Review | Opeth – Pale Communion

Von Tagtraumdiva @tagtraumdiva

Da Opeth eine meiner Lieblings-Bands ist, freue ich mich natürlich über jede neue Platte und kann es mir nicht nehmen lassen, diese ganz genau zu untersuchen.

Die Schweden um Sänger Mikael Åkerfeldt sind eine der Bands, denen man, mit Blick auf ihre Geschichte, stets alles zutrauen konnte und von der man doch immer und immer wieder überrascht wurde. Normalerweise jedenfalls. Auf der Live-DVD „Lamentations“ (2003) sagte Åkerfeldt, er mache immer genau das Gegenteil von dem, was die Fans erwarteten. In diesem Fall ist das nicht ganz wahr, denn natürlich war ein Album wie „Pale Communion“ zu erwarten, ist es doch nicht mehr als eine logische Konsequenz aller vorangegangener Entwicklungsprozesse der Band.

Wenn man Opeth eines nicht vorwerfen kann, dann, dass sie nicht konsequent wären. Nicht viele Bands lassen einen so detaillierten Einblick in ihre innere Evolution zu. Man konnte im Laufe der Jahre förmlich mitfühlen, wie sehr Åkerfeldts Vorliebe für Vintage Rock sein Songwriting durchdrang. Von der einstigen Death Metal Band ist allerspätestens seit „Pale Communion“ nur noch ein schemenhafter Gedanke erhalten geblieben, der sich manchmal etwas traurig ein kleines Stückchen „früher“ zurückwünscht. Aber halt, stopp. Kein Platz für ewig-gestrige Fortschrittsfeinde. Fortschritt ist immer mit Veränderung verbunden, und Veränderung mit Schmerz. Viele „alte“ Fans haben sich sowieso seit langem von Opeth abgewandt, andere sind der Meinung, dass Opeth auf den letzten paar Alben besser waren als je zuvor. Ein altes chinesisches Sprichwort fasst dies ganz gut zusammen: „Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“

Mikael Åkerfeldt hat kürzlich offenbart, und vermutlich mit vollem Ernst, dass Opeth nur noch eine brutal puristische Death Metal-Platte schreiben könnten, sollten sie jemals wieder „heavy“ werden. Nicht, dass das schlecht wäre. Diese Aussage zeigt aber, wie sicher er sich seiner Sache ist. Nach fast 25 Jahren und zehn Alben ist es jetzt „Pale Communion“, welches als elftes Gebot so etwas wie ein Ziel für Åkerfeldt darstellen dürfte, das erreicht zu haben ihn zutiefst mit Stolz erfüllt. Und so etwas wie Stolz auf geleistete Arbeit, das ist für einen Perfektionisten wie den 40-Jährigen aus Stockholm schon ein kleines Wunder. Als Kopf der Band schrieb der Mann so unfassbar viele geniale Stücke, dass man ihn zurecht einen zu den Meistern der progressiven Musik zählt. Er ist eine Institution in der skandinavischen Musikszene und hat in unzähligen namhaften Bands oder mindestens an deren Veröffentlichungen mitgewirkt. Edge Of Sanity, Dream Theater, Katatonia und Porcupine Tree sind nur einige Namen. Vor allem mit letzterer Formation verbindet seine eigene Band Opeth überaus viel. Deren Frontmann Steven Wilson, ebenfalls eine Koryphäe im Progressive Rock, hat bereits zahlreiche Opeth-Alben produziert und maßgeblich beeinflusst, so auch „Pale Communion“. Zusammen mit dem Opeth-Sänger agiert Wilson abseits von seinen eigenen Nebenprojekten zusätzlich als Storm Corrosion, einer Formation, die trotz der beiden vielversprechenden Mitglieder leider nur Mittelmaß abliefert. Das nur am Rande. Åkerfeldt selbst beginnt angeblich demnächst ein Projekt mit Mitgliedern von In Flames und Mastodon. Keine Ahnung wie der Mann das alles koordiniert.

„Pale Communion“ klingt jedenfalls erst mal überhaupt nicht nach Opeth und dann doch wieder absolut genau so. Wenig überraschend: Es ist kein Metal-Album. So gar nicht. Es gibt schon einige harte Riffs und Lautstärke ist vorhanden. Doch ist es ein reines Rock-Album, und zwar ein äußerst filigranes.
Eröffnet wird es von der zweiten Single „Eternal Rains Will Come“, eine gute Wahl. Das instrumentale Intro bereitet die Klangteppiche vor, die sich durch das ganze Album ziehen werden. Das heißt: Hammond-Orgeln, komplex aufgeschichtete Harmonien und sagenhafte Atmosphären. Diffizile Schlagzeug-Patterns und kräftiger, unaufdringlicher Gitarrensound zeugen hier schon von dem hohen musikalischen Niveau. Schöner mehrstimmiger Gesang und düstere Lyrics formen mit sehr dynamischem Drumming von Martin „Axe“ Axerot einen der besonders guten Songs des Albums.

