Rezension: "Der Anfang von Danach" von Jennifer Castle

Von Paperdreams @xGoldmarie


 
 

Jeder, der was echt Beschissenes erlebt hat,wird es bestätigen: Von dem Moment an scheidet sich alles in das Davor und das Danach.


Laurel Meisner ist sechzehn als sich ihr Leben für immer verändert: ihre Eltern und ihr kleiner Bruder kommen bei einem Autounfall ums Leben. Ab diesem Zeitpunkt teilt sich ihr Leben in das Davor und das Danach ein, denn ab diesem Zeitpunkt hat Laurel alles verloren, was ihr Leben ausmacht. Gemeinsam mit ihrer Großmutter lebt sie nun in dem Haus ihrer Eltern und versucht mit dem Verlust zurechtzukommen, indem sie versucht ihre Wut und ihre Trauer zu überwinden. Denn dann ist da noch David, der Nachbarsjunge, der ihr Schicksal teilt, denn auch seine Eltern saßen in dem Auto, doch sein Vater, derjenige, der für den Unfall verantwortlich zu sein scheint, hat es überlebt und liegt seitdem im Koma. Auch David versucht mit dem Schicksalsschlag zurechtzukommen und trifft dabei immer mehr an seine Grenzen, schließlich fühlen sich Laurel und David gleichermaßen schuldig und müssen in einer Welt zurechtkommen, in der sie doch eigentlich keinen Spaß mehr haben dürften...


Ein sensibles Thema verlangt nach einem sensiblen Schreibstil und genau dieses Kriterium weiß "Der Anfang von Danach" zu erfüllen. Das Buch ist ebenso leise geschrieben, wie sein Cover schlicht ist - und dennoch hat es einen doppelten Boden, ebenfalls wie sein Cover. Es ist relativ einfach und jugendlich gehalten ohne sehr anspruchsvoll zu sein, dennoch hinterfragt es und malt Bilder an die Gedankenwände des Lesers. Dabei baut die Geschichte ein sehr besondere Atmosphäre auf, die man erst wirklich zu schätzen weiß, wenn das Buch vorbei ist und sich damit in dem Kopf des Leser festsetzt. Teilweise hätte ich mir noch mehr Emotionen gewünscht, einen Ausbruch vielleicht, den man mit dem Stil gut hätte vermitteln können, aber das Buch bleibt reinweiß wie seine Hülle und auch wenn das dazu führt, dass es zeitweise etwas zäh wirkt, passt es doch irgendwie.


Bücher über Verlust und Trauerbewältigung sind keine Seltenheit mehr, gerade was den Jugendbuchbereich angeht, und dennoch immer wieder ein von mir gern gelesenes Genre. Vielleicht, weil ich mir vor Augen halten will, dass es nicht unmöglich ist, dass es jeden treffen kann, vielleicht aber auch, weil ich selbst schon verloren habe, wenn auch nicht in solchem Ausmaß und vielleicht auch, weil ich fast jemanden verloren hätte, ohne den ich mir mein Leben nicht vorstellen kann. Was auch immer es ist, irgendwie verlieren solche Bücher nicht an Aktualität für mich, wenn ich auch langsam merke, wie ich immer unantastbarer in dem Bereich werde. Stumpft man langsam ab, weil es doch letztendlich immer dasselbe ist? Oder schützt man sich vor dem Gefühl, das droht Magen und Herz zu zerfetzen, wenn man sich zu sehr auf das einlässt, was man liest? Jedenfalls hatte ich zeitweise das Gefühl, dass "Der Anfang von Danach" mich nicht so sehr mitnehmen konnte, wie viele andere Bücher des Genres - was aber nicht bedeutet, dass dieses Buch schlecht ist, ganz im Gegenteil, es geht einfach anders mit der Thematik um.
Es ist nämlich viel mehr ein Buch aus sehr leisen und ruhigen Tönen, die sich perfekt dem Gesamtbild anpassen. Es brüllt dem Leser seine Trauer nicht entgegen, nein, es versteckt sich, muss hervorgelockt werden. "Der Anfang von Danach" ist kein Buch der Tat, kein Buch, in dem auf jeder Seite etwas überraschendes geschieht - es ist ein Buch, dass sich tatsächlich mit der Trauerbewältigung beschäftigt ohne dabei voyeuristisch zu sein oder um Effekte zu haschen. Es ist echt und ehrlich, hart und wahr, schön und traurig und es ist eines dieser Bücher, die man mag, wenn man sie liest - aber nicht zu sehr - und die man vermisst, wenn man es dann durchgelesen hat. Es hallt noch nach, weil stille Wasser tief sind - und dieses Buch ist tief und still. Das ist wohl das beeindruckendste an dem Buch: Es ist traurig, aber es hat mich nicht richtig zum Weinen gebracht (feuchte Augen waren aber dennoch dabei!), es ist still, aber es vermittelt dennoch seine Werte und es ist warmherzig trotz all der Kälte.

