Saft-Fasten. Eine Tragödie in fünf Akten – Prolog: „Der Entlastungstag“

Von Christianhanne

Das Unglück nahm seinen Lauf, als mir die Freundin vor einigen Tagen antwortete: „Das ist eine tolle Idee. Lass‘ uns das zusammen machen.“ Eine sehr verblüffende Äußerung, wenn man bedenkt, dass meine Frage lautete: „Was hältst du davon, wenn wir gemeinsam eine Saft-Fastenkur machen?“.

Auf die Idee war ich gekommen, als ich auf dem Blog ‚Gedankenpoutpourri‘ den Fastenbericht von Nina und ihrem Mann Björn gelesen hatte, die sich mithilfe eines so genannten Fasten-Kastens einer Firma, die biologisch extrem wertvolle Getränke produziert, eine Woche lang nur von den selbigen Säften ernährt hatten. Die Weihnachtszeit hatte es kulinarisch sehr gut mit mir gemeint, meine sportlichen Bemühungen und die geplante Ernährungsumstellung im Januar und Februar waren dagegen durch einen Mangel an Konsequenz und Zielstrebigkeit gekennzeichnet. Daher hielt ich ein solches Fasten-Unterfangen für sehr nachahmenswert. Unsere Waage stimmte mir zu.

Essen. Unerwünscht.

Dennoch hegte ich die leise Hoffnung, dass die Freundin mir die Idee ausredet. Allerdings hatte sie nichts Besseres zu tun, als mir nicht nur enthusiastisch zuzustimmen, sondern auch noch umgehend zwei solcher Fasten-Kästen im Internet zu bestellen. Nach wenigen Tagen schleppte sie ein genervter Paketbote in unsere Wohnung und wir waren im Besitz von zwölf Flaschen Gemüsesäften. Damit stand dem Saft-Fasten nichts mehr im Wege. Leider.

Insgesamt soll das Vorhaben acht Tage dauern:

  • 1 Entlastungstag, an dem sich der Körper auf das Fasten einstimmen soll, in dem er entwässert wird und bereits weniger Nahrung erhält,
  • 5 Fastentage, an denen es nur Saft, Wasser sowie Kräuter- und Früchtetees gibt, und
  • 2 Aufbautage, an denen Körper, Geist und – vor allem – Verdauung wieder an feste Nahrung herangeführt werden.

In der nächsten Woche werde ich täglich von unserem Saft-Fasten berichten: Eine Tragödie in 5 Akten!

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Es ist Sonntagmorgen, wir sitzen mit Tochter und Sohn am Frühstückstisch und beginnen unseren Entlastungstag. Heute sollen wir uns mental und körperlich schonend an das Fasten heranführen. Allerdings steht da gleich eine mittelschwere Hürde vor uns: ein Glas Sauerkrautsaft. Dieses soll eine entschlackende und darmreinigende Wirkung haben. Na denn, Prost!

Der erste Schluck ist eigentlich gar nicht so schlimm. Der Saft schmeckt halt nach Sauerkraut. Es dauert leider nicht sehr lange – ungefähr den Bruchteil einer Sekunde – bis der Kopf die Information verarbeitet hat: „Es schmeckt halt nach Sauerkraut.“ Ein Geschmack, der sehr gut mit Schweinebraten und Knödeln harmoniert, aber nicht mit Sonntagmorgens, 9 Uhr, kompatibel ist.

Schon der zweite Schluck erinnert mich an meinem Zivildienst im Krankenhaus, bei dem es zu meinen Aufgaben gehörte, Urinflaschen zu säubern. Allerdings war deren Inhalt visuell und olfaktorisch weniger herausfordernd als der Sauerkrautsaft.