Das zweite Stück namens „Cusp Of Eternity“ war wiederum die erste, lang erwartete Single. Besonders auffällig hier: die Eingängigkeit der Hook. Insgesamt klingt das Stück sehr vintage-progressiv, das Tempo ist höher als in weiten Teilen des restlichen Albums. Dennoch hätte es etwas kürzer sein dürfen.
„Moon Above, Sun Below“ ist eine Reminiszenz an Opeths letztes Album „Heritage“ und hätte ohne weiteres schon auf diesem landen können. Die vergleichsweise harten Gitarren wechseln sich in für Opeth bekannter Weise mit leiseren Passagen ab. Hier und dort erklingen sogar Melodien oder Melodieansätze, die man schon aus Stücken der „Blackwater Park“-Ära zu kennen glaubt. Nicht die einzigen Stellen auf dem aktuellen Album, die den Hörern irgendwie bekannt vorkommen dürften.
Auch das folgende „Elysian Woes“ erinnert in seiner Länge (knapp 11 Minuten), Ruhe und Melancholie stark an frühere Stücke, besonders an das 2003er Album „Damnation“ oder das 2005er „Ghost Reveries“ oder. Textzeilen wie die folgende, leicht kitschige, spielen mit der Traurigkeit tief in uns allen und holen sie sogar an einem warmen sonnigen Sommertag für ein paar Minuten hervor: „There is, there’s a bond between us / Even if it’s frayed, it’s unbreakable / So I come for you always / And I welcome pain for a second of belonging somewhere“
„Goblin“ ist eines der berühmten Instrumental-Stücke, die es auf nahezu jedem Opeth-Album gibt. Jedoch, dieses ist speziell gegen Ende einfach zu ereignislos aufgebaut. Deswegen kann man hierzu auch nicht viel mehr sagen, als: Muss ein Lückenfüller sein.
Mit für Opeth ungewöhnlich hohen Tönen startet „River“, welches anfangs mit seinem Steel-Guitar-Südstaaten-Rock-Flair eine angenehm-positive Stimmung aufbaut (mal abgesehen vom morbiden Text). Nach knapp drei Minuten „morpht“ das Stück jedoch in eine völlig andere Richtung. Technisches Prog-Schlagzeugspiel und ein langes Solo machen die Atmosphäre zunichte wie eine Regenwolke den Sommertag verdunkelt. Ab hier prügeln Opeth sich durch die letzten Minuten.
„Voice Of Treason“, der vorletzte von acht Songs auf „Pale Communion“ elektrisiert die Hörer von Beginn an durch eine konsequent durchgezogene Spannung, während Åkerfeldt in besonders genialen Harmonien vom Aufgeben und vom Verrat an geliebten Menschen singt. Stark.
Das Meistestück haben sich Opeth für den Schluss aufgehoben: „Faith In Others“. Eingeleitet von den Zeilen „The grave of our youth is up ahead / Life has become a burden“ ahnt man schon, dass das hier kein Freudentänzchen wird. Der tief sitzende Kummer, stets ein treuer Begleiter in vielen Stücken der Opeth-Diskographie, drückt hier sehr auf die Stimmung. Leiden kann so schön sein.

Wenn er wollte, könnte Mikael Åkerfeldt in der Liga der Lead-Sänger dieser Welt ganz oben mitspielen, auch und vor allem in der Mainstream-Musik. Mit seinem Können würde er viele berühmtere Sänger bei Weitem übertreffen. Daher würde es nicht erstaunen, wenn der für seine Experimentierfreude und Neugier bekannte Schwede auch mal die ein oder andere Kooperation in diese Richtung wagen würde. Die „echten“ Fans dürfte das abschrecken, für die Mainstream-Künstler wäre es die dringend benötigte Qualitätssteigerung.

Tl;dr
Von Opeth war man immer eine gewisse kohäsive Alben-Struktur gewöhnt. Jedes Album war eine in sich geschlossene Einheit, perfekt aufeinander abgestimmt. „Pale Communion“ wirkt an einigen Stellen leicht „zerpflückt“ und inkonsistent. Da sind zum einen Stellen, an denen sich die Band selbst und ihre Vergangenheit zitiert, dann wieder werden die vollen 70s-Prog-Register gezogen, um möglichst anders zu klingen als früher. Obwohl bei dem ein oder anderen Hörer der Funke nicht überspringen dürfte, Vielen wird das Album sehr wahrscheinlich Freude bereiten.

Wer sich von den unfassbaren Live-Qualitäten der Band überzeugen will, kann das im Rahmen der Europatour im Oktober tun. Die Daten findet Ihr hier bei Stageload.