[Robert E. Howard & Conan der Barbar] Kapitel 1 – Pulp Magazine: Ein Land im Rausch der Kurzgeschichte

[Robert E. Howard & Conan der Barbar] Kapitel 1 – Pulp Magazine: Ein Land im Rausch der Kurzgeschichte

Robert E. Howard lebte von 1906 bis 1936. Er wurde nur 30 Jahre alt. Seit seinem neunten Lebensjahr träumte er davon, Schriftsteller zu werden und produzierte bis zu seinem Tod eine schier unglaubliche Fülle von Texten. Hunderte von Kurzgeschichten, Novellen, Essays, Gedichten, Briefen, sowie einige wenige Romane stellen sein Vermächtnis dar. Obwohl seine Popularität erst in den Jahrzehnten nach seinem Tod ihren Höhepunkt erreichte, war er bereits zu Lebzeiten erfolgreich. Es gelang ihm, sich aus seinem kleinen Heimatstädtchen Cross Plains in Texas heraus einen Namen zu machen und generierte ein Einkommen, das es ihm erlaubte, von der Schriftstellerei zu leben.

Dass er vom Schreiben leben konnte, war eine direkte Folge des Mediums, für das er schrieb. Howard fand seine literarische Heimat in den Pulp Magazinen seiner Zeit. Pulp Magazine waren eine literarische Gattung, die sich ausschließlich in den USA wirklich durchsetzen konnte und seit etwa Mitte der 1950er Jahre so gut wie ausgestorben ist. Da Pulps für Howards Karriere entscheidend waren und ihre speziellen Anforderungen seine literarische Entwicklung, seinen Stil und die Konzeption seiner Geschichten maßgeblich prägten, ist es unerlässlich, sich mit ihnen zu beschäftigen, will man verstehen, warum Howard bis heute als einer der größten US-amerikanischen Autor_innen seiner Epoche gilt. Deshalb werde ich einen Überblick über dieses einzigartige, längst vergangene Medium bieten.

Pulp Magazine waren einerseits die Nachkommen der Dime Novels des späten 19. Jahrhunderts. Diese Heftromane, die im Deutschen aufgrund ihres Preises von 20 Pfennig auch gern als Groschenromane betitelt werden, erzählten einzelne, abgeschlossene Geschichten einer wiederkehrenden Figur. Die Urahnen heutiger Buchreihen. Andererseits entsprangen sie dem wachsenden Wunsch der US-amerikanischen Bevölkerung nach kurzweiliger Unterhaltungsliteratur. Damals enthielten Zeitungen und Zeitschriften bereits einen Unterhaltungsteil für Fiktion; die Nachfrage nach kurzen, aufregenden Geschichten stieg jedoch so rasant an, dass daraus erst Sonderbeilagen wurden und später unabhängige Hochglanzmagazine, die dank ihres hochwertigen, glatten Papiers umgangssprachlich „Slicks" genannt wurden und mehrere Kurzgeschichten verschiedener Schriftsteller_innen anboten.

1882 gründete Frank Munsey in New York City ein Slick-Magazin namens The Golden Argosy, das sich an Kinder und Jugendliche richtete. Nur fünf Monate nach dem Erscheinen der ersten Ausgabe ging Munsey bankrott. Sein Konzept ging nicht auf, weil seine junge Zielgruppe seinem Magazin zu schnell entwuchs und er sich dadurch nicht auf stabile Abonnements verlassen konnte. Munsey gelang es jedoch, die Kontrolle über das Magazin zu behalten und begann, dessen Ausrichtung langsam und stetig zu verschieben. Er änderte den Namen in The Argosy und konzentrierte sich nun auf Abenteuergeschichten für Erwachsene. Er entschied, die Produktionskosten gewaltig zu drücken. Er nutzte ein billiges Druckverfahren, zahlte Autor_innen minimale Löhne und verwendete minderwertiges, gelbstichiges Papier aus Holzabfällen. 1896 erschien die erste Ausgabe von The Argosy mit ausschließlich fiktivem Inhalt - das Pulp Magazin war geboren.

