Stadt, Land, Flucht

Wir wohnen in einem Stadtentwicklungsgebiet. Das ist einerseits toll, auf der anderen Seite haben wir seit sechs Jahren ständig Baustellen rund um uns. Nach und nach wurde unsere Aussicht zugebaut und neue Häuser stehen heute da, wo wir früher in die Ferne gesehen haben. Das stört uns mittlerweile nicht mehr. Zwar ist es ärgerlich, wenn der Balkon ständig voller Staub ist, aber ansonsten merkt man es schon nicht mehr. Unser Haus war das letzte auf dieser Seite des Parks, das fertiggestellt wurde. Also liegt zwischen den Baustellen und meinem Balkon immer noch der Park. Was mich aber nachdenklich stimmt ist die Frage, wo all die neuen Bewohner herkommen. Meine Wahlheimat Wien hat den Wohnungsbau ziemlich gut im Griff. Aber ein neues Wohnviertel nach dem anderen heißt auch, dass ständig hunderte von Wohnungen neu bezogen werden. Die Ursache davon ist sicherlich die Landflucht.

Landleben

Bevor ich meinen Mann kennengelernt habe, habe ich mit meiner älteren Tochter in einem kleinen Dorf gelebt. Ein kleiner Supermarkt, das Bahnhofsrestaurant und noch zwei, oder drei andere Restaurants, die Kirche, das Gemeindeamt, der Bäcker und zwei Ärzte waren die Highlights. Da meine Älteste nicht weit weg von unserer Wohnung zur Schule ging, hat mein Mann für die ersten Jahre Wien hinter sich gelassen und ist mit mir ein kleines Reihenhaus an der Grenze gezogen. Wirtschaftlich eine gute Entscheidung. Aber von der tollen Lebensqualität weit weg von Ballungszentren hat mein Mann wenig gehabt. Er musste weiterhin fast jeden Tag pendeln. Zwar konnte er immer wieder Homeoffice machen und auch in einer Niederlassung, die näher lag arbeiten, aber die zweistündige Fahrt ins Büro und zurück blieb ihm nicht immer erspart.

Warmwasser und Schnee

Ein Reihenhaus hat viel Charme. Allerdings nur solange alles funktioniert. Fällt das Warmwasser aus, dann muss man sich selbst drum kümmern, dass jemand es wieder in Betrieb nimmt. Fällt Schnee, dann muss man zur Schneeschaufel greifen und ihn entfernen. Ein eigener kleiner Garten ist toll, aber in unserem Fall war der im Sommer kaum zu verwenden. Viel zu viel Vollsonne hat die Terasse und den Garten massiv aufgeheizt. Kurz, wir haben gelernt, dass es viele Nachteile gibt, wenn man am Land und in einem kleinen Haus lebt. Nachdem meine Älteste die Schule abgeschlossen hatte, hat uns nichts mehr dort gehalten und wir standen vor einer Entscheidung.

Vernunftentscheidung

Grundsätzlich haben wir uns in dem kleinen Dorf sehr wohl gefühlt. Allerdings gab es dort wenig an Infrastruktur. Nachdem wir weggezogen sind haben sie auch noch die Bank, die Kita und schließlich auch das Gemeindeamt geschlossen. Jetzt gibt es dort nichts mehr, das man für das tägliche Leben braucht. Speziell mit Kindern ist das eine Herausforderung. Wir hatten also drei Möglichkeiten, zwischen denen wir uns entscheiden konnten. Wir konnten dort wohnen bleiben. Damit hätten wir in Kauf genommen, dass die Kinder mit dem Schulbus zur Schule müssen und wir sie in den Nachbarort zur Kita fahren müssten. Arbeiten zu gehen wäre fast unmöglich. Kurze Öffungszeiten der Kita mit langen Fahrzeiten zur Arbeit schließen sich aus. Dafür sind die Wohnkosten unglaublich günstig.

Klein, mittel, groß

Nachdem man sich mit der Entscheidung für die Kita zumindest ein paar Jahre an den Ort bindet und man spätestens mit der Grundschule nicht mehr umziehen kann, ohne das Kind zu belasten, wollten wir vor der Kita-Zeit eine Entscheidung treffen. Neben unserem damaligen Wohnort gab es noch zwei weitere Varianten. Es stand zur Diskussion, in eine andere, etwas größere Gemeinde zu ziehen. Eine kleine Stadt, in der man das Beste aus dem Landleben und dem Stadtleben kombinieren kann. Diese Variante haben wir aber schnell ausgeschlossen. Wenn wir auf dem Land leben wollten, dann hätten wir auch einfach dort wohnen bleiben können, wo wir waren. Ob die Gemeinde ein wenig größer ist, oder nicht, macht wenig Unterschied. Also blieb nur noch eine Möglichkeit, neben dem Bleiben.

