Stormzy: Die Verteidigung der Krone

Stormzy: Die Verteidigung der KroneStormzy
„Heavy Is The Head“
(Warner Music)
Es war zweifellos das Year Of Grime. Nicht, dass es jetzt erst angefangen hätte, in UK im Allgemeinen und London im Speziellen kocht man schon lange damit und viele der Protagonisten sind auf der Insel mittlerweile veritable Legenden. Doch seit ein Großteil der dortigen Bevölkerung entschieden hat, ebenjene Insel auch als Wertegemeinschaft von Europa abzukoppeln, seit dieses Land, meint seine Politiker auf erschreckend konsequente Weise viele der Fehler begehen, die schon Margaret Thatcher ihren zweifelhaften Ruf eingebracht haben, seitdem ist Grime die Musik der Stunde. Die der Aufsässigen, Unzufriedenen, Zornigen, nicht zwingend schwarz, aber vorwiegend. Gibt es so nur dort, kommt von der Straße, aus dem Dreck, vom Rand, reimt derbe, schnell und hart. Der neue Punk? Auch das. Und natürlich passt es ganz gut, dass ausgerechnet Michael Omari, genannt Stormzy, dieses besondere (und leider auch besonders traurige) Jahr abschließt, der Mann also, der 2017 mit „Gang Signs And Prayer“ einen Meilenstein des Grime setzte. Und der im Frühjahr mit „Vossi Bop“ grandios reüssierte.

Lustigerweise reden wir hier aber von dem Mann, in dem nicht wenige Hardcore-Fans auch den Totengräber des Genres sehen. Bespielt die großen Bühnen (Must-See: Glastonbury 2019), kollaboriert mit dem Mainstream (hier und jetzt Ed Sheeran) und, für viele ein absolutes NoGo, äußerte sich nicht nur politisch, sondern schaltete sich als Labour-Anhänger und Remain-Befürworter sehr aktiv in den Wahlkampf ein. Dass dies ein schmaler Grat ist, wissen auch Bands wie Pulp, Oasis und Blur, auch sie und viele andere standen damals einvernehmlich mit Tony Blair und New Labour auf der großen, politischen Bühne. Der Vergleich hinkt dennoch, denn Grime kommt nicht aus der bürgerlichen, linksliberalen Mitte, sondern wie erwähnt von den Außenseitern und den Zurückgelassenen des Landes. Und von einem Deal kann man angesichts der wütenden Aufschreie so mancher Musiker wohl auch kaum sprechen – eher vom letzten Aufbäumen vor dem Unabänderlichen, einer Art trotziger Selbstbehauptung angesichts der Übermacht der wirtschaftlichen, nationalkonservativen Eliten.

Von all dem ist die Rede auf dem tatsächlich ziemlich erstklassigen Album. Stilistisch noch vielgestaltiger als der Vorgänger, trotzdem mit mächtig viel Wucht und Wut im Bauch. Stormzy begibt sich auf „Heavy Is The Head“ bewusst in die Verteidigungshaltung gegenüber seinen Kritikern: Ja, er würde jederzeit öffentlich und auf den bekannten Kanälen wieder seine Meinung kundtun, wenn es denn seiner Meinung nach dem Land und den Menschen nutzt („One Second“). Stolz kommt ebenfalls nicht zu knapp, „Big Michael“ hat es geschafft, füllt die Hallen, ist ein Big Player – tatsächlich (hier fällt einem Sprintstar Linford Christie, der ewige Widersacher des Amerikaners Carl Lewis ein) scheint Stormzy einer der wenigen zu sein, der auch außerhalb Großbritanniens mitspielen kann. Ehemals „Rachael’s Little Brother“, ist er nun selbst eine große Nummer und richtigen Hits. „Own It“ mit besagtem Ed Sheeran ist einer davon, ein Popsong vom „Pop Boy“, mit dem er gern kokettiert (hier wiederum gemeinsam mit Raptalent Aitch) – gut macht er das.

Dass Kritik auch an einem vermeintlich so toughen Typen nicht spurlos vorübergeht, davon reimt er uns in „Crown“, quasi dem Titelsong des Albums, ein introspektiver, nachdenklicher Track. Schwer wiegt die Krone auf dem Haupt des Gekrönten, heißt es dort, schwer wiegen die Vorwürfe, er wäre beispielsweise mit seinem Einsatz für benachteiligte schwarze Kinder selbst ein Rassist, er fühlt sich unverstanden, macht seiner Enttäuschung Platz. Und schickt darauf seinen Feinden den Regen („Rainfall“), all jenen, die ihn falsch verstehen, missinterpretieren, die ihm seinen Erfolg neiden. Dafür wird dann auch noch der Lord himself bemüht (drunter geht’s offenbar nicht), doch ob der eher ein reinigender Guß oder doch besser eine Art biblischer Plage schicken soll, bleibt im Ungefähren. Die Platte jedenfalls ist gewichtig genug, um ihn wieder an die Spitze der Bewegung zu bringen, eine neue Krönungsszeremonie ist vorerst nicht in Sicht.
20.02.  Berlin, Columbiahalle
24.02.  Hamburg, Docks
28.02.  Köln, Palladium
01.03.  Mainz, Altes Postlager


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