Stockbrot, Ouzo und Lagerfeuer

Von Carrie W. @CarrieWi

Schreiben, löschen, schreiben, löschen, schreiben, löschen, schreiben, löschen… das ist, was ich seit Tagen mache. Ich bin mitteilungsbedürftig, und dann wiederum auch nicht. Und warum? Weil ich Angst habe. Angst, dass sich meine sich momentan noch in Grenzen haltendes Gedankenwirrwarr hochpusht zu einem nicht mehr eliminierbaren Chaos der Gefühle. Angst, dass je mehr Menschen ich mich mitteile, immer mehr Meinungen auf mich einprasseln, und ich meine eigene nicht mehr wahrnehme. Mittlerweile merke ich jedoch, dass mich das nicht-darüber-schreiben mehr beschäftigt als die Sache an sich, also schreibe ich jetzt, und hoffe, dass es besser wird.

Lagerfeuer-Romatik

Ich habe jemanden kennengelernt. Ich habe schon oft Menschen kennengelernt, auch viele Männer, aber dieses Mal ist es anders. Tim kannte ich bereits vom letzten Grillfest meiner Freundin ein Jahr zuvor. Kennen ist hier übertrieben, denn gesprochen haben wir damals nicht miteinander. Er war da, ich habe ihn gesehen, und als gutaussehend, aber niedergeschlagen wahrgenommen. Probleme mit seiner Ehefrau. Zwei entscheidende Kriterien (Probleme und Ehe), die mich dazu veranlasst haben, mich an diesem Abend anderen Dingen zuzuwenden. Ein Jahr später kündigt sich nicht nur die nächste Grillfeier, sondern auch meine Freundin Tim als “wieder Single” an. Als Tim erscheint, hat sich an meiner Wahrnehmung ihm gegenüber absolut nichts verändert. Gutaussehend und niedergeschlagen. Ich bringe ihm einen mit viel Liebe gemixten Hugo und bringe heimlich bei Sophie die Details zum Vorschein. Tim und seine Frau sind nun getrennt, und das schon seit ganzen zwei Tagen. Mit dieser Info im Hinterkopf kippe ich beim nächsten Mal noch einen extra Schluck Prosecco in seinen Hugo und bewundere ihn dafür, trotzdem zur Feier erschienen zu sein. Ein paar Stunden später sitzen die übriggebliebenen mit Stockbrot ausgerüstet am Lagerfeuer. Mit Tim unterhalte ich mich über berufliches, das scheinbar sonst keinen interessiert, denn als ich das nächste Mal in die Runde schaue sitzen wir noch zu dritt. Sophie stellt uns zum Abschluss des Abends noch eine Flasche Ouzo and Feuer. Also sitzen wir, trinken Ouzo, rauchen viel und unterhalten uns. Ich fühle mich wohl. Als sich Tim irgendwann neben mich setzt sehe ich ihn zum ersten Mal ganz nah. Er lächelt verschmitzt. Um drei Uhr morgens sind die Zigaretten, aber noch nicht der Ouzo leer, und wir beschließen, Nachschub zu besorgen. Als wir durch die dunklen Straßen den kleinen Örtchens schlendern (leicht torkelnd, zugegebenermaßen) nimmt Tim meine Hand. Schon seit ich ihm den ersten Drink brachte hätte er das tun wollen, sagt er. Ich grinse nur, sage aber nichts. Wenig später stehen wir eng umschlungen, an den Zigarettenautomaten gelehnt, und knutschen. In diesen Momenten denke ich an nichts. Ich denke nicht an seine Frau, ich denke nicht daran was passieren könnte, ich denke nicht daran, wie und wann wir uns wiedersehen könnten. Ich bin nur da und genieße. Später, zurück am Lagerfeuer, liegt mein Bein über seinem, wir reden, lachen, tauschen tiefe Blicke aus. Als wir nebeneinander auf dem Sofa einschlafen wird es schon hell.

