Skandal um die rechtsextreme Ruderin Drygalla

Von Robertodelapuente @adsinistram

Ein kurzer Einwurf nur. Manchmal muß das sein. Der Fall Drygalla zeigt zweierlei. Erstens: Die Nähe zu rassistischen, antisemitischen, nationalistischen Kreisen, in denen Ausländer raus! und Deutschland den Deutschen! gängige Forderungen sind, ist nicht mehr weiter tragisch - und zweitens: Diese ideologischen Auswüchse scheinen in der bürgerlichen Mitte mittlerweile für so normal gehalten zu werden, dass man sich kaum was dabei denkt, wenn eine junge Frau mit einem Neonazi-Funktionär liiert ist. Und es zeigt sich, nennen wir es ruhig als nicht vorhergesehenen, als dritten Punkt, dass die breite Öffentlichkeit kaum zu einer dialektischen Denkweise befähigt ist.
Da liest man von Sippenhaftung und rhetorisches Blendwerk wird aufgefahren. Was wäre denn, las ich da, wenn man einen Cousin hat, der rechtsextremistisch engagiert ist. Ja, was soll denn dann sein? Für seine Verwandtschaft kann man nichts, Freunde und Lebensgefährten sucht man sich aus. Und die Partnerwahl, das wissen wir doch so halbwegs, erfolgt nie wahllos - der Zivilisationsmensch orientiert sich nicht nur an breiten Becken und mannhaftem Bizeps, er ist in seiner Wahl auch insofern determiniert, dass er sich bevorzugt in soziale Milieus bzw. in intellektuellen Fahrwassern zur Suche begibt, die ihm bekannt und vertraut scheinen.

Der Vorwurf der Sippenhaftung ist doch blanker Unsinn. Überhaupt geht es mir selbst nicht darum, ob es richtig war, dass Drygalla abreiste oder nicht. Was kümmert mich das Gerudere etwaiger Leute? Aber die Verlogenheit, mit der Drygallas Nähe zur braunen Szene vertuscht und schöngeredet wird, das ist mir mehr als ärgerlich. Meinethalben sollen Damen und Herren mit neonazistischen Lebenspartnern oder gleich Neonazis selbst bei Olympia teilnehmen - aber dann sollen sie es einfach ehrlich sagen. Dann stimmte auch die Tendenz, die man in den letzten Tagen deutlich zu spüren bekommt in diesem Lande...
Man kann also mit einem Nazi Tisch und Bett teilen - und es gilt dennoch, nicht an der Integrität des Nazipartners zu zweifeln. Und mehr ist es ja nicht; niemand will sie einsperren und kaum jemand wird es länger als drei Tage jucken, wenn sie ihren Sport, für den die Öffentlichkeit nur Interesse zeigt, wenn es Olympiamedaillen regnet, weiterbetreibt. Böse Zungen könnten nun sagen, dass das ja gerade der richtige Sport für ein braunes Gemüt ist. Er ist nicht kreativ und er fordert Schmerz und Selbstüberwindung auf lauten Zuruf eines Führers - das wäre aber gemein gegenüber solchen Rudererinnen, die keinen Neonazi zuhause warten haben.
Was sich bei dieser pikierten Toleranz der Öffentlichkeit zeigt, ist ein Demokratieverständnis, wie man es von ihr sonst eher nicht kennt. Geht einer in eine Moschee, in der schon mal ein radikaler Muslim geiferte, so unterstellt man ihm unumwunden, so sagen ihm Presse und Politik, Nachbarn und Bekannte nach, er sei irgendwie in diesem islamistischen Sumpf verstrickt. Jetzt aber angewiderte Blicke, herausgekehrte Toleranz, gekünstelte Liberalität - das erinnert so fatal an jene wehrlosen Demokraten, die sich in der Weimarer Republik mit Toleranzedikten und Verständnishaben, mit In einer Demokratie haben auch Antidemokraten Platz!- und Lasst die Faschisten nur machen!-Reden, zu überbieten wussten. Manche glauben, das sei demokratisch - ich glaube aber, das ist dumm. Skeptisch zu sein gegenüber einer Frau, die mit einem Neonazi lebt, das ist nicht linksfaschistisch, wie das mancher halbgare Gemütsfaschist meinen mag - es ist nur Ausdruck dialektischen Denkens. Und diese Fähigkeit war es immer, die das demokratische Wesen ausmachte.
Ein Gedanke, der sich dieser Fähigkeit wegen aufdrängt ist doch auch, dass es unwesentlich ist, ob der Kerl noch NPD-Mitglied ist oder nicht. Es rührt mich ja fast zu Tränen, wenn ich dieses sentimentale Geschwätz von Parteiaustritt des Lebensgefährten lese. Heißt denn Austritt aus der Partei auch, dass man aus der Menschenverachtung austritt? Bedeutet das, dass er dem Rassismus und Antisemitismus abgeschworen hat? 
Ich erkenne auch, dass selbst in linken Kreisen die Affäre um Drygalla heruntergespielt wird. Ich nenne jetzt keine Namen, das soll keine Abrechnung werden. Ich las jedenfalls irgendwo, dass während Söder gegen Griechenland moralisiert und die Medien dazu kaum Kritik anbringen, die Lappalie um Drygalla hochgepusht würde. Eine Lappalie ist die Sache aber sicher nur auf persönlicher Ebene - wie tolerant man mit der Peripherie der Neonazi-Szene öffentlich umgeht, das ist allerdings keine Lappalie mehr. Und das in Zeiten, da ein brauner Untergrund Menschen tötete, da man Wachsamkeit am Grabe dieser Toten schwor. Söder und Drygalla sind als Themen nicht gegensätzlich; sie sind eine Brühe. Sie zeichnen den Rechtsruck, die Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte nach.
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