Slow West

Erstellt am 31. Juli 2015 von Pressplay Magazin @pressplayAT

Slow West

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Michael Fassbender und Regisseur John Maclean überzeugen mit dem Western Slow West mit einem fast böswilligen Sinn für Humor und originellen Ideen, die beweisen, dass man auch in diesem ausgetretenem Genrepfad noch durchaus für Überraschungen sorgen kann.

Der junge schottische Auswanderer Jay Cavendish (Kodi Smit-McPhee) ist, vollkommen unbedarft und naiv wie er nun mal ist, Hals über Kopf in den Wilden Westen aufgebrochen um seine große Liebe Rose (Caren Pistorius) zu finden und vor einer vermeintlichen Gefahr zu retten, nichtsahnend, dass nicht nur seine Vorstellung vom rauen Leben in der Wildnis, sondern auch seine Gefühle für das Mädchen nur bedingt mit der Realität übereinstimmen, beginnt er – oder vielmehr der Zuseher – durch die tatsächliche Konfrontation mit dem Wilden Westen, in Form des ominösen Silas (Michael Fassbender), sein aufgebautes Fantasiekonstrukt eines Lebens, dass es wahrscheinlich nie gab, langsam aber sicher in Frage zu stellen und zu zerbröckeln.

Slow West ist das Spielfilmdebüt von John Maclean als Drehbuchautor und Regisseur in Personalunion und offenbart gleich von den ersten Minuten an nicht nur das ungeheuerliche Talent, das hinter diesem Film steckt, sondern lässt auch bereits die Andersartigkeit dieses Westerns erahnen. Eigenwillig, mit einem beinahe bösartigen Sinn für Humor, einem gemächlichen Tempo und teils grandiosen Einstellungen wird zwar eine an sich banale Geschichte erzählt, die jedoch dank ihren sich langsam entmystifizierenden Figuren ein sowohl originelles, als auch komplexes Gesamtwerk ergibt. Geschickt spielt Maclean mit Genrekonventionen und den Erwartungen des Publikums, wobei er vielleicht manchmal etwas über die Stränge schlägt und sicherlich Fans klassischer Westernfilme (oder auch realistischerer Schilderungen jener Zeit wie z.B. in Meek’s Cutoff oder The Homesman) vor den Kopf stößt, denn in Slow West ist nichts so, wie man es aus John Wayne oder Gary Cooper-Filmen gewohnt ist. Maclean tendiert deutlich mehr in Richtung Coen-Brüder (was den Humor betrifft), Jim Jarmusch (was die Plotstruktur betrifft) und Clint Eastwoods Erbarmungslos (was das Brechen von bekannten Tropen des Genres betrifft) und erzeugt daraus einen merkwürdigen, skurrilen Hybriden, aus dem er dank seinem persönlichen visuellen Stil, Charakterzeichnung und Schauspielerführung ein ganz eigentümliches Gesamtwerk macht.

Trotz dieser Dekonstruktion des Genres und seiner Helden, die nicht wie in Erbarmungslos zu tragischen Gestalten ohne Hoffnung werden, sondern vielmehr mit einem Augenzwinkern und viel Optimismus ihren mythologischen Status einbüßen, begnügt sich Slow West nicht nur damit, da gewesene Muster einzureißen, sondern erschafft gleichzeitig auch etwas neues – zumindest relativ neu. Kaum einem anderen Genrebeitrag ist es gelungen aus einem archetypischen Plot mit einem aktiven Protagonisten, der ein klares Ziel verfolgt, eine (fast) minimalistische Handlung heraus zu filtern, die nicht nur den Titel Slow West extrem passend macht, sondern in diesem Filmgenre seit Jarmusch Dead Man ihresgleichen sucht. Zugegeben, stellenweise driftet der Film etwas zu sehr in esoterische und verklärende Momente ab, vielleicht sogar soweit, dass man ihn für eine Spur pathetisch halten könnte, was jedoch der Unterhaltung keinen Abbruch beschert, besonders auch dank den großartigen Schauspielern, allen voran Fassbender, der Silas nicht nur wie ein charmantes Schlitzohr und gefährlichen Revolverhelden anlegt, sondern ihm zugleich etwas zeitloses verschafft, indem er ihn zu einer Figur macht, die wohl (neben Rose) am Anpassungsfähigsten an seine äußere Umwelt und damit auch gegenüber dem Wandel seiner Zeit ist.

Aber auch Smit-McPhee, der in anderen Filmen oftmals etwas deplatziert und unbeholfen wirkt, erweist sich hier als Geniestreich der Besetzung, denn genau jenes Gefühl, was ihm in anderen Geschichten eben zum Verhängnis wird, passt perfekt zu seinem in Slow West porträtierten Charakter eines jungen Naivlings, der schon zu Zeiten des Wilden Westens eher in einer Fantasievorstellung jener Zeit verhaftet ist, statt die Welt so wahrzunehmen, wie sie sich tatsächlich um ihn herum präsentiert. Und obwohl Caren Pistorius als Rose und Ben Mendelsohn als Payne nur wenig Szenen in der Erzählung zur Verfügung gestellt bekommen, so runden sie das Gesamtbild doch gekonnt ab und sorgen allesamt in Verbindung für ein gelungenes, wenngleich überaus ungewöhnliches und leider teils auch etwas vorhersehbares Finale.

Slow West ist ein beeindruckendes Spielfilmdebüt von John Maclean und zugleich ein bereichernder Beitrag zum altgedienten Westerngenre, der es zwar nicht mit solchen Kalibern wie Dead Man, Erbarmungslos, Meek’s Cutoff und True Grit (Version der Coen-Brüder) aufnehmen kann, dafür mangelt es Slow West an inhaltlichem Tiefgang, abseits seines verspielten Umgangs mit bekannten Genremustern. Die Geschichte erfordert ein wenig Geduld und auch die Bereitschaft des Zuschauers, sich auf die Handlung und seine Figuren einzulassen, was allerdings ein durchaus als positiv zu bewertender Umstand ist, denn damit wird Slow West zu einem Film, der versucht etwas eigenständiges zu schaffen, etwas, das eindeutig kein geschichtliches Bild des Wilden Westen zu kreieren versucht, sondern stellenweise sogar eine leicht verträumte, märchenhafte Qualität aufweist und es ihm dadurch gelingt einen (zwar gewöhnungsbedürftigen) optimistischen Schlussakkord zu setzen.

Regie und Drehbuch: John Maclean, Darsteller: Kodi Smit-McPhee, Michael Fassbender, Ben Mendelsohn, Caren Pistorius, Filmlänge: 84 Minuten, Kinostart: 31.07.2015, slowwestmovie.com


Autor

Marco Rauch

Aufgabenbereich selbst definiert als: Kinoplatzbesetzer. Findet den Ausspruch „So long and take it easy, because if you start taking things seriously, it is the end of you” (Kerouac) sehr ernst zu nehmend.


 
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