Stadtleben

Wir haben uns schließlich für die Stadt entschieden. Hier kostet das Leben mehr, aber die Kinderbetreuung ist perfekt. Mein Mann kann schnell zur Arbeit und kennt sich in seiner Heimatstadt sehr gut aus. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln steht unseren Kindern eine riesige Auswahl an Freizeitaktivitäten zur Auswahl. Sollten sie später mal zur Disko wollen, dann müssen sie nicht um Mitternach auf der unbeleuchteten Bundesstrasse heimgehen. Sie steigen einfach in die U-Bahn ein und fahren heim. Das Wohnen in einer Wohnung ist einfacher, als in einem Haus. Hier haben wir Personal, das den Schnee räumt, wenn es einmal schneit. Auch der Rasen im Hof wird gemäht und das Stiegenhaus gereinigt. Nicht zuletzt bietet die Stadt aber eine tolle Infrastruktur für alte Menschen.

Alt werden

Wer einen großen Teil seines Lebens in einem Dorf verbracht hat, der will auch nicht weg, wenn er alt wird. Im Dorf ist man als alter Mensch ziemlich schlecht dran. Es fährt nur selten ein Bus und wenn man mal zum Arzt muss ist man den ganzen Tag unterwegs. Spezialisten gibt es nur in den verschiedenen umliegenden Städten und Krankenhäuser sind sehr weit weg. Hier in der Großstadt gibt es buchstäblich an jeder Ecke einen Arzt. Egal, welches Fach man braucht, ein Facharzt ist niemals weit weg. Es gibt etliche Krankenhäuser, davon zwei Unfallkliniken, die wir gerne mal besuchen, wenn mein Sohn sich verletzt. Kinderkliniken mit tollen Ambulanzen stehen zur Auswahl und es gibt jede Menge Apotheken. Vor der Tür fährt eine Straßenbahn und ein Bus und in beide kann man ohne Barrieren einsteigen. Hier kann man alt werden.

Stadtkinder

Dass viele Menschen in die Großstädte ziehen, ist eine Tatsache. Man kann viel über Landflucht lesen. Meist sind es wohl dieselben Beweggründe, die auch wir hatten, als wir uns dafür entschieden. Aber trotzdem ist es irgendwie schade. Der Charme und der herzliche Umgang miteinander ist im Dorf ganz anders, als in der Stadt. Klar habe ich auch hier viele viele liebe Freundinnen und meine Kinder sind über Kita und Schule gut vernetzt, aber wenn man jemanden nicht kennt, dann wird man nicht beachtet. Man grüßt sich nicht und meist sieht man sich auf der Straße nicht einmal an. Ich erinnere mich an eine Geschichte, die ich kurz nach unserem Umzug erlebt habe.

Offenes Wesen

Wir haben einen der vielen tollen Parks besucht. Eine Parkanlage mit mehr als 60 Hektar Größe mit mehreren Spielplätzen und riesigen Rasenflächen. Der Park war gut besucht und unter anderem war ein junges, wahrscheinlich indisches Paar mit einer Frisbeescheibe auf einer der Rasenflächen. Meine Tochter war damals 3 Jahre alt und mein Sohn etwas mehr als 1 Jahr. Sie gingen damals völlig offen auf die beiden zu und das Ganze endete damit, dass sie mitspielen durften. Der junge Mann unterhielt sich mit meiner Tochter und zeigte den beiden, wie man die Frisbee richtig wirft. Zum Abschluss hat er meinem Mann und mir eine überraschende Frage gestellt. Nach ein wenig Smalltalk hat er sich erkundigt, wo wir herkommen. Dass wir aus derselben Stadt kommen hat ihn überrascht. Er hatte mit den Kindern der Stadt ganz andere Erfahrungen und hat offenbar nicht erwartet, dass zwei Stadtkinder so offen auf einen dunkelhäutigen Fremden zugehen.

Anonymität

Der Preis der Großstadt ist wohl, dass man ein wenig anonymer ist, als am Land. Allerdings haben sich meine Kinder bis heute ihre offenen Wesen erhalten und auch die Kleinste, die ja hier geboren ist, geht auf die Menschen zu. Was im großen Maßstab sicherlich stimmt, nämlich dass die wenigsten Bewohner der Stadt sich kennen, ist im kleinen Maßstab ganz anders. Auf unserer Stiege leben wohl kaum weniger Menschen, als damals im ganzen Dorf. Hier kennt man sich, man plaudert im Lift und beim Briefkasten und auch wenn man jemanden noch nicht so gut kennt, grüßt man sich freundlich. Auch hier in der Stadt kann man genausoviele Menschen aus der Nachbarschaft gut kennen und seine lockeren und innigen Freundschaften aufbauen und pflegen. Und auch außerhalb des unmittelbaren Umfelds kann man die Anonymität einfach mal vergessen. Auch im Bus, oder ganz einfach auf der Straße, kann man Menschen ansprechen und ein Lächeln austauschen. Dafür muss ich nicht am Land leben.