|Rezension| "Seelenkuss" von Lynn Raven

Von Paperdreams @xGoldmarie



Vergiss ihn!
Die Korunprinzessin Darejan erkennt ihre große Schwester nicht mehr wieder. Die sonst so mitfühlende Königin Seloran scheint eiskalt und herrscht mit ungewohnter Grausamkeit. Auch der rätselhafte Gefangene in den Kerkern wird nächtelang brutal gefoltert, weil er angeblich ein Spion aus den Nordreichen ist, mit denen ein Krieg kurz bevor steht. Als Darejan die schlimme Wahrheit jedoch erkennt, ist es schon zu spät: Ein düsterer Magier hat von ihrer Schwester Besitz ergriffen und will das Königreich unterwerfen, um Rache zu üben. Darejan ist plötzlich selbst auf der Flucht - gemeinsam mit dem mysteriösen Gefangenen aus den Kerkern, der weder seinen Namen weiß, noch bei klarem Verstand ist. Doch wenigstens eines weiß Darejan genau: der Fremde gehört dem Geheimorden der DúnAnór an und er ist der Einzige, der ihrer Schwester helfen kann...
Man könnte Lynn Ravens Schreibstil sicherlich als poetisch, detailliert und tiefgehend beschreiben, wenn er nicht SO poetisch, detailliert und tiefgehend wäre, denn irgendwie ist an diesem Buch so gut wie alles zu viel. Zu viel fremde Worte, zu viel Wiederholungen, zu viel Beschreibungen - tatsächlich sogar zu viel gewollte Atmosphäre. Mir war das Ganze zeitweise sogar derart verworren, dass ich mir kein richtiges Urteil über den Schreibstil erlauben kann, der zwar durchaus relativ gut lesbar war, letztendlich das Buch aber nicht mehr retten konnte. Ich weiß nicht, wie Raven sonst schreibt, aber mit "Seelenkuss" konnte sie mich von ihrem Talent leider wenig überzeugen.
  DúnAnór, AritAnór, BôrNadár und CordánDún - das sind nur einige der Begriffe, die einem in "Seelenkuss" über den Weg laufen und obwohl sie geheimnisvoll, abendländisch und schön klingen, hat noch kein schönes Wort ein Buch gut gemacht. "Seelenkuss" ist nämlich eines dieser Bücher, die in ihren Details und Einzelheiten zu faszinieren und überzeugen wissen, im Gesamtbild und im Lesefluss aber deplatziert und verwirrend wirken. Warum? Weil "Seelenkuss" den Leser überrollt. Womit? Mit sich selbst. Mit seinen Begriffen, Worten, Personen, Welten und Dingen, die irgendwie alle sehr ähnlich klingen und wenig erklärt werden. Die Liste all dieser Worte, die man übrigens hier findet, ist da zwar hilfreich, aber ehrlich gesagt finde ich es eher hinderlich (gerade was den Lesefluss angeht) alle fünf Seiten ein Wort nachzuschlagen und glaubt mir: das muss man. Denn wenn auf einer Seite drei unterschiedliche Begriffe vorkommen, die ähnlich klingen, aber etwas anderes bedeuten, kann das für die Geschichte nur eines bedeuten: Verwirrung. Und Verwirrung ist etwas, um das man in "Seelenkuss" nicht herumkommt.
Dabei ist die Hintergrundidee doch eigentlich vielversprechend und voller Potenzial und im Nachhinein (und wenn man spoilern darf) schnell erklärt, doch Lynn Raven baut sich ein solch großes Labyrinth, eine derart große und unbekannte Welt, die sich selbst einfach nicht standhalten kann. Sie HÄTTE atmosphärisch sein können, wenn all die Besonderheiten dieser Welt tatsächlich beschrieben und erklärt worden wären - was macht die eine Baumart so besonders? Was unterscheidet sie von unserer Welt? Worin unterscheiden sich die Völker? Wie ist das Land eingeteilt? Einiges davon hätte man mit einer Karte sicherlich schon einmal deutlicher machen können, denn die fehlt hier gänzlich, obwohl sie mir besonders sinnvoll erschienen wäre. Anderes, wie beispielsweise die Baum- und Tierarten, die mich unglaublich interessiert hätten, hätte man einfach näher beschreiben müssen. Hierfür hätte man ein paar unnütze Handlungsstränge weglassen können, deren Ausbleiben die Spannung eventuell sogar hätten steigern können. Ihr seit: ein großes "Hätte", denn leider erfüllt "Seelenkuss" wenige dieser Anforderungen. Es bleibt ein unglaubwürdiger und blasser Weltentwurf, der wenig von sich zu überzeugen weiß.