Der Begriff „Pulp" wird heute häufig mit Schundliteratur gleichgesetzt. Das ist nicht korrekt. Wie der Herausgeber Martin Compart eindrucksvoll erläutert, bezieht sich dieser Terminus überhaupt nicht auf qualitativ-inhaltliche Aspekte, sondern ausschließlich auf die physische Form des Magazins. „Pulp" leitet sich von dem englischen Wort für Holzschliff ab, „wood pulp", aus dem das Papier hergestellt wurde. Das typische Pulp Magazin hatte Maße von 17,5 x 25cm, umfasste zwischen 100 und 200 unbeschnittene, raue Seiten und enthielt zwischen 10 und 15 kürzere und längere Geschichten, die zweispaltig gedruckt wurden. Anfangs gab es weder Cover- noch Innenillustrationen, weil nichts vom Inhalt ablenken sollte (ein Gegenentwurf zu den umfangreich bebilderten Slicks). Erst ab 1905 etablierten sich die markanten, farbenfrohen, reißerischen Cover, die heute mit Pulps assoziiert werden. Innenillustrationen kamen in den 1910er Jahren hinzu. Einige Künstler_innen machten dank der Pulps Karriere, so zum Beispiel Margaret Brundage, die mit ihren Coverentwürfen, die unter anderem auch Robert E. Howards Barbaren Conan zeigten, die Leserschaft entzückte.

Die Annahme, „Pulp" hätte einen inhaltlichen Bezug, ist meiner Meinung nach auch deshalb fehlgeleitet, weil es keine festen inhaltlichen Richtlinien für Pulp Magazine gab. Es existierte nicht das Pulp Magazin, es existierten hunderte verschiedene Pulp Magazine gleichzeitig, die sehr unterschiedliche Standards und Genreausrichtungen erfüllten. Viele Verlage und Verleger wollten etwas von dem Kuchen, den Frank Munsey auf dem Tisch des Literaturmarktes platziert hatte, abhaben und produzierten mehrere Pulps parallel, die dann in schöner Harmonie nebeneinander in den Zeitschriftenläden auslagen. Zuerst waren es die sogenannten „All-Story"-Pulps, die dominierten und in jedem Heft eine bunte Genre-Mischung anboten. Soweit ich es verstanden habe, war der Anteil fantastischer und actionreicher Geschichten jedoch von Anfang an sehr hoch, sodass der Verlag Ridgway 1910 beschloss, sich nur noch auf genau diese Fiktion zu konzentrieren und das Magazin Adventure gründete. Adventure war eines der erfolgreichsten Pulp Magazine aller Zeiten und erschien bis zum Ende der Pulp-Ära in selten überbotenen 881 Ausgaben. Mit der Fokusverengung, die Adventure vornahm, war der Grundstein für die Genre-Pulps gelegt. Ab 1925 schossen sie wie Pilze aus dem Boden und wurden stetig spezieller.

Im Grunde gab es für jeden Geschmack, jede literarische Vorliebe und jede_n Leser_in das passende Pulp. Es ist beinahe lächerlich, wie nischig einige Vertreter waren. Es fanden sich Pulps, die ausschließlich Boxer-Geschichten enthielten (eines davon war Fight Storys, für das auch Robert E. Howard schrieb), Pulps, die sich ganz Luft- bzw. Fluggeschichten verschrieben hatten (eine literarische Verarbeitung des Lindbergh-Flugs 1927) und Pulps, die großen Genres wie Western oder Krimi einen anrüchigen, leicht erotischen Anstrich verpassten und sich zum Beispiel Spicy Detective Stories nannten. Berühmt wurden allerdings eher Produktionen, die eine etwas größere Bandbreite anboten. Unvergessen bleiben Argosy, Amazing Stories (das übrigens von Hugo Gernsback verlegt wurde - Namensgeber des prestigeträchtigen Hugo-Awards), Astounding Stories und natürlich Weird Tales, an das Robert E. Howard seine erste Geschichte verkaufte und das die Wiege seines Barbaren Conan wurde.

