Special: Kieslowskis zwei kurze Filme über das Töten und die Liebe


Special: Kieslowskis zwei kurze Filme über das Töten und die Liebe

EIN KURZER FILM ÜBER DAS TÖTEN – Ein subtiles Plädoyer gegen die Todesstrafe


Special: Kieslowskis zwei kurze Filme über das Töten und die Liebe
Fakten:
Ein kurzer Film über das Töten (Krótki film o zabijaniu)
Polen. 1988. Regie:Krzysztof Kieslowski. Buch: Krzysztof Kieslowski, Krzysztof Piesiewicz. Mit: Miroslaw Baka, Krzysztof Globisz, Jan Tesarz, Zbigniew Zapasiewicz, Barbara Dziekan u.a. Länge: 84 Minuten. FSK: Ab 16 Jahre fregegeben. Auf DVD erhältlich.
Story:
Wir begleiten einen unfreundlichen Taxifahrers, eines idealistischen Anwalts kurz vor seiner Zulassung und eines jungen, perspektivlosen Mannes, der durch sinnlose Gewalt auffällt, auf ihrem Tagesablauf in Warschau. Als sich die Wege der drei kreuzen, soll dies ein Ereignis werden, das ihre Leben für immer verändern wird.

Meinung:
„Ein kurzer Film über das Töten“ ist wohl, etwas plakativ gesagt, ein Film über und ein Film gegen die Todesstrafe und das Töten an sich. Egal, was ein Mensch getan hat, den Tod als Bestrafung hat er nicht verdient. Kieslowski kritisiert die damals geltenden Gesetze in Polen und die Todesstrafe ganz allgemein. Töten ist schlimm, töten ist brutal. Das zeigt der Film, das Töten ist immer ein Kampf. Angst, ja Panik übermannt einen, man kämpft im wahrsten Sinne ums Überleben. Grausam, vielleicht anders grausam, ist das Warten auf den Tod, auf das Getötet werden. Man erleidet Qualen, seien sie nun körperlich oder auch psychischer Natur. Man weiß, ich werde bald sterben und klammert sich an einen kleinen Strohhalm, der doch bald reißen wird. Lang kann das Sterben dauern und genauso das Töten. Für alle beteiligten ist es eine Qual, die nicht zu ertragen ist.

Special: Kieslowskis zwei kurze Filme über das Töten und die Liebe

Blut strömt über das Gesicht: Es wird getötet.

Darüber hinaus ist Kieslowskis Film, der in einer gekürzten Form auch den fünften Teil seines berühmten Dekalogs bekleidet, eine Studie über Menschsein an sich. Über das Schlechte und auch über das Gute. Über überwiegend negative Weltanschauungen, über Perspektivlosigkeit, über schlimmes Verhalten gegenüber anderen Menschen – und über ein wenig Hoffnung. Kieslowski zeigt, dass es in einer eher negativen Welt auch positive Elemente gibt. Zwar kann es Zweifel geben, zwar kann die Lage aussichtslos sein, doch es ist eben nicht alles schlecht. Es lohnt sich zu kämpfen und vor allem lohnt es sich, zu seinen Idealen zu stehen, auch gegen äußere Widerstände. Und dies wird eben durch die hoffnungsvolle Figur des unsicheren, humanistisch denkenden Anwalts Piotr verkörpert, der sich seines Kampfes gegen Windmühlen bewusst ist, der ihn aber trotzdem vollzieht, weil es das Richtige ist. Und eben hier wird wieder die Verbindung zum Töten, zur Todesstrafe und damit zum eigentlichen Thema des Films hergestellt.

Wie in eigentlich allen Kieslowski-Filmen hat Zbigniew Preisner für eine traumhaft schöne, bittersüße Musikuntermalung gesorgt, die in den richtigen Momenten große Trauer hervorruft, die aber auch Kraft und Hoffnung spendet und immer genau das richtige macht. Kieslowskis Filme und Preisners Musik, das harmoniert so sehr, wie man es wahrhaftig nirgendwo anders zu sehen und zu hören bekommt. Die Musik verbindet sich mit dem Inhalt zu einem anziehenden aber schrecklichen Gemälde. Auge um Auge? Damit ist niemandem, aber auch gar niemandem geholfen. Das sagt Kieslowski, das zeigt Kieslowski. Und mit „Ein kurzer Film über das Töten“ ist ihm nicht nur gelungen, die Schrecklichkeit der Todestrafe auf eine doch leichte Art und ohne mit erhobenem Zeigefinger zu präsentieren, nein, er prangert das Töten als solches an. Er zeigt die Qualen von Opfer und Täter. Er zeigt, dass es keinen Gewinner gibt, wenn jemand getötet wird. Niemals.
8,5 von 10 Seile in der Hand