Es ist anders

Am nächsten Abend sehen wir uns wieder. Gleicher Ort, weniger Menschen. Schon den ganzen Tag schwirren mir seine Worte durch den Kopf. Worte, die die Seele streicheln, und die ich aufsauge wie ein Schwamm das Wasser. Ich denke wenig an die Dinge, an die ich normalerwiese denke. Ich habe keine Ahnung was kommen wird, aber das macht mir nichts aus. Sophie kennt Tim gut, denn er ist seit vielen Jahren der beste Freund ihres Mannes. Sie sagt, dass er ehrlich zu mir sein wird, und das bezweifle ich nicht. Als wir uns sehen, sind wir verlegen, umarmen uns, sitzen, essen, werfen uns verstohlene Blicke zu. Als Hans die Kinder ins Bett  bringt und Sophie dringend etwas im Haus erledigen muss, sind Tim und ich allein. Er nimmt meine Hand und sieht mich einfach nur an. Eine Situation, die mich bis ins äußerste überfordert. Ich werde schrecklich nervös, weiß nicht wo ich hinsehen soll. Warum sagt er denn nichts? Man muss doch irgendwas sagen? Muss ich was sagen? Schließlich fragt er mich, ob wir uns wiedersehen. Natürlich sehen wir uns wieder. Und zwar bereits zwei Wochen später während meines Geburtstagsbesuches in der Heimat. Wir gehen essen, reden und lachen viel. Als er beginnt, über gemeinsame Aktivitäten zu sprechen, wird er plötzlich unsicher. Ich kann förmlich seine Gedanken lesen. Ist das nicht zu früh? Kann ich das schon? Will ich das schon? Und genau das artikuliert er auch. Ich sage ihm, dass ich ihn mag, ihn auch nach diesem Treffen wiedersehen will. Ich sage ihm auch, dass ich keine Eile und zudem Verständnis für seine Situation habe. Keine Pistole auf die Brust – einfach abwarten was passiert. Ich merke, wie er innerlich aufatmet. Er setzt sich zu mir, sieht mich an und sagt mir, er habe mich sehr vermisst und fühle sich unglaublich wohl in meiner Nähe. Er sagt noch viele dieser unglaublich schönen Dinge, als wie später Arm in Arm durch die Stadt schlendern. Ich glaube ihm jedes Wort, ohne Zweifel. Als wir uns verabschieden will ich mich am liebsten nicht trennen. Wir freuen uns beide darauf, uns wiederzusehen. Wann auch immer das sein mag.

Klarheit gegen Unruhe

In einer Situation wie dieser habe ich mich noch niemals befunden. Sie ist anders als jede andere, die ich bisher erlebt habe. Anders, nicht nur in Bezug auf die äußeren Umstände, sondern vielmehr anders in Bezug auf mich selbst, mein Denken, mein Fühlen. Wir hören uns nur wenig, und es macht mir nichts aus. Ich habe das Gefühl, dass er an mich denkt, und das genügt mir. Seine Situation ist mehr als unpassend dafür, sich auf etwas Neues einzulassen. Ich könnte sogar gut verstehen, wenn er sagt, er könne das nicht. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass er mich mag. Meine Ungeduld hat mir schon zu oft einen Strich durch die Rechnung gemacht. Hier habe ich das Gefühl, dass es sich lohnt, Zeit und Raum zu geben. Und es fällt mir erstaunlich leicht. Trotzdem schaffe ich es nicht, meinen Kopf vollkommen abzustellen. Manchmal denke ich an Tim, und habe das Bedürfnis, ihn zu hören, ihm zu sagen, dass ich ihn gerne bald wiedersehen würde. Dann grüble ich. Kann ich das schreiben? kann ich ihn einfach anrufen? Meine Gedanken drehen sich weniger um meine Taten, sondern vielmehr um seine Reaktion, seine Interpretation. Ich möchte ihm sagen, dass ich mich freue ihn wiederzusehen, ohne ihm zu vermitteln, dass es schlimm ist wenn das nicht bald geschieht. Dieser ganze gedankliche Mist macht mich innerlich unruhig und verdirbt mir den schönen Gedanken. Wenn ich das nächste Mal mit tim spreche werde ich ihm genau das sagen. Dass er von mir hört wenn ich das Bedürfnis habe mich ihm mitzuteilen, wenn ich an ihn denke, wenn ich ihn gerne hören möchte. Ich werde ihm ebenfalls sagen, dass das nicht bedeutet, dass er all das genau so erwidern muss. Ich möchte verhindern, dass das, was ich sage falsch oder überinterpretiert wird. Ich möchte mir einfach keine Gedanken darüber machen müssen wie was warum bei ihm ankommt um für mich ein besseres Gefühl zu schaffen. Ich brauche Klarheit – Klarheit, dass jeder in dieser Situation das tun kann, was ihm am besten tut, ohne, dass der Andere es wertet. Das wandelt die innere Unruhe in Sicherheit, und das brauche ich. Denn diese innere Unruhe kippt irgendwann um, und endet in einem Gedankenchaos, das sich auf wundersame Weise bis jetzt noch nicht eingestellt hat – was ich genieße, und auch gerne weiterhin genießen würde.

Das ist nun also die Geschichte, wie ich Tim traf. Am Lagerfeuer. Endlich aufgeschieben, geht es mir besser. Ich aknn mich zurücklehnen und genießen, was ist – gepannt sein was noch kommt.

photo credit: Gatis Gribusts via photopin cc


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