Sexueller Missbrauch Im Labyrinth des Verdachts

Erstellt am 14. Februar 2011 von Wernerbremen
Von Michael Ohnewald Hinter der Türe: 80 Prozent der Opfer von sexueller Gewalt werden zu Hause missbraucht.  Foto: dapd
Stuttgart - Sie kennen sich nicht, haben sich nie gesehen. Zwei Männer aus zwei Welten:
Jörg, der Wettermoderator, und Janosch, der Lastwagenfahrer.
Was sie verbindet, ist ein Verdacht.
Beide werden belastet durch Aussagen, die nicht leicht auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen sind, weil nur zwei Menschen wissen, was wirklich passiert ist.
Jörg, der Wettermann, fühlt sich zu Unrecht von seiner langjährigen Freundin beschuldigt. Sie sagt, er habe sie mit einem Messer bedroht und vergewaltigt.
Janosch, der Lastwagenfahrer, fühlt sich zu Unrecht von seiner erwachsenen Stieftochter beschuldigt. Sie sagt, er habe sie über Jahre sexuell missbraucht. Das Landgericht in Stuttgart hat der Zeugin geglaubt und Janosch nach fünf Prozesstagen im August 2009 zu einer Gefängnisstrafe von insgesamt sieben Jahren verurteilt.
Hundert Kilometer entfernt, im gleichen Bundesland, befassen sich Juristen seit Monaten mit Jörg, dem Wettermann. Am 6.September vorigen Jahres hat die Strafkammer zum ersten Mal getagt, um Licht ins Unwetter einer Zweierbeziehung zu bringen. Inzwischen ist das Landgericht Mannheim in der Angelegenheit 27-mal zusammengekommen, weitere 16 Prozesstage sind schon jetzt angesetzt.
"Derzeit kann man keine verlässlichen Angaben darüber machen, ob diese Tage reichen", erklärt der Richter Christian Hirsch. Zwischen September und Januar allein sind mehr als 25 Zeugen gehört worden, vom Kriminalbeamten bis hin zu den Exgeliebten, und es werden weitere dazukommen.
Demnächst plant die Kammer zur Aufklärung des Sachverhalts eine Reise in die Schweiz. Bis es so weit ist, geben sich Experten im Mannheimer Gerichtssaal die Klinke in die Hand. Psychologen, Traumatherapeuten, Rechtsmediziner. Am Ende dürften es wohl mehr als ein Dutzend Sachverständige sein, deren Befunde diesen Fall erhellen sollen. Ein Gutachten kostet bei Gericht schon mal 5000 Euro.
Was Maria erlebt hat, klingt nach einem Albtraum
Der Prozess von Janosch, dem Lastwagenfahrer, ist günstiger gewesen. Experten wurden dort nicht gehört. Seit zwei Jahren lebt der Verurteilte im Gefängnis. Janosch ist ein Pseudonym. Alle Namen aus seiner Familie sind auf seinen Wunsch geändert. Er möchte nicht, dass sein Sohn angesprochen wird, der noch in den Kindergarten geht. Der Knast hat Janosch gezeichnet. Seine Haare sind grau geworden. Er hat ein paar Kilo zu viel auf den Rippen. Seine Zähne könnten eine Sanierung vertragen. In seiner Zelle schreibt er Briefe, in denen steht, dass er unschuldig sei und dass der Richter ihm ein beantragtes Gutachten zur Glaubhaftigkeit der Stieftochter verwehrt habe. "Der Richter ist wie Gott, der alles kann", schreibt Janosch. "Ich habe das nicht getan." Adressiert sind seine Schreiben an Politiker. An die Justiz. An Zeitungen. An den Europäischen Gerichtshof.
Janosch stammt aus Polen und hat aus erster Ehe zwei erwachsene Kinder. Seine Frau starb bei einem Verkehrsunfall. In den Masuren hat Janosch viele Jobs gehabt, in einer Kohlegrube, als Fahrlehrer, als medizinischer Assistent im Krankenhaus. Irgendwann lernte er Jelena kennen, die allein mit ihrer Tochter Maria lebte. Sie heirateten und führten längere Zeit eine Fernbeziehung. Im Jahr 2000 kam Janosch nach Hessen und schuftete in der Landwirtschaft. Später heuerte er als Lastwagenfahrer in Stuttgart an und holte seine Frau Jelena mit deren Tochter Maria nach.
