Review: STOKER - DIE UNDSCHULD ENDET - Ein audivisueller Hochgenuss

Review: STOKER - DIE UNDSCHULD ENDET - Ein audivisueller Hochgenuss
Fakten:
Stoker - Die Unschuld endet (Stoker)
USA, GB. 2013. Regie: Park Chan-wook. Buch: Wentworth Miller. Mit: Mia Wasikowska, Nicole Kidman, Matthew Goode, Dermot Mulroney, Jacki Weaver, Lucas Till, Alden Ehrenreich, Phyllis Somerville, Ralph Brown u.a. Länge: 99 Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray ab 20. September 2013 erhältlich.

Story:
An ihrem 18. Geburtstag stirbt der Vater von India Stoker bei einem Autounfall. India verliert dadurch ihren besten Freund und auch die einzige echte Bezugsperson in ihrem Leben. Nun muss sie alleine mit ihrer Mutter Evelyn zusammen in dem alten Landhaus leben. Bei der Beerdigung taucht allerdings ihr Onkel Charlie auf, ein ebenso charmanter wie unheimlicher Mann. Und mit seiner Ankunft sollte sich schon bald Indias Leben auf den Kopf stellen. Ein Leben zwischen Intrigen, Schmerz und Mord.


Meinung:
Als nahezu lückenlos durchkomponierte Hitchcock-Hommage zeigt Park Chan-wook mit „Stoker“, warum ihm der Titel „Virtuose“ nicht nur im asiatischen Raum wie auf den Leib geschneidert scheint, der offensichtlich durch das internationale Kino geprägte Südkoreaner ist auch im Land der unbegrenzten Möglichkeit eine qualitative Marke für sich – Und dass nach nur einer Produktion fernab der heimischen Gepflogenheiten. Dabei ist Parks Arbeitsaufteilung ganz an den Master of Suspense gerichtet und der eigentliche Autorenfilmer nimmt sich einem fremdem, im Vorfeld gerne als „durchsichtig-simple“ gebrandmarktem Drehbuch an.

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Tochter, Mutter und Onkel. Die perfekte Idylle?

Den Vorwurf muss sich der Autor und „Prison Break“-Star Wenworth Miller auch durchaus gefallen lassen, allerdings liegt der gewichtige Punkt von „Stoker“ nicht auf den geschliffenen Dialogen oder den versiert-differenzierten Analysen des Innenlebens der Charakteren. Park fungiert Chung Chung-hoons Kameraführung zu seinem narrativen Dirigierstab des Verlaufs und lässt die exzellente Formalität zur Ausführung des eigentlichen Inhalts werden. Und diese in höchstem Maße ästhetischen Montagen machen es für das cinephile Herz schlichtweg unmöglich, dem von Anfang bis Ende brillant fotografierten Film nicht schlagartig zu verfallen. Jede Einstellung, jede Kalibrierung und jede noch so unbedeutend erscheinende Nebensächlichkeit glänzt durch ihre formvollendete und die Geschichte dabei bereichernde Liebe zum Detail.

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Da scheint jemand nichts Gutes entdeckt zu haben

Dass die symbolischen Bildkompositionen „Stoker“ zu einem visuellen Kunst- und Meisterwerk machen und Clint Mansells auditive Begleitung die morbide Atmosphäre wunderbar unterstreicht, bedeutet nicht, dass Park durch seine exquisiten Aufnahmen das informale Drehbuchschlagloch zu stopfen versucht. Die erzählerische Basis der Vorlage besitzt durchaus den dramaturgischen Mehrwert, der das Interesse an den Charakteren und ihren Entwicklungen aufrecht hält. Durch die implizierten Hitchcock-Verweise wird „Stoker“ ein tributzollendes Grundgerüst verliehen, welches nicht dem uneigenständigen Plagiat dient, sondern sich durch eigene Ideen und Aspekte ohne Frage in ein ganz eigenen Licht codiert – Dank Parks unnachahmlichen Verständnis die Reize der differenten (Film-)Ebenen auszuloten. 

Das markante Storymotiv in „Stoker“ könnte sich vordergründig als natürlicher, menschlicher Prozess bezeichnen lassen, schließlich spielt die Reifephase in der Selbstfindung eines jeden Adoleszenten eine mehr als signifikante Rolle, die sowohl gewisse ideologische Richtlinien des Individuums stabilisiert und ebenso den Weg in die soziale Autarkie beinhaltet. In „Stoker“ ist dieses als „Coming-of-Age“ bekannte Verfahren nicht auf der bekannten, universellen Reibungsfläche dargeboten, Hauptfigur India beschreitet hingegen einen pathologischen Pfad, auf dem das Erwachen sexueller Gelüste im Korsett der psychopathischen Faszination lauert und die charmant-autistische Andersartigkeit durch den Kontakt mit dem geheimnisvollen Onkel geradewegs in den Verlust der zarten Unschuld führt. Eine beliebte Thematik Hitchcocks, die er neben seinen Verfolgungen auf Unschuldige und der ambivalenten Suche nach der eigenen Persönlichkeit des Öfteren aufgegriffen hat.

Wie das unnachahmliche, leicht artifizielle Gerüst mit dem eigentlichen Handlungsplateau ineinandergreift und die beiden Komponenten sich in ihrer Dechiffrierung gegenseitig in die Karten spielen, ist schlichtweg ein audiovisueller Hochgenuss. Park weiß wie er seine filmischen Mittel einzusetzen hat und nicht immer hauptsächlich durch Dialoge, sondern die Geschichte vor allem durch die strukturierte Deklamation seiner Aufnahmen formuliert – Dabei ist die symbolische Leseart auch hier wieder für jeden Zuschauer durchaus vielseitig anzunehmen. Wenn Park Chan-wook in seinen nächsten US-Arbeiten eine ähnliche Qualität vorlegt, die sowohl den optischen Ansprüchen standhält, aber auch den handlungstechnischen Kriterien gerecht wird, ohne sich durch den Hollywoodfleischwolf drehen zu lassen, dann dürfen wir Park bereits im Vorfeld hallende Ovationen für all das spenden, was in Zukunft noch kommen wird.

7,5 von 10 Familiengeheimnissen

von souli

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