Sankt Ion, komm und rette uns!

Sanktionen. Wir brauchen Sanktionen! Jetzt mal gegen Russland und Putin. Sanktionen zu fordern hat man in Deutschland ja einstudiert. Jahrelang hat man sie gegen Arbeitslose gefordert. »Härtere Sanktionen« war das Schlagwort schlechthin. Und so gut wie jeder wusste sie zu fordern. »Sanktionen verschärfen!«, rief man im Namen von Law and Order. Wie so mittelalterliches Gelichter, das aufgewiegelt fordert: »Bestraft ihn, bestraft den Sünder!«
Sankt Ion, komm und rette uns!
Neulich sagte mir einer, er halte es für geboten und notwendig, dass man Sanktionen für Zuwanderer umsetze. S-a-n-k-t-i-o-n-e-n! Ob er so ganz genau wusste, was das Wort eigentlich bedeutet? Strafandrohungen für Leute, die sich das »Verbrechen« leisten, nach Deutschland kommen? Für manchen handelt es sich bei diesem Schlachtruf wohl um einen neuen Heiligen, den man anruft? Sankt Ion? Ein kanonisiertes elektrisch geladenes Teilchen? Heiliger Molekül errete uns? Sankt Ion zieh die Zügel an! Und rette uns vor den Bösen! Sind diese Sanktionsschreie das neue »Himmel hilf« oder »Och, du heiliger Bimbam«? Verzweiflungsrufe? Was steckt hinter dieser Sanktionswut?

Ich habe mal einen alten Spanier, der Deutschland und die Deutschen gut kannte, nach einer Eigenart der Deutschen gefragt. »Was ist denn so eine deutsche Masche?«, fragte ich ihn. Und weil er nicht gleich rausrücken wollte, forderte ich ihn auf: »Dímelo; sag es mir.«
   Er schaute mich an und lächelte. »Die rufen immer gleich die Polizei. Oder drohen mindestens mit ihr. Wenn sie aus dem Fenster gucken und jemanden am Briefkasten herumstochern sehen, dann rufen sie ›Polizei, Polizei!‹ und nicht ›Hau ab!‹. Das ist für mich typisch deutsch.«
   Ich nickte. Ja, da war was dran.
   »Und dass sie einen immer gleich auffordern, ihre Fragen schneller zu beantworten, das ist auch so was Deutsches.« Er stierte mich an, während er das sagte. Keine Ahnung warum.
Die Polizei hat heute keinen guten Ruf mehr. Aber irgendeine Instanz muss man doch anrufen. »Sanktionen, Sanktionen!«, rufen sie wohl daher heute. Das hat so was Schicksalhaftes, klingt unabwendbar und verspricht Strafe. Nach Sanktionen zu rufen ist im Grunde derselbe durch den Pöbel oder Mob brandende Affekt, den man zu allen Zeiten und in allen Kulturen zu hören bekam und bekommt. Die einen rufen »Steinigt sie, steinigt sie!« oder »Auf den Stuhl mit ihm! Auf den Stuhl mit ihm!« und anderen schreien »Teeren! Teeren!« und schieben nach: »Federn! Federn!«
So wie der Haufen rachsüchtiger Bauern dereinst angebliche Hexen anschwärzte und dann Strafe forderte, oder wie die Rotten von Todesstrafenbefürworter vor Gefängnissen stehen und »Tötet ihn! Tötet ihn!« rufen, so beschwört die Masse aus Journalisten und Leser eben »Sanktionen!«. Diese Rufe sind nichts anderes wie das in der Massenpsychologie attestierte »Zurücktreten des Gehirnlebens«. In der Masse »steigt der Mensch also mehrere Stufen von der Leiter der Kultur hinab.« Er wird in ihr »ein Triebwesen, [...] ein Barbar.« (Gustave Le Bon, »Psychologie der Massen«) Völlig unfähig, die Forderungen zu erklären oder sie mit Argumente auszuschmücken. Der Mensch in einer Masse, die Schlachtrufe plärrt, mag als Individuum gebildet sein, in der Masse der Schreihälse wird er zum Instrument von Parolenschwingern, denen er nachplappert und deren Thesen er daher für richtig erachtet.
Exemplarisch dafür ist diese ewige Wiederkehr von »härteren Sanktionen«, die im Hartz-IV-System in strikter Regelmäßigkeit gefordert werden. Was sollen sie bringen? Alle schreien danach. Aber bringen solche Verschärfungen Arbeitsplätze? Selbst wenn wir nur einen kurzen Moment davon ausgehen würden, dass das Narrativ vom »faulen Arbeitslosen« stimmte: Bringen härtere Sanktionen was? In vielen Bundesstaaten der USA gibt es die härteste aller Sanktionen für Mord? Aber merkt man das an der Mordquote?
Fragt der Sanktionswütige in der Masse je nach solchen Hintergründen? Fragt er, wohin Sanktionen gegen Russland steuern? Nein, er fordert nur mit, weil alle es zu fordern scheinen. Die Sanktionsschreier sind im Grunde der Mob, der früher am Pranger auf dem Marktplatz vorbeidefilierte, mit dem Finger deutete und der die vollzogene Strafe für noch immer nicht hart genug hielt.
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