Stephen Stills - Carry On

Es gibt Songs, die scheinen für die Ewigkeit geschrieben. Und wenn sie nicht von Lennon/McCartney stammen oder noch älter sind, dann ist die Chance groß, dass Stephen Stills seine Finger mit im Spiel hatte. „Carry On“ heißt eine Box mit 4 CDs, die die lange Karriere des Sängers, Songwriters und Multiinstrumentalisten dokumentiert. Eine bessere Einladung zu einer Zeitreise in die Hippiezeiten wird man in diesem Jahr wohl kaum bekommen. 

Eingentlich wollte ich ein Blueser sein damals Anfang der 80er Jahre. Der Schock, den mir seelenlose Bands wie Modern Talking im Fernsehen und den damals noch regelmäßig gehörten Radiohitparaden verpasste, führte bei mir zu einer konsequenten Rückwendung hin in Zeiten der Musikgeschichte, wo man noch sein Instrument selbst spielte und ein Song noch etwas bedeutete. Und außerdem: Blueser waren damals noch die wahren Rebellen im sozialistischen Staat mit ihren Parkas, langen Haaren und selbstgebatikten Halstüchern, mit Tramperschuhen und Holzperlenketten. Ahnung vom Blues hatte ich damals noch kaum. Und von der Geschichte der populären Musik auch nicht. „Hippie“ war ein Schimpfwort in der Generation meiner Eltern und bezeichnete Leute, die irgendwie anders aussehen wollten. Sowas wollte ich sein. Und als ich dann im Internat war für das Abitur, dann stellte ich fest: Diese Typen, diese miesen Hippies, die hatten noch nicht so lange her eine Musik gemacht, die nicht nur den Blues aufgriff sondern auch ansonsten spannender war als all die Bands, die man in den 80ern so hörte. Janis Joplin lernte ich vermittelt durch den Kinofilm „The Rose“ mit Bette Middler kennen. Und dann gleich hinterher den Rest der goldenen Zeit des Summer of Love: Jimi Hendrix, die Doors, und dann auch - irgendjemand hatte garantiert den Soundtrack aus Woodstock mitgebracht - auch diese wundervollen Vokalharmonien von Crosby Stills Nash & Young. Lieder wie „Teach Your Children Well“ hörte man als verwirrter Pennäler voller Sehnsucht und als stumme Anklage gegen die Eltern, die einem immer alles zu verbieten schienen. Und „Love The One Your With“ - schön wäre es gewesen, wenn man denn eine der Mitschülerinnen von seiner Existenz jenseits des Klassenraums hätte überzeugen können. Das war natürlich was anderes als der Blues. Aber es war einfach traumhaft schön und führte in die Welt von Folk, Folkrock und irgendwann auch Country hinein, Stile die mit den Jahren immer prägender für mich wurden.

80 Lieder aus 50 Jahren - von Stephen Stills ersten Folkaufnahmen über den Rock mit Buffalo Springfield, die großartigen Zeiten mit Crosby, Nash und Young, Aufnahmen mit der Country-Big-Band Manassas, seine Soloaufnahmen ... man kommt bei „Carry On“ aus den Erinnerungen kaum heraus. Es sind Lieder, die wirklich ohne irgendwelche Spuren des Alters wie zum ersten Mal wieder vor einem stehen. Und dann sind da frühe Demos, unveröffentlichte Songs und andere, die ohne Brüche dazwischen stehen. Allein die erste CD ist so grandios, dass man sie ohne Ermüdungserscheinungen mehrfach hintereinander hören mag. Und auf CD 2 findet sich gar die für mich ziemlich unglaublichr - weil völlig unerwartete - Zusammenarbeit mit Jimi Hendrix („No Name Jam).
Und dann merkt man im Laufe der Zeit, wie die grandiose Schönheit immer mehr zur Masche zu verkommen schien im Laufe der Jahre. Nicht umsonst ist für manche Fans Stephen Stills ein ähnlicher Verräter an seinem Talent wie etwa Rod Steward (oder auch Stevie Wonder), einer jener Typen, die ihr eigenes Talent verraten haben, um möglichst lange möglichst erfolgreich zu bleiben. Stephen Stills ist völlig zu Recht gleich zwei Male (am gleichen Tag) in die Rock & Roll Hall of Fame aufgenommen wurden: Buffalo Springfield und Crosby Stills & Nash haben das verdient. Doch wird man neue Songs von Stephen Stills auch noch nach Jahrzehnten vor sich hin summen können? Aber ist es wirklich so überraschend, dass hier nach Jahrzehnten Ermüdungserscheinungen auftreten? Hat man als Künstler irgendwann wirklich alles gesagt, was in einem steckte? Verkommt man dann nicht automatisch zum Klischee seiner selbst, zur ewigen letzten Wiederholung des Gleichen?

Vielleicht bin ich hier ungerecht - Elvis oder Jimi Hendrix hatten das „Glück“ des zeitigen Todes: Ihnen wird niemand wirklich einen solchen Verrat vorwerfen. Und eigentlich niemand ist wie Dylan, der sich dem Sturz in die absolute Belanglosigkeit immer wieder durch radikale Neuerfindung und Rückbesinnung entziehen konnte. Diese Fragen bleiben auch nach dem Hören der letzten CD offen: Liveaufnahmen aus den letzten Jahren, die alle ein wenig wie der vierte oder fünfte Aufguss einer ursprünglich großartigen Teemischung anmuten. Es sind meist Klassiker der Musikgeschichte, fast nie wirklich neue eigene Songs, die Stills da interpretiert. Und die Schönheit ist noch immer da. Nur schmeckt sie ein wenig schal, gemahnt einen daran, dass man selbst nicht mehr der Möchtegernrebell von 17 Jahren ist, als man die Musik damals für sich entdeckte. Dass man selbst nicht mehr aussehen möchte wie ein Hippie damals. Die Halstücher verschwanden zuerst, dann die Holzperlen und auch die langen Haare wichen irgendwann mal den ständigen Hänseleien der Älteren. Nur die Musik blieb. Und die bleibt. Lieder wie „Love The One Your With“, „4+20“ oder auch das hier erstmals veröffentlichte „Travelin“, Stephen Stills erste Aufnahme, die in einem Rundfunkstudio in Costa Rica entstandt. „Carry On“ - als Box eine höchst willkommene Einladung zur Erinnerung an Zeiten, als die Musik noch mehr bedeutete als ein schneller Download oder die Zahl verkaufter Singles. Als Musik das Leben noch prägte und Platten voller Verehrung im Kreise von Freunden gehört wurden. Als ich noch ein Hippie voller Freiheitsdrang war.

 


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