Saft-Fasten: Eine Tragödie in fünf Akten – 1. Akt: „Fitness-Cocktail“

Erstellt am 9. März 2015 von Christianhanne

Alle Teile der Saft-Fasten-Tragödie gibt es hier zu lesen.

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Heute steht der erste Fastentag an. Beginnen müssen wir ihn wieder mit einem Sauerkrautsaft, den wir während der Fastenwoche alle zwei Tage trinken sollen. Unsere Verdauung wird es uns angeblich danken. Ob wir uns beim Sauerkrautsaft bedanken, ist eher fraglich.

Bevor wir anfangen können, den Satans-Saft zu trinken, tippt die Freundin umständlich und sehr langwierig eine SMS in ihr Telefon. Ich weiß nicht, ob ich sie dafür hassen oder lieben soll. Entscheide mich mit Blick auf die eklige Brühe in den Gläsern für letzteres.

Sauerkraut. Nicht als Saft. Leider nicht für uns.

Als sie endlich fertig ist, beginnen wir mit der Trink-Prozedur. Schauen beide voller Abscheu auf den Saft. Bin der festen Überzeugung, dass nichts eine Partnerschaft mehr zusammenschweißt als das gemeinsame Trinken von Sauerkrautsaft. Möglicherweise eskaliert so etwas aber auch schnell und unter Erst-Fastern ist die Scheidungsquote besonders hoch. Wir werden es in den nächsten Tagen herausfinden. Vielleicht sollten wir präventiv schon einmal das Sorge- und Besuchsrecht für die Kinder absprechen? Finde den Moment aber gerade unpassend, um dies zu thematisieren.

Habe den Sauerkrautsaft nicht ganz gleichmäßig auf die beiden Gläser verteilt und nehme ritterlich-heroisch das vollere Glas. Die letzten Heldenmythen der Moderne werden bestimmt beim Trinken von Sauerkraut-Saft geschrieben! Die Freundin registriert meine Glas-Wahl wohlwollend. Auf meinen Vorschlag, dass ich im Gegenzug nie wieder das Bad putzen müsste, geht sie allerdings nicht weiter ein.

Tapfer stoßen wir an und nippen an den Gläsern. Es ist kaum für möglich zu halten, aber der Saft schmeckt heute noch abartiger als gestern. Der Sauerkraut-Saft, er ist unser Endgegner, unsere Nemesis! Böte man mir einen Schierlingsbecher als Alternative, ich griffe ohne zu zögern zu. Wie durch ein Wunder überstehen wir dennoch das Trinken des Safts, der aus der Hölle kommt, ohne uns zu übergeben.

Glücklicherweise haben die Kinder heute schulfrei, was mir das Schmieren von Pausenstullen erspart. Bereite für sie lediglich zügig zwei Portionen Cornflakes vor. Schnappe mir dann noch die Saft-Flasche für den heutigen Tag – ein sogenannter „Fitness-Cocktail“ – und verlasse schnell die Küche. Anschließend fahre ich mit dem Rad zur Arbeit.

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Im Büro angekommen, bereite ich mich präzise auf meine Saftmahlzeiten vor, von denen ich fünf Stück einnehmen muss. Stelle mir entsprechend meinen Handy-Wecker auf 9, 11, 13, 15 und 17 Uhr. Danach schütte ich mir das erste Glas des Fitness-Cocktails ein.

Laut Etikett setzt sich das Getränk aus milchsauer vergorenen Säften zusammen. Die Hauptzutaten sind Brennnesseln, Löwenzahn und Artischocken. Das hört sich nicht gut an. Aufgefüllt ist das Ganze mit Rotebeete-Saft, was dem Ganzen eine bedrohliche rötliche Farbe verleiht. Das sieht nicht gut aus. Begehe den Fehler, an dem Glas zu schnuppern. Olfaktorisch verbindet sich das Schlechteste aus den Welten der Brennnessel, des Löwenzahns und der Artischocke. Das riecht nicht gut.

Da aber alles Lamentieren nichts hilft, ergebe ich mich meinem Saft-Fasten-Schicksal und nippe am Glas. Meine Geschmackssensoren sind erschüttert und fragen sich, womit sie sich meinen Zorn zugezogen haben, dass ich ihnen das antue.

