Screenology #44: Goodnight Nobody

Screenology #44: Goodnight Nobody(Collage: Emma Isacson)

„Kein wichtiger Film“, sagt Henry, als wir noch tief in unseren Kinostühlen sitzen. Leute, die ihr Urteil abgeben, so lange der Abspann noch läuft, verlieren ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit. Finde ich. Jeder Film hat eine Aura. Ihrem Glimmen möchte ich ungestört im Dunkel der Wortlosigkeit nachblicken. Abspannsitzenbleiber, so verhöhnte mich Tristan jeweils und wartete draussen auf mich. Zu Henry sage ich nichts. Als wir uns aufrichten, haue ich ihm stattdessen mit der flachen Hand auf den Kopf.

„Stell dir vor. Ein Leser hat mir geschrieben“, sage ich dann. „Beat Gloor. Er nahm Bezug auf unseren Streit über Des hommes et des dieux. Er schrieb, das Wort wichtig erinnere an Wicht. Es sei sein Adjektiv. Ein Wicht ist wichtig, wie die Luft luftig ist. Das erzeuge vielleicht den leicht nervenden Unterton des armen Adjektivs, das vermutlich gar nichts dafür könne.“ Henry schaut mich verblüfft an: „Wichtig kommt von Wicht? Aber… Aber das stimmt doch nicht.“ Es ist, wie es ist: Gewisse Humor- und Poesie-Ebenen sind Henry unzugänglich.

Wir gehen die Strasse entlang. „Das ist ein schöner Film“, sage ich, um das Gespräch wieder aufzunehmen. „Und schön ist neuerdings ein Euphemismus für belanglos, oder?“, gibt Henry zurück. „Um was geht es denn im Film?“, fährt er erregt fort. „Um Schlaflosigkeit. Es ist ein Dokumentarfilm über Schlaflosigkeit. Und was erfahre ich darüber? Es gibt offenbar vier Leute auf dieser Welt, die nachts nicht schlafen. Fedir in der Ukraine, der seit 20 Jahren nicht mehr geschlafen hat und als medizinisches Wunder gilt. Jérémie in Burkina Faso, der das Theater bewacht. Lin Yao in China, die nicht schlafen kann vor lauter Lernen und nicht lernen kann vor lauter Müdigkeit. Mila in den Vereinigten Staaten, die mit dem Auto durch die Nacht fährt, um die Zeit totzuschlagen. That’s it. Mehr Informationen erhalten wir nicht. Spätestens nach 30 Minuten dreht sich der Film im Kreis.“

„Warte, Henry. Warte, warte.“ Wir bleiben stehen. „Guck in den Himmel. Was siehst du?“ Henry schaut mich an, schaut in den Himmel, schaut mich an, schaut in den Himmel, öffnet den Mund, schaut mich wieder an und schliesst seinen Mund. Henry ist ein Mensch, der auf Partnersuche im Internet schreibt: Ich stehe mit beiden Beinen im Leben. Mit mir kann man Pferde stehlen.

Ich versuche es trotzdem: „Goodbye Nobody ist ein filmisches Gedicht. Das ist kein Sachbuch. Jedes Bild ist ein fotografisches Kunstwerk und bringt jene Rilke-Tiefen in uns zum Schwingen. Das Dunkel spült diese ganz anderen Einzelheiten des Lebens an die Oberfläche. Scheinbar Bedeutsames verliert seine Dringlichkeit. Der ruhige Puls der Nacht öffnet die Fragen, die im täglichen Verdrängungskampf um Aufmerksamkeit untergehen. Und hier zeigt sich der stille Zauber des Films: Die Fragen nennt er nicht. Er schafft es, dass sie aus meinem eigenen Alltagsmüll auftauchen. Indem die Bilder diese weite Verbundenheit der Nacht erzeugen. Und trotzdem: Die vier Protagonisten sind nicht befreite Geister der Nacht. Auch in ihnen glüht das vergebliche Streben des Menschen. Das ist herzerwärmend. Mag es auch hin und wieder inszeniert wirken, es ist herzerwärmend.“

Ich sehe Henry erwartungsvoll an. Sein Gesicht zeigt guten Willen. Seine Worte lenken ab: „Das war der Siegerfilm des Zürcher Filmfestivals. Wusstest du das? Ich dachte, die machen auf Hollywood-Glamour. Silvester Stallone, Oliver Stone, Milos Forman und so.“

Ich lache: „Es ist, wie es ist.“ Als wir weitergehen, schaue ich in den tiefen Nachthimmel, der leise glitzert.

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Goodnight Nobody, CH 2010, Regie: Jacqueline Zünd, mit: Mila Dean, Jérémie Kafando, Lin Yao, Fedir Nesterchuk.


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