Review: EKEL - Männer sind Schweine

Erstellt am 22. April 2013 von Die Drei Muscheln @DieDreiMuscheln

Fakten:
Ekel (Repulsion)
Großbritannien. 1965. Regie: Roman Polanski. Buch: Roman Polanski, Gérard Brach. Mit: Catherine Deneuve, Ian Hendry, Yvonne Furneaux, John Fraser, Patrick Wymark, Kallie Bush, Valerie Taylor, James Villers, Helen Fraser, Hugh Futcher, Imogen Graham, Mike Pratt, Monica Merlin u.a. Länge: 104 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.

Story:
Die belgischen Schwestern Carole und Hélène wohnen zusammen in London. Während Hélène soziale Kontakte pflegt und mit einem jungen Engländer liiert ist, scheint Carole in ihrer eigenen Welt zu leben. Sie ekelt sich vor anderen Menschen, besonders vor Männern und ist auf ihre Schwester fixiert. Als Hélène mit ihrem Freund verreist verliert Carole immer mehr den Bezug zur Realität.
Meinung:
Den Fokus stringent auf seine introvertierte wie Männer ablehnende Hauptfigur Carol (Hervorragend: Catherine Deneuve) gerichtet, entwirft Meisterregisseur Roman Polanski dabei mit „Ekel“ ein vielschichtiges Charakter-Drama um eine psychotische Schönheit, deren quälender Alltag primär aus zwanghafter Ablehnung besteht. Die Welt, die Carol erfahren muss, ist dominiert von Männern, die vor allem an physisch geprägten Beziehungen interessiert sind und für dieses Vergnügen jede Moral verlieren, ihre Frauen vergessen und auch grobe Gewalt anwenden. Carol ist da das empathische Pendant zu ihrer Schwester, die nur zu gerne die Beine für die Männerwelt öffnet, und isoliert sich aufgrund ihrer Aversion gegenüber dem männlichen Geschlecht immer extremer von ihrer Außenwelt.

Keine ekelt sich so schön wie Cathrine Deneuve

Als Beobachter fühlt man mit Carol mit, dieser traurigen, jungen Frau, die sich mehr und mehr verschließt und jedem zwischenmenschlichen Kontakt affektiert widersagen muss. Die Blicke auf der Straße durchbohren sie, jede berührte Körperstelle wird danach krampfhaft mit der Bürste abgescheuert und wenn Carol sich in den vier Wänden ihrer Wohnung verschlossen hat, spielt Roman Polanski seine ganzen Inszenierungskünste schleichend aus. „Ekel“ lebt vom hingebungsvollen und facettenreichen Schauspieler seiner Hauptdarstellerin, darüber hinaus entfacht der Film allerdings eine Stimmung, die die schweißtreibende Paranoia ihrer Person greifbar macht. Die Wände kommen spürbar näher und die Atmosphäre umfasst die Szenerie von Minute zu Minute mit einem härteren Würgegriff. Polanskis inszenatorisches Feingefühl für angsteinflößende Schattierungen und die Einschübe von gesellschaftskritischen Untertönen, kommen dabei immer in vollem Maße zu tragen. Die Symbiose des unbehaglichen Klimas von Carols Situation und die eigentliche Sympathie für die leidende Carol, gestalten den Reiz des Geschehens und machen jede emotionale Facette umso deutlicher am eigenen Leibe fühlbar. Polanski geht der plumpen Kategorisierung unter dem schwammigen Deckmantel eines Horrorfilmes konsequent aus dem Weg, denn auch wenn das Gefühl des Zuschauers ihm hier unterschwellig zu verstehen gibt, ein Werk dieser Rubrik zu sehen, so ist die Umsetzung Polanskis doch ein viel komplexeres und tiefgreifenderes Mosaik aus distanzierten Charakterzügen im Verhalten Carols.
Auch wenn „Ekel“ auf seinen finalen Klimax zusteuert und die Passion seiner Hauptdarstellerin aus den Fugen geraten lässt, indem er ihre tiefen Ängste schlagartig in die Realität umbettet, ist Polanski ohne Diskussionen erneut ein Meisterwerk gelungen, dass es schafft, den Zuschauer bereits nach wenigen Minuten in seinen Bann zu ziehen. Die surrealistische Symbolik wirkt da nicht überzogen oder gar platt, ist es nur der visualisierte Alptraum mit weit geöffneten Augen, und diese Szenen treffen härter, als jeder überzogene Schockeffekt. Sein immenses Können beweist Polanski aber erst vollständig in der letzten Einstellung, denn dort schafft er genau das, was anderen Regisseuren immer wieder misslingt: Er gibt der Psychose ein leises Fundament, ohne sie jedoch auszubreiten. Ein einziger Blick auf ein altes Foto reicht, um den Gedanken freien Lauf zu lassen. Exzellent, wie jede einzelne Minute in diesem zeitlosen Glanzstück. Polanski eben.

9 von 10 Händen aus der Wand

von souli