Street View: Minenfeld in Bielefeld

Länger als ein Jahrzehnt ist der Informatiker Achim Held verlacht und verleumdet worden, seit er am 16. Mai 1994 in der Newsgroup de.talk.bizarre aufdeckte, dass die angebliche Stadt Bielefeld eine erschütternde, die Weltgeschichte auf bizarre Weise verformende Erfindung ist, die es nie wirklich gegeben hat. Vielmehr sei die medial geschickt inszenierte Darstellung der virtuellen Stadt, so wies Held nach, Produkt der Tätigkeit einer hochrangigen Verschwörergruppe von CIA, Mossad und verschiedenfarbigen Außerirdischen, die es darauf angelegt haben, den Bürgerinnen und Bürgern einzureden, dass es Bielefeld gibt. Es handelt sich dabei offenbar um eine Art Musterverfahren, mit dem geheimnisvollen Auftraggebern klargemacht werden soll, wie weit die Macht der Manipulation in der Lage ist, nicht nur immer wärmere Sommer, größere Loveparaden und höhere Einschaltquoten zu imaginieren, sondern auch ganze Faktenlagen ohne Grundlage neu zu erzeugen.
Ein Unternehmen, das vom konkurrierenden Projekt Google Street View in seinen Grundlagen bedroht wird. Im wirklichen Leben kennt natürlich kein Mensch auf der gesamten Welt jemanden, der aus Bielefeld stammt, so dass die Legende jederzeit geschützt bleibt. Doch auf dem virtuellen Globus des Internetriesen sieht das anders aus: Mit ein paar Klicks wäre es nach Scharfschaltung der Funktion Street View jedermann möglich, am Ort des angeblichen Bielefeld nachzuschauen, wie die vermeintliche Stadt wirklich aussieht.
Das wollen die mächtigen Kreise hinter der nun schon anderthalb Jahrzehnte aufrechterhaltenen Schimäre von der "blühenden Stadt in Westfalen" offenbar nicht riskieren. Stattdessen lancierten sie bereits im Februar ein Schreiben der angeblichen Bielefelder Stadtverwaltung, die natürlich in Wirklichkeit nie existiert hat, an den Suchmaschinenkonzern Google. Inhalt: Der ultimative Hinweis, dass Aufnahmen der Stadt Bielefeld für den Dienst Google Street View "generell nicht erwünscht" seien. Man wünsche konkret keine Speicherung und Veröffentlichung der von „Google Street View” im Stadtgebiet Bielefeld erfassten Daten im Internet, teilte die Verwaltung im Auftrag eines offensichtlich von den Verschwörerkreisen flugs erfundenen "Rates der Stadt Bielefeld" mit. Auch gegen "die Veröffentlichung von Fotos kommunaler Gebäude und der Fahrzeuge der Stadt Bielefeld wurde Widerspruch eingelegt", hieß es. Bielefeld solle geheim bleiben, das sei auch im Sinne der rund 320.000 erfundenen Bürgerinnen und Bürger, die derzeit nach Angaben der in die Legende involvierten Statistischen Ämter in der ausgedachten Stadt leben.
Google hat den Protestbrief der Verschwörer, die die Aufdeckung der Wahrheit über "Bielefeld" fürchten, bislang ignoriert. Noch in diesem Jahr, heißt es trotzig aus der Firmenzentrale, werde auch Bielefeld per Street View im Netz zu sehen sein. Achim Held ist schon ganz gespannt.


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