Versuche nun, nicht durch die Nase zu atmen, während ich den Saft zu mir nehme. Die Freundin macht beim Trinkvorgang eine erbarmungswürdige und mitleiderregende Figur. Dass ich sie darauf hinweise, versteht sie überraschenderweise nicht als Akt der solidarischen Aufmunterung. Stattdessen stößt sie ein paar ungarische Flüche aus, was sehr erstaunlich ist, das sie gar kein Ungarisch spricht.

Der Sohn riecht an dem Saft, verzieht sofort das Gesicht und macht Kotzgeräusche. Würde das auch gerne machen, befürchte aber, dass dann der Saft wieder hochkommt.

Nachdem wir es tatsächlich geschafft haben, das Glas Sauerkrautsaft vollständig zu trinken, werden wir mit einer Portion Müsli belohnt, in das wir uns einen frischen Apfel schneiden dürfen. Als morgendliche Vorspeise eigentlich nicht zu verachten, aber es folgt leider kein ‚Full English Breakfast‘ mit Baked Beans, Bacon und Rührei, sondern stellt heute unser gesamtes Frühstück dar. Die Kinder essen derweil Nutellabrötchen und wundern sich, was in ihre Eltern gefahren ist. Passend zu meiner Laune nach dem kärglichen Mahl, verbringe ich den Vormittag damit, die Steuererklärung zu machen.

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Zum Mittagessen dürfen wir uns eine große Portion Rohkost gönnen. Ich esse Karotten in Mengen, als würde ich mich auf ein Casting für eine ‚Bugs Bunny‘-Rolle vorbereiten und denke dabei an falschen Hasen. Als Nachtisch gibt es einen in Mandelmilch gekochten Hirsebrei mit Rosinen. Er ist von einer freudlosen gräulichen Farbe und seine Konsistenz erinnert an die Masse, die mein Vater früher anrührte, um Löcher in den Kellerwänden zu verspachteln. Geschmacklich ist der Brei eigentlich ganz in Ordnung. Noch besser wäre er allerdings durch eine großzügige Zugabe von Zucker und Zimt. Aber die sind leider nicht erlaubt, wie ich mich in der Fasten-Anleitung vergewissere.

Lümmele nachmittags auf dem Sofa und schaue Wintersport im Fernsehen. Das muss als körperliche Ertüchtigung ausreichen. Der Sauerkraut-Saft und die Unmengen von Kräutertee, die ich trinke, verfehlen derweil ihre Wirkung nicht. Verbringe sehr viel Zeit auf der Toilette. Das erlaubt mir, meine Social-Media-Accounts zu pflegen, längst fällige E-Mail-Korrespondenzen zu erledigen und das Internet durchzulesen. Komplett.

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Unser Abendessen besteht aus Knäckebrot. Es ist uns großzügigerweise gestattet, dieses mit Gurke und Tomate zu belegen. Salzen und pfeffern ist allerdings nicht erlaubt. Das widerspräche wahrscheinlich dem asketisch-calvinistischen Charakter des Fastens.

Versuche mir beim Essen einzureden, dass das Alles im Grunde genommen doch recht schmackhaft ist. Erschwert wird meine Autosuggestion allerdings dadurch, dass die Kinder Stullen essen, die zentimeterdick mit Käse und Wurst belegt sind.

Zum Abschluss gibt es Obstsalat mit Leinsamen. Das rangiert normalerweise auf meiner Rangliste der Lieblingsdesserts zwar nur auf Rang 18, aber zum Abschluss unseres Entlastungstages könnte ich mir nichts Schöneres vorstellen. Außer vielleicht Crêpes mit Schokosauce. Oder ein warmer Karamell-Brownie. Oder ein Spaghetti-Eis. Oder sehr vieles, dessen Hauptbestandteile Zucker und Fett sind.

Den restlichen Rest des Abends versuche ich nicht daran zu denken, dass ich für die nächsten fünf Tage keine festen Mahlzeiten essen darf, sondern mich stattdessen ausschließlich von Gemüsesäften von zweifelhaftem Geschmack ernähren muss. Gehe früh ins Bett und hoffe, schnell einzuschlafen.