Möglicherweise habe ich dem Sauerkraut-Saft vorschnell das Prädikat „Schlimmster Saft aller Zeiten“ verliehen. Der Fitness-Cocktail steht ihm auf der nach unten offenen Geschmacksskala in nichts nach. Es ist mir unverständlich, wie Marketing-Leute auf die Idee kommen konnten, zwei positiv besetzte Worte wie „Fitness“ und „Cocktail“ zu kombinieren, um eine solch widerwärtige Plörre zu vermarkten. Mit sehr viel Wasser schaffe ich es irgendwie, den Saft leer zu trinken. Verdränge sofort jegliche Erinnerung daran, schalte danach auf Autopilot um und simuliere Arbeiten.

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Die zweite und dritte Einnahme des Safts um 11 beziehungsweise 13 Uhr sind noch schlimmer als heute Morgen. Inzwischen zöge ich es vor, lauwarmes abgestandenes Spülwasser zu mir zu nehmen.

Bin heilfroh, dass ich mir für mein Fastenexperiment eine Woche ausgesucht habe, in der meine Kollegin nicht im Büro ist. So bewahre ich zumindest noch ein wenig Restwürde. Abgesehen davon, dass ich das hier alles aufschreibe und ins Internet stelle.

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Um mich von meinem Hunger abzulenken, gehe ich in der Mittagspause zum Finanzamt, das in der Nähe des Büros liegt, um meine gestern ausgefüllte Steuererklärung abzugeben. Der Finanzamts-Pförtner sitzt hinter einer Glasscheibe und isst ein Brötchen mit Käse und Salami. Unter normalen Umständen und einigermaßen objektiv betrachtet sieht das Brötchen eigentlich nicht besonders appetitlich aus. Der Käse ist am Rand schon etwas gummiert, die Salami leicht gräulich und das Salatblatt welkt vor sich hin. Kann mir dennoch kaum etwas Köstlicheres vorstellen, als dieses Brötchen zu essen. Und zwar sofort.

Habe schon zu lange auf das Brötchen gestarrt, ohne etwas zu sagen. Möchte auch nicht ausschließen, dass ich während des Glotzens gesabbert habe. Der Pförtner fragt schließlich mit Berlinerischer Höflichkeit, was ich wolle. Überlege, ihm meine Steuererklärung im Tausch für sein Brötchen anzubieten. Immerhin erwarte ich eine Rückzahlung eines hohen dreistelligen Euro-Betrags. Das wäre es mir wert.

Der Pförtner sieht allerdings nicht aus, als wäre er an einem solchen Deal interessiert. Gebe ihm daher einfach wortlos den Umschlag mit meiner Steuererklärung. Während er ihn mit einem Eingangsstempel versieht, beißt er sadistisch in sein Brötchen. Renne schnell aus dem Amt, bevor ich Amok laufe.

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Kurz nachdem ich zurück im Büro bin, steht die vierte Safteinnahme an. Trinke ihn weinend unter dem Schreibtisch, damit mich niemand dabei aus den Büros im Haus gegenüber beobachten kann.

Verfasse anschließend im Hungerdelirium ein paar Texte und Konzepte, die ich sofort wieder lösche. Um 17 Uhr schaffe ich es unter größter Körperbeherrschung das letzte Glas Saft für heute zu trinken. Mental vollkommen ausgezehrt beschließe ich, den Arbeitstag für heute zu beenden, und fahre nach Hause.

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Die Mutter der Freundin hat dankenswerterweise für die Kinder Abendbrot gemacht: Hähnchenschenkel. Sie hat zwar sämtliches Geschirr akribisch abgespült, aber ich schnuppere dennoch an der Pfanne in der Hoffnung als Ersatz für ein Abendessen wenigstens ein bisschen Bratenduft zu erhaschen. Leider ohne Erfolg.

Inzwischen ist auch die Freundin nach Hause gekommen. Ich erwische sie in der Küche dabei, wie sie einen Rest ihres Fitness-Cocktails in den Ausfluss gießt. Sie möchte nicht über den heutigen Tag reden. Ich auch nicht.

Um 19.30 Uhr schicken wir die protestierenden Kinder früh ins Bett. Kurze Zeit später legen die Freundin und ich uns ebenfalls schlafen und hoffen, nicht von etwas Essbarem zu träumen. Gute Nacht!