Rezension | „The Distance from me to you“ von Marina Gessner

Von Nightingale @nightingale78

Autorin: Marina Gessner / Umfang: 336 Seiten / Format: Paperback / Verlag: Bloomoon / erhältlich bei: Bücher.de

Der Plot…

Kendra kann sich glücklich schätzen. Sie hat gerade die Highschool abgeschlossen und ab Herbst wartet ein Platz in einem namhaften College auf sie. Doch zum Leidwesen ihrer Eltern verfolgt die Siebzehnjährige ein völlig anderes Ziel: Gemeinsam mit ihrer besten Freundin will sie in den nächsten Monaten den Appalachian Trail erwandern, und der führt 3.500 km von Maine bis nach Georgia. Als ihre Freundin im letzten Moment einen Rückzieher macht, beschließt Kendra, das gefährliche Abenteuer alleine durchzuziehen.
Unterwegs trifft sie Sam, der vor seinem gewalttätigen Vater geflohen und nun auf dem Trail gestrandet ist. Er läuft den langen Weg scheinbar ziellos und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Zwischen Kendra und Sam entwickelt sich langsam eine Liebesgeschichte, die so abwechslungsreich ist, wie der Weg: Sie hat Höhen und Tiefen, wunderschöne Ausblicke und gefährliche Abgründe. Doch als Kendra und Sam die markierten Wege verlassen, begeben sich die beiden in eine Gefahr, bei der schnell nicht nur ihre Liebe, sondern auch ihr Leben auf dem Spiel steht…

Mein Resumé…

Vor ein paar Jahren machte die Amerikanerin Cheryl Strayed von sich reden, als sie die Erfahrungen ihrer lebensverändernden Wanderung durch den Pacific Crest Trail, im Buch „Der große Trip“ (Goldmann Verlag) verarbeitete. Nicht weniger erfolgreich porträtierte Reese Witherspoon die damals junge Cheryl in der Buchverfilmung.
Aber was hat das mit dieser Besprechung zum fiktiven Jugendbuch THE DISTANCE FROM ME TO YOU von Marina Gessner zutun? Menschen, die kurz- oder auch längerfristig zu Aussteigern werden, bewundere ich für ihre Willenstärke und ihren Mut. Als ich den Klappentext zum Buch las, wurde ich also zwangsläufig neugierig.

Im Mittelpunkt dieser Gegenwartsgeschichte steht die knapp 18-jährige Kendra. So beginnt auch sie aus der dritten Person ihren Alltag zu schildern. Angefixt von ihrem Vater, weil dieser während seiner Jugend den Pacific Northwest Trail gewandert ist, steht für sie schon lange fest, dass sie den Appalachian Trail entlang wandern möchte. Es ist eine Strecke von sagenhaften 3.500 Kilometern. Auch als ihre beste Freundin Courtney für ihren Freund kurz vor Reisebeginn abspringt, lässt sich Kendra nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Sie belügt ihre Familie, lässt diese im Glauben, dass sie nach wie vor mit Courtney loszieht.
Auf der einen Seite, fand ich diesen Entschluss bewundernswert. Auf der anderen Seite aber auch absolut wahnsinnig und ziemlich blauäugig. In diesem Alter so eine Monsterwanderung alleine durchzuziehen, (fast) ohne Kontakt zur Familie? Wäre bei mir undenkbar gewesen. Es ist schließlich schon etwas anderes, auf eine Uni zu gehen/Ausbildung in einer anderen Stadt zu machen, als wie ALLEIN in die große Wildnis zu ziehen. Kendras Eltern sind viel zu sehr mit sich beschäftigt, um das in Frage zu stellen.
Meine anfängliche Skepsis dem Mädchen gegenüber, löste sich bald auf. Trotz einiger Rückschläge auf ihrem Weg, rappelte sie sich auf und biss sich durch. Mir gefiel Kendras Esprit und das sie sich nicht beirren lässt. Zumindest nicht, bis Sam kommt…

Einen Perspektivenwechsel, ebenfalls aus der dritten Person, gibt es schon kurz nachdem Kendra allein ihren Startpunkt des Appalachian Trail in Maine betritt. Man trifft auf Sam, der diesen Trail gerade erst hinter sich gebracht hat. Im Gegensatz zu Kendra war seine Wanderung jedoch nicht akribisch geplant, sondern eher ziellos. In der Hoffnung bei seinem älteren Bruder Unterschlupf zu finden, nachdem er vor seinem gewalttätigen Vater geflohen ist, stapfte Sam einfach drauf los. Er ist ein junger Mann, der schon seit Jahren auf sich allein gestellt ist. Nachdem er bei seinem Bruder nicht auf Hilfe hoffen kann, tritt er verzweifelt und ziellos den Rückweg an. Auf diesem Weg begegnet er während einiger Stops immer wieder Kendra. Zwischen den beiden entwickelt sich langsam eine romantische Beziehung. Sie verleben traumhafte Wochen und laufen den langen Weg Richtung Virginia gemeinsam. Doch während für Kendra das Ziel näher rückt, ist für Sam die Zukunft ungewiss. Dieses Wissen lässt ihn leichtsinnig werden. So begibt er sich und seine Freundin in höchste Gefahr.

Die Geschichte ist überwiegend Handlungsgetrieben. Vor allem im ersten Drittel. Obgleich die Message in der Selbstfindung liegt, gibt es bei Kendra keine übermäßge charakteristische Entwicklung. Sie hat ohnehin schon eine sehr starke Persönlichkeit. Der Fokus ist auf die Erlebnisse gerichtet und was man aus Begegnungen, sowie der blossen Natur für sich mitnimmt. Kendras Schilderungen ihrer Umgebung sind keinesfalls langweilig, eher interessant. Nichtsdestotrotz kommt mit Sam ein willkommend anderer Rythmus.  Die Befürchtung, dass es „zu“ romantisch werden könnte, stellte sich nicht ein.

In den letzten Kapiteln wird es zerreißend spannend und man grübelt, ob sie es lebend aus der Wildnis schaffen. Überrumpelt und positiv überrascht hat mich auch das Ende. Wird die zielstrebige durchgeplante Kendra mit dem orientierungslosen Sam einen Weg für die Liebe finden?

Tacheles…

THE DISTANCE FROM ME TO YOU ist eine Geschichte über Selbstfindung, Zielstrebigkeit und das Loslassen. Die Autorin erinnert daran, wie wichtig es ist, mit Leidenschaft unseren eigenen Weg zu gehen. Man bekommt unweigerlich große Lust, sich mit dem Outdoor-Thema intensiver zu beschäftigen. Marina Gessner beschreibt Kendras abenteuerlichen, gefährlichen Weg eindrucksvoll. Die kleine Romanze kommt ohne jeglichen Kitsch aus. Gessner ermutigt sowohl junge als auch ältere Leser dazu, mehr im Hier zu sein und sich nicht von ständiger Angst leiten zu lassen. Be wild, be free!

Weitere Rezension

Damaris liest.

Für die Bereitsstellung des digitalen Leseexemplars bedanke ich mich bei NetGalley