„ Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum", schrieb Friedrich Nietzsche in seinem Spätwerk „Götzen-Dämmerung" in Anlehnung an seine Liebe zu den Werken Richard Wagners. Und auch sein Vorbild in frühen Jahren, Arthur Schopenhauer, schrieb über den Musiker: „Der Komponist offenbart das innerste Wesen der Welt und spricht die tiefste Wahrheit aus, in einer Sprache, die seine Vernunft nicht versteht." - Diesen Anspruch an die Musik, wahrhaftig und rein zu sein, und Dinge offenzulegen, die wir in uns verbergen, würde die Hauptprotagonistin der Shojo-Animeserie „ The Anonymous Noise" (im jap. „ Fukumenkei Noise") vermutlich zu jedem Zeitpunkt unterschreiben. Auch im ersten Volume der auf der Mangareihe von Ryōko Fukuyama beruhenden Serie geht es vorrangig also um die grenzensprengende Macht der Musik. Volume 1 enthält die ersten vier Episoden und erschien am 17. August 2018 via Nipponart. Der Releasetermin für das zweite Volume ist bereits für den 28.9.2018 angesetzt. An dieser Stelle ein dickes Dankeschön an Nipponart für die Bereitstellung des Musterexemplars.
HANDLUNG // BIZARRE LOVE TRIANGLE„Wenn wir uns irgendwann nicht mehr sehen können wäre es schön, wenn wir uns mit deinem Gesang als Zeichen wiederfinden könnten."
Für die 16-jährige Nino Arisugawa, auch Alice genannt, ist das Singen eine Obsession, der sie seit frühester Kindheit nachgeht. In der Grundschule lernt sie ihren Mitschüler und Nachbarn Momo Sakaki kennen - Er beschützt sie in der Schule vor Anfeindungen und verschafft ihr auch auf dem Heim- und Rückweg stets Halt. Gemeinsam singen sie abends am offenen Fenster, wenn die Eltern mal wieder lautstark miteinander streiten. Diese allabendlichen Rituale spenden Nino eine tröstende Geborgenheit und helfen ihr, ihre Sorgen zumindest für den Moment auszublenden. Deshalb gleicht es auch einer beinahe traumatischen Erfahrung, als Momo eines Tages spurlos verschwindet - seine Familie ist in einer Nacht- und Nebelaktion umgezogen, ohne dass Nino davon wusste. Dieser Verlust ihrer ersten großen Liebe hinterlässt ein tiefes Loch in ihrem Herzen und sie schottet sich zunehmend von ihrer Außenwelt ab.
Sechs frustrierte Frühlinge lang versucht sie mit ihrer Stimme Momo zu erreichen, ihre Stimme scheint dem Rauschen der Wellen an der Küste standhalten zu sollen. Ein symbolischer Akt, der auf ein Versprechen zurückzuführen ist, welches Momo und Alice sich gegeben haben. Durch ihre Stimme soll er wieder zurück zu ihr finden. Eine vergebliche Bemühung, wie sie feststellen muss. Zwischenzeitlich lernt sie den jungen Kanade Yuzuriha, kurz Yuzu kennen. Nachdem sich Nino lange Zeit von ihren Mitmenschen abschottete, scheinen in ihrer Passion zur Musik zueinander zu finden. Er komponiert leidenschaftlich gerne Songs und findet in Nino seine Muse. Sie wiederum kann beim Singen seiner Lieder endlich wieder Freude empfinden. Doch obwohl Yuzu Gefühle für Nino entwickelt, kann sie nicht über ihren einstigen Freund hinwegkommen. Ein Umstand, der zu getrennten Wegen führt.
In der Oberschule schließlich kreuzen sich Ninos Wege erneut mit denen Yuzus, der nunmehr als Gitarrist und Songwriter der aufstrebenden Schulband „In NO hurry to Shout" aktiv ist - Die zur stimmgewaltigen Sängerin herangereifte Nino wird schließlich durch eine glückliche Fügung Teil der Truppe und übernimmt fortan die Vokalistinnen-Rolle. Bei einem spontanen Auftritt kann sie mit ihrer energetischen Performance sowohl die Gunst des Publikums, als auch die ihrer Bandmitstreiter gewinnen. Und nicht zuletzt jene von Momo Sasaki, der sich unter den Leuten im Publikum befindet und inzwischen ein erfolgreicher Komponist ist.
