Review: ONLY GOD FORGIVES – Ryan Gosling gefangen im Abgrund der Rache

Review: ONLY GOD FORGIVES – Ryan Gosling gefangen im Abgrund der Rache
Fakten:
DK/FR. 2013. Regie und Buch: Nicolas Winding Refn. Mit: Ryan Gosling, Kristin Scott Thomas, Vithaya Pansringarm, Yayaying Rhatha Phongam, Tom Burke, Byron Gibson, Charlie Ruedpokanon, Joe Cumming, Gordon Brown, Danai Thiengdham u.a. Länge: 89 Minuten. FSK: Ab 16 Jahren freigegeben. Im Kino.
Story:
Aufgrund von schweren Drogendelikten in der Heimat, sieht sich Julian dazu gezwungen, in der thailändischen Metropole Bangkok unterzutauchen. Doch auch in Bangkok lässt Julian nicht die Finger vom Drogenhandeln, sondern verdeckt sein Geschäft zusammen mit seinem Bruder mit dem oberflächlichen Betreiben eines Thai-Box-Clubs. Als sein Bruder eine minderjährige Prostituierte vergewaltigt und ermordet hat, und schließlich selbst getötet wird, reist die dominant-vulgäre Mutter der Brüder, Crystal, die in London selbst in Drogenschäften nach Bangkok, um die Leiche ihres Sohnes zu identifizieren und Julian zur Rache an den Tätern zu animieren. Auch der thailändische Polizist Chang, der ebenfalls in die Sache verstrickt ist, ist auf ganz eigene Rache aus  und wird Julian mit seiner Katana schon bald über den Weg laufen…


Meinung:
Nicolas Winding Refn ist sozusagen ein Opfer des modernen Filmhypes geworden, denn wo er mit Filmen wie seiner „Pusher“-Trilogie, „Bronson“ oder „Walhalla Rising“ nur in fachkundigen Cineastenkreisen für Aussehen und Diskussionen sorgen konnte, durfte sein Cannes-Erfolg „Drive“ auch über die Festivalhallen hinaus für reichlich Furore sorgen und dem geneigten Mainstreamkonsumenten mit der brillanten Bildästhetik in den Rausch der Nacht von Los Angeles ziehen. Refn wurde allerdings nicht nur von allen Seiten mit dem größtmöglichen Lob und sämtlichen Superlativen übergossen, sondern musste sich auch gefallen lassen, als handelsüblicher Plagiator abgestempelt zu werden, der keine eigene filmische Vision besitzt, sondern, ähnlich wie Quentin Tarantino, bei sämtlichen Vorbildern und stilprägenden Klassiker einzelne Versatzstücke zu seinem eigenen Gebrauch modellierte: Refn wurde zum Götzenbild der Cine-Hipster degradiert, dabei erwies sich gerade „Drive“, so dünn die eigentliche Handlung auch gewesen sein mag, als eines der ausdrucksstärksten Werke der letzten Jahre, in dem die Bilder eine ganz eigene Symphonie der Gewalt entwerfen konnten. Ein paralysierender Neo-Noir-Bilderreigen.

Review: ONLY GOD FORGIVES – Ryan Gosling gefangen im Abgrund der Rache

Cyrstal (Kristin Scott Thomas) befiehlt...

Nachdem sich der dänische Filmemacher also über den großen Regiepreis von Cannes zu Recht freuen konnte, der in Fachkreisen natürlich einen deutlich höheren Wert besitzt, als der fragwürdige Academy Award, stand sein neuer Film „Only God Forgives“ erneut vor der schweren Bewährungsprobe der kritischen Augen sämtlicher Journalisten in den heiligen Hallen von Cannes. Was sich am Ende ansammelte, waren regelrechte Hasstiraden in Richtung Refn und seinem „Only God Forgives“, denn angeblich hat der mehr als talentierte Regisseur sich gänzlich der Racheromantisierung verschrieben, würde die Misogynie frönen und sich in einer sinnentleerten Orgie aus Blut und noch mehr Blut verlieren, während wenige, leise Stimmen vom Gegenteil sprachen und „Only God Forgives“ als echten Abgesang auf den im Kino so oft thematisierten Vergeltungsrausch darstellten. Und die Minderheit hatte in diesem Fall mal wieder Recht: Nicolas Winding Refn knüpft nicht an die Qualität seines bereits als Kultfilm der Neuzeit verschrienen „Drive“ an, hat sich aber auch gar nicht zum Ziel gesetzt, einen Film zu drehen, der „Drive“ in irgendeiner Weise gleicht und ihn übertrumpfen möchte. „Only God Forgives“ ist wahrhaftig großes Kino!