Die Magazine waren eine Spielwiese für vorwiegend junge Autor_innen, die dort ungehindert experimentieren konnten. Die meisten Verleger waren gern bereit, abgedrehte, unkonventionelle und explizite Geschichten zu veröffentlichen. Literarischer Anspruch war nicht erwünscht. Das heißt nicht, dass nicht auf die Qualität geachtet wurde (Farnsworth Wright, Herausgeber von Weird Tales ab 1924, sandte Robert E. Howard einige seiner Manuskripte mit Änderungswünschen zurück), aber die oberste Priorität bestand immer darin, das Publikum zu unterhalten, nicht, es zu belehren. Übermäßiger Tiefgang passte weder zum Konzept noch zur Zielgruppe, die sich hauptsächlich aus der Arbeiterklasse zusammensetzte. Aufgrund dieser Freiheiten waren die Pulp Magazine sowohl ein Sprungbrett für Schriftsteller_innen als auch eine Art Kinderstube für Fantasy und Science-Fiction. Ohne sie hätten sich die beiden Genres vermutlich nicht zu dem entwickelt, was sie jetzt sind und viele Autor_innen, die sich heute im globalen literarischen Kanon wiederfinden, wären vielleicht unbekannt geblieben, darunter H.P. Lovecraft, Jack London, Ray Bradbury, Isaac Asimov, Frank Herbert, Philip K. Dick, Upton Sinclair, Nobelpreisträger Sinclair Lewis und nicht zuletzt Robert E. Howard. Der Vorwurf, Pulp Magazine hätten ausschließlich Schund veröffentlicht, ist demzufolge schlicht und ergreifend falsch.

Die Hochphase der Pulp Magazine begann nach dem großen Börsencrash in den USA 1929. Während die Wirtschaft des Landes in die Knie ging, erreichten die Verlage, die Pulps veröffentlichten, neue Auflagen- und Umsatzspitzen. Eine Erklärung ist leicht gefunden: die Menschen sehnten sich danach, ihrem deprimierenden Alltag zu entkommen und wie ginge das besser als mit unterhaltsamer, tempo- und actionreicher Literatur zum kleinen Preis? Pulp Magazine kosteten im Schnitt zwischen 10 und 20 Cents, das konnten sich sogar die meisten derjenigen leisten, die der Zusammenbruch der Börse und die Große Depression am härtesten traf. Die Auflagenzahlen kletterten auf bis zu über eine Million pro Ausgabe. Obwohl Pulps niemals große Profitmaschinen waren und sich auf einen geringen Anteil (recht skurriler) Werbeanzeigen beschränkten, um weiterhin den Inhalt in den Vordergrund zu stellen, verzeichneten sie solide Umsätze, die dazu führten, dass der Markt in den 1930er Jahren schier überschwemmt wurde mit neuen Varianten. Die Leute kauften Pulps wie im Rausch, denn Alternativen gab es noch nicht. Comics und Taschenbücher steckten in ihren Anfängen und das Fernsehen war kaum mehr als eine spannende Idee.

