Selbstverständlichkeiten. Oder doch nicht?

Ich habe die Tage über Selbstverständlichkeiten nachgedacht.
Die Sache ist die: Manche Menschen bedanken sich für Dinge, die ich für selbstverständlich halte. Ergo erwarte ich weder Lob und Dank, noch möchte ich es, das bringt mich in Verlegenheit.

Andererseits ärgert es mich, wenn Menschen mit einer Erwartungshaltung durch`s Leben gehen, als hätten sie einen Anspruch auf Dinge, die eben nicht selbstverständlich sind.
Oder anders ausgedrückt: Ich habe selbstverständlich NICHT das Recht darauf, an der Kasse von meinem Vormann vorgelassen zu werden. Eine ältere und körperlich fitte Person hat NICHT das Recht, dass ich ihr meinen Sitzplatz überlasse, und die Leute, die im Kino auf den von uns reservierten Plätzen sitzen, haben NICHT das Recht darauf, das wir sagen „Schon gut, dann setzen wir uns einfach woanders hin!“

In all den genannten Situationen KANN es zu einem Dialog al la „Ach, das ist aber nett!“ – „Kein Ding, das ist doch selbstverständlich!“ kommen, MUSS es aber nicht; das Wort „selbstverständlich“ wir einfach oft unpassend gebraucht.

Wie aber ist es richtig? Gibt es überhaupt ein richtig? Und muss ich mir nicht dann im Gegenzug ebenfalls den Vorwurf gefallen lassen, dass ich anders herum keinen Dank für Un-Selbstverständliches annehme, womit ich dann wiederum letztendlich eine Un-Selbstverständlichkeit zur Selbstverständlichkeit degradiere?

Von floskelhafter Sprache mal abgesehen scheint das Problem wie so oft also in der Subjektivität zu liegen. Und da wird es holperig.

Im zwischenmenschlichen Bereich verwirrt mich nichts so sehr wie das Verhalten bzw. Nicht-Verhalten der anderen.

Mann, was ein Satz,  😀

Im Ernst: Oft frage ich mich weniger, warum Menschen Dinge tun, die sie tun, sondern vielmehr, warum sie Dinge NICHT tun. Dinge, die für mich selbstverständlich sind.
Und wenn man erst einmal drin ist im „Warum tut er/sie dies und das nicht?“ kann man sich ganz schnell in etwas sehr Unschönes hineinsteigern, sich selbst unglücklich machen. So kann man das beste Verhältnis, die tollste Freundschaft, die prickelndste Beziehung ruinieren: „Warum machst Du eigentlich nie …?“

Anders herum gibt es natürlich viele Dinge, die zu einem zwischenmenschlichen Verhältnis dazugehören MÜSSEN, zumindest meiner Meinung nach. Interesse am anderen etwa. Dazu gehören dann so Dinge wie den anderen auch mal nach seinem Befinden zu fragen. Zuzuhören, mitzufühlen. Hilfe anzubieten etc.

Ich darf bzw. „muss“ mich etwa eines recht guten Gedächtnisses loben, wenn es um private Dinge geht (und bin entsprechend nachtragend). Mal vor zwei Jahren ein Buch ausgeliehen und noch nicht zurückgebracht? Ich werde Dich dran erinnern, wenn`s sein muss, 10 Jahre lang! Vor drei Jahren mal erwähnt, dass Du gerne Zartbitterschokolade magst? Das fällt mir passend zu Deinem Geburtstag ein. Vor drei Wochen hattest Du TÜV-Termin? Kannst drauf wetten, dass ich Dich danach frage, wenn wir uns wiedersehen! Ich bin im Kaufhaus und sehe den Film XYZ reduziert? Klasse, den wolltest Du doch immer schonmal gucken, also bringe ich ihn Dir mit, einfach so. All das ist für mich selbstverständlich.

Klingt gut?
Ist es ganz und gar nicht!

Denn leider leider haben wir Menschen oft die Angewohnheit von anderen das zu erwarten, was wir selbst geben oder zumindest zu geben bereit sind.
Wenn ich mich also so für meine Freunde und Bekannten interessiere, aber die nicht …
– nach meinem Termin vor X Wochen fragen
– mehr wissen, wie ich meinen Kaffee trinke
– was Schöne, sondern irgendwas Merkwürdiges zu meinem Geburtstag schenken, weil ihnen nichts besseres eingefallen ist,
werde ich unglücklich.

Dann wird aus dem „Warum macht er/sie dies und das nicht?“ ganz schnell ein „Der/die mag mich nicht, ich bin ihm/ihr nicht wichtig!“

Und frage mich: Sind meine Selbstverständlichkeiten tatsächlich selbstverständlich? Oder sind sie vielmehr Besonderheiten, wegen denen ich überhaupt gemocht werde? Und woran erkenne ich Sympathie, wenn sie jemand nicht so zeigt, wie ich sie zeigen würde? Warum kann nicht einfach jeder sein wie ich????

Ich wiederhole noch einmal: Im zwischenmenschlichen Bereich verwirrt mich nichts so sehr wie das Verhalten der anderen Menschen.


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