Sozialisten – Zionisten – Kommunisten

Bergmann_Sozialisten_Zionisten_KommunistenDieses Buch schildert Leben und Handeln einer Familie jüdischer Sozialisten und Kommunisten im vergangenen „Jahrhundert der Extreme“ (Eric Hobsbawm) und Katastrophen. Der inzwischen 98jährige Theodor Bergmann, Autor zahlreicher Bücher zu agrarpolitischen, historischen und kritisch-marxistischen Themen, beschreibt hier seine persönliche Familiengeschichte, die aber an keiner Stelle unpolitisch erscheint.

Der Rezensent ist am Zustandekommen dieser Kurzbiographien nicht ganz unschuldig. Er hatte Bergmann seit Jahren ermuntert, auch die Details seiner außergewöhnlichen Familie vorzustellen. Erstmals wurden so für diesen Band seltene und bisher unveröffentlichte Dokumente und Porträts zusammengetragen, die vielleicht sonst der Vergessenheit anheimgefallen wären. So z. B. das Porträt der Eltern.

Theodor Bergmann berichtet über die spannende Geschichte, nicht nur »seiner« Familie, im 20. Jahrhundert und über die Umbrüche, Krisen und Katastrophen, in der diese Generation sich zurechtfinden und handeln musste. Vater Julius Bergmann war ein bekannter Rabbiner in Berlin und Buchautor, liberal und zionistisch, konnte aber keines seiner Kinder zur Religiosität erziehen.

Die acht Bergmann-Geschwister und die weiteren Mitglieder der Familie Bergmann-Rosenzweig waren ebenfalls außergewöhnliche Menschen, alle Antifaschisten und darunter gleich mehrere bedeutende Wissenschaftler. Sie gehörten einer neuen Generation an, in der Naturwissenschaften und die politische Entwicklung deren Interesse einnahm. Wie andere waren auch die jüdischen Kleinbürger normal situiert, lebten ihre Illusionen, wollten in Ruhe arbeiten und sich staatsbürgerlich emanzipieren. Nicht wenige ignorierten daher die zu erwartenden Stürme. Sie taten ihre Bürgerpflicht, starben fürs Vaterland, glaubten, alle Bürgerrechte beanspruchen zu können. Ein anderer Teil der deutschen Juden war weitsichtiger und schloss sich der aufsteigenden deutschen Arbeiterbewegung an, die internationalistisch dachte: Man hoffte, die jüdische Frage wie alle nationalen Fragen und alle Unterdrückung durch das Ende aller Nationalismen lösen zu können. Diese große Aufgabe ist bekanntlich bis heute noch nicht gelöst. Der deutsche Faschismus hatte alle Illusionen zerstört. So kam es, dass die nach der widerstandslosen Niederlage 1933 besiegten jüdischen Sozialisten ihren Zionismus aktivierten und mithalfen, in Palästina eine Zuflucht für die Verfolgten und später für die Überlebenden von Auschwitz und Maidanek aufzubauen. Die Einwanderung nach Palästina war für viele alternativlos, da andere Länder für sie verschlossen blieben.

Über dieses Stück deutscher Geschichte berichtet der Autor im ersten allgemeinen politischen Teil des Buches. Dann schildert er biografisch, wie seine Generation aktiv auf den vorläufig siegreichen Faschismus reagierte.

Seine Generation, Geschwister, Vettern, Cousinen waren im Deutschland und Österreich-Ungarn groß geworden und kämpften dann an allen Fronten mit, im spanischen Bürgerkrieg, in der tschechoslowakischen Armee unter Ludvík Svoboda, zusammen mit der Roten Armee, mit den Engländern gegen Rommels Afrika-Korps, in Palästina bei der Verteidigung der Grenze, in der deutschen Illegalität in der KPD-Opposition. Nach dem Sieg über den Faschismus kehrten nur wenige nach Deutschland zurück, wurden aktiv beim Wiederaufbau der Arbeiterbewegung. Die ältere Generation in der ČSR wurde in Auschwitz und Theresienstadt ermordet. Einige Vettern kehrten nach Prag zurück, halfen dem Sozialismus aufzubauen. In der antisemitischen Welle des Slanský-Prozesses wurden sie entlassen und degradiert, 1956 rehabilitiert und reaktiviert. 1968 unterstützten sie die Reformkommunisten des Prager Frühlings, wurden zum zweiten Mal aus ihren Funktionen entfernt und aus der KPČ ausgeschlossen. Einer versuchte, von der rumänischen Armee zur Sowjetarmee zu desertieren, kam dabei zu Tode. Ein Familienangehöriger wurde beim Versuch illegal nach Palästina einzuwandern versenkt, auf einem Exodus-Schiff. Einer wurde von der Schweiz an Hitlerdeutschland ausgeliefert und dort ermordet.

Die meisten aus dieser Generation blieben in Palästina und halfen, den neuen Staat aufzubauen. Sie blieben auch dort Internationalisten und kritische Israelis, keinesfalls unkritisch gegenüber den dortigen politischen Entwicklungen. Über all diese Menschen berichtet das Buch.

Ein pikantes Detail war mit der ersten Buchpräsentation am 8. Mai in Heidenheim verbunden: Bergmann konnte hier über die Mitglieder seiner Familie berichten, die aktiv in jüdischen Freiwilligenverbänden gegen die faschistische Aggression von Erwin Rommels Afrika-Korps in Ägypten gekämpft hatten (und damit die geflüchteten Juden in Palästina akut bedrohten). Die Lesung geschah auf Einladung einer Geschichtswerkstatt, just dem Ort, an dem Rommel geboren war und welcher sich heute noch mit einem pompösen Rommel-Denkmal für „Hitlers Lieblingsgeneral” Rommel schmückt. Seit Jahren fordert das antifaschistische Heidenheim einen Ab- oder Umbau dieses Schanddenkmals – konnte sich hierbei bisher allerdings nicht gegen eine von der CDU dominierenden Stadtverwaltung durchsetzen.

So bleiben die antifaschistische Erinnerung an die prächtige Familie Bergmann-Rosenzweig eine Verpflichtung, sich derer Kämpfe du Lehren zu erinnern, um Vergangenes nicht wiederholen zu müssen.

Heiner Jestrabek



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