Review: POSSESSION - Höllentrip in Berlin

Erstellt am 28. März 2013 von Die Drei Muscheln @DieDreiMuscheln

  
Fakten:
Possession
F, BRD, 1981. Regie: Andrzej Zulawski. Buch: Andrzej Zulawski, Frederic Tuten. Mit: Isabelle Adjani, Sam Neill, Heinz Bennent, Margit Carstensen, Johanna Hofer, Carl Duering, Shaun Lawton, Michael Hogben, Maximilian Rüthlein, Thomas Frey, Leslie Malton, Gerd Neubert u.a. Länge: 119 Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD erhältlich.

Story:
Mark kehrt nach längerer, beruflich bedingter Abwesenheit zu seiner Frau Anna und seinem kleinen Sohn Bob nach West-Berlin zurück. Anna hat sich komplett von ihm entfremdet, die Ehe ist am Ende. Sie gesteht ihm, schon seit langer Zeit eine Affäre zu haben und verlässt ihn. Mark droht vor Eifersucht und Verzweiflung den Verstand zu verlieren. Bald schon macht er seinen Nebenbuhler Heinrich aus. Doch Anna scheint noch einen Liebhaber zu haben, denn auch Heinrich hat sie lange nicht mehr gesehen. Um herauszufinden, wo Anna steckt und mit wem sie verkehrt, engagiert Mark einen Detektiv, der kurz danach spurlos verschwindet. Ab dann nimmt der Wahnsinn seinen Lauf.
 


Meinung:
"Possession" ist ein Albtraum, für die Einen im positiven, für die Anderen im negativen Sinne. Andrzej Zulawskis gefeiertes wie umstrittenes Werk beginnt als reines Ehedrama um eine schmerzhafte Trennung, wandert dabei schon früh auf sehr eigenen Pfaden und verlässt irgendwann jegliche narrative Konventionen. Schon lange vor dem vernichtend-interpretativen Finale dürften viele Zuschauer entnervt die Segel streichen oder sich zumindest mehrfach irritiert am Kopf kratzen. Das ist schon eine Hausnummer.
 

Herpes extrem

Relativ früh dürfte klar sein, darauf muss sich eingelassen werden, sonst wird man schnell vor die Tür des Verständnisses gesetzt. Auch Zulawskis Stil, mal ganz abgesehen von dem immer abstrakter werdenden Plot, ist keine einfache Hausmannskost. Seine beiden Hauptdarsteller, Isabelle Adjani und Sam Neill, betreiben heftiges Schauspiel weit über die Grenzen des Overactings hinaus, was in diesem speziellen Kontext aber vollkommen richtig ist. Denn was ihre Rollen verlangen, wäre mit zurückgenommenen, dezent-nuancierten Spiel wirkungslos. Der Begriff Overacting ist ja eher negativ belegt, oft nicht zu unrecht, doch das ist so packend und kraftvoll, dem lässt sich kaum entziehen. Adjani läuft ohnehin zu einer fast befremdlichen Form auf, was seinen unbestrittenen Höhepunkt in der U-Bahn-Szene findet, die an bizarrer Faszination kaum zu überbieten ist. Das wären wir bei den beiden Albtraum-Szenarien: Für einige dürfte spätestens jetzt der Punkt erreicht sein, an der endgültig der Geduldsfaden reißt, der Rest wird leicht feucht.
Demenstprechend ist es absolut verständlich, dass sich an diesem Film die Geister scheiden. Da wird dem Zuschauer extrem viel abverlangt, was er entweder mit Beifall oder ungläubiger Verachtung belohnt. Zulawski macht es dem Publikum nicht einfach, was sich so konsequent steigert, dass es schon als sehr mutig zu bezeichnen ist. Das "Possession" ein, auf seine Art, sehr einzigartiges Erlebnis ist, lässt sich wohl kaum bestreiten. Was genau Zulawski uns erzählen will, lässt sich in Ansätzen erahnen, aber wohl kaum vollständig aufdröseln. Nur wenn das überhaupt keine Geige spielt und man als fasziniert-verstörte Geisel dieses Bilderrauschs auch noch dankbar dafür ist, hat der Mann wohl alles richtig gemacht.
 

Alles fit im Schritt?

Ein Horrorfilm? Ja, auf jeden Fall. Ein Ehedrama? Ja, noch viel mehr. Parallelen zu Lars von Triers "Antichrist" sind nicht von der Hand zu weisen, denn letztendlich entsteht das Eine durch das Andere, nur was den zuerst da war, ist kaum nachvollziehbar. "Possession" ist ein zutiefst verkopfter, gleichzeitig ungemein extrovertierter Höllenritt, der so manche Szenen parat hält, die wohl nur durch starke Medikamente und ausgiebige Therapiesitzungen wieder aus dem Gehirn gelöscht werden können. Die Kulisse des zweigeteilten Berlins ist dabei nicht nur, aber vor allem, als Gleichnis auf die Beziehung des Paares zu sehen, sondern darüberhinaus auch erschreckend kalt. Wurde jemals die jetzige Hauptstadt in einem Film so menschenleer und teilweise verwaist gezeigt?
Ein Monster von einem Film, unheimlich, teils ekelhaft, unbequem und erschreckend. Es ist gut, dass es nicht nur solche Filme gibt, aber noch besser, dass es sie auch gibt.
8 von 10 sexy Tentakel.