Review: DIE SCHWESTERN DES BÖSEN – Der Blick in den Spiegel zeigt zwei Gesichter

Review: DIE SCHWESTERN DES BÖSEN – Der Blick in den Spiegel zeigt zwei Gesichter
Fakten:
Sisters - Die Schwestern des Bösen (Sisters)
USA. 1973. Regie: Brian De Palma. Buch: Brian De Palma, Louisa Rose.
Mit: Margot Kidder, Charles Durning, Jennifer Hughes, William Finley, Barnard Hughes, Dolph Sweet, Mary Davenport u.a. Länge: 92 Minuten. FSK: freigegeben ab 18 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story:
Model Danielle soll einen Mann ermordet haben, den sie zu sich eingeladen hat. Dies erzählt zumindest ihre  Nachbarin Grace, die den Mord beobachtet haben will. Die Polizei findet jedoch keinen Beweis für das angebliche Verbrechen. Grace, von der Schuld Danielles überzeugt engagiert deshalb einen Privatdetektiv.


Meinung:
Brian De Palmas Filme entblättern ihre Klasse oftmals nur durch die Bereitschaft ihres Publikums. Sie sind immer wieder ganz darauf angewiesen, einem bereitwilligen Rezipienten vor die Augen zu kommen, der sich auf De Palmas Spielchen einlässt; der es riskiert, in eine Falle zu tappen, egal wie irrsinnig diese auf den ersten Blick auch konstruiert scheint: Wer sich der bei De Palma immer in hundertprozentiger Sicherheit wissen möchte, der verdirbt sich einiges an Spaß, scheint das Kino De Palmas doch lange Zeit dafür prädestiniert, mit einer ironisch-bizarren bis zynisch-dreckigen (Körper-)Täuschung die Hintertür der Wahrnehmung einzukloppen, anstatt brav die Vordertür zu benutzen. Mit „Die Schwestern des Bösen“ von 1973 machte De Palma zum ersten Mal auch in der Filmwelt auf sich aufmerksam und trat eine Karriere los, in der Referenzen den Klebstoff zwischen den Werken bilden sollten, die daraufhin aber so minutiös bearbeitet werden, das sie in einem ganz neuen Licht erstrahlen und einem eigenen Sinn entsprechen, denn nur als stumpfes Plagiat stigmatisiert zu werden 
(Ausnahme: „Schwarzer Engel“).

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Wo ist das Baby? Da ist es!

Emblematisch thront die Programmatik des '(Wechsel-)Spiels des Bewusstseins' über De Palmas Vita und zweifelsohne brachte „Die Schwestern des Bösen“ diesen assoziativen Stein dafür ins Rollen. Schon hier lässt sich De Palmas Faible für pedantisch-kalibierte Bildkompositionen erkennen, für den audiovisuellen Rausch, in dem der Effekt gerne über den Inhalt geordnet wird, um hinten raus eine echte Symbiose des Wahnsinns einzugehen. Während die Musik von Bernard Herrmann in prachtvollen Selbstbezügen über, hinter und auch mal vor dem Geschehen fiedelt, gibt es jede Menge Plansequenzen und Split-Screens zu bestaunen, die De Palma später in Filmen wie „Dressed to Kill“ und auch „Der Tod kommt zweimal“ perfektionieren wird. Dass sich die manierierte Stilistik De Palmas hier noch in einem Vorstadium befindet, kann man ihr aufgrund der noch etwas gehemmten Exzessivtät gerne als Vor- oder Nachteil anrechnen – Handwerklich jedenfalls ist „Die Schwestern des Bösen“ bis auf Weiteres einwandfrei. Aber wie sieht es inhaltlich aus? Wieso wird „Schwestern des Bösen“ sowohl mit Hitchcock in Verbindung gebracht, soll aber auch als Inspirationsquelle für den kanadischen Meisterregisseur David Cronenberg gedient haben?

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"Nur 12 Kerzen? Wer ist hier nun der Psychopath?"

Während „Die Schwestern des Bösen“ mit der multiplen Persönlichkeitsstörung seine Fühler in Richtung „Psycho“ ausstreckt und seinen Mord wie das nachfolgende Vertuschen mit etwas „Ein Cocktail für eine Leiche“ streckt, ist die Thematik rund um die ewigwährende Synchronizität der siamesischen Zwillinge so platonesk und organisch chiffriert, dass die Gedanken gerne zu David Cronenbergs „Dead Ringers“ schnellen dürfen, wenngleich Cronenberg mit seinem subversiven Diskurs über die menschliche Psyche, die Biologie und die Religion intellektuell natürlich Lichtjahre von „Die Schwestern des Bösen“ entfernt ist. Bleiben wir lieber bei Hitchcock, bei dem obligatorischen Voyeurismus und dem Doppelgänger-Motiv. Alles findet in „Die Schwestern des Bösen“ seinen rechtmäßigen Platz, ist hier aber gerne so installiert, das sr dem reinen Mittel zum Zweck gleichkommt und dem Film in seiner Narrative eine neue Schleife ermöglicht, die den ihr folgenden Zuschauer aufgrund ihrer glatten Oberfläche gerne mal ins Schliddern bringen. Die Frage ist eben wieder die, ob man seine zuweilen wackelnden Knie ertragen kann?

„Die Schwestern des Bösen“ ist keinesfalls so möbiusartig aufgezogen wie beispielsweise ein Film von David Lynch („Mulholland Drive“). Hier gibt es vielmehr Camp und Sleaze, der immer gefährlich nahe daran ist, sich der Lächerlichkeit preiszugeben, um dann im nächsten Augenblick den noch gackernden Zuschauer an der Intention des eben Gesehenen zweifeln zu lassen: Wer lacht hier nun wirklich wen aus? Wer verbrennt sich hier nun wirklich die Finger? Brian De Palma suggeriert dem Zuschauer immer wieder, dass er ihm die Übersicht lässt, in Wahrheit aber gibt es keine Übersicht, sondern nur ein filmisches Universum, das ganz nach den Regeln seines Herrschers Brian De Palma funktioniert. Hauptfiguren werden da nach Belieben über den Haufen geworfen und wieder eingeführt, dramaturgisch streut „Die Schwestern des Bösen“ in zig Richtungen und am Ende muss man es sich noch gefallen lassen, dass De Palma einem frech in das Gesicht lacht: Chaos reigns! Ein Alptraum ergreift Besitz von uns, in dem einige Details nun mal einfach verschwimmen. Dieses Gefühl, am nächsten Morgen aufzuwachsen und an dem Versuch zu scheitern, seinen Traum wieder zusammenzukitten, kennt man doch nur zu gut. Hemmende Pillen hier, die Manifestation des Bösen dort, eine Couch hier, eine Kuh dort. Wer schreit hier am lautesten SCHWACHSINN?

7 von 10 Observationen im Nirgendwo

von souli

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