[Rezension] Maggie Stiefvater, Nach dem Sommer

Von Philialibri
Hardcover18,90 € (D)ISBN 978-3-8390-0108-0Script 5Nach dem Sommer auf amazon.de
Serieninformation Wolves of Mercy Falls:Nach dem Sommer (OT Shiver)Ruht das Licht (OT Linger)In deinen Augen (OT Forever)
Inhalt (lt. Rückentext):Jeden Winter wartet Grace darauf, dass die Wölfe in die Wälder von Mercy Falls zurückkehren - und mit ihnen der Wolf mit den goldenen Augen. Ihr Wolf.Ganz in der Nähe und doch unerreichbar für sie, lebt Sam ein zerrissenes Leben: In der Geborgenheit seines Wolfsrudels trotzt der Eis, Kälte und Schnee, bis die Wärme des Sommers ihn von seiner Wolfsgestalt befreit. In den wenigen kostbaren Monaten als Mensch beobachtet er Grace von fern, ohne sie jemals anzusprechen - bevor die Kälte ihn wieder in seine andere Gestalt zwingt.Doch in diesem Jahr ist alles anders: Sam weiß, dass es sein letzter Sommer als Mensch sein wird. Es ist September, als Grace den Jungen mit dem bernsteinfarbenen Blick erkennt und sich verliebt. Doch jeder Tag, der vergeht, bringt den Winter näher - und mit ihm den endgültigen Abschied.
Zum Buch:Als Kind wurde Grace von den Wölfen aus ihrem Wald gebissen. Rettung gab es für sie in Form eines Wolfes mit goldenen Augen. Jahre später beobachtet Grace ihren Wolf immer noch und jeden Sommer überkommt sie die Sehnsucht nach dem Winter - denn nur dann erscheint das Wolfsrudel.
Als ein Junge von den Wölfen umgebracht wird, ist Mercy Falls in Aufruhr - die Meute will die Wölfe tot sehen, doch das kann Grace nicht zulassen und so setzt sie alles daran, ihren Wolf zu retten, der eigentlich ein Junge namens Sam ist.
Seit er sie damals gerettet hat, behält Sam Grace im Auge und verliebt sich über die Jahre in sie. Eine Schusswunde bringt ihn in menschlicher Form zu Grace und gemeinsam verbringen sie den schönsten Herbst ihres Lebens. Doch im Winter muss Sam sich wieder in einen Wolf verwandeln und er ahnt, dass dies sein letztes Jahr als Mensch ist.
Rezeption:
Genauso war Sam: vergänglich. Ein Blatt - ein Stück Sommer, das sich so lange wie möglich an einem gefrorenen Zweig festklammerte.
"Du bist traurigschön", sagte ich schließlich, ohne ihn dabei anzusehen. "Wie deine Augen. Du bist wie ein Lied, das ich als Kind kannte und dann wieder vergessen habe, bis ich es auf einmal wieder hörte."
Eine Weile war es still, bis auf das Surren der Räder auf der Straße. "Danke", sagte Sam dann leise. (S. 228)