Maria ist 1989 geboren. Weil es Erziehungsprobleme gab, wurde sie im Alter von elf Jahren in einer psychologischen Beratungsstelle in Polen untersucht. Das Mädchen habe kein Selbstwertgefühl und eine gesteigerte Einbildungskraft, lautete der Befund. Ein Jahr später reiste Maria nach Deutschland, wo ihre Mutter mit dem neuen Mann noch ein weiteres Kind bekam.
Was Maria als Teenager erlebt hat, klingt nach einem Albtraum. Auch eine lebensbedrohliche Eileiterschwangerschaft ist aktenkundig. Mit 18 verließ sie fluchtartig die Wohnung der Familie, brach ihre Ausbildung ab und tauchte bei Bekannten in einem anderen Bundesland unter. Dort ging sie zu einer Anwältin und vertraute ihr an, dass sich der Stiefvater in Stuttgart über Jahre hinweg brutal an ihr vergangen habe.
80 Prozent der Opfer von sexueller Gewalt werden zu Hause missbraucht. Der Kinderschutzbund geht von mehr als 10.000 Halbwüchsigen aus, die jedes Jahr von Übergriffen der eigenen Verwandtschaft betroffen sind. Nur wenige können sich vorstellen, was ein Mensch durchmacht, wenn so etwas passiert. Marie-Luise Hepp, Kinder- und Jugendpsychiaterin aus Ludwigsburg, weiß um die seelische Not. Sie hat schon öfter missbrauchte Mädchen behandelt und sie auch während Gerichtsprozessen betreut. "Wer eine Anzeige wagt, riskiert viel", sagt die Ärztin. "Die Betroffenen müssen damit rechnen, dass man ihnen nicht glaubt, sie zu Psychos abstempelt, die schon immer gelogen haben. Sie laufen Gefahr alles zu verlieren, ihre ganze Familie."
Wenn es an Fakten fehlt, müssen die Richter Indizien bewerten
Maria hat es trotzdem gewagt und den Stiefvater angezeigt. Sie lebt heute an einem sicheren Ort, abgeschottet von dem Mann, den sie ihren Peiniger nennt. Sie ist verheiratet und hat einen anderen Namen. Zu ihrer alten Familie gibt es keinen Kontakt mehr. Auch nicht zur Mutter Jelena, weil sie zu Janosch hält und ihre eigene Tochter eine Lügnerin nennt.
Maria hat ein wenig Abstand gewonnen. Sie erzählt offen, wie sie sich zwei Jahre nach dem Urteil fühlt. Ihre Mutter habe ihr geschrieben, dass sie alles zurücknehmen soll. "Sonst hast du keine Familie mehr." Maria sagt, dass es nichts zurückzunehmen gebe. "Mein Stiefvater hat ein Leben lang gelogen. Ich finde es unglaublich, dass er bis heute nicht zu seinen Taten steht."
Mit der Wahrheit ist das so eine Sache, wenn zwei sich unversöhnlich gegenüberstehen und es keinen Dritten gibt, der mehr weiß. Viele Zweifel und wenige Gewissheiten: in diesem Dilemma sind Richter, bei denen solche Fälle landen. Sie können bei ihrer Beweisaufnahme das Geschehen nicht wie bei einen Videofilm zurückspulen. Wenn es an Fakten fehlt, müssen sie Indizien bewerten. Wenn es kein Geständnis gibt, müssen sie Aussagen von Zeugen nach ihrer Glaubhaftigkeit beurteilten. Dazu kann ein Gericht externe Fachleute heranziehen, muss es aber nicht. Wolfgang Vögele, der das Urteil über Janosch gesprochen hat, bringt es auf den Punkt: "Wenn wir eigene Sachkunde haben, brauchen wir keine Sachverständigen."
Vögele ist ein erfahrener Richter, der sich auch unangenehmen Fragen stellt. Zum Prozess von Jörg, dem Wettermoderator, sagt er: "Könnte die Strafkammer in Ruhe arbeiten, wäre der Prozess schon zu Ende." Hier wie dort gehe es für ein Gericht darum, Überzeugungen zu bilden. "Der juristische Beweis", sagt Vögele, "hat nichts mit dem mathematischen zu tun."
Janosch schreibtBriefe , in denen er seine Unschuld beteuert
Mit dem juristischen Beweis befasst sich seit langem auch Peter Winckler, einer der renommiertesten Kriminalpsychiater im Land. Den Megaprozess von Mannheim beobachtet er aus der Ferne. Deutschlands bekannteste Feministin im Zeugenstand, wenn auch nur kurz, Verschwörungstheorien gegen Medien, juristischer Theaterdonner: Winckler kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Beteiligten bei diesem Verfahren "in Angststarre verfallen".
