RTL-Satire: Heilige Einfalt

Vielleicht ordne ich die Gestalten, die bei RTL über die Mattscheibe flimmern, nur falsch ein. Wichtigtuer und Quotenjäger - vielleicht sind sie das gar nicht. Vielleicht sind sie die Auswahl derer, die in siebzig, achtzig Jahren im Kanon der katholischen Heiligen stehen. Hätte es zu Zeiten des heiligen Franz schon RTL gegeben, er hätte irgendein Reality-Format geleitet, in denen er Gutes getan hätte. Unser Armutsexperte Franz Assisi zeigt, wie man auch aus wenig viel machen kann! Nach einem Gespräch mit einigen Amseln kocht unser Experte eine wohlschmeckende Suppe für die Armen! Damals hätte es schon solche Nörgler wie mich gegeben. Solche, die an Franz kein gutes Haar gelassen, die ihm unterstellt hätten, er mache sich für die Quote zum armen Teufel, zum Heiligen, füttere die Armen nur für die Fernsehkameras, erniedrige sich nur, um die eigene Eitelkeit zu erhöhen. Unerkannt wäre für den Nörgler geblieben, dass er es mit einem Heiligen zu tun gehabt hätte.


Wie gesagt, vielleicht ordne ich die RTLianer falsch ein. Gut möglich, dass es sich um Heilige handelt, die ihren Altruismus austoben und die nicht nur für die schnelle Träne und das kurze abendliche Glück bei einer Tüte Chips hilfsbereit und fürsorglich sind, sondern weil es ihnen ein inneres Bedürfnis ist. Möglich, dass RTL das Repertoire zukünftiger Heiliger verwaltet, den Pool, aus dem die Heiligsprechungsindustrie irgendwann einmal reichhaltig schöpfen kann. Hätte früher Franz Suppe gekocht, so kocht sie heute Christian Rach. Der ist somit niemand mehr, der lediglich Quote machen will, sich darstellt und produziert, sondern ein Altruist, der randständigen Menschen dieser Gesellschaft Arbeit schenkt und ihnen hilft, indem er ihnen täglich zeigt, dass ihre Randständigkeit nur an ihnen selbst lag. Gut, das spottet der gastronomischen Reservearmee Hohn - aber es geht doch darum, dass sich überhaupt einer dieser Menschen annimmt und ihnen sagt, dass sie in Eigenverantwortung ausgegrenzt wurden. Ähnlich erginge es Int-Veen oder Bause, die vermitteln, helfen, einfühlen, einspringen oder fürsorgen, um gottgefälligen Dienst tun zu dürfen. Die Häme, die landwirtschaftliche Singles ertragen müssen, sind vielleicht nur zufälliges, nicht vermeidbares Beiwerk, das den altruistischen Dienst flankiert. Kollateralschäden, die unvermeidbar sind, wenn man ein gutes Werk tut.
RTL wird wahrscheinlich ganz falsch eingeschätzt. In einer anderen Zeit hätte dieser Sender Mutter Teresa begleitet oder eben Franzens Minderbrüder - und sollte Jesus unglaublicherweise so gewesen sein, wie es die Bibel schreibt, dann wäre auch er Thema bei Punkt 12 gewesen. RTL erleichtert die Arbeit der Kanonisierer, der Heiligsprechungsbeamten. Früher musste man Berichte einholen, Briefe von Leuten lesen, die einen Wink gaben, dass es irgendwo in einem weit entfernten Winkel der Welt jemanden gab, der etwas ganz Außergewöhnliches, manchmal etwas außergewöhnlich Gutes tat. Dann wurde befragt, geprüft, genau studiert und irgendwann entschieden. Man könnte das Kanonisierungsverfahren effektiv abkürzen, denn alles Gute in der Welt, mindestens aber in Deutschland, es geschieht bei RTL; alle guten Menschen sind dort in Lohn und Brot, machen dort Sendungen. Rach ist ein moderner Franz, Int-Veen eine abgerundete Mutter Teresa, die Moderatorencrew sammelt tetzelmäßig Spenden und fühlt mit der Armut mit. Ein Tastendruck und die Parade, der Himmel der Heiligen ist zu beobachten. Denn eines ist doch klar, wenn wir den Rachs und Konsorten zusehen und zuhören: Sie täten ihr gutes Werk auch, wenn keine Kamera dabei ist, jedenfalls suggerieren sie das - und dieser Umstand heiligt sie.
Wer schließt denn aus, dass einem Franz damals nicht nur Spott, sondern auch Kritik entgegenschlug? Kritik, die ihn der Heuchelei bezichtigte? Wer heute noch als Platzhirsch aus dem TV verunglimpft wird, der kann morgen deswegen dennoch geheiligt werden. Man hat den Eindruck, dass niemals zuvor Menschen so viel Gutes getan haben, wie die heilige Einfalt heute auf RTL. Wir leben im Zeitalter der Heiligen - wer sagt uns denn, dass man das in einigen Jahrzehnten nicht genau so sieht? Und dann ist Rach ein heiliger Koch, San Restaurantkritiker - jemand, von dem man denkt, er könne nie und nimmer Kritik geerntet haben, weil sein Wirken so eindeutig war...


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