Eine Geschichte voller Schönheit, Poesie und Melancholie und so einzigartig wie innovativ. Maggie Stiefvater schafft eine Liebesgeschichte vom Kaliber Romeo und Julias, Tristan und Isoldes. Traurigschön und herzzerbrechend.
Die Charaktere sind liebevoll und realistisch gestaltet. Sam und Grace scheinen einfach aus dem Leben gegriffen zu sein.
Grace ist Pragmatikerin, die mit Poesie, Träumerei und Dergleichen nicht viel am Hut hat. Nur ihrer Träumerei über den Wolf mit den goldenen Augen hängt sie hinterher. Sie erkennt die Schönheit der Wölfe im Winter und kann nicht genug von ihrem Anblick bekommen - auf gewisse Weise fühlt sie sich ihnen verbunden.
Ihre Eltern sind das absolute Gegenteil: zerstreut und nie anwesend, überlassen sie es Grace, sich selbst zu erziehen. Gerade das sorgt dafür, dass Grace eine eigenständige Person ist und mit beiden Beinen fest im Leben steht.
Sam steht ganz für die Lyrik und die Kunst. Er agiert als ausgleichendes Element zu Grace oft fantasieloser Art. Alles an ihm scheint wie aus einem Märchen zu sein. Verstärkt wird dieser Eindruck durch Liedtexte, die er sich einfallen lässt, und die Art, wie Grace ihn beschreibt. Denn bei Sam kann auch sie recht poetisch werden.
Abwechslung sorgt der ständige Perspektivenwechseln zwischen Grace und Sam. So wird jeder Charakter hervorgehoben und durchleuchtet und der Leser bekommt die Möglichkeit, sich mit den beiden bekannt zu machen. Dabei kommt es zu keinen Wiederholungen, wie das manchmal bei Perspektivenwechseln der Fall ist. Jeder erzählt seinen Teil der Geschichte und belässt es dabei.
Die Handlung glänzt durch eine perfekte Mischung aus Spannung und nachdenklichen - geradezu melancholischen - Passagen. Dabei kann man mitfiebern und an Graces und Sams Beziehung teilhaben - und nicht selten verspürt man den Herzschmerz, der unvermeidlich zu sein scheint.
Die Sprache muss hier in jederleich Hinsicht erwähnt werden, denn egal in welcher Lage, stilsicher und wortgewandt findet Maggie Stiefvater die richtigen Worte um das Geschehen und beschreiben und zu akzentuieren. Ich könnte Unmengen an Beispielen auflisten, doch damit wäre wohl schon ein Großteil des Buches vorweggenommen. Man begnüge sich mit dem Zitat weiter oben.
Kopfkino ist beinahe vorprogrammiert.
Menschen, die sich in Wölfe verwandeln, ist wahrlich kein neues Konzept, doch in "Nach dem Sommer" fühlt man sich dennoch nicht von Altbekanntem und Klischess verfolgt. Maggie Stiefvaters Wölfe sind von der Temperatur abhängig. Je kälter es ist, desto eher verwandeln sie sich in Wölfe. Und je länger sie sich schon verwandeln, desto weniger kalt muss es sein. Und irgendwann werden sie gar nicht mehr zu Menschen.
Sehr gut hat mir auch das Konzept vergessen, dass das eigene Wesen nicht in der Form behalten wird, sobald die Verwandlung eingesetzt hat. Die (Wer)Wölfe werden zu Tieren - menschliche Konzepte erscheinen abstrakt und Schatten aus der Vergangenheit können einen in dieser Form nicht einholen. Sam geht so weit, zu sagen, dass er als Wolf nicht mehr Sam ist. Für ihn ist die Verwandlung der Verlust seiner Selbst.
"Nach dem Sommer" punktet auf der ganzen Linie. Ich würde es nicht nur Genre-Liebhabern empfehlen, sondern einfach jedem: Die wunderschöne Sprache und die herzzerreißende Geschichte um Grace und Sam wird wohl niemanden kalt (und in Wolfsgestalt?) lassen. Lesen und genießen, bitte!

Zur Autorin:
Maggie Stiefvater, geboren 1981, hatte glücklicherweise immer Schwierigkeiten, ihren Hang zu Tagträumereien und Selbstgesprächen mit ihren Jobs zu vereinbaren. Anstatt also als Kellnerin, Kalligraphielehrerin oder technische Redakteurin zu arbeiten, versuchte sie es mit der Kunst. Heute lebt sie als erfolgreiche Musikerin, Malerin und Autorin in Virginia, ist verheiratet, hütet zwei kleine Kinder sowie zwei neurotische Hunde und hofiert eine verrückte Katze. Nach dem Sommer ist der Auftakt einer mitreißenden Trilogie.
Danke für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars an