Review: PANS LABYRINTH - Hoffnung am Ende des Irrgartens

Erstellt am 31. Dezember 2014 von Die Drei Muscheln @DieDreiMuscheln

                                                                                      
Fakten:Pans Labyrinth (El laberinto del fauno)ES, MEX, USA, 2006. Regie & Buch: Guillermo del Toro. Mit: Ivana Baquero, Sergi López, Maribel Verdú, Doug Jones, Ariadna Gil, Álex Angulo, Manolo Solo, César Vea, Roger Casamajor, Ivan Massagué u.a. Länge: 119 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story: Spanien, 1944: Die kleine Ofelia reißt mit ihrer hochschwangeren Mutter zu deren neuen Ehemann, einem General des faschistischen Franco-Regimes, der mit seinen Männer sich in den Bergen versteckende Rebellen jagt. Neben dem Grauen und Leid erlebt Orfelia dort märchenhaftes: Eines Nachts führt sie eine Elfe durch ein Labyrinth zu einem Fabelwesen, dem Pan. Dieser offenbart dem Mädchen, dass sie die Reinkarnation der Prinzessin des geheimen, unterirdischen Königreiches ist. Um wieder dorthin zurückkehren zu können, muss sie bis zum nächsten Vollmond drei gefährliche Aufgaben erfüllen.

                                                                                    
Meinung:Nachdem der Mexikaner Guillermo del Toro durch die Hollywoodproduktionen „Blade 2“ und „Hellboy“ sich auch auf dem Mainstreammarkt einen respektablen Namen gemacht hatte, konnte er mit verhältnismäßig viel Aufwand an die Realisierung eines Herzensprojekts gehen. „Pans Labyrinth“, einen Film einerseits über das düstere Kapitel der faschistischen Herrschaft des Franco-Regimes in Spanien, andererseits über das fantastische Abenteuer eines kleinen Mädchens, dem die Flucht in ein zauberhaftes, geheimnisvolles Königreich in Aussicht gestellt wird.

Der Augang von diesem Elend?

Im internationalen Kino wird diese Epoche weit weniger thematisiert als beispielsweise das Dritte Reich, wohl auch aufgrund seines geringeren, globalen Einflusses. Im Vergleich zu den Geschehnissen in Deutschland und deren Auswirkungen gehen die extremen Jahre während und direkt nach dem spanischen Bürgerkrieg deutlich unter, welthistorisch und somit auch als Stoff für filmische Aufarbeitung. Einen politischen Film macht auch del Toro nicht, nutzt allerdings diesen Backround für sein fantasievolles Erwachsenenmärchen, in dem zwei Welten aufeinanderprallen, die unterschiedlicher nicht sein können. Die zwei Erlebniswelten der kleinen Orfelia, die in einer Zeit von Furcht, Unterdrückung, Gewalt und Elend aufwächst. Ihre Mutter hat sich dieser Welt angepasst, sich selbst aufgegeben und sich dem Bösen in Person des bestialischen Hauptmanns Vidal (hassenswert-brillant verkörpert durch Sergi López) unterworfen, um ihrer Tochter eine Perspektive zu bieten. Ihre Hoffnungen und Träume hat der Krieg zerstört, die grausame Realität sie verschluckt. Orfelia hingegen hat sich ihre Kindlichkeit (noch) bewahren können, ihren Glauben an das Magische, das Gute in dieser trostlosen Zeit. Durch den nächtlichen Besuch einer Elfe macht sie Bekanntschaft mit dem mysteriösen Pan, der ihr durch das Lösen von drei Aufgaben eine Flucht in eine bessere Welt in Aussicht stellt, in welcher der reale Schrecken nur noch ein böser Traum sein wird.

Guter Freund oder verführerischer Feind?

Obwohl del Toro für Hollywoodverhältnisse auch hier nur mit einem „schmalen“ Budget um die 13 Millionen US-Dollar hantieren musste, gelingt ihm die Umsetzung seiner fantasievollen Elemente auf höchstem Niveau. Das CGI hält mit weitaus größeren Produktionen spielend mit und wird vor allem nur unterstützend benutzt. Wann immer sich mit realen Masken, Kostümen und Sets arbeiten lässt, greift del Toro darauf zurück und stellt damit die Konkurrenz beeindruckend in den Schatten. Kreativ, detailliert, mit einer faszinierenden Mischung aus leichter Morbidität und träumerischer Schönheit. Auch diese Welt ist nicht frei von Gefahr und Tod, doch mit Mut und einem guten Herzen lässt sich hier das Böse bezwingen. Es wird das noch belohnt, was in der finsteren Realität kaum noch eine Chance zu haben scheint. Seiner zum Teil schonungslos bebilderten Haupthandlung stellt del Toro diese hoffnungsvollen Ausreißer gegenüber, ohne das man sich urplötzlich in einen Disneyfilm geschleudert fühlt. Im Prinzip erlebt Orfelia bei ihren drei Prüfungen auf die tatsächlichen Ereignisse übertragbare Situationen, womit sie als Metapher verstanden werden können. Somit bietet „Pans Labyrinth“ weit mehr als reinen Eskapismus und eine märchenhafte Geschichte, eingebettet in einen bedrückenden und spannenden Nachkriegsfilm. Neben der ohnehin mitreißenden, anrührenden-schmerzhaften Story und seiner formalen Klasse liegt die große Qualität von del Toros Parabel in seiner vielseitig auslegbaren Deutungsweise.
Bewusst lässt der Regisseur seinem Film einen gewissen Spielraum, in wie weit man für sich selbst die Ereignisse interpretieren mag. Passieren Orfelia diese Dinge wahrhaftig? Trifft sie die Elfen und den Faun in dem Labyrinth, meistert sie ihre Abenteuer tatsächlich und ist sie wirklich die lange vermisste Prinzessin, die am Ende in ihr wundervolles Königreich zurückkehren kann? Oder erleben wir nur den Einblick in einen geschundenen, kindlichen Geist, der um die furchtbare Situation zu verarbeiten einen psychologischen Schutzmechanismus hervorruft? Der die Kraft der Fantasie nutzt, um dem Schrecken zu entfliehen, die Hoffnung aufrecht zu erhalten, dass alles sich zum Guten wenden wird und am Ende die Erlösung in Form einer besseren, warmen, gerechten Existenz wartet? Beides bleibt im Rahmen des Möglichen. Dementsprechend lässt sich auch das Ende in völlig verschiedene Richtung deuten und auch die Gefühle, die es hervorruft. Zwischen tieftraurig und Balsam für das Herz liegt nur die persönliche Sicht der Dinge. Guillermo del Tor überlässt es dem Zuschauer quasi selbst, mit welchen Emotionen, mit welchem Ende er ihn aus seinem Film entlässt. Und zwar voll und ganz. Das ist so schön, nicht im Geringsten bevormundend und absolut selten, eine wahre Glanzleistung. Wie der gesamte Film. 
8,5 von 10 magischen Kreidestücken