Die Handlung von „The Anonymous Voice", zumindest in den ersten vier Episoden, dreht sich vordergründig um die Etablierung der komplizierten Dreiecksbeziehung zwischen Nino, Yuzu und Momo als potentiellen Konfliktherd für den weiteren Serienverlauf, ABER was noch viel wichtiger ist: Sie etabliert Nino als zutiefst introvertiertes und einsames Mädchen, das über die Musik ihre einzige Möglichkeit sieht, mit der Außenwelt zu kommunizieren oder mehr noch, ihre Emotionen zu artikulieren. Dafür steht dann auch stellvertretend der Titel „Anonymous Noise" - Unausgesprochene, anonyme Emotionen, die über die (laute) Musik ein geeignetes Ablassventil finden, oder eben die von Schopenhauer bezeichnete „Sprache, die die Vernunft nicht versteht". Nino ist eine Eigenbrötlerin, die in ihrer eigenen Welt lebt und sich häufig über ihre Kopfhörer und den Mundschutz von der Umgebung abschottet. Im Laufe der Serie wird ihr vielfach vorgeworfen, dass sie nicht richtig zuhöre. Und tatsächlich ist Nino tatsächlich sehr Ich-bezogen und weist in ihrem Verhalten generell sehr neurotische Züge auf. Die traumatische Belastung über den Verlust ihres besten Freundes wäre unter normalen Umständen vermutlich verkraftbar gewesen, für Nino fällt hingegen ein sinn- und strukturgebender Fixpunkt und damit auch ein entsprechendes Maß an Sociability weg. Gewissermaßen empfand ich beim Anschauen des Anime, dass Nino in vielerlei Situationen autistische Verhaltensmuster aufwies. Unter der Prämisse empfände ich „The Anonymous Noise" als extrem interessanten Genremix aus Musikanime und Charakter-Psychogramm. Aber dem ist leider nicht so: Stattdessen verliert sich The Anonymous Noise zumindest in den ersten vier Folgen zu sehr in bitter-melodramatischem, klebrigen Shojo-Zuckerguss - sowohl die Musik, als auch die psychologische Komponente nehmen hier lediglich eine Nebenrolle ein. Bedeutung wird dem Zuschauer hier zudem mit dem Holzhammer eingehämmert - wenn Nino die Kompositionen ihres verlorenen Freundes in pathosgeschwängerten „Lalalala"-Kantaten an der Küste in den Wind singt, um dessen Seele zu erreichen, dann wirkt das eher ein wenig Fremdscham-erregend, als wirklich berührend. Selbiges gilt, als sie dem eher widerspenstigen Yuzu um den Leib fällt und seine einstigen Kompositionen trällert. The cringe is strong in this one...
Generell verhalten sich die die Charaktere weitgehend seltsam willkürlich und wenig nachvollziehbar. Momo etwa, nun erfolgreicher Producer, ist ein eher distanzierter Typ Mensch, ein professioneller Griesgram, der offenbar wenig Interesse an seiner Kindheitsliebe zeigt. Es wird zwar grob angedeutet, warum das so sein könnte, aber zumindest in den ersten vier Folgen bleibt eine tiefergehende Charakterzeichnung aus. Einzig Yuzu bekommt neben Nino ein wenig mehr Profil verpasst: Der eher kleingewachsene Jähzorn mit dem Herz am rechten Fleck ist anfangs wenig begeistert davon, dem einstigen Schwarm wieder zu begegnen. Doch findet der begabte, aber künstlerisch stagnierende Songwriter mit Ninos musenhafter Präsenz plötzlich wieder zu seiner ursprünglichen Kreativität zurück. Ein Umstand, welcher der bisherigen Sängerin von In NO hurry to shout natürlich nicht verborgen bleibt, weshalb diese freiwillig, aber nicht ohne gewisse Wehmut das Feld räumt.
Vom bisherigen Standpunkt fiel es mir schwer, die Motive der Figuren nachzuvollziehen. Oder andersherum: Die Intentionen sind zumindest bei Nino und Yuzu durchaus transparent, aber ihre Handlungen wirken trotzdem schlicht und ergreifend ein wenig doof, und wenig glaubwürdig. Wie man solche Themen eleganter anpacken kann, und nicht vor Schwulst trieft, hat der Gainax-Klassiker Kare Kano gezeigt, der ebenfalls bei Nipponart in einer Gesamtausgabe erschienen ist. Hier kann ich bloß hoffen, dass Vol. 2 und 3 mit den übrigen 24 Episoden deutlich an Fahrt und Reife zunehmen. Im Moment ist mir Handlung noch zu konstruiert.