Besonders interessant ist an erster Stelle bereits die reziproke Figurenkonstellation, mit der „Only God Forgives“ aufwartet. Sicher verfügen die Charaktere über keinen echten Tiefgang, sondern haben sich ganz der Geschichte als Mittel zum Zweck verschrieben. Es ist aber aus dem Grund interessant, weil Refn den Frauenschwarm und ganz auf seine Coolness ausgelegten Ryan Gosling mal komplett gegen die Wand laufen lässt und das überstilisierte Image in seine Einzelteile zerlegt. In „Drive“ war Gosling noch der wortkarge Alleskönner, der seine Gegner explosionsartig auf dem Bildschirm in Stücke reißen konnte. Sein Julian in „Only God Forgives“ ist ein augenscheinlicher Waschlappen, der sich eine gewisse Menschlichkeit bewahrt hat und dann Gewalt anwendet, wenn es von ihm verlangt wird, nur, dass er sie im Gegensatz immer viel deutlicher erfahren muss, als er sie ausgeteilt hat. Kristin Scott Thomas, die man aus Filmen wie dem Oscarerfolg „Der englische Patient“ kennt, ist ebenfalls gegen den Strich besetzt und erinnert in manchen Szenen an den temperamentvollen Albert Brooks in „Drive“, der ebenfalls gezeigt hat, dass er nicht nur der lustige Typ von nebenan ist. Was Kristin Scott Thomas hier aber ablässt, ist eine Furiendarbietung, die das Blut in den Adern gefrieren lässt. Ganz zu schweigen von Neuentdeckung Vithaya Pansringarm als auf Rache sinnender Cop Chang, der mit zerberstender Präsenz  durch Bangkok mordet.

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... und Sohn Julian (Ryan Gosling) muss kämpfen

Wer „Only God Forgives“ wirklich in die plumpe und bis zum Rand gefüllte Schublade von gewaltverherrlichenden Rache-Vehikeln bugsieren möchte, der handelt entweder aus rücksichtsloser wie vorurteilbehafteter  Abneigung gegenüber Regisseur Nicolas Winding Refn oder zeigt sich einfach von Grund auf desinteressiert an einer ernstzunehmenden Auseinandersetzung mit der eigentlichen Intention des Gezeigten. Vorerst muss da mit aller Deutlichkeit gesagt werden, dass „Only God Forgives“ nun eigentlich keine echte Story besitzt, sondern lediglich Eckpfeiler bedient, an dem sich die Inszenierung über 90 Minuten entlanghangelt, ohne wirklich in die charakteristischen Tiefen vorzudringen. Und doch ist „Only God Forgives“ kein substanzloses Klopperkino, was sich bereits an der mehr als versierten Bildästhetik abzeichnet, die mit eindrucksvollen und oft in bedrohlich-sinnlichen Rottönen getauchten Kompositionen aufwartet, mal mit symbolischen, mal mit innerseelischen Bedeutungsmuster, aber nie als irrelevanter Blickfang.

Die dominante Matrichatin, der instrumentalisierte Sohn, der rachsüchtige Cop, sie alle sind nur Schachfiguren in Refns ausweglosem Blutrausch, der ähnlich wie ein Fahrstuhl ohne Halt immer tiefer in die neonfarbende Hölle von Bangkoks florierendem Untergrund rauscht. Eine Metropole schwitzt und vibriert, keucht und versinkt im abgründigen Moloch aus Sex, Verbrechen, Schmutz und Tod. Wenn Julian den Blick auf seine Fäuste richtet, dann macht er sich nicht bereit zum Kampf, sein Blick fleht nach mütterlicher Akzeptanz, die ihm die dumpfe Angst des Seins entreißen soll. Jeder hier ist auf Suche nach Erlösung, sie alle sehen sich zur Gewalt gezwungen, doch niemand findet seinen Seelenfrieden durch die unermesslichen Grausamkeiten, die sich von Minute zu Minute anhäufen. „Only God Forgives“ ist ein nihilistischer Abgesang auf alles und jeden, der in Rache einen Sinn erkennen möchte, und wenn die Kamera durch die dunklen Gänge schleicht, die Gesichter wie aus Stein gemeißelten erscheinen, dann ist das nur die täuschende Ruhe vor dem Sturm, in Wahrheit sind die Beteiligten schon längst ihrem Untergang geweiht. Atmosphärische Anspannung pur, vom ersten bis zum letzten Bluttropfen, ohne auch nur einen einzigen davon zu verherrlichen.

8 von 10 abgetrennten Ohren

von souli


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