Ruhetag im urigen Dörfchen

Von Erichkimmich @Erich_Kimmich

Samstag 6. Juni 2015. Ein überaus gemütlicher Pausentag in Saint Maurice-sur-Loire.

Morgens um zehn nach sechs wache ich auf: Die Sonne geht glutrot auf und scheint von der anderen Seite der Loireschlucht geradewegs in mein Bett. Ich fühle mich frisch und ausgeschlafen.

  

Ein wunderschöner Tag an einem wunderschönen Ort! (Vormerken: Hier will ich irgendwann wieder mal ein paar Tage urlauben!)

Gegen acht Uhr gehe ich ins Haupthaus Les Echauguettes zum Frühstücken. Monsieur Alex beobachtet mit einem Fernglas ein Vogelnest direkt unterhalb des großen Küchenfensters. Tief unten schimmert das dunkle Blau der Loire. Seine Frau Michèle hat in einer ganz besonderen Vase Glockenblumen auf den Tisch gestellt. Das Frühstück in diesem stilvollen Ambiente gestaltet sich sehr genussvoll.

  

Was soll ich nun an meinem Ruhetag tun? Monsieur Alex erzählt mir, wie im Februar 1999 die Freske des heiligen Jakob bei Renovierungsarbeiten unter einer Putzschicht in der Kirche entdeckt wurde. Er hat das unmittelbar miterlebt.

  

Das Motiv, dessen Zeichnung sehr sauber und von frischer Farbe ist, stammt aus dem 13. Jahrhundert und zeigt den heiligen Jakob als Compostela-Pilger – Beweis dafür dass St-Maurice schon damals auf dem Weg von Cluny nach Le Puy eine Rolle spielte. Die kleine Kirche von St-Maurice war die Kapelle des Herrenschlosses und ist im 12. Jahrhundert im romanischen Stil erbaut worden.

In dem kleinen Dörfchen mit seiner exquisiten Lage auf dem Felsen hoch über der Loire gibt es allerhand zu sehen. An der höchsten Stelle steht der dicke 17 Meter hohe Burgfried (Donjon). Im Inneren der dicken Mauern beträgt sein Durchmesser immer noch 4,5 Meter. Unten sind seine Mauern stolze drei Meter stark. Stufe um Stufe steige ich hinauf. Oben blendet mich das helle Licht der Sonne. Dann genieße ich den weiten Blick auf den Lac de Villerest, den Loire-Stausee tief unten und auf die am Berg klebenden Häuschen und engen Gassen von St-Maurice.

Irgendwie erinnere ich mich undeutlich an dieses Stauseeprojekt  und spreche es an. Monsieur Alex war damals einer der zahlreichen Gegner. Er berichtet, wie er als Jugendlicher oftmals in der Schlucht unterwegs war und wie man in den „Wasserlöchern“ aufpassen musste: das Risiko zu ertrinken war an solchen Stellen sehr hoch. Die Schlucht hatte einen ganz besonderen Charakter. Dann wurde 1978 die Staumauer von Villerest – gleich hinter Roanne – gebaut und 1984 in Dienst gestellt. Seine Jugenderinnerungen gingen in den Fluten des Staudamms unter.
Es war wohl im Jahr 1989 als ich auf einer meiner Frankreich-Radtouren das Camp der Staumauer-Gegner in der oberen Loireschlucht besucht habe. „SOS – Loire Vivante“ hieß es damals.

Das vordergründige Argument war seinerzeit der Hochwasserschutz. In den Jahren 1856, 1866 und 1910 richtete das Hochwasser der Loire großen Schaden an. Die Angst vor großen, gefährlichen Hochwassern – bei denen es immer wieder auch Todesopfer gab – wurde hochgespielt, um für das Bauvorhaben die Zustimmung zu bekommen. Doch in Wirklichkeit ging es darum, die ganzjährige Kühlung der vier Kernkraftwerke am Unterlauf der Loire sicherzustellen. Auch in den trockenen Sommermonaten sollte dort genügend Wasser zur Verfügung stehen.

In den 1990er Jahren verhinderten Bürgerproteste, dass auch noch der Loire-Unterlauf mit riesigen Staudämmen gegen Hochwasser abgesichert wurde. Im ihrem Oberlauf wurde die Loire schließlich oberhalb von Roanne mehrfach aufgestaut. Immerhin: im Unterlauf ist die Loire noch heute ein frei fließendes Gewässer, wo keine Staudämme oder Schleusen ihren natürlichen Lauf beeinflussen. So ist das Flusstal mit seinen unzähligen Inseln und und Überschwemmungsflächen immer noch ein Refugium für viele Tierarten geblieben, die anderswo in Europa längst ausgerottet sind.

