Staufferjahr 2010: Verklärt und verteufelt

Von den einen als Fürst des Friedens gefeiert, von den anderen als Unmensch ohne Glauben und Moral verketzert: Kaum eine historische Persönlichkeit wurde von der Nachwelt so ambivalent beurteilt wie der letzte Stauferkaiser Friedrich II.
Aus: epoc, Ausgabe 2010
Lügen, Propaganda und Legenden: Was Zeitgenossen wie Nachgeborene über Friedrich II. (1194–1250) zu sagen wussten, war oft genug von Irrtümern geprägt. Schon der erste Kosename, den ihm die Deutschen gaben, "chind aus Pulla" (Kind aus Apulien), war schlicht falsch – der spätere Kaiser wuchs nämlich in Sizilien auf. Das berichtet die aktuelle Ausgabe des Geschichtsmagazins „epoc“ (Ausgabe 5/010) zum Stauferjahr 2010.
Die Legendenbildung um den Kaiser begann bereits zu seinen Lebzeiten. Experte Wolfgang Stürner erklärt, wie der jahrzehntelange Machtkampf zwischen Kaiser und Papst nicht nur einen Krieg mit Waffen, sondern vor allem mit Worten nach sich zog. Dass sich die beiden mächtigsten Führungspersönlichkeiten des Abendlands dabei gegenseitig als Ungeheuer, Ungläubige, ja sogar als Antichrist beschimpften, verunsicherte die Menschen zutiefst.
Nach Friedrichs Tod 1250 verfestigten kaisertreue Geschichtsschreiber das Bild vom Friedenskönig. Kirchennahe Historiker hingegen stempelten ihn zum Ketzer par exellence. In weiten Teilen des Volks setzte sich die Überzeugung durch, der Kaiser sei gar nicht wirklich gestorben, sondern harre aus, um einst die Geschicke der Menschheit in der Endzeit zu lenken. Quellen zeugen von einem skurrilen Phänomen, das zeigt, wie tief diese apokalyptische Vorstellung im Volksglauben verwurzelt war: So gaben sich Ende des 13. Jahrhunderts mehrer Männer nacheinander als Friedrich-Inkarnation aus. Einen gewissen Erfolg hatte aber nur Dietrich Holzschuh – vermutlich ein deutscher Bauer oder Handwerker. Bis der Schwindel aufflog und er auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, regierte er Neuss bei Köln sowie weitere deutsche Städte als wiedergekehrter Friedrich II.
In der Neuzeit griffen vor allem nationalistisch gesinnte Gelehrte den Mythos vom idealen Herrscher auf. Es entstand ein regelrechter Friedrich-Kult. Stürner geht der Frage nach, wie der Mythos über so lange Zeit gedeihen konnte. Der Historiker kommt zu dem Schluss, dass die Neuzeit vielfach nur unter veränderten Rahmenbedingungen wiederholte, was das Spätmittelalter bereits vorgebildet hatte. In dem idealen Kaiser sahen Menschen zu allen Zeiten ihre Sehnsüchte nach Vollkommenheit, Sinn und Ideal befriedigt.
Was für ein Mensch Friedrich II. letztlich wirklich war, bleibt trotz dichter Quellenlage und intensiver Forschung schwer zu fassen. Olaf B. Rader von der Humbolt Universität Berlin gibt einen Überblick über aktuelle Studien und Ausgrabungen, die Licht ins Dunkel um den Stauferkaiser bringen sollen. Vieles ist im Fluss und das alte Bild vom multikulturellen Alleskönner mit seiner Modernität und Aufgeklärtheit bröckelt. Als Kind seiner Zeit war Friedrich II. weder der Wegbereiter der Renaissance, so Rader, noch ein toleranter Freund des Islam.
Über epoc:
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