Der Tübinger gilt als Spezialist für Gutachten, auch für solche über die Glaubhaftigkeit von Zeugen. "Das ist besonders heikel", sagt er. "Da geht es oft um hopp oder topp." Winckler hat Richter erlebt, die sich hinter Expertisen versteckten und hilflos wirkten im Labyrinth des Verdachts. Und er hat Fälle begleitet, die klar schienen und am Ende das Gegenteil davon waren.
An einen Prozess vor fast zehn Jahren erinnert er sich noch genau. Damals wurde ein Familienvater, der beruflich eine leitende Position hatte, von seiner 18-jährigen Tochter des sexuellen Missbrauchs bezichtigt. Das Gericht schaltete einen Sachverständigen ein, welcher die Tochter für glaubwürdig hielt. Ein zweiter Fachmann wurde befragt. Er teilte mit, dass das erste Gutachten zwar nicht gut, im Ergebnis aber richtig sei. Der Vater wurde auf dieser Grundlage zu einer Haftstrafe verurteilt. Später kam es zu einer erneuten Prüfung vor Gericht, bei der Winckler um einen Befund zu den beiden Gutachten gebeten wurde. Er zog andere Schlüsse als seine Kollegen und hielt die Aussagen des Mädchens für weniger glaubhaft. Am Ende wurde der Angeklagte freigesprochen. Ist er wirklich unschuldig? Winckler kann es nicht sagen. "Auch damit muss man leben."
Es ist schwer genug, damit zu leben. Janosch, der Lastwagenfahrer, schreibt Brief um Brief, in dem er seine Unschuld beteuert. Vielleicht tut er es wider besseres Wissen. Manchmal besucht ihn seine Frau mit dem kleinen Igor im Gefängnis. Jelena hat ihm gesagt, dass Papa nicht mehr nach Hause kommt, weil er viel arbeiten muss. Sie will nicht, dass er die Wahrheit erfährt. Wenn Igor ins Gefängnis zu seinem Vater darf, streckt er die Hände an der Pforte für den Sicherheitscheck nach oben. Der Junge glaubt, dass sein Papa einen wichtigen Job hat in diesem vergitterten Haus.
Jelena lebt mit Igor in einer Wohnung, in der ein Zimmer frei ist. Dort hat früher Maria geschlafen, die geflüchtete Tochter. Nichts erinnert mehr an sie. Die Mutter hat die Poster abgehängt und auch Marias Bilder aus dem Regal genommen. Sie liegen jetzt in einer Schublade. Jelena hat sich entschieden - für die Version ihres 14 Jahre älteren Ehemanns. Kann sie sich wirklich sicher sein? Eine Frau spüre so etwas, sagt sie, und weiß wohl, dass es viele Frauen gibt, die es eben nicht gespürt haben.
Es gibt Geschichten, denen fehlt die Auflösung
Jelena hat Angst vor dem, was kommt. Vor den fünf Jahren, die Janosch vielleicht noch sitzen muss. Im deutschen Strafrecht ist es so, dass geständige Täter nach zwei Drittel einer zu verbüßenden Strafe entlassen werden können. Wenn Janosch gestehen und im Gefängnis eine Therapie machen würde, wäre er vielleicht in zwei bis drei Jahren frei. Seine Frau hat keine Ahnung, wie es weitergeht. Sie hat eine Tochter verloren und einen Mann, dem sie vertraut, obwohl sie nicht leugnen kann, dass manches gegen ihn spricht. Wenn er zurückkommt, wird Janosch wahrscheinlich fast 60 sein. "Er bekommt in dieser Gesellschaft keine Chance mehr", sagt sie.
Maria, die Tochter, lebt weit weg, in Freiheit und doch irgendwie gefangen. Manchmal denkt sie noch an ihre Mutter, die für sie nicht mehr ist, was sie war. Maria kann nicht verstehen, dass Jelena noch immer hinter Janosch steht. "Liebe hat ihre Grenzen", sagt Maria. "Es tut mir leid für meine Mutter." Maria hat ein neues Leben begonnen, aus dem ihr altes langsam verschwindet. Sie muss noch 5000 Euro an Schulden aus Verträgen abstottern, die ihr Stiefvater in ihrem Namen abgeschlossen hatte.
Es gibt Geschichten, denen fehlt die Auflösung. Diese ist so eine. Irgendwann urteilt das Gericht über Jörg, den Wettermann. Und es wird dabei keinen Gewinner geben.
Quelle: Stuttgarter Nachrichten Online 13.02.2011