Roggenmehl als Shampoo – ein Essay im Konjunktiv

Roggenmehl als Shampoo – ein Essay im Konjunktiv

Roggenmehl als Shampoo – wie funktioniert’s?

Vorwort: Dieser Text ist ein rein subjektives Gedankenexperiment und beruht nicht auf evidenzbasierten Studien und Experimenten zu diesem Thema. Er ist deshalb nicht als Quelle geeignet. Der Text beschäftigt sich allein mit der möglichen Wirkweise und bewertet die Methode in keiner Weise.

Roggenmehl als Shampoo klingt zunächst einmal ungewöhnlich, scheint aber immer mehr Anhänger zu finden. Bei meiner Recherche im Internet fand ich allerlei Anwendungshinweise, jedoch keine Erläuterung zur Wirkweise. Hervorgebracht hatte diesen Trend die NoPoo-Bewegung, die 2014 in den USA entstand. Bei dieser Art der Haarpflege wird gänzlich auf konventionelle Shampoos verzichtet, stattdessen werden ausschließlich natürliche Substanzen oder reines Wasser zur Kopfhaut- und Haarreinigung verwendet. Eine wissenschaftliche Bewertung dieser Art von Haarpflege fehlt bisher.

Die Herstellung des Shampoos aus Roggenmehl ist denkbar einfach. Die Rezepte sprechen meist von ca. 4 Esslöffeln Mehl die mit etwa 300 ml Wasser vermischt werden. Dabei entsteht eine breiige, schleimige Masse welche auf Haar und Kopfhaut gegeben und danach ausgewaschen wird. Diese schleimige Konsistenz wird durch Pentosane verursacht, sogenannte Schleimstoffe, die viel Wasser binden können und nebenbei die Verkleisterung verhindern.

Die Prozedur der Haarwäsche soll vor allem Schmutz und überschüssige Fette von der Kopfhaut und dem Haar entfernen. Normalerweise sind Fett und Wasser nicht ohne weiteres mischbar, sie bilden keine Emulsion. Um die zwei Phasen dauerhaft miteinander zu verbinden, werden Emulgatoren genutzt. Diese helfen die Verteilung der sich eigentlich abstoßenden Teilchen aufrecht zu erhalten und so die Mischung zu stabilisieren. Seifen und synthetische Tenside erledigen diese Aufgabe in den konventionellen Shampoos.

Was macht Roggenmehl zu Shampoo?

Um herauszufinden, ob Roggenmehl waschaktive Substanzen enthält, müssen wir uns zunächst seine Zusammensetzung ansehen. Roggenmehl besteht aus sehr vielen verschiedenen Komponenten, allen voran aber aus Stärke – einem Biopolymer. Stärke ist nicht wasserlöslich. Die Stärketeilchen verteilen sich nur sehr fein im Wasser und es bildet sich eine Suspension. In einem Beitrag wurde die reinigende Wirkung des Roggenmehls auf die Stärke zurückgeführt, die als Emulgator dient. Ich denke, hier ist jedoch vor allem modifizierte Stärke gemeint, die so in Roggen nicht vorkommt. Modifizierte Stärke ähnelt im Aussehen und Verhalten der natürlichen Stärke, aber wird chemisch oder physikalisch behandelt. Dies führt dazu, dass aus der Ausgangsstärke neue Stoffe entstehen, die andere Eigenschaften aufweisen als der Ausgangsstoff – in einem Fall eben die Eigenschaft als Emulgator.

Diese Eigenschaft besitzt natürliche Stärke nur bedingt, sie kann aber eine Öl-Wasser-Mischung stabilisieren, sodass die Phasen sich nicht sofort wieder trennen. Hierbei wirken die fein verteilten Stärketeilchen als eine Art Gerüst, sodass die Wasser- bzw. Ölteilchen nicht mehr zu ihresgleichen zurückgelangen. Die Stärke wirkt dann zwar als Emulgator, eine Reinigungswirkung wie bei konventionellen Tensiden kann jedoch nicht erwartet werden. Einzig der rein physikalische Peelingeffekt der Stärkekörnchen könnte, ähnlich wie Scheuermilch, den Schmutz vom Haar lösen.

Roggenmehl enthält neben Stärke aber auch noch andere Stoffe, die eine reinigende Wirkung als Shampoo erklären könnten.

Neben den zu vernachlässigbaren Zuckern, Ballaststoffen und Mineralstoffen enthält Roggenmehl unter anderem verschiedene Enzyme. Wichtig für unsere Gedankenexperiment ist aber in diesem Fall die Lipase. Dieses Enzym spaltet Fette wie z.B. Triglyceride, die auch im Talg der Haut vorkommen, auf. Deshalb wird es auch vielen Waschmitteln zugesetzt.