Ähnlich geht es mir mit den Figuren, die zwar alle irgendwie besonders sind, aber keine Chemie haben und auch sonst sehr blass wirken. Allen voran Darejan, die zwar nicht auf den Mund gefallen ist, auf mich aber relativ einfältig und naiv wirkte. Was aber tatsächlich negativ auffiel, war ihre Beschreibung. Dem Leser wird vor die Füße geknallt, dass sie Armflossen und Kiemennarben hat. Schwarze Haare und Perlmutthaut. Das war's. Ein wenig mehr Hintergrund und Geschichte hätte dem Buch hier wirklich gut getan und womöglich auch meine Bindung zu den Figuren gefestigt. Einzig gut gelungen war hier der "Gefangene" (ich nenne ihn mal so, weil man im Buch erst gegen Ende erfährt, wie er wirklich heißt). Seine Verwirrung und Gebrochenheit wurde sehr gut transportiert und mich hat durchweg interessiert, was mit ihm geschehen ist - und was noch geschehen wird. Er war ein interessanter Charakter mit vielen Details und Facetten und gerade seine Vergangenheit, die kurz (aber immerhin) aufgegriffen wird, hat mich sehr gebannt. Die Beziehung zwischen ihm und Darejan, die sich bis zum Ende hin eher als Hass (ohne Liebe) bezeichnen lässt, hat mir gerade rückblickend gut gefallen, kam aber leider etwas zu kurz.
Dieses Buch hätte episch werden können, ist aber leider nur ein Schatten dessen, was es sein sollte. Es liest sich durchweg verworren, überfordert mit zu vielen Namen und Begriffen und erzählt eine im Grunde so simple Geschichte, die unnötig in die Länge gezogen und überzogen beschrieben wurde, dass es mich beinahe wundert, wie komplex sie schlussendlich wirkt. Und "wirkt" ist hier das Schlüsselwort, denn so komplex ist sie wirklich nicht. Dieses Buch hätte enorm atmosphärisch werden können, aber Raven verschenkt das riesen Potenzial, das es gegeben hätte und lässt den Leser enttäuscht und irgendwie leer zurück. Obwohl ich hier doch anmerken muss, dass die Geschichte rückblickend mehr wirkt. Während des Lesens habe ich mich oft gefragt, wann es denn endlich losgeht und mich dabei ertappt, wie meine Augen immer wieder zu der Seitenzahl gewandert sind, am Ende hatte ich dann das nüchternde Gefühl, gerade etwas gelesen zu haben, was sehr viel hätte werden können, leider aber nicht in seinem ganzen Potenzial genutzt wurde. Sehr schade!
Was hätte dieses Buch genial werden können, aber "Seelenkuss" hat mich nur im Nachhinein einmal kurz gekriegt - zwischendurch habe ich die meiste Zeit gehofft, überhaupt zu verstehen, was vor sich geht und nicht durcheinander zu kommen und das obwohl die Geschichte im Grunde so simpel gewesen wäre. Viel Lärm um Nichts könnte man fast meinen und so bin ich von meinem ersten Lynn Raven Buch ziemlich enttäuscht. "Seelenkuss" ist ein großes "zu viel" und gleichzeitig ist es irgendwie auch zu wenig, sodass es seinen eigenen Erwartungen nicht standhalten kann und mehrmals in sich zusammenbricht, wie ein wackliges Kartenhaus, das eine Villa hätte werden können. Mehr Erklärungen + mehr Beschreibungen, was das Offensichtliche angeht = mehr Atmosphäre - aber diese Gleichung hält Lynn Raven leider nicht ein und so bleibt "Seelenkuss" ein blasses und unbefriedigendes Werk mit einem unausgearbeiteten Weltentwurf, der mich sehr enttäuscht zurückgelassen hat.

Lynn Raven (alias Alex Morrin) lebte in Neuengland, USA, ehe es sie trotz ihrer Liebe zur wildromantischen Felsenküste Maines nach Deutschland verschlug. Nachdem sie zwischenzeitlich in die USA zurückgekehrt war, springt sie derzeit nicht nur zwischen der High- und der Dark-Fantasy hin und her, sondern auch zwischen den Kontinenten, und ist unter den Namen Lynn Raven und Alex Morrin erfolgreich. [via cbt]
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