Allerdings ist es auch unnahbar und das liegt vermutlich an Protagonistin Laurel, die dem Leser zwar ihre Gedankenwelt offenbart, dabei aber dennoch nicht allzu viel von sich preisgibt. Warum? Vermutlich weil die verschiedenen Konstellationen und Beziehungen zwar beleuchtet, aber nicht gezeigt werden - sprich, es gibt kaum Ereignisse, die mir die Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren dargestellt haben. Das führt dazu, dass sich vieles entwickelt ohne das man es wirklich mitbekommen würde, lediglich durch einige Andeutungen und auslaufende Szenen, die nicht fortgeführt werden. Dabei mochte ich die Figuren, allen voran Laurel, Nana und David, nur in manchem Licht wirkten sie ein wenig blass, was vermutlich auch mit dem Schock und der Leere zu tun hat, denn hier macht das Schicksal wirklich vor niemandem halt. Es ist einfach eine Geschichte wie aus dem Leben gegriffen und das macht letztendlich ihren "Zauber" aus - auch den der Figuren, deren Gefühle man nur selten voll und ganz erfassen kann.
In vergangenen Erlebnissen geht das Buch aber dennoch gerne mal ins Detail, sodass alles ein wenig plastischer und greifbarer wird. Es sind einfach die kleinen Dinge, die hier zählen, denn "Der Anfang von Danach" ist eine Geschichte wie aus dem Leben gegriffen, die sicherlich jedem passieren könnte und auf ihre Weise damit umgeht. So wird viel mehr Wert auf die alltägliche Situation der Figuren und deren Umgang mit dem Verlust gelegt, als auf irgendetwas anderes, wie beispielsweise die Tierarztpraxis, in der Laurel arbeitet. Ich finde es faszinierend, die unterschiedlichen Wege zu sehen, wie Menschen mit Trauer umgehen und auch wenn es eher ruhig und still ist, so konnte "Der Anfang von Danach" mich dennoch überzeugen - gerade im Nachhinein.


"Der Anfang von Danach" ist kein Voyeur und keine Effekthascherei. Es ist ein verblüffend ehrliches und echtes Buch, das sich mit Verlust und Trauer beschäftigt und dabei sehr leiste Töne anschlägt. Manchmal wirkt es ein wenig unnahbar, sodass man manchmal Schwierigkeiten haben könnte, sich voll und ganz in die Geschichte fallen zu lassen, aber das macht es dennoch auf einer verständlichen Art und Weise, die dafür sorgt, dass das Buch gerade nach dem Lesen wirklich zu wirken beginnt. "Der Anfang von Danach" ist ruhig und lebt gerade durch den Alltag und die Figuren, nicht durch irgendwelche unglaublichen Erkenntnisse oder Wendungen und das macht es auch so besonders und schön. Wer nach einer tiefgründigen Geschichte, die echter nicht sein könnte sucht und dabei Themen wie Verlust und Trauer eine Rolle spielen sollen, sollte einen Blick auf dieses Buch werfen, dass sich inhatlich sehr an dem hübschen aber schlichten und ruhigen Cover orientiert.



Jennifer Castle studierte Englische Literatur und Kreatives Schreiben an der Brown University; danach arbeitete sie als Werbetexterin und Drehbuchschreiberin und entwickelte Webseiten für Kinder. „Der Anfang von Danach“ ist ihr erstes Buch. Sie lebt mit ihrem Mann, zwei Töchtern und zwei Katzen im Hudson Valley, New York. [via Carlsen]
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