Simon Lelic – Rupture

Simon Lelic - Rupture

Simon Lelic – Rupture

Simon Lelics Debütroman entstand durch den Einfluss verschiedener Faktoren. Auslöser war ein winziger Zeitungsartikel, der von einem amerikanischen Lehrer berichtete, der jemanden aus seinem Kollegium erschoss. Lelic begann sich zu fragen, was einen erwachsenen, intelligenten und äußerlich gestandenen Mann dazu bewegen könnte, eine so verzweifelte Tat zu begehen. Er verband den Bericht mit den Erfahrungen, die er in der Schule gesammelt hatte, sowie mit den Erfahrungen seiner Mutter, die selbst Lehrerin war und konzipierte daraus die Geschichte des Buches. Das Schreiben fiel ihm verhältnismäßig leicht, da er als ehemaliger Journalist daran gewöhnt war, auf Knopfdruck produktiv zu sein. erschien 2010 und mauserte sich schnell zum Überraschungserfolg. Für mich war das Buch interessant, weil Lelic darin eine eher ungewöhnliche Herangehensweise an den komplizierten Themenkomplex der Schulmassaker anbietet.

Drei tote Schüler. Zwei Jungs, 12 und 15 Jahre alt, ein Mädchen, 11 Jahre alt. Eine tote Lehrerin. Für die Polizei könnten die Fakten kaum klarer liegen: während einer Versammlung in der Aula der Londoner Schule, bei der sowohl die gesamte Schülerschaft als auch das Personal anwesend waren, verschaffte sich der Schütze durch die rückwärtigen Türen Einlass und eröffnete das Feuer. Er verschoss fünf Kugeln, bevor er sich selbst richtete. Eine schreckliche Tragödie, die fünf Menschenleben forderte. Das unentschuldbare Verbrechen eines verwirrten, depressiven, gestörten Einzeltäters. Fall abgeschlossen. Nur der leitenden Ermittlerin Lucia May lassen die Hintergründe der Tat keine Ruhe. Wieder und wieder arbeitet sie Zeugenaussagen durch, spricht mit Eltern, Kindern und Lehrer_innen, um herauszufinden, warum Samuel Szajkowski durchdrehte. Wie konnte ein sensibler, introvertierter junger Lehrer zum Mörder werden?

Für mich war die Schule stets ein sicherer Ort. Ich bin gern hingegangen, hatte Freunde und fühlte mich vom Lehrpersonal gerecht behandelt. Soweit ich mich erinnere, bin ich nie ernsthaft gehänselt worden, obwohl sich hinter meinem Rücken garantiert einige das Maul zerrissen, weil ich bunte Haare hatte und seltsame Kleidung trug. Selbstbewusstsein ist ein unbezahlbarer Schutzschild. Es fällt mir daher sehr schwer, mir eine Schule vorzustellen, in der sich niemand sicher fühlt - weder Schüler_innen, noch Lehrer_innen. Eine Schule, die von einer Atmosphäre der systematischen Feindseligkeit erfüllt ist, erscheint mir wie ein Albtraum. Eine Schule, in der ein Lehrer von seinen Schützlingen so skrupellos gemobbt, drangsaliert und tyrannisiert wird, dass er während einer Schulversammlung das Feuer eröffnet und zum Mörder wird, ist ein Albtraum. Als ich annahm, dass von Simon Lelic die Geschichte eines ungewöhnlichen Schulmassakers erzählen würde, lag ich nur teilweise richtig. Der Amoklauf des jungen Geschichtslehrers Samuel Szajkowski dient dem Autor lediglich als Ausgangspunkt, um die Aufmerksamkeit seiner Leser_innen in eine andere Richtung zu lenken. ist kein Buch über ein Schulmassaker - es ist ein Buch über Mobbing. Es beeindruckte mich zutiefst. Ohne die Schuldfrage anzuzweifeln beweist Simon Lelic enorme Empathie für das komplexe Konstrukt aus Ursache und Wirkung, das einen Menschen an die Grenze des gesunden Verstandes und darüber hinaus zu treiben vermag. Die Handlung setzt wenige Tage nach der schrecklichen Tragödie ein; im weiteren Verlauf rollen wir den Fall an der Seite der Protagonistin Lucia May rückwärts auf und erfahren, dass Szajkowski aus purer Verzweiflung zur Waffe griff. Für die Schilderung seines Leidensweges als Mobbingopfer wählte Lelic eine originelle, unkonventionelle Erzählweise. Jedes zweite Kapitel ist eine Zeugenaussage. Folglich nimmt Lelic 15 verschiedene Ich-Perspektiven ein, um ein eindringliches Bild des zurückhaltenden Lehrers und seiner Position in der brutalen Realität seiner Schule zu zeichnen. Er verrät niemals sofort, um wessen Aussage es sich handelt, verleiht jeder einzelnen jedoch eine vollkommen eigene Stimme und Persönlichkeit, sodass ich vergaß, dass ich in Wahrheit dem Autor lauschte. Trotz dessen war seine ordnende, autoritäre Hand spürbar, denn die Aussagen sind mitnichten willkürlich aneinandergereiht. Jede einzelne zeigt eine bestimmte Facette, einen winzigen Tropfen, deren Summe letztendlich zu einer entsetzlichen Eskalation führte. Lelic erwartet von seinen Leser_innen Eigenständigkeit. Es fühlte sich an, als lösten wir gemeinsam ein Puzzle: langsam schob er mir Teile zu und bedachte mich dabei jedes Mal mit einem bedeutungsschweren Blick, der mich animierte, die Teile korrekt zusammenzusetzen und dadurch zu verstehen. Die Wirkung dieser speziellen Struktur war äußerst intensiv. Mir sind bisher nur sehr wenige Autor_innen begegnet, die es in ähnlichem Maße verstehen, die Erzählweise zu nutzen, um das Thema ihrer Geschichte zu unterstreichen. Meiner Meinung nach ist brillant und hohe schriftstellerische Kunst.

ist vermutlich das beste Debüt, das ich jemals gelesen habe. Es ist ein perfekt abgestimmtes Gesamtwerk, dessen Aktualität mich nachhaltig aufwühlte. Anhand der Ermittlungen der Polizistin Lucia May im tragischen Fall des Lehrers Samuel Szajkowski zeigt Simon Lelic, dass Mobbing nicht ausschließlich ein Problem von Kindern, Eltern oder Schulen ist. Es ist ein soziales Symptom, das auf eine weitreichendere, tiefersitzende Krankheit hinweist. Wie wir miteinander umgehen, miteinander leben, welche Werte wir der nächsten Generation vermitteln, ob wir in unserer Leistungsgesellschaft Raum für Respekt, Toleranz und Güte schaffen oder der Verrohung Tür und Tor öffnen, geht uns alle an. In ist Samuel Szajkowski schuldig. Verantwortlich für den Tod von fünf Menschen sind jedoch andere: all diejenigen, die wegsahen und ihn in seinem Leid isolierten.


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