Die Wende kam mit dem Kriegseintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg 1941. Die Papierrestriktionen setzten der Branche schwer zu, denn die steigenden Produktionskosten schadeten dem Konzept der Pulps. Die Umsätze sackten ein und Stück für Stück verschwanden mehr und mehr Magazine vom Markt. Ab 1939 setzte sich außerdem das günstige Taschenbuch als Medium durch, worunter die Kurzgeschichte als Gattung zunehmend litt. Längere Geschichten kamen in Mode. Parallel begann der Comic seinen Siegesfeldzug. Die Zeichen standen schlecht für die Pulp-Industrie und 1949 verschwanden mit einem Schlag alle Magazine des Verlagsriesen Street & Smith, der diese verkaufte, um sich zu den Slicks zu retten, die länger durchhielten. 1955 gab es nur noch vereinzelte Pulps. Das Fernsehen zog in Privathaushalte ein und erübrigte es den Menschen, zu ihrer Unterhaltung zu lesen. 1960 war die Pulp-Branche mausetot.
Die Slicks konnten sich länger behaupten, obwohl auch sie in den 60er Jahren im Sterben lagen. Einige Magazine überlebten jedoch, indem sie ihre Ausrichtung dem Zeitgeist anpassten und nichtfiktionale Inhalte überwiegen ließen. Zwei sehr berühmte Beispiele, die aus Slicks hervorgingen und durch ihre Flexibilität bis heute überstehen konnten, sind die Cosmopolitan und der Playboy.

Nie wieder erreichte die Kurzgeschichte eine ähnliche Popularität wie zur Zeit der Pulp Magazine. Nie wieder ist es gelungen, Anthologien in Magazinform dermaßen erfolgreich in der literarischen Landschaft zu verankern. Es gab in den vergangenen Jahren hin und wieder Versuche, berühmte Magazine wiederzubeleben, darunter Argosy und Weird Tales, aber alle Bemühungen blieben auf ein Nischendasein beschränkt. Die globale Digitalisierung ist allerdings ein Segen für das Andenken der Pulps. Ihretwegen ist es möglich, alte Ausgaben aufzuspüren, aufzukaufen, zu scannen und der breiten Masse online zur Verfügung zu stellen. Hierbei ist besonders „The Pulp Magazine Project" zu erwähnen, das nicht nur umfangreiche Hintergrundinformationen anbietet, sondern auch Covergalerien und ganze Ausgaben in verschiedenen Formaten zur Ansicht bereitstellt. Eine ähnliche Quelle ist das Internet Archive, das ebenfalls eine ansehnliche Kollektion von Pulp Magazinen vorweisen kann. Ich fand es während meiner Recherchen äußerst hilfreich, tatsächlich in die digitalen Abbilder der originalen Ausgaben hineinblättern zu können, um eine Vorstellung davon zu erhalten, wie echte Pulps aussahen, aufgebaut und illustriert waren und worin ihr Reiz lag. Erst durch das Stöbern in den Magazinen wurde das Thema für mich wirklich real und mich erfasste ein Schauer der Ehrfurcht, als ich die Conan-Cover von Weird Tales vor mir sah. Ich bin dankbar für diese Projekte, die dazu beitragen, die Erinnerung an eine ausgestorbene, einmalige literarische Gattung zu bewahren.

Robert E. Howard erlebte den Niedergang der Pulp Magazine nicht mehr. Er starb 1936, lange bevor der Markt zusammenbrach. Es ist schwer, sich vorzustellen, was aus ihm ohne die Pulps geworden wäre. Hätte er den Sprung zum Romanautoren geschafft? Wäre er wie so viele seiner Kolleg_innen in der Versenkung verschwunden und vergessen worden, unfähig, sich anzupassen? Man kann lediglich spekulieren. Fakt ist, zu seinen Lebzeiten war Howard der König der Kurzgeschichte. Es war diese Gattung, in der er brillierte und sein Talent zur Entfaltung brachte. Seine Geschichten waren intensiv, rasant, plastisch, eindringlich und tabulos. Leider lagen in Howards Seele Genie und Wahnsinn stets eng beieinander. Seine Persönlichkeit, seine Erfahrungen und Traumata überschatteten seinen Erfolg, waren jedoch auch der Grund für selbigen. Nächste Woche werden wir uns mit Robert E. Howards Biografie beschäftigen und offenlegen, welche Erlebnisse ihn prägten, wie sie sich in seinen Texten widerspiegelten und unter welchen Umständen Conan das Licht der Welt erblickte. Schaut vorbei und findet heraus, wer er war, der Vater des berüchtigtsten Barbaren aller Zeiten!

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