Sandkastengenderclash

Klassische Situation: Ein Sandkasten, zwei Kinder, ein Must-have-Spielzeug. Väter und Mütter durchleben diese Situation unzählige Male während unzähliger Sommer auf diversen Spielplätzen. Aber wer glaubt, man könnte eine solche Streitsituation als Erwachsener ohne weiteres politisch korrekt lösen, der irrt. Selten habe ich so viele bornierte und -Verzeihung – sexistische Erziehungsversuche erlebt, oft über die Schwelle zur Aggression hinaus. Und ich rede hier von den Eltern, nicht den heulenden Zwergen.

Eltern, vor allem die Mütter, die ich erleben durfte, tendieren oft dazu, ihre Töchter dazu anzuhalten, das Spielzeug dem anderen Kind zu geben – den Tränen des eigenen Kindes zum Trotz. “Du musst teilen können”, “Gib doch mal ab”, “Der Junge will auch mal damit spielen” oder “Das gehört halt nicht dir” sind Sätze, die mit Sicherheit fallen. Die Tochter muss teilen. MUSS. Sie heult, sie strampelt, sie wehrt sich – oft packen die empörten Mütter (aber auch vereinzelt Väter) ihre vermeintlich unsozialen Kinder ein, entschuldigen sich bei den Eltern des anderen (natürlich ebenfalls heulenden) Kindes und verlassen zur Strafe im Härtefall sogar den Spielplatz. Weil ihre Tochter so unliebenswert war! Weil sie egoistisch war. Weil man sich dafür schämen muss. Der Gerechtigkeit halber muss erwähnt werden, dass ich viele Väter als Kompromiss-Sucher wahrnehme, als Vermittler zwischen den Streitenden, “Ihr könnt euch doch abwechseln?” wird dann vorgeschlagen.

Ist nun der streitende Spross aber ein Sohn, sieht das Ganze anders aus. Wie viele Jungs habe ich erlebt, die von ihren Müttern (und diesmal aber vor allem Vätern) ermutigt wurden, ihren Besitz zu verteidigen oder sich fremdes Spielzeug “mal auszuleihen”. Hier wurde dem ANDEREN Kind gern erzählt, dass es doch mal teilen kann, dass man sich abwechseln werde, dass das eigene Kind eben auch mal damit spielen wolle. In diesem Fall werden Kompromisse mit den Eltern des anderen Kindes getroffen oder man schlägt vor, die Kinder diesen Konflikt alleine lösen zu lassen. Meiner Erfahrung nach treten Mütter weniger nachdrücklich auf als die Väter, Mütter sagen dann oft “Jungs sind halt anders”. Das sagen sie auch, wenn sie Blumen aus der Erde reißen, ohne Sinn und Verstand den Bürgersteig entlang rasen und dabei keine Rücksicht nehmen oder einfach nicht hören wollen.

Wenn ein Mädchen nicht hören will, wird es angepfiffen. Und zwar ordentlich.

Glücklicherweise gibt es in meinem Freundeskreis auch Eltern, die prinzipiell für die Pippi-Langstrumpf-Lösung sind. Die ihre Töchter ebenso ermutigen wie ihre Söhne an Konflikten zu wachsen und an Grenzen zu reifen. Lasst Eure Mädchen kämpfen! Lasst sie stark werden! Schämt Euch nicht für sie und entschuldigt sie nicht. Und im Gegenzug entschuldigt Eure Söhne nicht mit ihren Genen, lebt ihnen Grenzen vor, ermutigt sie zur Achtsamkeit. Das schließt sich nicht aus: Erzieht Eure kleinen Menschen einfach zu Menschen.

Wer über die Interview/Wiki-links im Text hinaus mehr lesen möchte, kann das zum Beispiel  hier, hier und hier mit einer Literaturliste tun. Bei diesen links handelt es größtenteils um Beiträge zu Genderaspekten in der Pädagogik und in den Erziehungswissenschaften und wenig um das von mir beschriebene alltägliche und oft unbewusste Erziehen von Eltern, die soziologisch nicht vorgebildet sind.



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