EIN KURZER FILM ÜBER DIE LIEBE – Ein subtiles Plädoyer für die wahre Liebe


Special: Kieslowskis zwei kurze Filme über das Töten und die Liebe
Fakten:
Ein kurzer Film über die Liebe (Krótki film o miłości)
Polen. 1988. Regie:Krzysztof Kieslowski. Buch: Krzysztof Kieslowski, Krzysztof Piesiewicz. Mit: Grazyna Szapolowska, Olaf Lubaszenko, Stefania Iwinska, Piotr Machalica, Hanna Chojnacka u.a. Länge: 86 Minuten. FSK: Ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD erhältlich.
Story:
Der junge Postbeamte Tomek beobachtet Nacht für Nacht mit einem Teleskop die fast doppelt so alte Magda, die ihren Affären nachgeht. Er ruft sie an, bestellt sie anonym aufs Postamt, liefert ihr die Milch aus, will in ihrer Nähe sein. Tomek hat sich verliebt. Er gesteht ihr seine Liebe, doch Magda meint nur, dass es so etwas wie Liebe nicht gäbe. Trotzdem lässt sich Tomek nicht entmutigen.

Meinung:
Was ist Liebe? Ist Liebe ein Wort? Eine Tat? Ein Gefühl? Schwer zu beantworten ist dieser Begriff allemal und jeder wird hierin etwas anderes sehen. Nach dem Töten beschäftigt sich Krzysztof Kieslowski auch mit diesem Thema. Und es ist sicher nicht einfacher, vielleicht sogar schwieriger.
Was ist denn nun Liebe? Für Kieslowski ist Liebe, dass man immer und überall an den anderen denken muss. Für ihn ist Liebe, dass man wissen will, was der andere tut. Dass man sich für den anderen interessiert. Dass man aufsteht wenn man ein Geräusch hört, nur weil man hofft, dass es die Person des Herzens sein könnte. Und dass man das jedes Mal wieder macht. Für ihn ist Liebe, dass man die verrücktesten Sachen tut, nur um in der Nähe des anderen zu sein. Liebe ist auch Alltag. Ein Anruf, ein verschüchterter Blick, Tränen, Lachen, auch mal eine in die Fresse zu kriegen. Liebe ist für ihn, dass man den anderen nicht gehen lassen, nicht ohne ihn sein kann, dass man nicht leben kann ohne den anderen. Liebe ist Zusammensein. Körperlich, aber auch im Geist. Und soll ich mal was sagen? Kieslowski hat Recht.

Special: Kieslowskis zwei kurze Filme über das Töten und die Liebe

Ist der schüchterne Tomek am Ziel seiner Träume?

Und das alles zeigt er so subtil, auf so gefühlvolle Weise, wie ich es bisher eigentlich noch nie gesehen habe. Unaufdringlich wie niemand, wie schon bei seinem Bruderfilm auch hier ohne Holzhammer. Er zeigt die Liebe im Alltag, wie sie jedem passieren könnte, wie sie vielleicht schon vielen passiert ist. Er lässt mitfühlen, ohne diese Gefühle dem Zuschaue aufzudrängen. Jeder kann seine eigenen Assoziationen machen, jeder kann seine eigenen Gedanken einbringen. Aber letztlich wird sich jeder in die beiden Hauptcharaktere, den jungen Postbeamten Tomek und die beinahe doppelt so alte, abgeklärt wirkende Magda, hineinversetzen. Wir fühle Verzweiflung und Hoffnung, wir weinen und freuen uns mit ihnen. Und wir wissen genau, was sie fühlen. Und dann ist da noch ein Name: Zbigniew Preisner. Natürlich. Muss man eigentlich nichts mehr sagen, oder? Diesmal wirkt die Musik fast schon wie ein eigenes, ruhiges, romantisches Gedicht, das vielleicht eine Truppe von Spielleuten vor 600 Jahren an irgendeinem Königshof zum Besten gab, woraufhin sich der junge Thronfolger und seine Angebetete mit Tränen in den Augen in die Arme nehmen. Traurig, schön, liebevoll.

Kieslowski und Preisner, die beiden schaffen tatsächlich, was so gut wie keinen Filmschaffenden gelungen ist, besonders nicht in dieser Form. Ohne einen Hauch von Kitsch, ohne Pathos, ohne falsche Übertriebenheit, ohne Holzhammer und ohne aufdringlich zu werden haben sie, wieder in ihrer Kombination aus Film und Musik, einen Film erschaffen, der von der ersten Minute an voll von Liebe ist. Und sie beide bieten uns an, uns in die beiden Hauptpersonen Magda und Tomek hineinzuversetzen. Und, ob wir wollen oder nicht, am Ende, spätestens am Ende verstehen wir es, was Liebe ist: Eine Flasche voll Milch.
9,5 von 10 Blicke durch ein geklautes Teleskop