Der WWF berichtet auf seiner Webseite: Die französische Umweltministerin Huguette Bouchardeau hatte im Februar 1986 ihre Zustimmung zum Ausbauprogramm für die Loire und ihre Nebenflüsse gegeben. Der dafür gegründete Zweckverband (EPALA) beabsichtigte, den mehr als 1.000 Kilometer langen Wildfluss technisch zu verbauen. Vor allem aber sollte im Sommer mehr Wasser für die Landwirtschaft und die Kühlung der vier Atomkraftwerke entlang der Loire bereitgestellt werden. Diese Eingriffe hätten vielen seltenen Tieren und Pflanzen (darunter allein 250 Vogelarten) die Lebensbasis entzogen. Auch der neue Umweltminister Brice Lalonde bot 1987 lediglich kosmetische Verbesserungen an.
Daher unterstützte der WWF International Ende 1987 das Rastatter Auen-Institut dabei, eine
wissenschaftliche Bewertung der Loire und ihrer Nebenflüsse durchzuführen und startete gleichzeitig eine große Loire-Kampagne, durch die viele europäische Medien auf den geplanten massiven Eingriff in die Natur aufmerksam wurden. Zahlreiche Umweltverbände und Naturschutzgruppen gründeten das „Comité Loire vivante“ und forderten ein dreijähriges Moratorium sowie eine umfassende Umweltverträglichkeitsprüfung für alle vorgesehenen Eingriffe in das gesamte Flusssystem. Zur Eskalation des Konfliktes kam es, als Umweltminister Lalonde am 8. Februar 1989 überraschend die Baugenehmigung für den ersten Staudamm Serre de la Fare im Zentralmassiv bei Le Puy gegeben hatte. Daraufhin wurde ab dem 20. Februar 1989 der Bauplatz besetzt und der Baubeginn friedlich verhindert.
„SOS Loire Vivante“ wurde Ende 1989 gegründet, um die Verbauung der Loire (vier Staudämme und Eindeichungen waren geplant) und insbesondere den Bau des Staudammes Serre de la Fare zu verhindern und das Loire-Tal nachhaltig zu schützen. Nach einem ersten Erfolg der Kampagne Loire Vivante im Juli 1991 wurde das Staudamm-Projekt im Januar 1994 von der französischen Regierung endgültig aufgegeben. Der französische Umweltminister hat zu dem Zeitpunkt den ‚Plan Loire Grandeur Nature‘ ins Leben gerufen. Dieses staatliche Projekt sah neben dem weitgehenden  Stopp von Staudämmen unter anderem den Abriss zweier alter Staudämme, sowie einen sanften Hochwasserschutz ohne Staudämme vor. Zur Zeit arbeitet SOS Loire Vivante auch an Projekten für den Schutz der letzten Wildlachse Europas im Einzugsgebiet von Loire und Allier. Während den letzten Jahren hat der Verein auch ein Informationszentrum für das obere Loiretal in
einem alten, abgelegenen Bauernhaus eingerichtet. Dieser Mas de Bonnefont liegt (südlich von Le Puy-en-Velay) genau in dem Talabschnitt der durch den (verhinderten) Staudamm untergegangen wäre.

Ich wandere  auf der kleinen Straße zum Bootshafen hinunter. Ein wenig Bewegung muss auch am Ruhetag sein. Als ich wieder im Dörfchen zurück bin, ruhe ich mich ein wenig aus und kehre gegen zwanzig Uhr im  Restaurant Le Relais de la Vieille Tour ein. Es liegt hinter dem Stadttor und man kan draußen sitzen.

   

Aus der Speisekarte stelle ich mir folgendes Menü zusammen:

  • Salade de la Mer (Brochette de Langoustines et poêlée de St Jacques)
  • Filet de boeuf sauce morilles
  • La Ronde du Fromager
  • Dessert

  

Ich starte mit einem Apéritif des Hauses, dazu gibt es feine Oliven. Später erfrischt ein Rosé aus heimischen Gefilden. Neben mir ist die Burgmauer und der Ausblick auf die weiten Höhen jenseits der Schlucht taucht mit der untergehenden Sonne immer mehr ins roséhafte ab. Mit dem herrlichen Gefühl eines vollendeten Genießertages lege ich mich schlafen.

  

  

       3 km    345,2 km.

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