt Vorteile für jeden Stuttgarter mit sich bringt.
Sollte Stuttgart 21 also realisisiert werden? Vom Standpunkt der Stadtplanung und der Verkehrsplanung her kann klar gesagt werden: Ja. Der Haken an der Sache sind die externen Effekte: Mangelwirtschaft in anderen Bereichen, da alle Mittel auf ein Projekt konzentriert werden. Die finanziellen Hürden sind die bedeutendsten Gegenargumente gegen Stuttgart 21 und gerade diese Risiken werden von der Allgemeinheit getragen. Vielleicht wären die Planer also gut beraten, auch den allgemeinen Nutzen des Projekts in den Vordergrund zu stellen. Die Stadtplanung für die neuen Viertel beispielsweise, sollte sich nicht allein nach Investorenwünschen richten - sondern auch die Bewohner von Stuttgart einbinden.
Im Netz: Die Pro-Seite: Offizieller Auftritt des Bauprojekts Stuttgart 21 sowie die Contra-Seite mit alternativem Kopfbahnhofkonzept
Bildquellen: stuttgart21.de