Screenology #43: Small World

Screenology #43: Small World

Liebe Vanessa

Wie ist das Wetter in Berlin? Hier in Baden ist es kalt, sehr kalt, wiederkalt. Am Nachmittag hat die Sonne ihre Finger über die weisse Landschaft gezittert. Der angeschmolzene Schnee auf der Wiese – schon wuchsen grünbraune Ellipsen – gibt sich nun eisig, knirscht. Die Spuren im Bruchharsch sagen nichts aus. Die Schritte sind hart. Ich war im Kino und habe mir Small World angeschaut.

Krümel, denke ich. Erinnerungskrümel im Zwischenreich des Vergessens, in den Ritzen des Bewusstseins, im staubigen Erlebnisbericht an die Enkel. Erinnern und Vergessen sind die zwei Erzähler jeder Mutmassung. Also jeder Geschichte. Das Damals besteht aus Bruchstücken. Aus Tauben, die wegstoben. Aus dem Klang der Stimmen: Tomi Koni. Koni Tomi. Aus dem Blick zum Himmel, den knorrigen Ästen, die sich gegen den hell getünchten Himmel abhoben. Und nun, da der Gedächtnisballast des Alltags wegbricht, bedeuten die Erinnerungsscherben die Welt, pars pro toto, schweben die Biografiefetzen wie einst, biegsam, den Worten zu gefallen. Schliesslich ist Luft da. Viel Luft. Schöne alte Welt.

Das Verdrängte ist das Vergessene, das sich erinnert. Krümel, unentdeckte, weggedrückte, unbeachtete. Jede Familiengeschichte erzählt ihre Lebenslügen. Redsam verschwiegen. Solche Geschichten sind dankbar und gehören nicht erst seit Claude Chabrol in die Oberschicht des gutbürgerlichen Milieus. Sie spielen mit der bedrohten Idylle und der hartnäckigen Trübung der Scheinwelt. Und mit dem unverwüstlichen Verdacht gegenüber den Reichen.

In Small World, einer Verfilmung des gleichnamigen Romans von Martin Suter, geht es um die Industriellenfamilie Senn. Der sechzigjährige Konrad Lang ist ein Jugendfreund von Thomas Senn. Dessen Sohn Philippe heiratet Simone. Thomas und seine Stiefmutter Elvira sind sichtlich unerfreut, als plötzlich Konrad, der jahrelang die Ferienvilla in Griechenland gehütet hat, in die Hochzeit platzt. Konrad hat aus Unachtsamkeit die Villa in Brand gesetzt. Seine Alzheimer-Krankheit macht ihn gefährlich, denn mehr und mehr erinnert er sich an Begebenheiten aus der Kindheit.

Dir hätte der Film wahrscheinlich gefallen. Beeindruckende Schauspieler. Unterhaltsame Geschichte. Ein bisschen Milieu-Kritik. Alles richtig gemacht. Ein solider Film. Ein Film, der gefällt. Aber leider ohne jeden Zauber. Ohne jedes Risiko. Der Regisseur Bruno Chiche vergibt die Gelegenheit, mit einer Bildsprache des Vergessens zu experimentieren. Gérard Depardieu als Konrad Lang zieht sich in seine Vergangenheit zurück. Das ist ihm anzusehen. Er spielt seinen Rückzug leise, berührend, intensiv. Der Film selbst bleibt harmlos.

Schneit es in Berlin? Hier torkeln die Flocken. Die Platanen sind erstarrt, der Sommer hat sich tief in die Wurzeln zurückgezogen, die Äste ungeschützt, die braunen, eingerollten Blätter von damals sind gefallene Helden, vergilbt, zur Verwesung bereit, die Äste, sie gehören nicht mehr zum Baum, aufgepfropfte Legenden. Ich gehe vom einen Lichtkreis der Laternen zum nächsten. Die Flocken, sie landen, bilden Gruppen, verschwinden. Oder bleiben. Was hat das mit dir zu tun?

Meine Finger rollen Krümel. Gibt es dich, weil ich mich an dich erinnere? Erinnere ich mich an dich, weil du nicht hier bist? Es ist noch schlimmer. Und schöner. Du bist die Antwort auf den Brief aus dem Schneegestöber. Ich bin wiederkalt.

Gruss aus der schönen kleinen Welt.

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Small World, F/D 2010, Regie: Bruno Chiche, Schauspieler: Gérard Depardieu, Alexandra Maria Lara, Françoise Fabian, Niels Arestrup.


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