|Rezension| Daniel Glattauer - Gut gegen Nordwind

Von Maren Appeldorn @Marenliest

Daniel Glattauer | Goldmann | Klappbroschur | 10,00€ | 288 Seiten | 19.08.2019 | ISBN: 978-3-442-48933-6


– Wir versuchen, zwischen den Zeilen zu lesen, zwischen den Wörtern, bald wohl schon zwischen den Buchstaben.Wir bemühen uns krampfhaft, den anderen richtig einzuschätzen. Und gleichzeitig sind wir akribisch darauf bedacht,nur ja nichts Wesentlichen von uns selbst zu verraten. – S. 23

Ein falsch getippter Buchstabe und schon landet die E-Mail von Emmi Rothner irrtümlich bei dem Linguisten Leo Leike. Leo antwortet trotzdem. Ein lustiger Austausch nimmt seinen Lauf, der immer persönlicher wird. Gerade weil sich die beiden nicht kennen und daher keinen Gesichtsverlust befürchten müssen, vertrauen sie aneinander die intimsten Dinge an. Doch mehr als eine digitale Freundschaft wollen sie zunächst nicht. Aber was ist mit den Schmetterlingen im Bauch, die von jedem »Pling« im Mail-Postfach aufgescheucht werden? Und das obwohl Emmi mit Bernhard verheiratet ist, und Leo immer noch an seiner Ex-Freundin Marlene hängt ... (Goldmann)

Anlässlich der Bestseller-Verfilmung „Gut gegen Nordwind“ (12.09.2019) erhält die gleichnamige Romanvorlage, die zuletzt 2008 im Goldmann Verlag erschienen ist, eine neue Auflage. Nach elf langen Jahren hat mich die Neugier doch geweckt, sodass das Buch zum Film letztendlich bei mir einziehen durfte. Wie lautet bekanntlich das Sprichwort: Besser spät als nie! Mittlerweile hat sich die romantische Komödie in viele Leserherzen geschlichen und dementsprechend waren meine Erwartungen vor dem Lesen schon relativ hoch. Während des Lesens habe ich aber festgestellt, dass mich der E-Mail-Roman keineswegs unterhalten, berühren oder fesseln konnte. „Gut gegen Nordwind“ ist für mich leider ein Fehlgriff.

Die Vorfreude war riesig! Ich habe mich Hals über Kopf in die Geschichte gestürzt und nach fünfzig Seiten ein schnelles Fazit gezogen: Ich habe ein großes Sympathie-Problem mit der weiblichen Hauptprotagonistin Emmi Rothner. Mich stört sowohl ihre wachsende, innere Ungeduld als auch das beständige Drängen nach Aufmerksamkeit. Ich habe gelernt: Wage es nicht, Frau Rotners E-Mails zu ignorieren! Ständig hatte ich das Gefühl, dass Leo Leike eine Antwort erzwingen muss, um „mögliche Konsequenzen“ zu umgehen. Eine resolute Hauptprotagonistin – beherrschend, verwirrt und unstimmig. Anhand der E-Mails, die Emmi verschickt, habe ich sie durchweg als unglückliche, zickige, eifersüchtige und großspurige Frau wahrgenommen, die mir überhaupt nicht zugesagt hat.


Alle Männer, die in Frage kommen, Leo Leike gewesen zu sein, waren absolut indiskutabel, ich meine, rein optisch.Tut mir leid, das klingt jetzt vielleicht brutal, aber ich sage es, wie es ist. – S. 59
Der anfängliche E-Mail-Verkehr erinnert mich eher an ein Ping-Pong-Spiel mit neunmalklugen Kommentaren als ein lustiger und schlagfertiger E-Mail-Wechsel, der Emotionen aus dem Leser herauskitzeln soll. Als dann noch das Rätselraten über das Leben und Aussehen beginnt, konnte ich der Geschichte nicht mehr folgen: Zunächst werden mögliche Äußerlichkeiten heruntergespielt und als unwichtig betrachtet – ein interessanter Aspekt, der mir gut gefällt –, aber nach einem Vorfall gibt es kein anderes Thema mehr als die unbekannte Attraktivität des „Fremden“ – widersprüchlich! Das schriftliche Hin und Her konnte mich einfach nicht fesseln, da mich einige Themen auch nicht angesprochen haben bzw. nicht schmackhaft gemacht worden sind.
In diesem Roman muss ich vielmehr den Schreibstill der beiden Hauptprotagonisten, Leo und Emmi, beschreiben und bewerten. Von flapsigen kurzen bis langen poetischen Sätzen ist alles dabei! Zu Beginn sind ihre E-Mails noch sehr förmlich und steif – das „Sie“ stellen sie überhaupt nicht ein. Leider. Das Siezen hat mich, nachdem sie sich näher kennengelernt haben, immer stolpern lassen. Ich habe immer nur die Distanz statt Nähe zwischen den Charakteren wahrgenommen und sehnte ein vertrautes, intimes Verhältnis und hitzige Funken herbei. Ein weiterer Punkt, der immer für Unklarheit gesorgt hat, ist die Identität der weitergeleiteten E-Mail: Wer antwortet jetzt? Es werden nicht immer Vornamen genannt und oftmals ist der E-Mail-Verkehr so rasant, dass ich Zeit und Konzentration brauchte, um herauszufinden, wer jetzt auf die E-Mail antwortet. Alles in allem habe ich mich nicht unterhalten gefühlt: nie geschmunzelt, gelacht, traurig gestimmt, erschrocken, neugierig.


Liebe Emmi, ist Ihnen schon aufgefallen, dass wir absolut nichts voneinander wissen?Wir erzeugen virtuelle Fantasiegestalten, fertigen illusionistische Phantombilder voneinander an.Wir stellen Fragen, deren Reiz darin besteht, nicht beantwortet zu werden. – S. 23
Auch wenn mir die Buchvorlage nicht gefallen hat, möchte ich mir unbedingt den Kinofilm ansehen, denn es wäre nicht das erste Mal, dass mir der Film mehr zusagt. Die Hauptrollen spielen Nora Tschirner und Alexander Fehling – eine zweite Chance, mich zu begeistern.Story /5Charaktere /5 Gefühle /5Spannung /5Schreibstil /5 
Vielen Dank für das Rezensionsexemplar Random House und Goldmann.
Rezensionsexemplare beeinflussen nicht meine subjektive Meinung.
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