Ein weiterer Inhaltsstoff sind auch Phospholipide, also Lipide die sich sehr gut in Wasser lösen und dort Mizellen bilden. Mizellen sind Molekülkomplexe, die ihr euch ähnlich wie die Stärkeklümpchen vorstellen könnte. Ein Teil der Mizellen zieht Öl an, der andere das Wasser, sodass sich die Emulsion nicht wieder auflöst. Es gibt verschiedene Phospholipide, die bekanntesten sind aber Lecithine. Diese Stoffgruppe kommt natürlich in den meisten tierischen und pflanzlichen Lebewesen vor und gehört zu den mildesten Tensiden, die es gibt. Da sie rückfettend sind, werden sie auch häufig in konventioneller Haaarpflege verendet. Der hohe Anteil an Lecithin ist übrigens der Grund, warum die Haarwäsche mit Eidotter gut funktioniert. Nachteilig ist nur der Eigengeruch dieses Stoffs und dass bei Verwendung von Phospholipiden ein bestimmter, meist saurer pH-Wert vorliegen muss.

Der pH-Wert von Roggenmehl liegt laut meiner Recherche irgendwo zwischen 5-6, kommt also dem natürlichen Säureschutzmantel der Haut entgegen und sollte somit auch für die waschaktiven Substanzen zuträglich sein. Allerdings ist der Anteil dieser Substanzen im Roggenmehl sehr gering, sodass eine Wirkung nicht beurteilt werden kann.

Fazit

Für mich gibt es folgende Möglichkeiten, wie Roggenmehl als Shampoo wirkt:

  1. Physikalischer Peelingeffekt
  2. Reinigung durch natürliche Emulgatoren
  3. Placeboeffekt

Eine Kombination dieser Möglichkeiten ist natürlich möglich. Fest steht, dass Roggenmehl Bestandteile enthält, die eine Reinigung von Haar und Kopfhaut möglich machen können. Ob und wie diese Stoffe aber wirken, ist reine Hypothese. Auch die Schwankungen der Zusammensetzung des Mehls durch Umweltfaktoren müsste in die Bewertung mit einfließen. Ob Roggenmehl eine Alternative zu Shampoos ist, möchte ich jedem selbst überlassen.

Hättet ihr gedacht, dass Roggenmehl rein theoretisch ein Shampooersatz sein könnte? Dieses Gedankenexperiment befasst sich natürlich nicht ausgiebig mit sämtlichen Inhaltsstoffen, wenn ihr noch Ergänzungen oder Fragen habt, bitte teilt mir alles bei Instagram unter Shenjas Post mit. Ich würde mich über eine rege Diskussion freuen.

Gastautorin Fräulein Momo // InstagramRoggenmehl als Shampoo – ein Essay im Konjunktiv

Fräulein Momo hat Chemie studiert und macht jetzt Postdoc irgendwas mit Quasiteilchen. Die Faszination für Haut spiegelt sich nicht nur in ihrer Liebe für nackte Katzen, sondern auch in der Leidenschaft für Kosmetik und Hautgesundheit wieder.

Mehr von Fräulein Momo

Quellen:

Mun-Yong Kim: Messung und Beeinflussung von Teigen aus Roggenmehl, 2007

Reinhard Matissek, Werner Baltes: Lebensmittelchemie. Springer Spektrum, 2015

Gerhard Eisenbrand: RÖMPP Lexikon Lebensmittelchemie. 2. Auflage, 2006. Georg Thieme Verlag, 2014

Reinhard Mattisek, Gabriele Steiner, Markus Fischer: Lebensmittelanalytik. 4. Auflage. Springer, Berlin 2010

Prof. Dr. Waldemar Ternes, Alfred Täufel: Lebensmittel-Lexikon. Behr’s Verlag, 2005

Hans Brockerhoff, Robert G. Jensen: Lipolytic enzymes. Academic Press, New York 1974

Gerhart Jander, Ewald Blasius: Lehrbuch der analytischen und präparativen anorganischen Chemie. Mit Ausnahme der quantitativen Analyse. 12. Auflage. 1983

Gerhard Lagaly, Oliver Schulz, Ralf Zimehl: Dispersionen und Emulsionen – Eine Einführung in die Kolloidik feinverteilter Stoffe einschließlich der Tonminerale. Steinkopf-Verlag, Darmstadt


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