Shoplifters

Von Pressplay Magazin @pressplayAT

Shoplifters

9Drama

Die komplexe Verstrickung von Kriminalität, Moral und Zusammengehörigkeit veranschaulicht der Originaltitel des diesjährigen Gewinners der Goldenen Palme weit besser als der austauschbare deutsche Verleihtitel.

Shoplifting Family beschreibt zum einen die kuriose Gemeinschaft im Zentrum der gleichermaßen herzerwärmenden und -zerreißenden Geschichte. Zum anderen ist es ein treffender Begriff für die Impulstat des kleinkriminellen Gelegenheitsarbeiters Osamu Shibata (Lily Franky), die den tragikomischen Ereignissen vorangeht. Auf dem Heimweg von einer Diebestour mit seinem Ziehsohn Shota (Jyo Kairi) nimmt er die misshandelte kleine Yuri (Miyu Sasaki) mit nach Hause.

Jenes Zuhause ist eine Ein-Zimmer-Gartenlaube, in der sich die beiden mit Osamus Partnerin Nobuyo (Sakura Ando), Großmutter Hatsue (Kirin Kiki) und deren erwachsener Pflegeenkelin Aki (Mayu Matsuoka) zusammenraufen. Privatsphäre existiert dort genauso wenig wie Eintracht. Regisseur und Drehbuchautor Hirokazu Kore-eda umschifft Charles-Dickens-Klischees und Sozialkitsch und steuert stattdessen mutig in ethische Untiefen. Die Werte, welche der Haufen Spielsüchtiger, Kleinbetrüger und Nutznießer der Jüngsten vorlebt, sind zweifelhaft. Doch ihre Entwicklung von stummer Verstörtheit zu lebhafter Anhänglichkeit bezeugt unaufdringlich deren aufrichtige Fürsorge.

Jeden unbeschwerten Moment überschattet die harsche Realität. Früh scheint durch, dass den Zusammenhalt der Protagonisten ebenso Opportunismus motiviert. Die heranwachsenden Mitglieder Aki und Shota stellt das vor schmerzliche Fragen, denen Möchtegern-Papa Osamu zu lange auszuweichen versucht. Auch dem Publikum serviert das gekonnt zwischen Melancholie, Komik und Naturalismus mäandernde Drama keine leichten Antworten auf seine essenziellen Fragen: Ist sich eine Wunschfamilie zu klauen überhaupt anmaßender als biologische Kinder zu kriegen? Kann Liebe inmitten von permanenter Existenznot bestehen? Sind wir Verwandte, wie wir sie selbst gern hätten?

Regie und Drehbuch: Hirokazu Kore-eda, Darsteller: Kirin Kiki, Sôsuke Ikematsu, Lily Franky, Moemi Katayama, Sakura Andô, Mayu Matsuoka, Kengo Kôra, Akira Emoto, Filmlänge: 121 Minuten, Kinostart: 28.12.2018

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Autor

Lida Bach