BILD UND ANIMATION„The Anonymous Noise" ist von 2017 - Dementsprechend erstrahlt der Anime obligatorischerweise in nativer 1080p Auflösung und 16:9 Bildformat. Ich muss aber gestehen: Sowohl in technischen, wie auch künstlerischen Belangen will mir der Anime nicht so recht zusagen. Die Farbsättigungs- und Kontrastwerte sind grundsätzlich solide und entsprechen durchaus dem gängigen State of the art - Allgemein wirkt die Farbgebung im Anime aber relativ unterkühlt und „blaustichig". Das korreliert zumindest mit dem inhaltlichen Aspekt von Nino's Entfremdung, die hier visuell eingefangen wird - gerade auch weil die Konzertsequenzen wesentlich knalliger und dynamischer inszeniert sind. Was mich wurmt ist einerseits das durchaus hübsche, aber merkwürdig lieblos umgesetzte Charakterdesign, weil gerade die Gesichter, aber auch die anatomischen Proportionen an so manchen Stellen irgendwie „zerfahren" und unschön anmuten; Und noch stärker ins Gewicht fallen die geringen Animationsphasen. Die Animationen wirken ruckelig und unrund - gerade während der Livepassagen. Für die Produktion ist das durchaus namhafte Tokioter Animationsstudio Brain's Base verantwortlich, deren Produktionen eigentlich recht hohe Production Values mit sich bringen. Aber „The Anonymous Noise" fand ich in der Hinsicht enttäuschend, auch weil die Hintergründe detailarm sind und die CGI bestenfalls mittelmäßig. Das ist m.E. nicht mehr wirklich zeitgemäß.
Zum künstlerischen Stil: Ich kenne leider die Vorlage von Ryōko Fukuyama nicht. Aber zumindest die Einstellungen im Anime wirken durchgängig innovationsarm und stereotyp. Und auch die wuchtig herangezoomten Close-Ups während der Gigmomente wirken seltsam gewollt. Alles in allem konnte mich „The Anonymous Noise" weder mit markanten Shots, noch mit technischer Brillanz überzeugen und hinterlässt insgesamt einen eher durchwachsenen Eindruck auf visueller Ebene.
TON UND SYNCHRONISATIONHier gibt es tatsächlich nichts zu meckern. Der Ton kommt in modernem DTS-HDMA 5.1-Format, zumindest im Deutschen und im Japanischen im gängigen PCM Stereo-Gewand. Die Tonqualität der Serie ist auf konstant grundsolidem Niveau. Die Dialoge sind vielleicht einen Fingerbreit zu leise abgemischt, die üblichen Umgebungsgeräusche hingegen passen gut. Großartige direktionale Features habe ich jetzt auf meiner Anlage nur bedingt wahrgenommen, empfand ich jetzt aber auch nur semi-notwendig.
Neben dem japanischen O-Ton, ist die deutsche Synchronisation bei „The Anonymous Noise" meines Erachtens nach gut gelungen und kann auf eine durchaus versierte Sprecherriege zurückgreifen - Nino wird von Laura Jenni gesprochen, während Momo von Karim El Kamouchi und Yuzu von Felix Strüwe übernommen wird. Alle drei waren zuletzt beim Sprechercast von Violet Evergarden von der Partie. Die Dialoge mit dem nötigen Respekt zur Rolle und zum Script vorgetragen. An Stellen wo Emotionen nötig sind, werden diese adäquat eingesetzt. Insofern, gerade auch wegen der Nähe zum jap. O-Ton, können wir von einem runden Ergebnis sprechen.
„The Anonymous Noise" ist zwar kein Musik Anime per se, wie etwa Beck, aber angesichts des Umstandes, dass die Musik doch ein zentrales Plotelement ist, war ich entsprechend gespannt auf den Soundtrack. Dieser gefällt mir ausnehmend gut. Mit NARASAKI konnte man einen namhaften Produzenten und Komponisten gewinnen, der bereits das Songwriting für Bands wie BABYMETAL und Momoiro Clover Z übernommen hat. Speziell gefallen hat mir der Song „ Canary", der von der fiktiven Band In NO hurry to shout gespielt wird und im Anime den Ausbruch Ninos aus ihrer Anonymität und Verschlossenheit markiert. Dynamische Arrangements - sehr hektischer, beinahe panisch gespielter Alternative Rock, der von Ninos schriller, gleichermaßen kraftvollen wie fragilen Stimme getragen wird. Selbiges gilt für den Song „Spiral". Im Anime selbst wird immer wieder darauf verwiesen, was für eine beeindruckende Stimme Nino hat. Das passt vielleicht nicht ganz: Ninos Stimme ist nicht im klassischen Sinne schön, tatsächlich hat sie eher was Beängstigendes an sich, aber sie ist erfüllt von überbordender Emotion. Mich hat die Machart des Songs an Post-Hardcore Kapellen wie At the Drive-In, vermengt mit klassischen J-POP Elementen, erinnert und der Gesang tatsächlich auch ein wenig an den panischen Gesang eines Cedric Bixler-Zavala. Ich kann nachvollziehen, wenn Leute die Mucke als eher nervenaufreibend empfinden, ich empfand sie als durchgängig on point. Wenn man nun bedenkt, dass die Synchronsprecherin von Nino, Saori Hayami, die Songs auch selbst eingesungen hat, macht das ihre Leistung umso beeindruckender.
