SEINORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (51): Die Angst vor dem Lebendigen

SEINORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (51): Die Angst vor dem Lebendigen
Es gibt Phänomene, die sind allgegenwärtig, und doch hat es den Eindruck, als seien sie gar nicht vorhanden. Angst ist ein derartiges Phänomen. Das Dasein des modernen Menschen wird bestimmt von Angst und von Ängsten, und genau dies scheint ihm alles andere als bewusst zu sein. Denn: Wer spricht darüber?
Ich könnte seitenweise Ängste aufzählen, die phänomenologisch im Leben aufscheinen, einige Beispiele mögen genügen: die Angst vor dem Tod, die Angst vor Krankheit, die Angst vor dem eigenen Körper, vor dem Unkontrollierten, vor dem Verrücktwerden, vor dem Unbewussten, vor dem Alleinsein, die Angst, nicht normal zu sein, die Angst vor Ablehnung, die Angst, nicht willkommen zu sein, die Angst vor Gefühlen und Emotionalität, die Angst vor Liebe, die Angst vor Nähe und Intimität oder die Angst vor Distanz, die Verlustangst, die Angst vor dem einen anderen Menschen oder vor ganzen Menschengruppen, vor Völkern, vor Armeen, und viele, viele Ängste mehr. So gibt es jede Menge individueller und kollektiver Ängste.
Betrachten wir jede Angst für sich, dann mag sie plausibel, begründet und einleuchtend erscheinen. Das Problem ist nur, dass der Verstand ein Meister darin ist, Erklärungen für das Leben zu liefern, aber ein Stümper, wenn es darum geht, das Leben zu leben. Es ist der Ego-Verstand, der die Welt konstruiert aus den Bausteinen seiner Erfahrungen, Analysen, Urteile und Definitionen. Der Ego-Verstand ist das Skalpell des Chirurgen, das alles fein säuberlich auftrennt, zerschneidet und seinem theoretischen Modell entsprechend wieder zusammennäht. So geht der Verstand mit dem Leben um – und auch mit der Angst.
Machen wir zur Erläuterung einen kleinen Exkurs. Aus der Primatenforschung ist ein Phänomen bekannt, dass der Pionier der Bindungsforschung, John Bowlby, in einem seiner Bücher einmal so beschrieben hat: Wenn bei einer Horde Affen ein lautes Flugzeug über den Urwald donnert, springen die jungen Affen, die durch den Lärm in Angst und Schrecken versetzt werden, reflexartig auf den Arm des nächsten älteren Affen, klammern sich an diesen und werden mit großer Selbstverständlichkeit von dem älteren Tier umarmt und körperlich beschützt. Es müssen dabei nicht die leiblichen Eltern des kleinen Affen sein, das einzige Kriterium innerhalb der Affenhorde scheint darin zu bestehen, dass der beschützende Affe älter und lebenserfahrener ist. Durch den Körperkontakt und Halt entspannt sich das kleine Äffchen und hüpft kurze Zeit später wieder fröhlich durch die Bäume.
Übertragen wir diese Szene auf uns „zivilisierte“ Menschen. Stellen Sie sich ein Kleinkind vor, das auf der Straße von einem lauten tieffliegenden Flugzeug furchtbar erschreckt wird. Was passiert? Das Kleinkind wird sich hüten, dem nächsten Erwachsenen auf den Arm zu springen, denn es hat gelernt, dass Körperkontakt nur zu den eigenen Eltern oder Familienmitgliedern erwünscht ist. In der modernen Gesellschaft wird die körperliche Umarmung eines Kindes durch einen Erwachsenen als Gefahr gesehen, als gefährlicher Schritt zu einem potenziellen sexuellen Missbrauch oder Schlimmerem. Die Angst davor beherrscht das Geschehen.
Die Folge: Das kindliche Bedürfnis nach Körperkontakt (und der erwachsene Impuls zu beschützen) wird nicht als ein selbstverständlicher Teil der menschlichen Natur wahrgenommen, sondern als Gefahrenquelle. Angst definiert das Kind als Eigentum der Eltern bzw. der Familie, als unberührbare Spezies (wobei übersehen wird, dass bei Missbrauch ein signifikant hoher Anteil von Tätern aus dem familiären Umfeld stammen).
Für zivilisierte Menschenkinder wird es also kompliziert in solchen Situationen, und es wird noch komplizierter, wenn wir genau hinschauen, was weiterhin geschieht. Das ängstliche Kind in unserer Szenerie hat, im Gegensatz zum Äffchen, nicht nur Schwierigkeiten, was die Geborgenheitserfahrung durch Körperkontakt betrifft, sondern es wird häufig mit einer „erwachsenen“ Erklärung beglückt, die etwa lauten dürfte: „Du brauchst doch keine Angst zu haben, es ist doch nur ein lautes Flugzeug!“
Also im schlimmsten Fall: kein Körperkontakt, dafür eine kluge Erklärung. Im besseren Fall: kluge Erklärung, aber wenigstens Körperkontakt. Doch eine Erklärung, warum das Kind eigentlich keine Angst haben sollte, die wird großzügig in jedem Fall gegeben.
(Fortsetzung folgt)