Auch das Opening, wenngleich zurückhaltender als die Songs innerhalb der Serie, empfand ich mit seinen Breaks und cleveren Tempiwechseln als sehr passend und auf den generellen Vibe der Serie einstimmend. Insgesamt, obgleich die Musik also nur eine sekundäre Rolle für die Handlung spielt, ist sie die größte Stärke der Serie. Ich hoffe also, dass man sich bei den nächsten Volumes weniger Nino-lastig zeigt und sich auch inhaltlich mehr um die Dynamik innerhalb der Band konzentriert.
AUFMACHUNG„The Anonymous Noise" erscheint bei nipponart in insgesamt drei Volumes. Vol. 2 erscheint, wie eingangs erwähnt, bereits Ende September. Auch ein Sammelschuber, um alle darin enthaltenen Volumes aufzubewahren wird noch erscheinen. Die einzelnen Volumes enthalten jeweils vier Folgen, sodass man auf eine Gesamtepisodenzahl von 12 kommt.
Wir haben von nipponart die Blu-Ray Fassung zur Verfügung gestellt bekommen. Diese kommt in einer klassischen, blauen Amaray-Hülle. Wie üblich gibt es auch kleine, aber feine Boni bei nipponart: So ist ein Booklet mit Skizzen und Concept Artworks enthalten, sowie der obligatorische Sticker. Ein Wendecover ist ebenso dabei, sodass man das penetrante FSK-Siegel verschwinden lassen kann.
FAZIT:
Das erste Volume von Anonymous Noise ist eine zwiespältige Angelegenheit. Ginge es primär um die Musik, würde mir der Anime deutlich mehr zusagen. Selbst die Prämisse, dass Nino zur Musik findet, und über dieses Medium ihre neurotischen Verhaltenszüge zu managen lernt, wäre spannend, wenn die Thematik psychologisch tiefsinniger und feinfühliger behandelt worden wäre. Zumindest der englische Titel suggeriert das ja auch irgendwo. „The Anonymous Noise" ist stattdessen aber zum bittersüß-klebrigen Shojo-Abziehbild geworden, mit seltsam agierenden Figuren, und einem abgegriffenen Pathos, der nicht sonderlich authentisch wirkt. Das geht deutlich besser und ich hoffe darauf, dass die weiteren Volumes da einen Entwicklungsprozess sehen lassen. Auch von technischer Seite betrachtet, ist „The Anonymous Noise" kein Glanzlicht des Mediums. Was hingegen einen sehr nachhaltigen Eindruck gemacht hat, war dann tatsächlich die Musik. Nicht nur hat der hektische Alternative Rock aus der Feder von Narasaki mir recht gut gefallen. Die erzählerische Funktion der Konzertsequenzen vermittelt mehr Emotionen, als der seltsam unausgewogene Slice-of-Life Part. Deshalb hoffe ich dann auch, dass der Musik/Band-Part in den weiteren Volumes ein wenig ausgebaut wird. Insgesamt ist „The Anonymous Noise" aber bislang eine eher mittelmäßige Angelegenheit.
ALLGEMEINE DATENTitel: The Anonymous Noise Vol. 1
Veröffentlichung: 17. August 2018
Publisher: nipponart
Genre: Musik, Romantik, Shojo, Slice-of-Life
Laufzeit: 100 min
FSK: 12
Bild: 1080p
Ton/Sprache: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Japanisch PCM, Untertitel: Deutsch
Quellen: www.nipponart.de, amazon
Copyright: © Ryoko Fukuyama, Hakusensha, & Anime Fukumenkei Noise Production Committee
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„Wir verstecken unsere wahren Gefühle."
Nino, ein Mädchen, das es liebt zu singen, musste sich in ihrer Kindheit von zwei ihrer besten Freunde trennen. Momo, in den sie verliebt war, und Yuzu, der Songs komponiert, versprachen ihr beide, sie anhand ihrer Stimme wiederzufinden. Nino hat dieses Versprechen nicht vergessen und singt seitdem jeden Tag. Inzwischen geht das Mädchen auf die High School und wie es das Schicksal will, besuchen ihre Freunde von damals dieselbe Schule...
Die Serie basiert auf der beliebten gleichnamigen Mangareihe von Ryoko Fukuyama. Für die Rocknummern der Serie, die von den japanischen Synchronsprecherinnen selbst gesungen werden, zeichnet sich NARASAKI aus, der bereits für Bands wie BABYMETAL oder Momoiro Clover Z Songs geschrieben hat. Nipponart präsentiert die ersten vier Episoden auf Blu-ray.
